Abitur NRW Katholische Religion 2021 · GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg
Abiturprüfung Katholische Religion in Nordrhein-Westfalen 2021, GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg: 12 Aufgaben mit Lösungen. Kostenlos.
Themen der Prüfung: Texterschließung: Thema, Gedankengang und Intention · Biblisches Reden von Gott: Gottesbilder · Religionskritik: Feuerbach und moderner Atheismus · Theodizee: Leid als Preis der Freiheit, der solidarische Gott · Reich-Gottes-Botschaft Jesu: Zuspruch und Anspruch · Gericht und Vollendung: Gericht als Hoffnungsbild · Christliches Menschenbild und Würde des Lebens · Kirche und interreligiöser Dialog: Nostra aetate
Aufgabe 1 - Teilaufgabe 1 · Texterschließung: Thema, Gedankengang und Intention
Materialgrundlage
Tomáš Halík*: Theater für Engel. Das Leben als religiöses Experiment. Freiburg i. Br. 2019, S. 12 – 17 (Auszug)
* Tomáš Halík, geb. 1948, ist ein tschechischer Soziologe, Religionsphilosoph und römisch-katholischer Priester.
Meine älteste Erinnerung ist die Folgende: Einmal ist mir als kleinem Jungen bewusst gewor-
den, dass die Perspektive, von der aus ich die Welt um mich herum anschaue, einzigartig und
nicht austauschbar ist; dass das, was ich gerade in diesem Augenblick von jenem Ort aus sehe,
an dem ich stehe, und das, was ich dabei erlebe und was ich denke, dass dies kein anderer
5 sieht, spürt oder denkt – jeder von uns hat eine eigene Welt, wie auch immer wir uns phy-
sisch, geföhlsmäÕig oder gedanklich nahe sind. Bis heute föhle ich in mir den Blitz jener Ein-
sicht, jene Mischung aus Erstaunen, Erregung, aber auch des Einsamseins.
Vielmals habe ich mich danach gesehnt, den Kreis der eigenen Bestimmung zu überschreiten
und die Welt auch mit den Augen der anderen zu sehen, an ihren Erfahrungen auf irgendeine
10 Weise teilzuhaben. Gerade diese Leidenschaft hat mich dazu angeregt, zu lesen […], durch
die Welt zu pilgern, sowohl nach rechts als auch nach links zu diskutieren. Ich habe danach
gestrebt und ich strebe danach, diejenigen zu verstehen, die ganz anders als ich denken; jene
Wurzeln zu entdecken, die Bedingungen und Zusammenhänge, in denen sich ihre Gedanken,
Ansichten und Haltungen formten, sich wenigstens ein wenig dem Sinn und der Wahrheit
15 auch dessen anzunähern, was mich spontan reizt und abstößt, was für mich auf den ersten
Blick keinen Sinn ergibt. Die Wahrheit verbirgt sich gerne; warum sollte man also auf der
Suche nach ihr an den Grenzen des eigenen Zuhauses anhalten, warum sollte man sich auf
dem Weg zu ihr nicht auch auf jene Gebiete vorwagen, die fremd und feindselig erscheinen?
Die Wahrheit ist ein Buch, das noch niemand von uns zu Ende gelesen hat; es ist daher viel-
20 leicht nicht unhöflich, in ihm auch über die Schulter der anderen blickend zu lesen.
Sollte es mir einmal vergönnt sein, das Panorama des Lebens in seiner Ganzheit zu über-
blicken, in seiner ganzen Wahrheit, von jenem einen Standort über allen Horizonten aus, die
ich bisher kenne und die ich mir vorstellen kann? Werde ich einmal den „Horizont der Hori-
zonte“ erblicken? Werde ich das Glück haben, jenen Kontext zu erblicken, der es ermög-
25 licht, den Sinn auch dessen zu begreifen, was mir hier und jetzt notwendigerweise absurd
erscheint? […]
Der christliche Glaube mahnt die Sehnsucht nach der Erkenntnis des Absoluten zur eschatolo-
gischen Geduld, zur Demut der Pilger: Der Apostel 1 lehrt, dass alles, was wir auf dieser Erde
über Gott wissen können, über den Horizont der Horizonte, über den gesamten sinnstiften-
30 den Kontext, nur ein Rätsel ist, nur eine Widerspiegelung in einem blinden Spiegel, nur ein
Gleichnis. Glauben, dem Glauben eine Chance zu geben, bedeutet nicht, sich von der Ver-
nunft zu befreien, sondern lediglich vom Hochmut der Vernunft. Dem Glauben Raum zu
geben, setzt voraus, dass wir uns von der Illusion befreien, dass wir die Tiefe der Wahrheit
mit unserem Wissen voll ergreifen und sie in unseren Besitz und in unsere Regie überföhren
35 können. Wer auch immer für sich oder seine Gruppe das Monopol auf die Wahrheit bean-
sprucht, verrät schon mit diesem Anspruch, dass er außerhalb der Wahrheit steht. Weder mit
der Vernunft noch mit dem Glauben können wir die Wahrheit in ihrer Fülle erobern und be-
herrschen. Der Glaube offenbart die Wahrheit des Lebens: Das Leben ist ein unerschöpfliches
Geheimnis, das Hoheitsgebiet Gottes, das wir nicht „privatisieren“ können. Der Glaube lehrt
40 uns, mit diesem Geheimnis zu leben, und die Last der Fragen zu ertragen, deren vollständige
Beantwortung unsere Kompetenz übersteigt.
[…] Das Geheimnis zu respektieren, bedeutet nicht, zu resignieren. Es bedeutet nicht, in der
Anstrengung, mehr wissen zu wollen, nachzulassen; es bedeutet nicht, verantwortungslos,
faul und undankbar das groÕe Geschenk der Vernunft brachliegen zu lassen und die Offenheit
45 unseres Geistes nicht zu nutzen.
Nichtsdestotrotz behält das Pascal’sche Diktum 2 stets seine Göltigkeit: Die gröÕte Leistung der
Vernunft ist es, ihre eigenen Grenzen anzuerkennen. Die Vernunft wird unvernünftig, wenn
sie nicht in der Lage ist, vernünftig zu unterscheiden und demütig die Grenzen ihrer Kompe-
tenz anzuerkennen. Dort, wo die Vernunft auf eigenen Flügeln bis zur Sonne des Geheimnis-
50 ses gelangen will, welches nur dem Glauben und der Hoffnung gegeben wird, endet sie wie
Ikarus mit verbrannten Flügeln 3 – sie stürzt ab […].
Gott handelt sicher nicht gegen die Vernunft, die er selbst dem Menschen gegeben hat. Er ist
jedoch zu groß, als dass er sich mit diesem seinem geschaffenen Geschenk erfassen, umschlie-
ßen und erschöpfen lieÕe.
„Begreifst du, so ist es nicht Gott“, lehrt der heilige Augustinus 4. Und wenn dieses Geheimnis
selbst zu uns spricht und sich im Wort mitteilt, wie die christliche Lehre von der Offenbarung
lehrt, dann vergessen wir nicht, dass dieses Wort jedoch notwendig auf unsere menschliche
Beschränktheit der Fähigkeit zuzuhören, es zu begreifen und auszudrücken stößt. Die Quelle
des Glaubens ist die Selbstmitteilung Gottes in Schrift und Tradition, also Gott selbst als der
60 anredende Logos. Der Akt des Glaubens schlieÕt mit ein, diesem Wort zuzuhören – jenem
Wort, das zu uns „im Fleische“ kommt – und schließt auch die Bereitschaft des Gläubigen
ein, es in seine Lebensgeschichte zu inkarnieren 5.
1 Apostel: Hier ist der Apostel Paulus gemeint, auf den der Gedanke zurückgeföhrt wird, dass alles irdische Erkennen fragmentarisch, gebrochen und gleichnishaft bleibt (vgl. 1 Kor 13,12).
2 Blaise Pascal lebte im 17. Jahrhundert und war ein französischer Mathematiker, Physiker, Literat und christlicher Philosoph. Angesichts der Unendlichkeit, der der Mensch sich ausgesetzt sieht, konstatiert Pascal in einem Diktum (= bedeutsamer Ausspruch) die Grenzen menschlichen Denkens.
3 Ikarus ist in der griechischen Mythologie der Sohn des Daidalos. Um der Gefangenschaft im Labyrinth des Minotaurus zu entkommen, erfindet der Vater für sich und seinen Sohn Ikarus Flügel; er schärft Ikarus ein, der Sonne nicht zu nahe zu kommen, da dann das Wachs schmelze. Ikarus ignoriert die Mahnung des Vaters, wird übermütig, die Sonne schmilzt das Wachs und er stürzt in das Meer.
4 Augustinus lebte im ausgehenden 4. und beginnenden 5. Jahrhundert und gilt als groÕer Kirchenlehrer und Kirchenvater.
5 Inkarnation bezeichnet im Christentum die Menschwerdung Gottes. Der Autor nutzt diesen Begriff in umgekehrter Weise: Der Mensch soll Gott in sein Leben aufnehmen und Gottes Liebe im eigenen Leben und Handeln sichtbar werden lassen.
1. Erarbeiten Sie, welches Thema der Text behandelt und wie der Gedankengang aufgebaut ist. (26 Punkte)
Aufgabe 1 - Teilaufgabe 2 · Biblisches Reden von Gott: Gottesbilder
Materialgrundlage
Tomáš Halík*: Theater für Engel. Das Leben als religiöses Experiment. Freiburg i. Br. 2019, S. 12 – 17 (Auszug)
* Tomáš Halík, geb. 1948, ist ein tschechischer Soziologe, Religionsphilosoph und römisch-katholischer Priester.
Meine älteste Erinnerung ist die Folgende: Einmal ist mir als kleinem Jungen bewusst gewor-
den, dass die Perspektive, von der aus ich die Welt um mich herum anschaue, einzigartig und
nicht austauschbar ist; dass das, was ich gerade in diesem Augenblick von jenem Ort aus sehe,
an dem ich stehe, und das, was ich dabei erlebe und was ich denke, dass dies kein anderer
5 sieht, spürt oder denkt – jeder von uns hat eine eigene Welt, wie auch immer wir uns phy-
sisch, geföhlsmäÕig oder gedanklich nahe sind. Bis heute föhle ich in mir den Blitz jener Ein-
sicht, jene Mischung aus Erstaunen, Erregung, aber auch des Einsamseins.
Vielmals habe ich mich danach gesehnt, den Kreis der eigenen Bestimmung zu überschreiten
und die Welt auch mit den Augen der anderen zu sehen, an ihren Erfahrungen auf irgendeine
10 Weise teilzuhaben. Gerade diese Leidenschaft hat mich dazu angeregt, zu lesen […], durch
die Welt zu pilgern, sowohl nach rechts als auch nach links zu diskutieren. Ich habe danach
gestrebt und ich strebe danach, diejenigen zu verstehen, die ganz anders als ich denken; jene
Wurzeln zu entdecken, die Bedingungen und Zusammenhänge, in denen sich ihre Gedanken,
Ansichten und Haltungen formten, sich wenigstens ein wenig dem Sinn und der Wahrheit
15 auch dessen anzunähern, was mich spontan reizt und abstößt, was für mich auf den ersten
Blick keinen Sinn ergibt. Die Wahrheit verbirgt sich gerne; warum sollte man also auf der
Suche nach ihr an den Grenzen des eigenen Zuhauses anhalten, warum sollte man sich auf
dem Weg zu ihr nicht auch auf jene Gebiete vorwagen, die fremd und feindselig erscheinen?
Die Wahrheit ist ein Buch, das noch niemand von uns zu Ende gelesen hat; es ist daher viel-
20 leicht nicht unhöflich, in ihm auch über die Schulter der anderen blickend zu lesen.
Sollte es mir einmal vergönnt sein, das Panorama des Lebens in seiner Ganzheit zu über-
blicken, in seiner ganzen Wahrheit, von jenem einen Standort über allen Horizonten aus, die
ich bisher kenne und die ich mir vorstellen kann? Werde ich einmal den „Horizont der Hori-
zonte“ erblicken? Werde ich das Glück haben, jenen Kontext zu erblicken, der es ermög-
25 licht, den Sinn auch dessen zu begreifen, was mir hier und jetzt notwendigerweise absurd
erscheint? […]
Der christliche Glaube mahnt die Sehnsucht nach der Erkenntnis des Absoluten zur eschatolo-
gischen Geduld, zur Demut der Pilger: Der Apostel 1 lehrt, dass alles, was wir auf dieser Erde
über Gott wissen können, über den Horizont der Horizonte, über den gesamten sinnstiften-
30 den Kontext, nur ein Rätsel ist, nur eine Widerspiegelung in einem blinden Spiegel, nur ein
Gleichnis. Glauben, dem Glauben eine Chance zu geben, bedeutet nicht, sich von der Ver-
nunft zu befreien, sondern lediglich vom Hochmut der Vernunft. Dem Glauben Raum zu
geben, setzt voraus, dass wir uns von der Illusion befreien, dass wir die Tiefe der Wahrheit
mit unserem Wissen voll ergreifen und sie in unseren Besitz und in unsere Regie überföhren
35 können. Wer auch immer für sich oder seine Gruppe das Monopol auf die Wahrheit bean-
sprucht, verrät schon mit diesem Anspruch, dass er außerhalb der Wahrheit steht. Weder mit
der Vernunft noch mit dem Glauben können wir die Wahrheit in ihrer Fülle erobern und be-
herrschen. Der Glaube offenbart die Wahrheit des Lebens: Das Leben ist ein unerschöpfliches
Geheimnis, das Hoheitsgebiet Gottes, das wir nicht „privatisieren“ können. Der Glaube lehrt
40 uns, mit diesem Geheimnis zu leben, und die Last der Fragen zu ertragen, deren vollständige
Beantwortung unsere Kompetenz übersteigt.
[…] Das Geheimnis zu respektieren, bedeutet nicht, zu resignieren. Es bedeutet nicht, in der
Anstrengung, mehr wissen zu wollen, nachzulassen; es bedeutet nicht, verantwortungslos,
faul und undankbar das groÕe Geschenk der Vernunft brachliegen zu lassen und die Offenheit
45 unseres Geistes nicht zu nutzen.
Nichtsdestotrotz behält das Pascal’sche Diktum 2 stets seine Göltigkeit: Die gröÕte Leistung der
Vernunft ist es, ihre eigenen Grenzen anzuerkennen. Die Vernunft wird unvernünftig, wenn
sie nicht in der Lage ist, vernünftig zu unterscheiden und demütig die Grenzen ihrer Kompe-
tenz anzuerkennen. Dort, wo die Vernunft auf eigenen Flügeln bis zur Sonne des Geheimnis-
50 ses gelangen will, welches nur dem Glauben und der Hoffnung gegeben wird, endet sie wie
Ikarus mit verbrannten Flügeln 3 – sie stürzt ab […].
Gott handelt sicher nicht gegen die Vernunft, die er selbst dem Menschen gegeben hat. Er ist
jedoch zu groß, als dass er sich mit diesem seinem geschaffenen Geschenk erfassen, umschlie-
ßen und erschöpfen lieÕe.
„Begreifst du, so ist es nicht Gott“, lehrt der heilige Augustinus 4. Und wenn dieses Geheimnis
selbst zu uns spricht und sich im Wort mitteilt, wie die christliche Lehre von der Offenbarung
lehrt, dann vergessen wir nicht, dass dieses Wort jedoch notwendig auf unsere menschliche
Beschränktheit der Fähigkeit zuzuhören, es zu begreifen und auszudrücken stößt. Die Quelle
des Glaubens ist die Selbstmitteilung Gottes in Schrift und Tradition, also Gott selbst als der
60 anredende Logos. Der Akt des Glaubens schlieÕt mit ein, diesem Wort zuzuhören – jenem
Wort, das zu uns „im Fleische“ kommt – und schließt auch die Bereitschaft des Gläubigen
ein, es in seine Lebensgeschichte zu inkarnieren 5.
1 Apostel: Hier ist der Apostel Paulus gemeint, auf den der Gedanke zurückgeföhrt wird, dass alles irdische Erkennen fragmentarisch, gebrochen und gleichnishaft bleibt (vgl. 1 Kor 13,12).
2 Blaise Pascal lebte im 17. Jahrhundert und war ein französischer Mathematiker, Physiker, Literat und christlicher Philosoph. Angesichts der Unendlichkeit, der der Mensch sich ausgesetzt sieht, konstatiert Pascal in einem Diktum (= bedeutsamer Ausspruch) die Grenzen menschlichen Denkens.
3 Ikarus ist in der griechischen Mythologie der Sohn des Daidalos. Um der Gefangenschaft im Labyrinth des Minotaurus zu entkommen, erfindet der Vater für sich und seinen Sohn Ikarus Flügel; er schärft Ikarus ein, der Sonne nicht zu nahe zu kommen, da dann das Wachs schmelze. Ikarus ignoriert die Mahnung des Vaters, wird übermütig, die Sonne schmilzt das Wachs und er stürzt in das Meer.
4 Augustinus lebte im ausgehenden 4. und beginnenden 5. Jahrhundert und gilt als groÕer Kirchenlehrer und Kirchenvater.
5 Inkarnation bezeichnet im Christentum die Menschwerdung Gottes. Der Autor nutzt diesen Begriff in umgekehrter Weise: Der Mensch soll Gott in sein Leben aufnehmen und Gottes Liebe im eigenen Leben und Handeln sichtbar werden lassen.
2. Entfalten Sie anhand von zwei ausgewählten Textstellen aus dem Buch Exodus die darin enthaltenen Gottesbilder und untersuchen Sie, inwiefern sich daran zeigt, dass „alles, was wir auf dieser Erde über Gott wissen […], nur ein Rätsel […], nur eine Widerspiegelung in einem blinden Spiegel, nur ein Gleichnis“ (Z. 28 – 31) ist. (24 Punkte)
Aufgabe 1 - Teilaufgabe 3 · Kirche und interreligiöser Dialog: Nostra aetate
Materialgrundlage
Tomáš Halík*: Theater für Engel. Das Leben als religiöses Experiment. Freiburg i. Br. 2019, S. 12 – 17 (Auszug)
* Tomáš Halík, geb. 1948, ist ein tschechischer Soziologe, Religionsphilosoph und römisch-katholischer Priester.
Meine älteste Erinnerung ist die Folgende: Einmal ist mir als kleinem Jungen bewusst gewor-
den, dass die Perspektive, von der aus ich die Welt um mich herum anschaue, einzigartig und
nicht austauschbar ist; dass das, was ich gerade in diesem Augenblick von jenem Ort aus sehe,
an dem ich stehe, und das, was ich dabei erlebe und was ich denke, dass dies kein anderer
5 sieht, spürt oder denkt – jeder von uns hat eine eigene Welt, wie auch immer wir uns phy-
sisch, geföhlsmäÕig oder gedanklich nahe sind. Bis heute föhle ich in mir den Blitz jener Ein-
sicht, jene Mischung aus Erstaunen, Erregung, aber auch des Einsamseins.
Vielmals habe ich mich danach gesehnt, den Kreis der eigenen Bestimmung zu überschreiten
und die Welt auch mit den Augen der anderen zu sehen, an ihren Erfahrungen auf irgendeine
10 Weise teilzuhaben. Gerade diese Leidenschaft hat mich dazu angeregt, zu lesen […], durch
die Welt zu pilgern, sowohl nach rechts als auch nach links zu diskutieren. Ich habe danach
gestrebt und ich strebe danach, diejenigen zu verstehen, die ganz anders als ich denken; jene
Wurzeln zu entdecken, die Bedingungen und Zusammenhänge, in denen sich ihre Gedanken,
Ansichten und Haltungen formten, sich wenigstens ein wenig dem Sinn und der Wahrheit
15 auch dessen anzunähern, was mich spontan reizt und abstößt, was für mich auf den ersten
Blick keinen Sinn ergibt. Die Wahrheit verbirgt sich gerne; warum sollte man also auf der
Suche nach ihr an den Grenzen des eigenen Zuhauses anhalten, warum sollte man sich auf
dem Weg zu ihr nicht auch auf jene Gebiete vorwagen, die fremd und feindselig erscheinen?
Die Wahrheit ist ein Buch, das noch niemand von uns zu Ende gelesen hat; es ist daher viel-
20 leicht nicht unhöflich, in ihm auch über die Schulter der anderen blickend zu lesen.
Sollte es mir einmal vergönnt sein, das Panorama des Lebens in seiner Ganzheit zu über-
blicken, in seiner ganzen Wahrheit, von jenem einen Standort über allen Horizonten aus, die
ich bisher kenne und die ich mir vorstellen kann? Werde ich einmal den „Horizont der Hori-
zonte“ erblicken? Werde ich das Glück haben, jenen Kontext zu erblicken, der es ermög-
25 licht, den Sinn auch dessen zu begreifen, was mir hier und jetzt notwendigerweise absurd
erscheint? […]
Der christliche Glaube mahnt die Sehnsucht nach der Erkenntnis des Absoluten zur eschatolo-
gischen Geduld, zur Demut der Pilger: Der Apostel 1 lehrt, dass alles, was wir auf dieser Erde
über Gott wissen können, über den Horizont der Horizonte, über den gesamten sinnstiften-
30 den Kontext, nur ein Rätsel ist, nur eine Widerspiegelung in einem blinden Spiegel, nur ein
Gleichnis. Glauben, dem Glauben eine Chance zu geben, bedeutet nicht, sich von der Ver-
nunft zu befreien, sondern lediglich vom Hochmut der Vernunft. Dem Glauben Raum zu
geben, setzt voraus, dass wir uns von der Illusion befreien, dass wir die Tiefe der Wahrheit
mit unserem Wissen voll ergreifen und sie in unseren Besitz und in unsere Regie überföhren
35 können. Wer auch immer für sich oder seine Gruppe das Monopol auf die Wahrheit bean-
sprucht, verrät schon mit diesem Anspruch, dass er außerhalb der Wahrheit steht. Weder mit
der Vernunft noch mit dem Glauben können wir die Wahrheit in ihrer Fülle erobern und be-
herrschen. Der Glaube offenbart die Wahrheit des Lebens: Das Leben ist ein unerschöpfliches
Geheimnis, das Hoheitsgebiet Gottes, das wir nicht „privatisieren“ können. Der Glaube lehrt
40 uns, mit diesem Geheimnis zu leben, und die Last der Fragen zu ertragen, deren vollständige
Beantwortung unsere Kompetenz übersteigt.
[…] Das Geheimnis zu respektieren, bedeutet nicht, zu resignieren. Es bedeutet nicht, in der
Anstrengung, mehr wissen zu wollen, nachzulassen; es bedeutet nicht, verantwortungslos,
faul und undankbar das groÕe Geschenk der Vernunft brachliegen zu lassen und die Offenheit
45 unseres Geistes nicht zu nutzen.
Nichtsdestotrotz behält das Pascal’sche Diktum 2 stets seine Göltigkeit: Die gröÕte Leistung der
Vernunft ist es, ihre eigenen Grenzen anzuerkennen. Die Vernunft wird unvernünftig, wenn
sie nicht in der Lage ist, vernünftig zu unterscheiden und demütig die Grenzen ihrer Kompe-
tenz anzuerkennen. Dort, wo die Vernunft auf eigenen Flügeln bis zur Sonne des Geheimnis-
50 ses gelangen will, welches nur dem Glauben und der Hoffnung gegeben wird, endet sie wie
Ikarus mit verbrannten Flügeln 3 – sie stürzt ab […].
Gott handelt sicher nicht gegen die Vernunft, die er selbst dem Menschen gegeben hat. Er ist
jedoch zu groß, als dass er sich mit diesem seinem geschaffenen Geschenk erfassen, umschlie-
ßen und erschöpfen lieÕe.
„Begreifst du, so ist es nicht Gott“, lehrt der heilige Augustinus 4. Und wenn dieses Geheimnis
selbst zu uns spricht und sich im Wort mitteilt, wie die christliche Lehre von der Offenbarung
lehrt, dann vergessen wir nicht, dass dieses Wort jedoch notwendig auf unsere menschliche
Beschränktheit der Fähigkeit zuzuhören, es zu begreifen und auszudrücken stößt. Die Quelle
des Glaubens ist die Selbstmitteilung Gottes in Schrift und Tradition, also Gott selbst als der
60 anredende Logos. Der Akt des Glaubens schlieÕt mit ein, diesem Wort zuzuhören – jenem
Wort, das zu uns „im Fleische“ kommt – und schließt auch die Bereitschaft des Gläubigen
ein, es in seine Lebensgeschichte zu inkarnieren 5.
1 Apostel: Hier ist der Apostel Paulus gemeint, auf den der Gedanke zurückgeföhrt wird, dass alles irdische Erkennen fragmentarisch, gebrochen und gleichnishaft bleibt (vgl. 1 Kor 13,12).
2 Blaise Pascal lebte im 17. Jahrhundert und war ein französischer Mathematiker, Physiker, Literat und christlicher Philosoph. Angesichts der Unendlichkeit, der der Mensch sich ausgesetzt sieht, konstatiert Pascal in einem Diktum (= bedeutsamer Ausspruch) die Grenzen menschlichen Denkens.
3 Ikarus ist in der griechischen Mythologie der Sohn des Daidalos. Um der Gefangenschaft im Labyrinth des Minotaurus zu entkommen, erfindet der Vater für sich und seinen Sohn Ikarus Flügel; er schärft Ikarus ein, der Sonne nicht zu nahe zu kommen, da dann das Wachs schmelze. Ikarus ignoriert die Mahnung des Vaters, wird übermütig, die Sonne schmilzt das Wachs und er stürzt in das Meer.
4 Augustinus lebte im ausgehenden 4. und beginnenden 5. Jahrhundert und gilt als groÕer Kirchenlehrer und Kirchenvater.
5 Inkarnation bezeichnet im Christentum die Menschwerdung Gottes. Der Autor nutzt diesen Begriff in umgekehrter Weise: Der Mensch soll Gott in sein Leben aufnehmen und Gottes Liebe im eigenen Leben und Handeln sichtbar werden lassen.
3. Erläutern Sie, welche Haltung die katholische Kirche im Hinblick auf ihren Wahrheitsanspruch gegenüber nichtchristlichen Religionen einnimmt, wie Nostra aetate sie erkennen lässt; prüfen Sie danach, inwiefern Halíks Darlegungen dieser Haltung entsprechen. Setzen Sie sich – auch unter Einbeziehung der bisherigen Überlegungen – zum Schluss damit auseinander, ob sich Halíks Position als tragfähig für den interreligiösen Dialog erweist. (30 Punkte)
Aufgabe 2 - Teilaufgabe 1 · Texterschließung: Thema, Gedankengang und Intention
Materialgrundlage
Kaufmann, Robert: Götter-Menschen, Menschen-Götter. Der überfällige Abschied von Götzenbildern. Neu-Isenburg 2015, S. 108 – 118 (Auszug).
* Robert Kaufmann, Lebensdaten unbekannt, ist Jurist und gehört zum Redaktionsteam des Humanistischen Verbands Österreich.
Aus biologischer Sicht besteht kein Zweifel daran, dass das Leben des Menschen wie auch
jenes aller anderen Lebewesen endlich ist. Das Ende des Lebens ist durch den Tod und durch
den nachfolgenden allgemeinen Zerfallsprozess [...] des Körpers gekennzeichnet.
Nichtsdestotrotz wird in vielen Religionen die Auffassung vertreten, dass dem begrenzten
5 Leben auf der Erde ein ewiges Leben in einem Paradies oder einer Hölle nachfolgt – mit ge-
naueren Ortsangaben über die Lage des Paradieses oder der Hölle können Religionen leider
nicht dienen.
Eine zentrale Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Seele, die eben nach Sichtweise vieler
Religionen unsterblich sein soll. Über die Vorstellungen, wie die Seele beschaffen sei und wie
10 oder wo sie nach dem Tod des Individuums weiter bestehe, gibt es unterschiedliche Auffas-
sungen der verschiedenen Religionen, die von der Fortsetzung der Seelenexistenz nach dem
Tod, der Wiedergeburt der Seelen, Seelenwanderungen bis zu speziellen Aufenthaltsorten
(Paradies, Hölle [...]) reichen. Ich möchte daher auch in diesem Zusammenhang unterstrei-
chen: Es gibt auch hier seitens der Theisten nicht eine allgemeingültige These hinsichtlich der
15 Ausgestaltung der unsterblichen Seele, sondern unterschiedliche zueinander im Widerspruch
stehende Vorstellungen. Es gibt auch hier, wie etwa hinsichtlich der divergierenden¹ Verhal-
tensgebote der unterschiedlichen Religionen, ein völliges Wirrwarr, ein Chaos, das auf unter-
schiedliche mehr oder minder bizarre (Wunsch-)Vorstellungen verschiedener Menschen zu-
rückzuführen ist. Ich selbst bringe mit der Seele lediglich eine Befindlichkeit in Verbindung,
20 die selbstverständlich mit dem Ende der Körperlichkeit einer physischen Entität² gänzlich
endet. Der Körper und die Seele sind somit zwingend eine Einheit, die nie auseinanderfällt.
Ich habe noch keine Seelenerfahrung ohne Körper gehabt und werde auch keine diesbezüg-
lichen Erfahrungen machen, mögen mir auch Vertreter diverser Religionen anderes einreden
wollen.
25 [...] Wenn ich meinen Geist³ lediglich als eine bestimmte Funktion meines Körpers begreife,
die der Erhaltung des Lebens dient und unausweichlich und selbstverständlich mit dem Tod
endet, so interessieren mich Beeinflussungen durch religiöse Würdenträger in Hinblick auf
eine Nachbehandlung meiner Seele durch den von ihnen kreierten Gott nicht. Mich interes-
siert eine „Vorbehandlung“ meiner Seele durch die ehrenwerten geistigen Würdenträger⁴ zeit
30 meines Lebens dann auch nicht. Die geistigen Würdenträger sind bei mir arbeitslos. Denn
meine Seele, wenn man diesen Ausdruck verwenden will, endet unausweichlich mit meinem
Leben. Das ist – für mich – gewiss und es ist gut, dies zu wissen, um nicht ein Opfer von
Märchenerzählern zu werden, die teilweise gutgläubig agieren, zum Teil aber auch wissent-
lich Fehlinformationen verbreiten.
35 Mit der Endlichkeit meiner Seele ist diese jedoch nicht weniger wert als eine geglaubte un-
sterbliche Seele. Es geht für mich einfach nur darum, Grenzen des Lebens, Grenzen der Natur
anzuerkennen und zu respektieren und nicht die Natur durch irgendwelche bizarren Ideen ein-
zelner Angehöriger einer Spezies auf den Kopf zu stellen! Die Natur stellt uns Menschen eine
begrenzte Zeit einer körperlichen und geistigen Einheit zur Verfügung. Diese Grenzen sollten
40 nicht durch religiöse gedankliche Exzesse eines ewigen Daseins ohne Körper verletzt werden.
Ich erachte es für unmoralisch, Gelüste nach einem alternativen Dasein jenseits der Körper-
lichkeit zu schüren, denn das jetzige und einzige Leben eines jeden wird hiermit eigentlich
abgewertet. [...]
Sich zu wünschen, nach dem Tod irgendwie weiter zu existieren, ist ein unerfüllbarer Wunsch.
45 Man sollte ihn sich möglichst rasch abgewöhnen, wenn man ihn denn überhaupt schon hat.
Dann ist man vor den seltsamen Verlockungen mancher Religionen, die von haltlosen Ver-
sprechen leben, gefeit. Der Lebenswille ist gut und natürlich. Hätten wir ihn nicht, so könnten
wir nicht überleben. Dies gilt für uns genauso wie für jede andere Spezies auf dem Planeten
Erde. Aber ein Wille in Hinblick auf ein Nachher? Dieser Wunsch ist nicht natürlich und
50 nicht gut. Ein Wille in Hinblick auf ein Nachher entspringt somit nur manchen von Größen-
wahn befallenen Primatengehirnen, und durch den Sanktionscharakter in der Nachexistenz
wird von manchen Menschen, vor allem religiösen Autoritäten, auf das Verhalten der Mit-
menschen – dies eben ohne taugliche Grundlage – Einfluss geübt. Das gilt vor allem dann,
wenn mit der begehrten Nachexistenz nach dem Tod von den Urhebern des irrwitzigen Pro-
55 gramms gleich noch ein im Jenseits richtender Gott mitgeliefert wird. Besonders abstoßend
sind Religionen, die sogar eine ewige Bestrafung der Seele vorsehen, wenn man sich nicht an
ihre jeweiligen Verhaltensgebote hält [...].
Somit wird die Unsterblichkeit in Verbindung mit der Seele nichts anderem als einem Bedürf-
nis des Menschen gerecht, der seine zeitlich begrenzte Belebtheit im sozialen Kontext einfach
60 nicht hinnehmen will. Der Tod kann unter Umständen als weniger belastend wahrgenommen
werden, wenn er als eine bloße Durchgangspforte zu einer neuen Existenz begriffen wird.
Religionen kommen in diesem Sinne dem menschlichen Bedürfnis nach Unsterblichkeit nach.
Aufgrund des Bestehens eines menschlichen Bedürfnisses kann aber gerade nicht auf die
Existenz des Bedurften oder Gewünschten geschlossen werden, sondern ganz im Gegenteil.
65 Nebst diesem wesentlichen Faktor für die Generierung der Vorstellungen von der unsterblichen
Seele ist zu unterstreichen, dass es sich um eine wesentliche Grundlage für die Einflussnahme
religiöser Würdenträger handelt, da die Seele vor allem ja auch Adressat der Sanktionen des
den Menschen richtenden jeweiligen Gottes [...] ist beziehungsweise die nachfolgende Wei-
terexistenz vom Vorleben abhängt, was beides selbstverständlich blanker Unfug ist.
¹ divergierend: unterschiedlich, verschieden.
² physische Entität: das körperlich Seiende, die körperliche Existenz.
³ Geist: Der Autor verwendet die Begriffe „Geist“ und „Seele“ synonym.
⁴ geistige Würdenträger: gemeint sind geistliche Würdenträger, die Vertreter von Kirchen und Religionsgemeinschaften.
1.
Erarbeiten Sie, welches Thema der Text behandelt und welche Gedanken er entfaltet; untersuchen Sie danach, wie der Autor zur Religion steht. [26 Punkte]
Aufgabe 2 - Teilaufgabe 2 und 3 b · Religionskritik: Feuerbach und moderner Atheismus
Materialgrundlage
Kaufmann, Robert: Götter-Menschen, Menschen-Götter. Der überfällige Abschied von Götzenbildern. Neu-Isenburg 2015, S. 108 – 118 (Auszug).
* Robert Kaufmann, Lebensdaten unbekannt, ist Jurist und gehört zum Redaktionsteam des Humanistischen Verbands Österreich.
Aus biologischer Sicht besteht kein Zweifel daran, dass das Leben des Menschen wie auch
jenes aller anderen Lebewesen endlich ist. Das Ende des Lebens ist durch den Tod und durch
den nachfolgenden allgemeinen Zerfallsprozess [...] des Körpers gekennzeichnet.
Nichtsdestotrotz wird in vielen Religionen die Auffassung vertreten, dass dem begrenzten
5 Leben auf der Erde ein ewiges Leben in einem Paradies oder einer Hölle nachfolgt – mit ge-
naueren Ortsangaben über die Lage des Paradieses oder der Hölle können Religionen leider
nicht dienen.
Eine zentrale Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Seele, die eben nach Sichtweise vieler
Religionen unsterblich sein soll. Über die Vorstellungen, wie die Seele beschaffen sei und wie
10 oder wo sie nach dem Tod des Individuums weiter bestehe, gibt es unterschiedliche Auffas-
sungen der verschiedenen Religionen, die von der Fortsetzung der Seelenexistenz nach dem
Tod, der Wiedergeburt der Seelen, Seelenwanderungen bis zu speziellen Aufenthaltsorten
(Paradies, Hölle [...]) reichen. Ich möchte daher auch in diesem Zusammenhang unterstrei-
chen: Es gibt auch hier seitens der Theisten nicht eine allgemeingültige These hinsichtlich der
15 Ausgestaltung der unsterblichen Seele, sondern unterschiedliche zueinander im Widerspruch
stehende Vorstellungen. Es gibt auch hier, wie etwa hinsichtlich der divergierenden¹ Verhal-
tensgebote der unterschiedlichen Religionen, ein völliges Wirrwarr, ein Chaos, das auf unter-
schiedliche mehr oder minder bizarre (Wunsch-)Vorstellungen verschiedener Menschen zu-
rückzuführen ist. Ich selbst bringe mit der Seele lediglich eine Befindlichkeit in Verbindung,
20 die selbstverständlich mit dem Ende der Körperlichkeit einer physischen Entität² gänzlich
endet. Der Körper und die Seele sind somit zwingend eine Einheit, die nie auseinanderfällt.
Ich habe noch keine Seelenerfahrung ohne Körper gehabt und werde auch keine diesbezüg-
lichen Erfahrungen machen, mögen mir auch Vertreter diverser Religionen anderes einreden
wollen.
25 [...] Wenn ich meinen Geist³ lediglich als eine bestimmte Funktion meines Körpers begreife,
die der Erhaltung des Lebens dient und unausweichlich und selbstverständlich mit dem Tod
endet, so interessieren mich Beeinflussungen durch religiöse Würdenträger in Hinblick auf
eine Nachbehandlung meiner Seele durch den von ihnen kreierten Gott nicht. Mich interes-
siert eine „Vorbehandlung“ meiner Seele durch die ehrenwerten geistigen Würdenträger⁴ zeit
30 meines Lebens dann auch nicht. Die geistigen Würdenträger sind bei mir arbeitslos. Denn
meine Seele, wenn man diesen Ausdruck verwenden will, endet unausweichlich mit meinem
Leben. Das ist – für mich – gewiss und es ist gut, dies zu wissen, um nicht ein Opfer von
Märchenerzählern zu werden, die teilweise gutgläubig agieren, zum Teil aber auch wissent-
lich Fehlinformationen verbreiten.
35 Mit der Endlichkeit meiner Seele ist diese jedoch nicht weniger wert als eine geglaubte un-
sterbliche Seele. Es geht für mich einfach nur darum, Grenzen des Lebens, Grenzen der Natur
anzuerkennen und zu respektieren und nicht die Natur durch irgendwelche bizarren Ideen ein-
zelner Angehöriger einer Spezies auf den Kopf zu stellen! Die Natur stellt uns Menschen eine
begrenzte Zeit einer körperlichen und geistigen Einheit zur Verfügung. Diese Grenzen sollten
40 nicht durch religiöse gedankliche Exzesse eines ewigen Daseins ohne Körper verletzt werden.
Ich erachte es für unmoralisch, Gelüste nach einem alternativen Dasein jenseits der Körper-
lichkeit zu schüren, denn das jetzige und einzige Leben eines jeden wird hiermit eigentlich
abgewertet. [...]
Sich zu wünschen, nach dem Tod irgendwie weiter zu existieren, ist ein unerfüllbarer Wunsch.
45 Man sollte ihn sich möglichst rasch abgewöhnen, wenn man ihn denn überhaupt schon hat.
Dann ist man vor den seltsamen Verlockungen mancher Religionen, die von haltlosen Ver-
sprechen leben, gefeit. Der Lebenswille ist gut und natürlich. Hätten wir ihn nicht, so könnten
wir nicht überleben. Dies gilt für uns genauso wie für jede andere Spezies auf dem Planeten
Erde. Aber ein Wille in Hinblick auf ein Nachher? Dieser Wunsch ist nicht natürlich und
50 nicht gut. Ein Wille in Hinblick auf ein Nachher entspringt somit nur manchen von Größen-
wahn befallenen Primatengehirnen, und durch den Sanktionscharakter in der Nachexistenz
wird von manchen Menschen, vor allem religiösen Autoritäten, auf das Verhalten der Mit-
menschen – dies eben ohne taugliche Grundlage – Einfluss geübt. Das gilt vor allem dann,
wenn mit der begehrten Nachexistenz nach dem Tod von den Urhebern des irrwitzigen Pro-
55 gramms gleich noch ein im Jenseits richtender Gott mitgeliefert wird. Besonders abstoßend
sind Religionen, die sogar eine ewige Bestrafung der Seele vorsehen, wenn man sich nicht an
ihre jeweiligen Verhaltensgebote hält [...].
Somit wird die Unsterblichkeit in Verbindung mit der Seele nichts anderem als einem Bedürf-
nis des Menschen gerecht, der seine zeitlich begrenzte Belebtheit im sozialen Kontext einfach
60 nicht hinnehmen will. Der Tod kann unter Umständen als weniger belastend wahrgenommen
werden, wenn er als eine bloße Durchgangspforte zu einer neuen Existenz begriffen wird.
Religionen kommen in diesem Sinne dem menschlichen Bedürfnis nach Unsterblichkeit nach.
Aufgrund des Bestehens eines menschlichen Bedürfnisses kann aber gerade nicht auf die
Existenz des Bedurften oder Gewünschten geschlossen werden, sondern ganz im Gegenteil.
65 Nebst diesem wesentlichen Faktor für die Generierung der Vorstellungen von der unsterblichen
Seele ist zu unterstreichen, dass es sich um eine wesentliche Grundlage für die Einflussnahme
religiöser Würdenträger handelt, da die Seele vor allem ja auch Adressat der Sanktionen des
den Menschen richtenden jeweiligen Gottes [...] ist beziehungsweise die nachfolgende Wei-
terexistenz vom Vorleben abhängt, was beides selbstverständlich blanker Unfug ist.
¹ divergierend: unterschiedlich, verschieden.
² physische Entität: das körperlich Seiende, die körperliche Existenz.
³ Geist: Der Autor verwendet die Begriffe „Geist“ und „Seele“ synonym.
⁴ geistige Würdenträger: gemeint sind geistliche Würdenträger, die Vertreter von Kirchen und Religionsgemeinschaften.
2.
Erläutern Sie die Religionskritik Ludwig Feuerbachs und bringen Sie diese mit den Überlegungen des Autors in einen Zusammenhang. [22 Punkte]
3. b)
Nehmen Sie unter Einbeziehung Ihrer bisherigen Ergebnisse aus der Perspektive eines gläubigen Christen oder einer gläubigen Christin Stellung zu den Äußerungen des Autors. [18 Punkte]
Aufgabe 2 - Teilaufgabe 3 a · Gericht und Vollendung: Gericht als Hoffnungsbild
Materialgrundlage
Kaufmann, Robert: Götter-Menschen, Menschen-Götter. Der überfällige Abschied von Götzenbildern. Neu-Isenburg 2015, S. 108 – 118 (Auszug).
* Robert Kaufmann, Lebensdaten unbekannt, ist Jurist und gehört zum Redaktionsteam des Humanistischen Verbands Österreich.
Aus biologischer Sicht besteht kein Zweifel daran, dass das Leben des Menschen wie auch
jenes aller anderen Lebewesen endlich ist. Das Ende des Lebens ist durch den Tod und durch
den nachfolgenden allgemeinen Zerfallsprozess [...] des Körpers gekennzeichnet.
Nichtsdestotrotz wird in vielen Religionen die Auffassung vertreten, dass dem begrenzten
5 Leben auf der Erde ein ewiges Leben in einem Paradies oder einer Hölle nachfolgt – mit ge-
naueren Ortsangaben über die Lage des Paradieses oder der Hölle können Religionen leider
nicht dienen.
Eine zentrale Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Seele, die eben nach Sichtweise vieler
Religionen unsterblich sein soll. Über die Vorstellungen, wie die Seele beschaffen sei und wie
10 oder wo sie nach dem Tod des Individuums weiter bestehe, gibt es unterschiedliche Auffas-
sungen der verschiedenen Religionen, die von der Fortsetzung der Seelenexistenz nach dem
Tod, der Wiedergeburt der Seelen, Seelenwanderungen bis zu speziellen Aufenthaltsorten
(Paradies, Hölle [...]) reichen. Ich möchte daher auch in diesem Zusammenhang unterstrei-
chen: Es gibt auch hier seitens der Theisten nicht eine allgemeingültige These hinsichtlich der
15 Ausgestaltung der unsterblichen Seele, sondern unterschiedliche zueinander im Widerspruch
stehende Vorstellungen. Es gibt auch hier, wie etwa hinsichtlich der divergierenden¹ Verhal-
tensgebote der unterschiedlichen Religionen, ein völliges Wirrwarr, ein Chaos, das auf unter-
schiedliche mehr oder minder bizarre (Wunsch-)Vorstellungen verschiedener Menschen zu-
rückzuführen ist. Ich selbst bringe mit der Seele lediglich eine Befindlichkeit in Verbindung,
20 die selbstverständlich mit dem Ende der Körperlichkeit einer physischen Entität² gänzlich
endet. Der Körper und die Seele sind somit zwingend eine Einheit, die nie auseinanderfällt.
Ich habe noch keine Seelenerfahrung ohne Körper gehabt und werde auch keine diesbezüg-
lichen Erfahrungen machen, mögen mir auch Vertreter diverser Religionen anderes einreden
wollen.
25 [...] Wenn ich meinen Geist³ lediglich als eine bestimmte Funktion meines Körpers begreife,
die der Erhaltung des Lebens dient und unausweichlich und selbstverständlich mit dem Tod
endet, so interessieren mich Beeinflussungen durch religiöse Würdenträger in Hinblick auf
eine Nachbehandlung meiner Seele durch den von ihnen kreierten Gott nicht. Mich interes-
siert eine „Vorbehandlung“ meiner Seele durch die ehrenwerten geistigen Würdenträger⁴ zeit
30 meines Lebens dann auch nicht. Die geistigen Würdenträger sind bei mir arbeitslos. Denn
meine Seele, wenn man diesen Ausdruck verwenden will, endet unausweichlich mit meinem
Leben. Das ist – für mich – gewiss und es ist gut, dies zu wissen, um nicht ein Opfer von
Märchenerzählern zu werden, die teilweise gutgläubig agieren, zum Teil aber auch wissent-
lich Fehlinformationen verbreiten.
35 Mit der Endlichkeit meiner Seele ist diese jedoch nicht weniger wert als eine geglaubte un-
sterbliche Seele. Es geht für mich einfach nur darum, Grenzen des Lebens, Grenzen der Natur
anzuerkennen und zu respektieren und nicht die Natur durch irgendwelche bizarren Ideen ein-
zelner Angehöriger einer Spezies auf den Kopf zu stellen! Die Natur stellt uns Menschen eine
begrenzte Zeit einer körperlichen und geistigen Einheit zur Verfügung. Diese Grenzen sollten
40 nicht durch religiöse gedankliche Exzesse eines ewigen Daseins ohne Körper verletzt werden.
Ich erachte es für unmoralisch, Gelüste nach einem alternativen Dasein jenseits der Körper-
lichkeit zu schüren, denn das jetzige und einzige Leben eines jeden wird hiermit eigentlich
abgewertet. [...]
Sich zu wünschen, nach dem Tod irgendwie weiter zu existieren, ist ein unerfüllbarer Wunsch.
45 Man sollte ihn sich möglichst rasch abgewöhnen, wenn man ihn denn überhaupt schon hat.
Dann ist man vor den seltsamen Verlockungen mancher Religionen, die von haltlosen Ver-
sprechen leben, gefeit. Der Lebenswille ist gut und natürlich. Hätten wir ihn nicht, so könnten
wir nicht überleben. Dies gilt für uns genauso wie für jede andere Spezies auf dem Planeten
Erde. Aber ein Wille in Hinblick auf ein Nachher? Dieser Wunsch ist nicht natürlich und
50 nicht gut. Ein Wille in Hinblick auf ein Nachher entspringt somit nur manchen von Größen-
wahn befallenen Primatengehirnen, und durch den Sanktionscharakter in der Nachexistenz
wird von manchen Menschen, vor allem religiösen Autoritäten, auf das Verhalten der Mit-
menschen – dies eben ohne taugliche Grundlage – Einfluss geübt. Das gilt vor allem dann,
wenn mit der begehrten Nachexistenz nach dem Tod von den Urhebern des irrwitzigen Pro-
55 gramms gleich noch ein im Jenseits richtender Gott mitgeliefert wird. Besonders abstoßend
sind Religionen, die sogar eine ewige Bestrafung der Seele vorsehen, wenn man sich nicht an
ihre jeweiligen Verhaltensgebote hält [...].
Somit wird die Unsterblichkeit in Verbindung mit der Seele nichts anderem als einem Bedürf-
nis des Menschen gerecht, der seine zeitlich begrenzte Belebtheit im sozialen Kontext einfach
60 nicht hinnehmen will. Der Tod kann unter Umständen als weniger belastend wahrgenommen
werden, wenn er als eine bloße Durchgangspforte zu einer neuen Existenz begriffen wird.
Religionen kommen in diesem Sinne dem menschlichen Bedürfnis nach Unsterblichkeit nach.
Aufgrund des Bestehens eines menschlichen Bedürfnisses kann aber gerade nicht auf die
Existenz des Bedurften oder Gewünschten geschlossen werden, sondern ganz im Gegenteil.
65 Nebst diesem wesentlichen Faktor für die Generierung der Vorstellungen von der unsterblichen
Seele ist zu unterstreichen, dass es sich um eine wesentliche Grundlage für die Einflussnahme
religiöser Würdenträger handelt, da die Seele vor allem ja auch Adressat der Sanktionen des
den Menschen richtenden jeweiligen Gottes [...] ist beziehungsweise die nachfolgende Wei-
terexistenz vom Vorleben abhängt, was beides selbstverständlich blanker Unfug ist.
¹ divergierend: unterschiedlich, verschieden.
² physische Entität: das körperlich Seiende, die körperliche Existenz.
³ Geist: Der Autor verwendet die Begriffe „Geist“ und „Seele“ synonym.
⁴ geistige Würdenträger: gemeint sind geistliche Würdenträger, die Vertreter von Kirchen und Religionsgemeinschaften.
3. a)
Entfalten Sie, wie sich die Bilder von Gericht und Vollendung heute theologisch deuten lassen, und beziehen Sie dabei das Gottes- und Menschenbild ein, das ihnen zugrunde liegt. [14 Punkte]
Aufgabe 3 - Teilaufgabe 1 · Texterschließung: Thema, Gedankengang und Intention
Materialgrundlage
Christian Olding: Glauben, wie geht das eigentlich? Beitrag für die Katholische Hörfunkarbeit „Am Sonntagmorgen“ vom 30.12.2018 (Auszug).
* Christian Olding, geb. 1983, katholischer Pfarrer und Publizist; er wird u. a. aufgrund seiner außergewöhnlichen „veni!-Gottesdienste“, die einen großen Andrang erleben, von den Medien als „Pop-Kaplan“ bezeichnet.
Schmerz, Leid, zerstörte Hoffnungen und Narben, die das Leben hinterlässt, sind wohl der einzige Besitz des Menschen, der keinen Neid auf sich zieht. Niemand sucht nach Leiden und Krankheit, aber auszulöschen sind sie nicht. Es ist unmöglich, sich das Leiden ganz und gar vom Leib zu halten. Außer, man hört auf zu leben, geht keine Beziehungen mehr ein und ver 5 sucht sich selbst zur einsamen Insel zu machen. Leiden und Tod konfrontieren den Menschen radikal mit seiner Begrenztheit und Sinnlosigkeit. Die bitteren Erfahrungen von Niederlagen und Verlusten […] zeigen uns eine oft übersehene Wahrheit des Lebens: Dass unsere Kraft begrenzt ist und wir auf grenzenlose Kraft angewiesen bleiben.
Die erste Lehrstunde in dieser Hinsicht erhielt ich im Alter von 13 Jahren. […] Als ich an die 10 sem Tag von der Schule kam, wartete zu Hause ein befremdliches Szenario auf mich. […] Erst als meine Mutter mit Tränen in den Augen mir sagte „Papa ist tot“, wusste ich, was los war. Na ja, eigentlich wusste ich noch immer nicht, was los war. […]
Erst gegen Abend erfuhr ich, dass mein Vater sich das Leben genommen hatte und meines damit für immer veränderte. 15
Die Situation machte uns allesamt im wahrsten Sinne des Wortes sprachlos und jeder versuchte einen Weg zu finden.
Ich fand gleich zwei. Der erste war reine Kompensation. Es war der Versuch, der Situation Herr zu werden, ohne sich wirklich mit ihr auseinandersetzen zu müssen. Aber er gab das Gefühl von Kontrolle zurück. Mein Vater hatte sich seinen Weg vom Bauernsohn zum Banker 20 hart erarbeitet. […] So versuchte ich ihm wenigstens im Nachhinein noch zu zeigen, was in mir steckte. In der Schule ging es also auf zu neuen Höchstleistungen. Der zweite Weg verlief an ganz anderer Front. Als Kind vom Land hatte ich die Grundlagen katholischer Sozialisation gelernt. Eine hieß: Kerzen anzünden, wenn man Sorgen und Nöte hat. In der Kirche zündete ich vor dem Marienbild eine Kerze an und wartete darauf, dass etwas passierte: dass 25 die Last leichter würde, der Schmerz weniger und die Verwirrung geordneter. Nichts davon geschah. […] Enttäuschend. […]
Tja, und dann stand ich plötzlich vor diesem Kreuz. Zig Male schon gesehen, zig Male schon betrachtet, aber nie wirklich verstanden, worum es ging. An diesem Tag war es anders. Ich sah plötzlich jemanden, der so dreckig aussah, wie ich mich innerlich fühlte. Ich sah jeman 30 den, der wie ich von seinem Vater im Stich gelassen worden war. Ich sah jemanden, der mindestens so erbärmlich an diesem Leben litt, wie meiner einer. Da blieb ich.
Auch in diesem Moment purzelten keine Steine vom Herzen, kehrte keine unbändige Lebensfreude zurück oder wurde alles gut. Aber es wurde anders. Ich war nicht mehr einsam. Da war jemand, der mich verstand, ohne dass ich mich erklären musste. Er hielt es mit mir aus. Das 35 ließ mein Inneres zur Ruhe kommen. In den kommenden Wochen, Monaten und Jahren wurde der Platz unterm Kreuz mein Ort der Trauerbewältigung, des Schmerzes, der Hoffnung.
Der Verlust meines Vaters, das Erleben der Grenzen der eigenen Leistungsfähigkeit und Perfektion, das waren Wunden, die nicht wirklich heilen wollten. Mir wurde klar, es gibt kein Zurück zu einem Zustand davor, zu einer Wiederherstellung alter Zeiten. Sondern es kann 40 nur darum gehen, diese Wunden zu einem Teil von mir zu machen. Es war wie der verstorbene Regisseur Christoph Schlingensief 1 sagte: „Wer seine Wunden zeigt, wird geheilt, wer sie verbirgt, wird nicht geheilt.“ Alles, was ich zu verbergen versuche und geheim zu halten, fängt irgendwann an zu stinken und zu faulen. Denn es geht nicht mehr um mein Leben, sondern um eines, was sich nach eingebildeten Ansprüchen und Anforderungen richtet. Das ver 45 änderte zwangsläufig mein Ego. Und das mochte ich gar nicht. Das polierte Selbstbild eines leistungsfähigen und einsatzbereiten Musterknaben zerbrach immer mehr. Die Kraft reichte einfach nicht mehr. Wenn Leiden nicht aufhört, hat das etwas zutiefst Demütigendes, weil wir uns machtlos und ohnmächtig fühlen. Falsches Vertrauen auf eigenes Können wird aufgelöst. In der Tiefe des Leidens verstehen sich Menschen als aufgegeben und von allem ver 50 lassen. Was dem Leben Sinn gab, ist leer und nichtig geworden: es hat sich als Irrtum herausgestellt, als eine Illusion, die enttäuscht worden ist.
Dass man als glaubender Mensch weniger leidet, diese Vorstellung entspringt einem überzüchteten Ego. Wer nach dem Motto lebt: ‚Gott wird doch wohl für mich mal eine Ausnahme machen‘, der degradiert Gott zu einem Bedürfnisbefriediger des eigenen Egos. Wenn ich mich 55 ständig mit der Frage quäle, warum verursacht Gott dieses oder jenes, dann fixiere ich mich nur auf das, was Gott mir gibt, bringt, verspricht – oder eben auch nicht. Dann allerdings geht es mir letztlich nicht um Gott selbst. Im Letzten habe ich nur Interesse an dem, was Gott zu geben hat.
Diese Vorstellung muss auf Dauer enttäuschen. […]
60 Im Laufe der Zeit hatte ich beim Anblick des Kreuzes verstanden: Gott ist nicht meine Versicherung gegen Leiden und Sterben. Aber: Er ist dem Leidenden nahe! Dieser Gott, der sich selbst das Elend nicht vom Leib gehalten hat, steht in all den widerwärtigen und sprachlosmachenden Momenten an meiner Seite. Damit ich immer wieder die Kraft finde, doch noch den nächsten Schritt zu wagen und nicht vollkommen irre an diesem Leben zu werden.
65 Man kann nun mal nicht immer alles wegkurieren, bloß weil es wehtut. Manche Krisen tun gut und seien sie noch so schwer. Sie tun gut, weil sie unseren Blick klären und unsere Prioritäten ordnen. Krisen geben uns mehr als deutlich zu verstehen, worauf es wirklich ankommt in diesem Leben, wofür es sich zu leben lohnt. Das allerdings lässt sich immer erst am Ende formulieren, nie am Anfang und mitten in der Krise. Da ist Vieles, oft sogar Alles einfach nur 70 sinnlos. […]
Diese Erfahrung von Leid in meinem Leben hat mich dazu motiviert, Priester zu werden. Nicht weil ich Leiden ach so toll finde. Nein. Sondern, weil ich in diesem Glauben an Jesus und seinen Vater erfahren habe, dass es tragfähige und alltagstaugliche Hoffnung gibt. Eine Hoffnung, die am Ende immer wieder stärker war als alles, was das Leben zugemutet hat. 75 Eine Hoffnung, von der ich glaube, dass sie diese Welt bitter nötig hat. Glauben bedeutet für mich Ja-Sagen zu diesem Leben, so wie es ist und nicht wie es sein sollte. Ja-Sagen, weil es dieses Leben wert ist und weil es eine Zukunft gibt, die Gott mir verspricht. Eine Zukunft, in der das Leid einmal vollkommen überwunden sein wird.
Dafür lohnt es sich einzutreten. Dafür braucht es Menschen, die ihre Narben anbieten, die 80 ihre verheilten und manchmal wieder aufbrechenden Wunden zeigen. […] Es ist christlich, dass einer des Anderen Last trage 2. Das ist der simple Ruf, der aus dem Leiden dringt. […] Narben erzählen eine Geschichte, eine Geschichte voller Schmerz. Sie sind glaubwürdig, denn sie stehen für überwundenes Leiden. Deshalb wurde der Auferstandene Jesus eben auch nicht an hübschen weißen Kleidern erkannt, sondern an den Wundmalen, die die Nägel 85 an seinen Händen und Füßen hinterlassen haben, und an der Narbe, die ihm die Lanze zugefügt hat.
Und hier zeigt sich, worum es beim Glauben am Ende wirklich geht. […] Entscheidend[] ist die Frage, ob ich Gott in all meinen Kämpfen und Ungewissheiten für vertrauenswürdig halte.
1 Christoph Schlingensief (1960 – 2010): deutscher Film- und Theaterregisseur, Autor und Aktionskünstler, der nach dreijähriger Erkrankung dem Lungenkrebs erlag.
2 vgl. Gal 6,2.
Aufgabenstellung 1
1. Erarbeiten Sie das Thema des Textes und arbeiten Sie heraus, welche Aussagen der Autor zu seiner eigenen Person (Selbstbild), zu Gott (Gottesbild) und zum Umgang mit Leid trifft.
[26 Punkte]
Aufgabe 3 - Teilaufgabe 2 · Christliches Menschenbild und Würde des Lebens
Materialgrundlage
Christian Olding: Glauben, wie geht das eigentlich? Beitrag für die Katholische Hörfunkarbeit „Am Sonntagmorgen“ vom 30.12.2018 (Auszug).
* Christian Olding, geb. 1983, katholischer Pfarrer und Publizist; er wird u. a. aufgrund seiner außergewöhnlichen „veni!-Gottesdienste“, die einen großen Andrang erleben, von den Medien als „Pop-Kaplan“ bezeichnet.
Schmerz, Leid, zerstörte Hoffnungen und Narben, die das Leben hinterlässt, sind wohl der einzige Besitz des Menschen, der keinen Neid auf sich zieht. Niemand sucht nach Leiden und Krankheit, aber auszulöschen sind sie nicht. Es ist unmöglich, sich das Leiden ganz und gar vom Leib zu halten. Außer, man hört auf zu leben, geht keine Beziehungen mehr ein und ver 5 sucht sich selbst zur einsamen Insel zu machen. Leiden und Tod konfrontieren den Menschen radikal mit seiner Begrenztheit und Sinnlosigkeit. Die bitteren Erfahrungen von Niederlagen und Verlusten […] zeigen uns eine oft übersehene Wahrheit des Lebens: Dass unsere Kraft begrenzt ist und wir auf grenzenlose Kraft angewiesen bleiben.
Die erste Lehrstunde in dieser Hinsicht erhielt ich im Alter von 13 Jahren. […] Als ich an die 10 sem Tag von der Schule kam, wartete zu Hause ein befremdliches Szenario auf mich. […] Erst als meine Mutter mit Tränen in den Augen mir sagte „Papa ist tot“, wusste ich, was los war. Na ja, eigentlich wusste ich noch immer nicht, was los war. […]
Erst gegen Abend erfuhr ich, dass mein Vater sich das Leben genommen hatte und meines damit für immer veränderte. 15
Die Situation machte uns allesamt im wahrsten Sinne des Wortes sprachlos und jeder versuchte einen Weg zu finden.
Ich fand gleich zwei. Der erste war reine Kompensation. Es war der Versuch, der Situation Herr zu werden, ohne sich wirklich mit ihr auseinandersetzen zu müssen. Aber er gab das Gefühl von Kontrolle zurück. Mein Vater hatte sich seinen Weg vom Bauernsohn zum Banker 20 hart erarbeitet. […] So versuchte ich ihm wenigstens im Nachhinein noch zu zeigen, was in mir steckte. In der Schule ging es also auf zu neuen Höchstleistungen. Der zweite Weg verlief an ganz anderer Front. Als Kind vom Land hatte ich die Grundlagen katholischer Sozialisation gelernt. Eine hieß: Kerzen anzünden, wenn man Sorgen und Nöte hat. In der Kirche zündete ich vor dem Marienbild eine Kerze an und wartete darauf, dass etwas passierte: dass 25 die Last leichter würde, der Schmerz weniger und die Verwirrung geordneter. Nichts davon geschah. […] Enttäuschend. […]
Tja, und dann stand ich plötzlich vor diesem Kreuz. Zig Male schon gesehen, zig Male schon betrachtet, aber nie wirklich verstanden, worum es ging. An diesem Tag war es anders. Ich sah plötzlich jemanden, der so dreckig aussah, wie ich mich innerlich fühlte. Ich sah jeman 30 den, der wie ich von seinem Vater im Stich gelassen worden war. Ich sah jemanden, der mindestens so erbärmlich an diesem Leben litt, wie meiner einer. Da blieb ich.
Auch in diesem Moment purzelten keine Steine vom Herzen, kehrte keine unbändige Lebensfreude zurück oder wurde alles gut. Aber es wurde anders. Ich war nicht mehr einsam. Da war jemand, der mich verstand, ohne dass ich mich erklären musste. Er hielt es mit mir aus. Das 35 ließ mein Inneres zur Ruhe kommen. In den kommenden Wochen, Monaten und Jahren wurde der Platz unterm Kreuz mein Ort der Trauerbewältigung, des Schmerzes, der Hoffnung.
Der Verlust meines Vaters, das Erleben der Grenzen der eigenen Leistungsfähigkeit und Perfektion, das waren Wunden, die nicht wirklich heilen wollten. Mir wurde klar, es gibt kein Zurück zu einem Zustand davor, zu einer Wiederherstellung alter Zeiten. Sondern es kann 40 nur darum gehen, diese Wunden zu einem Teil von mir zu machen. Es war wie der verstorbene Regisseur Christoph Schlingensief 1 sagte: „Wer seine Wunden zeigt, wird geheilt, wer sie verbirgt, wird nicht geheilt.“ Alles, was ich zu verbergen versuche und geheim zu halten, fängt irgendwann an zu stinken und zu faulen. Denn es geht nicht mehr um mein Leben, sondern um eines, was sich nach eingebildeten Ansprüchen und Anforderungen richtet. Das ver 45 änderte zwangsläufig mein Ego. Und das mochte ich gar nicht. Das polierte Selbstbild eines leistungsfähigen und einsatzbereiten Musterknaben zerbrach immer mehr. Die Kraft reichte einfach nicht mehr. Wenn Leiden nicht aufhört, hat das etwas zutiefst Demütigendes, weil wir uns machtlos und ohnmächtig fühlen. Falsches Vertrauen auf eigenes Können wird aufgelöst. In der Tiefe des Leidens verstehen sich Menschen als aufgegeben und von allem ver 50 lassen. Was dem Leben Sinn gab, ist leer und nichtig geworden: es hat sich als Irrtum herausgestellt, als eine Illusion, die enttäuscht worden ist.
Dass man als glaubender Mensch weniger leidet, diese Vorstellung entspringt einem überzüchteten Ego. Wer nach dem Motto lebt: ‚Gott wird doch wohl für mich mal eine Ausnahme machen‘, der degradiert Gott zu einem Bedürfnisbefriediger des eigenen Egos. Wenn ich mich 55 ständig mit der Frage quäle, warum verursacht Gott dieses oder jenes, dann fixiere ich mich nur auf das, was Gott mir gibt, bringt, verspricht – oder eben auch nicht. Dann allerdings geht es mir letztlich nicht um Gott selbst. Im Letzten habe ich nur Interesse an dem, was Gott zu geben hat.
Diese Vorstellung muss auf Dauer enttäuschen. […]
60 Im Laufe der Zeit hatte ich beim Anblick des Kreuzes verstanden: Gott ist nicht meine Versicherung gegen Leiden und Sterben. Aber: Er ist dem Leidenden nahe! Dieser Gott, der sich selbst das Elend nicht vom Leib gehalten hat, steht in all den widerwärtigen und sprachlosmachenden Momenten an meiner Seite. Damit ich immer wieder die Kraft finde, doch noch den nächsten Schritt zu wagen und nicht vollkommen irre an diesem Leben zu werden.
65 Man kann nun mal nicht immer alles wegkurieren, bloß weil es wehtut. Manche Krisen tun gut und seien sie noch so schwer. Sie tun gut, weil sie unseren Blick klären und unsere Prioritäten ordnen. Krisen geben uns mehr als deutlich zu verstehen, worauf es wirklich ankommt in diesem Leben, wofür es sich zu leben lohnt. Das allerdings lässt sich immer erst am Ende formulieren, nie am Anfang und mitten in der Krise. Da ist Vieles, oft sogar Alles einfach nur 70 sinnlos. […]
Diese Erfahrung von Leid in meinem Leben hat mich dazu motiviert, Priester zu werden. Nicht weil ich Leiden ach so toll finde. Nein. Sondern, weil ich in diesem Glauben an Jesus und seinen Vater erfahren habe, dass es tragfähige und alltagstaugliche Hoffnung gibt. Eine Hoffnung, die am Ende immer wieder stärker war als alles, was das Leben zugemutet hat. 75 Eine Hoffnung, von der ich glaube, dass sie diese Welt bitter nötig hat. Glauben bedeutet für mich Ja-Sagen zu diesem Leben, so wie es ist und nicht wie es sein sollte. Ja-Sagen, weil es dieses Leben wert ist und weil es eine Zukunft gibt, die Gott mir verspricht. Eine Zukunft, in der das Leid einmal vollkommen überwunden sein wird.
Dafür lohnt es sich einzutreten. Dafür braucht es Menschen, die ihre Narben anbieten, die 80 ihre verheilten und manchmal wieder aufbrechenden Wunden zeigen. […] Es ist christlich, dass einer des Anderen Last trage 2. Das ist der simple Ruf, der aus dem Leiden dringt. […] Narben erzählen eine Geschichte, eine Geschichte voller Schmerz. Sie sind glaubwürdig, denn sie stehen für überwundenes Leiden. Deshalb wurde der Auferstandene Jesus eben auch nicht an hübschen weißen Kleidern erkannt, sondern an den Wundmalen, die die Nägel 85 an seinen Händen und Füßen hinterlassen haben, und an der Narbe, die ihm die Lanze zugefügt hat.
Und hier zeigt sich, worum es beim Glauben am Ende wirklich geht. […] Entscheidend[] ist die Frage, ob ich Gott in all meinen Kämpfen und Ungewissheiten für vertrauenswürdig halte.
1 Christoph Schlingensief (1960 – 2010): deutscher Film- und Theaterregisseur, Autor und Aktionskünstler, der nach dreijähriger Erkrankung dem Lungenkrebs erlag.
2 vgl. Gal 6,2.
Aufgabenstellung 2
2. Erläutern Sie, welche Aussagen und Anliegen die Kirche bezüglich des Werts und der Würde des menschlichen Lebens vertritt, und beziehen Sie sich dabei auf Kapitel IV der Gemeinsamen Erklärung „Gott ist ein Freund des Lebens“; untersuchen Sie danach, inwiefern sich diese auch in Oldings Darlegungen wiederfinden.
[26 Punkte]
Aufgabe 3 - Teilaufgabe 3 · Theodizee: Leid als Preis der Freiheit, der solidarische Gott
Materialgrundlage
Christian Olding: Glauben, wie geht das eigentlich? Beitrag für die Katholische Hörfunkarbeit „Am Sonntagmorgen“ vom 30.12.2018 (Auszug).
* Christian Olding, geb. 1983, katholischer Pfarrer und Publizist; er wird u. a. aufgrund seiner außergewöhnlichen „veni!-Gottesdienste“, die einen großen Andrang erleben, von den Medien als „Pop-Kaplan“ bezeichnet.
Schmerz, Leid, zerstörte Hoffnungen und Narben, die das Leben hinterlässt, sind wohl der einzige Besitz des Menschen, der keinen Neid auf sich zieht. Niemand sucht nach Leiden und Krankheit, aber auszulöschen sind sie nicht. Es ist unmöglich, sich das Leiden ganz und gar vom Leib zu halten. Außer, man hört auf zu leben, geht keine Beziehungen mehr ein und ver 5 sucht sich selbst zur einsamen Insel zu machen. Leiden und Tod konfrontieren den Menschen radikal mit seiner Begrenztheit und Sinnlosigkeit. Die bitteren Erfahrungen von Niederlagen und Verlusten […] zeigen uns eine oft übersehene Wahrheit des Lebens: Dass unsere Kraft begrenzt ist und wir auf grenzenlose Kraft angewiesen bleiben.
Die erste Lehrstunde in dieser Hinsicht erhielt ich im Alter von 13 Jahren. […] Als ich an die 10 sem Tag von der Schule kam, wartete zu Hause ein befremdliches Szenario auf mich. […] Erst als meine Mutter mit Tränen in den Augen mir sagte „Papa ist tot“, wusste ich, was los war. Na ja, eigentlich wusste ich noch immer nicht, was los war. […]
Erst gegen Abend erfuhr ich, dass mein Vater sich das Leben genommen hatte und meines damit für immer veränderte. 15
Die Situation machte uns allesamt im wahrsten Sinne des Wortes sprachlos und jeder versuchte einen Weg zu finden.
Ich fand gleich zwei. Der erste war reine Kompensation. Es war der Versuch, der Situation Herr zu werden, ohne sich wirklich mit ihr auseinandersetzen zu müssen. Aber er gab das Gefühl von Kontrolle zurück. Mein Vater hatte sich seinen Weg vom Bauernsohn zum Banker 20 hart erarbeitet. […] So versuchte ich ihm wenigstens im Nachhinein noch zu zeigen, was in mir steckte. In der Schule ging es also auf zu neuen Höchstleistungen. Der zweite Weg verlief an ganz anderer Front. Als Kind vom Land hatte ich die Grundlagen katholischer Sozialisation gelernt. Eine hieß: Kerzen anzünden, wenn man Sorgen und Nöte hat. In der Kirche zündete ich vor dem Marienbild eine Kerze an und wartete darauf, dass etwas passierte: dass 25 die Last leichter würde, der Schmerz weniger und die Verwirrung geordneter. Nichts davon geschah. […] Enttäuschend. […]
Tja, und dann stand ich plötzlich vor diesem Kreuz. Zig Male schon gesehen, zig Male schon betrachtet, aber nie wirklich verstanden, worum es ging. An diesem Tag war es anders. Ich sah plötzlich jemanden, der so dreckig aussah, wie ich mich innerlich fühlte. Ich sah jeman 30 den, der wie ich von seinem Vater im Stich gelassen worden war. Ich sah jemanden, der mindestens so erbärmlich an diesem Leben litt, wie meiner einer. Da blieb ich.
Auch in diesem Moment purzelten keine Steine vom Herzen, kehrte keine unbändige Lebensfreude zurück oder wurde alles gut. Aber es wurde anders. Ich war nicht mehr einsam. Da war jemand, der mich verstand, ohne dass ich mich erklären musste. Er hielt es mit mir aus. Das 35 ließ mein Inneres zur Ruhe kommen. In den kommenden Wochen, Monaten und Jahren wurde der Platz unterm Kreuz mein Ort der Trauerbewältigung, des Schmerzes, der Hoffnung.
Der Verlust meines Vaters, das Erleben der Grenzen der eigenen Leistungsfähigkeit und Perfektion, das waren Wunden, die nicht wirklich heilen wollten. Mir wurde klar, es gibt kein Zurück zu einem Zustand davor, zu einer Wiederherstellung alter Zeiten. Sondern es kann 40 nur darum gehen, diese Wunden zu einem Teil von mir zu machen. Es war wie der verstorbene Regisseur Christoph Schlingensief 1 sagte: „Wer seine Wunden zeigt, wird geheilt, wer sie verbirgt, wird nicht geheilt.“ Alles, was ich zu verbergen versuche und geheim zu halten, fängt irgendwann an zu stinken und zu faulen. Denn es geht nicht mehr um mein Leben, sondern um eines, was sich nach eingebildeten Ansprüchen und Anforderungen richtet. Das ver 45 änderte zwangsläufig mein Ego. Und das mochte ich gar nicht. Das polierte Selbstbild eines leistungsfähigen und einsatzbereiten Musterknaben zerbrach immer mehr. Die Kraft reichte einfach nicht mehr. Wenn Leiden nicht aufhört, hat das etwas zutiefst Demütigendes, weil wir uns machtlos und ohnmächtig fühlen. Falsches Vertrauen auf eigenes Können wird aufgelöst. In der Tiefe des Leidens verstehen sich Menschen als aufgegeben und von allem ver 50 lassen. Was dem Leben Sinn gab, ist leer und nichtig geworden: es hat sich als Irrtum herausgestellt, als eine Illusion, die enttäuscht worden ist.
Dass man als glaubender Mensch weniger leidet, diese Vorstellung entspringt einem überzüchteten Ego. Wer nach dem Motto lebt: ‚Gott wird doch wohl für mich mal eine Ausnahme machen‘, der degradiert Gott zu einem Bedürfnisbefriediger des eigenen Egos. Wenn ich mich 55 ständig mit der Frage quäle, warum verursacht Gott dieses oder jenes, dann fixiere ich mich nur auf das, was Gott mir gibt, bringt, verspricht – oder eben auch nicht. Dann allerdings geht es mir letztlich nicht um Gott selbst. Im Letzten habe ich nur Interesse an dem, was Gott zu geben hat.
Diese Vorstellung muss auf Dauer enttäuschen. […]
60 Im Laufe der Zeit hatte ich beim Anblick des Kreuzes verstanden: Gott ist nicht meine Versicherung gegen Leiden und Sterben. Aber: Er ist dem Leidenden nahe! Dieser Gott, der sich selbst das Elend nicht vom Leib gehalten hat, steht in all den widerwärtigen und sprachlosmachenden Momenten an meiner Seite. Damit ich immer wieder die Kraft finde, doch noch den nächsten Schritt zu wagen und nicht vollkommen irre an diesem Leben zu werden.
65 Man kann nun mal nicht immer alles wegkurieren, bloß weil es wehtut. Manche Krisen tun gut und seien sie noch so schwer. Sie tun gut, weil sie unseren Blick klären und unsere Prioritäten ordnen. Krisen geben uns mehr als deutlich zu verstehen, worauf es wirklich ankommt in diesem Leben, wofür es sich zu leben lohnt. Das allerdings lässt sich immer erst am Ende formulieren, nie am Anfang und mitten in der Krise. Da ist Vieles, oft sogar Alles einfach nur 70 sinnlos. […]
Diese Erfahrung von Leid in meinem Leben hat mich dazu motiviert, Priester zu werden. Nicht weil ich Leiden ach so toll finde. Nein. Sondern, weil ich in diesem Glauben an Jesus und seinen Vater erfahren habe, dass es tragfähige und alltagstaugliche Hoffnung gibt. Eine Hoffnung, die am Ende immer wieder stärker war als alles, was das Leben zugemutet hat. 75 Eine Hoffnung, von der ich glaube, dass sie diese Welt bitter nötig hat. Glauben bedeutet für mich Ja-Sagen zu diesem Leben, so wie es ist und nicht wie es sein sollte. Ja-Sagen, weil es dieses Leben wert ist und weil es eine Zukunft gibt, die Gott mir verspricht. Eine Zukunft, in der das Leid einmal vollkommen überwunden sein wird.
Dafür lohnt es sich einzutreten. Dafür braucht es Menschen, die ihre Narben anbieten, die 80 ihre verheilten und manchmal wieder aufbrechenden Wunden zeigen. […] Es ist christlich, dass einer des Anderen Last trage 2. Das ist der simple Ruf, der aus dem Leiden dringt. […] Narben erzählen eine Geschichte, eine Geschichte voller Schmerz. Sie sind glaubwürdig, denn sie stehen für überwundenes Leiden. Deshalb wurde der Auferstandene Jesus eben auch nicht an hübschen weißen Kleidern erkannt, sondern an den Wundmalen, die die Nägel 85 an seinen Händen und Füßen hinterlassen haben, und an der Narbe, die ihm die Lanze zugefügt hat.
Und hier zeigt sich, worum es beim Glauben am Ende wirklich geht. […] Entscheidend[] ist die Frage, ob ich Gott in all meinen Kämpfen und Ungewissheiten für vertrauenswürdig halte.
1 Christoph Schlingensief (1960 – 2010): deutscher Film- und Theaterregisseur, Autor und Aktionskünstler, der nach dreijähriger Erkrankung dem Lungenkrebs erlag.
2 vgl. Gal 6,2.
Aufgabenstellung 3
3. Entfalten Sie die theologische Position „Leid als Preis der Freiheit“ vor dem Hintergrund der Theodizeeproblematik. Setzen Sie sich – auch unter Einbeziehung dieser Position – mit der Frage auseinander, ob die aus Oldings eigener Lebensgeschichte hervorgegangene Antwort auf die Theodizeefrage Menschen heute dabei unterstützen kann, Leid zu bewältigen.
[28 Punkte]
Aufgabe 4 - Teilaufgabe 1 · Texterschließung: Thema, Gedankengang und Intention
Eine Erzählung des Respekts und der Furcht vor Gott im 3. Kapitel des Buches Exodus: Mose,
der das Volk Israel aus ägyptischer Knechtschaft führen soll, hütet in der Steppe die Schafe
seines Schwiegervaters Jitro. Er sieht den Dornbusch in Flammen, der aber nicht verbrennt.
Er will hingehen und die wunderbare Erscheinung erforschen. Die Stimme Gottes warnt ihn:
5 „Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von den Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heili-
ges Land.“ Mose verhüllt sein Angesicht, „denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen“. Es gibt
ähnliche Geschichten im Alten Testament, die uns erzählen: Wer in die Nähe der Heiligkeit
Gottes kommt, gerät in Todesgefahr.
Nun, das ist Altes Testament, sagen die Christen leichtfertig. Diese Geschichte wollen wir
10 zwar nicht aus der Bibel streichen, aber sie ist nicht mehr maßgebend für uns. Denn die große
Trennung zwischen Gott und Mensch ist aufgehoben; diese falsche Sakralität 1 haben wir hin-
ter uns, und wir können Gott sogar mit dem vertrauten Namen Väterchen – Abba – anreden.
Was verlieren wir, wenn wir diese geheimnisvolle Dornbuschgeschichte aus unserem Erzähl-
schatz streichen oder wenn sie nicht mehr maßgeblich ist für unsere religiöse Haltung? Was
15 geschieht mit uns, wenn wir nichts mehr wissen wollen von dem „unzugänglichen Licht“
(1 Timotheus 6,16), in dem Gott wohnt?
Ich überlege, wo ich den Verlust des Respekts oder gar des Schreckens vor Gott feststelle, den
Verlust der Gottesfurcht, die doch „aller Weisheit Anfang“ ist (Psalm 111,10). Ich schaue mir
die neuen Lieder, Gebete, Segenstexte an und glaube gelegentlich, eine Art Verhaustierung
20 Gottes festzustellen. Gott ist harmlos geworden. Es braucht niemand vor ihm zu zittern, die
Schuhe auszuziehen und das Gesicht zu verhüllen. Er hat seinen Schrecken verloren. Unsere
Lieder, Gebete, Theologien sind fast von einstimmiger Vertrautheit ihm gegenüber. Er ist der
gute Vater, die nährende Mutter, der mitreisende Bruder; er versteht uns, er liebt uns, er ver-
gibt uns, er atmet uns, er ist die pure Zärtlichkeit. Dies alles ist ja gut und richtig. Aber diese
25 religiöse Welt ist mir zu geglättet. Das Ganze ist mir zu süß und zu widerspruchsfrei gewor-
den; zu harmonistisch und zu geheimnislos. [...] Ja, es ist gut, dass wir die alten falschen
Ängste vor Gott verloren haben. Aber er ist in dieser ganzen Positivität auch ein bisschen
onkelhaft geworden, gezähmt und absehbar. Vor ihm braucht man keine Schuhe mehr auszu-
ziehen. Man verbrennt sich an ihm keine Füße und keine Hände mehr.
30 Wo sind eigentlich die alten, uns verstörenden Bilder und Geschichten geblieben, die über
ihn erzählt wurden? Die Geschichten vom Gericht Gottes, von der Tragik der Schuld, von der
verstörenden Unbegreiflichkeit Gottes, von der Nichtigkeit des Menschen? Ja, natürlich, wir
reden von der Schuld des Menschen. Wir bekennen sie in jedem Gottesdienst. Aber wir beken-
nen sie sozusagen augenzwinkernd. Kaum haben wir die Wörter Schuld und Sünde genannt,
35 so sind sie schon eingewickelt in die allseits verfügbare Vergebung. [...] Wir nehmen uns
nicht ernst als Autoren dieser Welt und unserer Handlungen, wenn wir aus der theologischen
Zaubertüte, kaum dass die Sünde genannt ist, die Vergebung zaubern. Wir nehmen uns nicht
ernst mit den albernen und alles entschuldigenden Sätzen, dass der Mensch „immer schon“
ein Sünder sei. Ein solcher Satz ist der beste Schutz vor aller Bekehrung und Veränderung
40 des Lebens. Wir ersparen uns den Schmerz über ein verspieltes Leben, und damit ersparen
wir uns, wirklich zu wissen, was Gnade und Vergebung ist.
Aber, so wende ich gegen mich ein: Kann die Alltäglichkeit des Glaubens, der Gebete, der
Gottesdienste und der Predigten die Existenzialität, den Ernst und die Tiefe haben, die ihnen
angemessen sind? Ich will, dass es keinen Gottesdienst gibt, ohne dass eine Gemeinde ihre
45 Schuld bekennt. Ich will es, weil es zur Würde und zum Reichtum des Menschen gehört, sich
selber nicht auszuweichen. [...]
Respektlos und trostlos finde ich, dass der Gedanke verblasst, dass Gott anders ist als wir
selbst. Ich finde den Gedanken komisch, dass ich nur in mich selbst hinabsteigen muss, um
Gott zu finden und zu fühlen [...]. Welcher Trost ist es, dass da eine Größe ist, die größer und
50 unerforschlicher ist als meine eigene kleine Größe! Welcher Reichtum, dass das Herz der Welt
reicher ist als wir alle zusammen! Wir haben lange unter der Annahme gelitten, dass Gottes
Größe in seiner herrschaftlichen Überlegenheit besteht; eine Größe, die hauptsächlich dadurch
entsteht, dass wir Menschen uns klein und erbärmlich machen. Es gibt eine andere Größe, die
Größe der Liebe, die alles Begreifen übersteigt. [...]
55 Nein, ich möchte nicht zurück zu dem Gott, den ich in meiner Kindheit gelernt habe; zu dem
Buchhaltergott, der so sehr mit Wiegen, Notieren und Sortieren beschäftigt war. Wir haben
in den letzten Jahrzehnten wohl etwas mehr von der Güte Gottes geschmeckt. Aber auch in
dieser neuen Erkenntnis können wir uns nicht einrichten. Wir müssen weiter, vielleicht durch
viele Gottesfinsternisse hindurch, bis wir in die Nähe jenes Geheimnisses kommen, das uns
60 verbrennt und uns hütet.
1 sakral: heilig.
Fulbert Steffensky: Heimathöhle Religion. Ein Gastrecht für widersprüchliche Gedanken. Stuttgart 2015, S. 84–88 (Auszug).
* Fulbert Steffensky, geb. 1933, studierte katholische und evangelische Theologie und war bis 1998 Professor für Religionspädagogik an der Universität Hamburg.
1. Erarbeiten Sie, welches Thema der Text behandelt, wie sein Gedankengang verläuft und welche Intention darin erkennbar wird. (26 Punkte)
Aufgabe 4 - Teilaufgabe 2 und 3 b · Biblisches Reden von Gott: Gottesbilder
Eine Erzählung des Respekts und der Furcht vor Gott im 3. Kapitel des Buches Exodus: Mose,
der das Volk Israel aus ägyptischer Knechtschaft führen soll, hütet in der Steppe die Schafe
seines Schwiegervaters Jitro. Er sieht den Dornbusch in Flammen, der aber nicht verbrennt.
Er will hingehen und die wunderbare Erscheinung erforschen. Die Stimme Gottes warnt ihn:
5 „Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von den Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heili-
ges Land.“ Mose verhüllt sein Angesicht, „denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen“. Es gibt
ähnliche Geschichten im Alten Testament, die uns erzählen: Wer in die Nähe der Heiligkeit
Gottes kommt, gerät in Todesgefahr.
Nun, das ist Altes Testament, sagen die Christen leichtfertig. Diese Geschichte wollen wir
10 zwar nicht aus der Bibel streichen, aber sie ist nicht mehr maßgebend für uns. Denn die große
Trennung zwischen Gott und Mensch ist aufgehoben; diese falsche Sakralität 1 haben wir hin-
ter uns, und wir können Gott sogar mit dem vertrauten Namen Väterchen – Abba – anreden.
Was verlieren wir, wenn wir diese geheimnisvolle Dornbuschgeschichte aus unserem Erzähl-
schatz streichen oder wenn sie nicht mehr maßgeblich ist für unsere religiöse Haltung? Was
15 geschieht mit uns, wenn wir nichts mehr wissen wollen von dem „unzugänglichen Licht“
(1 Timotheus 6,16), in dem Gott wohnt?
Ich überlege, wo ich den Verlust des Respekts oder gar des Schreckens vor Gott feststelle, den
Verlust der Gottesfurcht, die doch „aller Weisheit Anfang“ ist (Psalm 111,10). Ich schaue mir
die neuen Lieder, Gebete, Segenstexte an und glaube gelegentlich, eine Art Verhaustierung
20 Gottes festzustellen. Gott ist harmlos geworden. Es braucht niemand vor ihm zu zittern, die
Schuhe auszuziehen und das Gesicht zu verhüllen. Er hat seinen Schrecken verloren. Unsere
Lieder, Gebete, Theologien sind fast von einstimmiger Vertrautheit ihm gegenüber. Er ist der
gute Vater, die nährende Mutter, der mitreisende Bruder; er versteht uns, er liebt uns, er ver-
gibt uns, er atmet uns, er ist die pure Zärtlichkeit. Dies alles ist ja gut und richtig. Aber diese
25 religiöse Welt ist mir zu geglättet. Das Ganze ist mir zu süß und zu widerspruchsfrei gewor-
den; zu harmonistisch und zu geheimnislos. [...] Ja, es ist gut, dass wir die alten falschen
Ängste vor Gott verloren haben. Aber er ist in dieser ganzen Positivität auch ein bisschen
onkelhaft geworden, gezähmt und absehbar. Vor ihm braucht man keine Schuhe mehr auszu-
ziehen. Man verbrennt sich an ihm keine Füße und keine Hände mehr.
30 Wo sind eigentlich die alten, uns verstörenden Bilder und Geschichten geblieben, die über
ihn erzählt wurden? Die Geschichten vom Gericht Gottes, von der Tragik der Schuld, von der
verstörenden Unbegreiflichkeit Gottes, von der Nichtigkeit des Menschen? Ja, natürlich, wir
reden von der Schuld des Menschen. Wir bekennen sie in jedem Gottesdienst. Aber wir beken-
nen sie sozusagen augenzwinkernd. Kaum haben wir die Wörter Schuld und Sünde genannt,
35 so sind sie schon eingewickelt in die allseits verfügbare Vergebung. [...] Wir nehmen uns
nicht ernst als Autoren dieser Welt und unserer Handlungen, wenn wir aus der theologischen
Zaubertüte, kaum dass die Sünde genannt ist, die Vergebung zaubern. Wir nehmen uns nicht
ernst mit den albernen und alles entschuldigenden Sätzen, dass der Mensch „immer schon“
ein Sünder sei. Ein solcher Satz ist der beste Schutz vor aller Bekehrung und Veränderung
40 des Lebens. Wir ersparen uns den Schmerz über ein verspieltes Leben, und damit ersparen
wir uns, wirklich zu wissen, was Gnade und Vergebung ist.
Aber, so wende ich gegen mich ein: Kann die Alltäglichkeit des Glaubens, der Gebete, der
Gottesdienste und der Predigten die Existenzialität, den Ernst und die Tiefe haben, die ihnen
angemessen sind? Ich will, dass es keinen Gottesdienst gibt, ohne dass eine Gemeinde ihre
45 Schuld bekennt. Ich will es, weil es zur Würde und zum Reichtum des Menschen gehört, sich
selber nicht auszuweichen. [...]
Respektlos und trostlos finde ich, dass der Gedanke verblasst, dass Gott anders ist als wir
selbst. Ich finde den Gedanken komisch, dass ich nur in mich selbst hinabsteigen muss, um
Gott zu finden und zu fühlen [...]. Welcher Trost ist es, dass da eine Größe ist, die größer und
50 unerforschlicher ist als meine eigene kleine Größe! Welcher Reichtum, dass das Herz der Welt
reicher ist als wir alle zusammen! Wir haben lange unter der Annahme gelitten, dass Gottes
Größe in seiner herrschaftlichen Überlegenheit besteht; eine Größe, die hauptsächlich dadurch
entsteht, dass wir Menschen uns klein und erbärmlich machen. Es gibt eine andere Größe, die
Größe der Liebe, die alles Begreifen übersteigt. [...]
55 Nein, ich möchte nicht zurück zu dem Gott, den ich in meiner Kindheit gelernt habe; zu dem
Buchhaltergott, der so sehr mit Wiegen, Notieren und Sortieren beschäftigt war. Wir haben
in den letzten Jahrzehnten wohl etwas mehr von der Güte Gottes geschmeckt. Aber auch in
dieser neuen Erkenntnis können wir uns nicht einrichten. Wir müssen weiter, vielleicht durch
viele Gottesfinsternisse hindurch, bis wir in die Nähe jenes Geheimnisses kommen, das uns
60 verbrennt und uns hütet.
1 sakral: heilig.
Fulbert Steffensky: Heimathöhle Religion. Ein Gastrecht für widersprüchliche Gedanken. Stuttgart 2015, S. 84–88 (Auszug).
* Fulbert Steffensky, geb. 1933, studierte katholische und evangelische Theologie und war bis 1998 Professor für Religionspädagogik an der Universität Hamburg.
2. Entfalten Sie anhand von zwei Bibelstellen, die im vorliegenden Text noch nicht behandelt wurden, Gottesbilder aus dem Buch Exodus. Erläutern Sie danach, inwiefern sich in diesen Erzählungen die „verstörende[] Unbegreiflichkeit Gottes“ (Z. 32) zeigt. (22 Punkte)
3. b) „Unsere Lieder, Gebete, Theologien sind fast von einstimmiger Vertrautheit ihm gegenüber. Er ist der gute Vater, die nährende Mutter, der mitreisende Bruder; er versteht uns, er liebt uns, er vergibt uns, er atmet uns, er ist die pure Zärtlichkeit. Dies alles ist ja gut und richtig. Aber diese religiöse Welt ist mir zu geglättet. Das Ganze ist mir zu süß und zu widerspruchsfrei geworden; zu harmonistisch und geheimnislos.“ (Z. 21 – 26)
Erörtern Sie, ob die Kritik Steffenskys am heutigen christlichen Gottesbild gerechtfertigt ist. (18 Punkte)
Aufgabe 4 - Teilaufgabe 3 a · Reich-Gottes-Botschaft Jesu: Zuspruch und Anspruch
Eine Erzählung des Respekts und der Furcht vor Gott im 3. Kapitel des Buches Exodus: Mose,
der das Volk Israel aus ägyptischer Knechtschaft führen soll, hütet in der Steppe die Schafe
seines Schwiegervaters Jitro. Er sieht den Dornbusch in Flammen, der aber nicht verbrennt.
Er will hingehen und die wunderbare Erscheinung erforschen. Die Stimme Gottes warnt ihn:
5 „Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von den Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heili-
ges Land.“ Mose verhüllt sein Angesicht, „denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen“. Es gibt
ähnliche Geschichten im Alten Testament, die uns erzählen: Wer in die Nähe der Heiligkeit
Gottes kommt, gerät in Todesgefahr.
Nun, das ist Altes Testament, sagen die Christen leichtfertig. Diese Geschichte wollen wir
10 zwar nicht aus der Bibel streichen, aber sie ist nicht mehr maßgebend für uns. Denn die große
Trennung zwischen Gott und Mensch ist aufgehoben; diese falsche Sakralität 1 haben wir hin-
ter uns, und wir können Gott sogar mit dem vertrauten Namen Väterchen – Abba – anreden.
Was verlieren wir, wenn wir diese geheimnisvolle Dornbuschgeschichte aus unserem Erzähl-
schatz streichen oder wenn sie nicht mehr maßgeblich ist für unsere religiöse Haltung? Was
15 geschieht mit uns, wenn wir nichts mehr wissen wollen von dem „unzugänglichen Licht“
(1 Timotheus 6,16), in dem Gott wohnt?
Ich überlege, wo ich den Verlust des Respekts oder gar des Schreckens vor Gott feststelle, den
Verlust der Gottesfurcht, die doch „aller Weisheit Anfang“ ist (Psalm 111,10). Ich schaue mir
die neuen Lieder, Gebete, Segenstexte an und glaube gelegentlich, eine Art Verhaustierung
20 Gottes festzustellen. Gott ist harmlos geworden. Es braucht niemand vor ihm zu zittern, die
Schuhe auszuziehen und das Gesicht zu verhüllen. Er hat seinen Schrecken verloren. Unsere
Lieder, Gebete, Theologien sind fast von einstimmiger Vertrautheit ihm gegenüber. Er ist der
gute Vater, die nährende Mutter, der mitreisende Bruder; er versteht uns, er liebt uns, er ver-
gibt uns, er atmet uns, er ist die pure Zärtlichkeit. Dies alles ist ja gut und richtig. Aber diese
25 religiöse Welt ist mir zu geglättet. Das Ganze ist mir zu süß und zu widerspruchsfrei gewor-
den; zu harmonistisch und zu geheimnislos. [...] Ja, es ist gut, dass wir die alten falschen
Ängste vor Gott verloren haben. Aber er ist in dieser ganzen Positivität auch ein bisschen
onkelhaft geworden, gezähmt und absehbar. Vor ihm braucht man keine Schuhe mehr auszu-
ziehen. Man verbrennt sich an ihm keine Füße und keine Hände mehr.
30 Wo sind eigentlich die alten, uns verstörenden Bilder und Geschichten geblieben, die über
ihn erzählt wurden? Die Geschichten vom Gericht Gottes, von der Tragik der Schuld, von der
verstörenden Unbegreiflichkeit Gottes, von der Nichtigkeit des Menschen? Ja, natürlich, wir
reden von der Schuld des Menschen. Wir bekennen sie in jedem Gottesdienst. Aber wir beken-
nen sie sozusagen augenzwinkernd. Kaum haben wir die Wörter Schuld und Sünde genannt,
35 so sind sie schon eingewickelt in die allseits verfügbare Vergebung. [...] Wir nehmen uns
nicht ernst als Autoren dieser Welt und unserer Handlungen, wenn wir aus der theologischen
Zaubertüte, kaum dass die Sünde genannt ist, die Vergebung zaubern. Wir nehmen uns nicht
ernst mit den albernen und alles entschuldigenden Sätzen, dass der Mensch „immer schon“
ein Sünder sei. Ein solcher Satz ist der beste Schutz vor aller Bekehrung und Veränderung
40 des Lebens. Wir ersparen uns den Schmerz über ein verspieltes Leben, und damit ersparen
wir uns, wirklich zu wissen, was Gnade und Vergebung ist.
Aber, so wende ich gegen mich ein: Kann die Alltäglichkeit des Glaubens, der Gebete, der
Gottesdienste und der Predigten die Existenzialität, den Ernst und die Tiefe haben, die ihnen
angemessen sind? Ich will, dass es keinen Gottesdienst gibt, ohne dass eine Gemeinde ihre
45 Schuld bekennt. Ich will es, weil es zur Würde und zum Reichtum des Menschen gehört, sich
selber nicht auszuweichen. [...]
Respektlos und trostlos finde ich, dass der Gedanke verblasst, dass Gott anders ist als wir
selbst. Ich finde den Gedanken komisch, dass ich nur in mich selbst hinabsteigen muss, um
Gott zu finden und zu fühlen [...]. Welcher Trost ist es, dass da eine Größe ist, die größer und
50 unerforschlicher ist als meine eigene kleine Größe! Welcher Reichtum, dass das Herz der Welt
reicher ist als wir alle zusammen! Wir haben lange unter der Annahme gelitten, dass Gottes
Größe in seiner herrschaftlichen Überlegenheit besteht; eine Größe, die hauptsächlich dadurch
entsteht, dass wir Menschen uns klein und erbärmlich machen. Es gibt eine andere Größe, die
Größe der Liebe, die alles Begreifen übersteigt. [...]
55 Nein, ich möchte nicht zurück zu dem Gott, den ich in meiner Kindheit gelernt habe; zu dem
Buchhaltergott, der so sehr mit Wiegen, Notieren und Sortieren beschäftigt war. Wir haben
in den letzten Jahrzehnten wohl etwas mehr von der Güte Gottes geschmeckt. Aber auch in
dieser neuen Erkenntnis können wir uns nicht einrichten. Wir müssen weiter, vielleicht durch
viele Gottesfinsternisse hindurch, bis wir in die Nähe jenes Geheimnisses kommen, das uns
60 verbrennt und uns hütet.
1 sakral: heilig.
Fulbert Steffensky: Heimathöhle Religion. Ein Gastrecht für widersprüchliche Gedanken. Stuttgart 2015, S. 84–88 (Auszug).
* Fulbert Steffensky, geb. 1933, studierte katholische und evangelische Theologie und war bis 1998 Professor für Religionspädagogik an der Universität Hamburg.
3. a) Erläutern Sie unter Heranziehung einer Textstelle aus dem Neuen Testament, worin Zuspruch und Anspruch der Reich-Gottes-Botschaft Jesu bestehen, und untersuchen Sie, inwiefern daran deutlich wird, dass Gott „eine Größe ist, die größer und unerforschlicher [...] als meine eigene kleine Größe [ist]“ (Z. 49 – 50). (14 Punkte)
Du kannst auch nach Themen lernen
Übe ein Thema mit gemischten Aufgaben aus den Prüfungen aller Jahre.
- Texterschließung: Thema, Gedankengang und Intention · 32 Aufgaben · 80 % Wahrscheinlichkeit
- Biblisches Reden von Gott: Gottesbilder · 16 Aufgaben · 80 % Wahrscheinlichkeit
- Reich-Gottes-Botschaft Jesu: Zuspruch und Anspruch · 9 Aufgaben · 70 % Wahrscheinlichkeit
- Religionskritik: Feuerbach und moderner Atheismus · 7 Aufgaben · 70 % Wahrscheinlichkeit
- Theodizee: Leid als Preis der Freiheit, der solidarische Gott · 9 Aufgaben · 60 % Wahrscheinlichkeit
- Gericht und Vollendung: Gericht als Hoffnungsbild · 8 Aufgaben · 55 % Wahrscheinlichkeit