Aufgabe HT 2 - 1: Texterschließung · Abitur NRW Jüdische Religionslehre GK · Haupttermin 2023

Thema: Texterschließung: Hauptaussagen, Gedankengang und Intention · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2023)

Aufgabenstellung

Teilaufgabe 1

Geben Sie die zentralen Aussagen des hier abgedruckten Briefes wieder. (23 Punkte)

Brief des Schneur Salman von Ljosna an den Vorstand der jüdischen Gemeinde Mohilew

„An die Fürsten (…) in Mohilew (…) und Führer der dortigen Gemeinde (…), der Segen der

Gnade, des Lebens und des ungetrübten Friedens walte über ihnen.

(…) [Ich bin] bereit, mit Worten unverfälschter Wahrheit volle Aufklärung darüber zu ge-

ben, warum ich der an mich ergangenen Forderung, vor der Versammlung zu erscheinen,

5 nicht entsprochen habe. Gott weiß es und ist Zeuge dessen, daß ich nicht aus Treulosigkeit

und Widerspenstigkeit so gehandelt habe, sondern allein aus Kummer über den an unsere

geschworenen Feinde geschickten Brief, wonach ich unter Anwendung von Brachialgewalt 1

vorgeführt werden sollte, als ob über mich, behüte Gott, wie über irgendeinen verworfenen

Missetäter bereits der Stab gebrochen worden wäre. Ich sollte also erscheinen, um zu dem

10 von Euch schon Vollbrachten meine Zustimmung zu geben, um notgedrungen Amen zu sa-

gen.

Denn ginge es nur um eine regelrechte Disputation, so hätte man mich zum Versammlungs-

termin beizeiten einladen müssen, ehe Euer Zorn sich entladen hatte und an alle Kreise

durch Eilboten Briefe mit den fürchterlichen Verwarnungen versandt worden waren. Was

15 sollte ich also tun? Hinkommen und gegen das bereits Geschehene protestieren? Vielleicht

wäre es richtig gewesen, selbst von diesem Recht fordernden Antwortschreiben Abstand zu

nehmen, doch sagte ich mir: Nun ist der Tag der allgemeinen Versammlung gekommen,

und so möge die Allgemeinheit meine Worte vernehmen, auf daß man erfahre, daß Gott mit

uns ist, während die Behauptungen unserer Feinde völlig halt- und grundlos sind.

20 Indessen bin ich kein Mann der großen Worte, der den Mund weit auftut und seine Zunge

schweifen läßt, daher will ich mich kurz fassen: … um meine Seele bitte ich, um mein Volk

flehe ich, denn wir sind verkauft, ich und mein Volk, und nicht durch Geld, sondern durch

Barmherzigkeit und flehentliches Bitten können wir erlöst werden. So legen wir denn Eu-

ren heiligen Würden die Bitte zu Füßen, daß man keinen von uns verstoße und von den

25 Grenzen Israels fortweise, (…) [wie dies bereits mancherorts geschehen ist,] indem sie eine

Menge Volks aus der Gemeinschaft Israels ausschlossen und die Ausgestoßenen zu Ver-

ächtern der altüberlieferten Lehren stempelten, was eine offensichtliche Lüge ist, da alle,

die uns näher kennen, nur zu gut wissen, daß wir Gläubige, Kinder von Gläubigen sind und

daß wir dieselbe Lehre, dasselbe Gesetz wie alle haben. (…)

30 Wie kam man also dazu, einer Menge Volks schonungs- und erbarmungslos das Recht auf

Leben abzuerkennen, sie für vogelfrei zu erklären und die Beschuldigten, ohne deren

Gründe und Rechtfertigung angehört zu haben, in ihrer Abwesenheit zu verurteilen? Erst

nachdem das Unrecht bereits geschehen war, und die Gemeindeältesten ihr Urteil voll und

ganz auf unerlaubter Zeugenvernehmung aufgebaut hatten, ließen sie mich rufen, damit

35 auch ich meine Hand dazu biete. Hat man es je gehört, je gesehen, daß in einem Falle wie

dem unsrigen, in dem Gut und Blut auf dem Spiele steht, Zeugen ausschlaggebend wären,

die gleichsam dazu geschaffen sind, falsch auszusagen?

Auch wenn es wahr sein sollte, daß unser Geschlecht zuchtlos geworden sei, so können wir

und unsere Gesinnungsgenossen für diese Sünde umso weniger haftbar gemacht werden,

40 als auch wir makellose und glaubwürdige Zeugen zu Hunderten und Tausenden zu stellen

vermögen, die aus eigener Wahrnehmung bestätigen können, daß diese Sünde uns nicht

trifft, daß wir vielmehr an der schriftlichen und mündlichen Lehre mit aller Kraft und mit

unserem ganzen Wesen festhalten, in viel höherem Maße als alle diejenigen, die den oben-

erwähnten Honoratioren 2 als makellos und glaubwürdig gelten.

45 (…) [Es wurde unterlassen, Zeugen] vors Gericht zu zitieren, um sie einem regelrechten

Verhör zu unterziehen. (…) Sie (die Richter) begannen jedoch sogleich mit der Anklage,

weil sie eben nicht im geringsten daran dachten, uns Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Auch wenn sich unter uns jemand fände, den irgend eine Schuld trifft, so müßte auch dann

nur der Frevler der Strafe verfallen, wohingegen wir straffrei ausgehen müßten. (…)

50 Was schließlich Eure Verwunderung über unser Verhalten, sowohl über die neuerdings ge-

druckten Bücher als auch über sonstige Dinge anlangt, so ist dieses Blatt nicht groß genug,

die Lösung all der schwierigen Fragen zu fassen. Darum empfehle ich Eurer geneigten Auf-

merksamkeit den folgenden Vorschlag: mögen sich zur Schlichtung unseres Streites brüder-

lich gesinnte Männer zusammenfinden und, sei es in Eurem oder in unserem Gouverne-

55 ment 3 oder an einem zwischen diesem und jenem gelegenen Orte, hinsetzen, auserlesene

Männer, Kenner des Gesetzes, denen ich jede von mir verlangte Auskunft in fließender

Rede erteilen werde. Auch verpflichte ich mich, vor den Weisen, den bezeichneten Oberen

des Landes, alles, was ihnen in den erwähnten Büchern schwierig erscheinen sollte, aufs

eingehendste zu erklären. Dann werden sie sich mit eigenen Augen davon überzeugen, daß

60 unsere Lehre keineswegs neu ist. Eure Aufgabe ist es nun, zu bestimmen, wann und wo die

zur Vermittlung zwischen uns berufenen, namhaft zu machenden Vertrauensmänner zusam-

mentreten sollen. (…)“

1 Brachialgewalt: rohe körperliche Gewalt

2 Honoratioren: Personen, denen eine große Ehre entgegengebracht wird; hier sind die Gemeindevertreter gemeint.

3 Gouvernement: Verwaltungsbezirk

Ihre Ausarbeitung wurde erfasst. Vergleichen Sie Ihre Ausführungen mit den offiziellen Lösungskriterien.

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Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Geben Sie die zentralen Aussagen des hier abgedruckten Briefes wieder.

Lösung: Umfassende und strukturierte Wiedergabe der Hauptaussagen des Textes unter Berücksichtigung von Autor, Textintention, Argumentationsgang und Lösungsvorschlag.

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