Aufgabe HT 1 - 1 · Abitur NRW Jüdische Religionslehre GK · Haupttermin 2021

Thema: Texterschließung: Hauptaussagen, Gedankengang und Intention · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2021)

Aufgabenstellung

Micha Brumlik

Wetter hausgemacht. Warum wir an Starkregen und Feuersbrünsten selbst schuld sind – und was wir dagegen unternehmen können

Der 2. August war in diesem Jahr der sogenannte »Earth Overshoot Day« (sinngemäß über-

setzt etwa: »Weltüberlastungstag«). Seit 1987 möchte die Organisation »Global Footprint

Network« mit dieser Kampagne jenen Tag im Jahr markieren, an dem nach ihren Berech-

nungen der Verbrauch natürlicher Ressourcen für den menschlichen Konsum die Kapazität

5 der Erde zur Reproduktion dieser Ressourcen übersteigt.

Ab diesem Tag werde dann praktisch in puncto Ressourcenverbrauch »auf Pump« gelebt.

Die Aktivisten wollen damit auf den Raubbau an der Erde und den unverantwortlichen Um-

gang mit Rohstoffen aufmerksam machen. In jedem Jahr wird dieser Tag ein bisschen vor-

verlegt – 1995 war es noch der 21. November.

10 Die Berechnungen des »Global Footprint Network« sind umstritten – wenngleich das An-

liegen, an Naturausbeutung und Ressourcenverschwendung zu erinnern, angesichts von

Klimawandel und ökologischen Katastrophen ein ehrenwertes ist. Wie verhält sich die jüdi-

sche Ethik zu diesem Anliegen? Steht sie auf der Seite derer, die die Natur schützen wollen,

oder derer, die sie ausbeuten?

15 In den späten 70er-Jahren wollten umweltpolitisch und feministisch engagierte christliche

Theologinnen das Judentum und speziell die Hebräische Bibel für Naturunterwerfung und

Umweltzerstörung haftbar machen und entdeckten dabei (wieder einmal!) ihre Liebe zum

angeblich so naturfreundlichen Heidentum. Beweisgrund dafür war das erste Buch Mose,

wo es in Vers 28 – in deutscher Übersetzung – heißt: »Seid fruchtbar und mehret euch und

20 füllt die Erde und macht sie euch untertan.«

Indes: Der Verdacht beruhte auf einer falschen Übersetzung. Präzise übersetzt muss es

nämlich heißen: »… und erobert sie«. Erobern im Sinne der Inbesitznahme eines Geländes,

denn: Menschen können gar nicht anders, als die Erde zu bevölkern. Bei alledem will der

Anschein nicht weichen, als sei das biblische Denken anthropozentrisch 1 und sich seiner

25 natürlichen Grundlagen nicht bewusst.

So wird in talmudischen Debatten wiederholt behauptet, dass Gott alles, sogar den je ein-

zelnen Menschen, zu seinem Ruhm geschaffen hat. Dann aber gehört der von Gott geschaf-

fene Mensch der Schöpfung nicht nur an, sondern wird geradezu aus ihr herausgehoben.

Das aber gilt gemeinhin als Ausdruck einer einzig allein auf den Menschen bezogenen, den

30 Rest der Schöpfung vernachlässigenden Ethik.

Im Traktat Sanhedrin 37a erklärt die Mischna: »Jedem, der eine israelitische Seele rettet,

wird es so angerechnet, als ob er die ganze Schöpfung gerettet habe.« Auch die spätantiken

Avot de Rabbi Natan beglaubigen dieses Prinzip – erklärt doch dort ein Rabbi Nehemia:

»Ein Mensch gleicht in seinem Wert dem ganzen Werk der Schöpfung.«

35 Das wird bisweilen so interpretiert, als ginge es im Sinne einer utilitaristischen 2 Ethik um

eine Güterabwägung. Freilich: Man kann diese Passage auch anders deuten. Nämlich im

Sinne einer Ethik der Entsprechung, der Korrespondenz und der Kooperation: Gerade weil

der Wert eines Menschen – der immerhin das Ebenbild Gottes ist – ebenso wertvoll wie die

ganze Schöpfung ist, die demnach auch den Wert eines Ebenbildes Gottes hat. Psalm 24,1

40 beglaubigt jedenfalls: »Dem Herrn gehört die Erde und was sie erfüllt.«

All dies nahm schon im alten Israel, vor 3000 Jahren, nicht nur ethische, sondern konkrete

politische, rechtliche Formen an. Ja, die Menschheit soll demnach die Erde bevölkern und –

was die pseudoökologischen Kritikerinnen damals übersahen – sie gemäß göttlicher Wei-

sung respekt- und schonungsvoll behandeln.

45 Das galt zumal für die Kinder Israels, denen für den Besitz und die Bewirtschaftung von

Land gemäß dem zweiten Buch Mose 23, 10–11 Folgendes aufgegeben war: »Sechs Jahre

kannst du in deinem Land säen und die Ernte einbringen; im siebten sollst du es brachlie-

gen lassen und nicht bestellen. Die Armen in deinem Volk sollen davon essen, den Rest

mögen die Tiere des Feldes fressen. Das Gleiche sollst du mit deinem Weinberg und deinen

50 Ölbäumen tun.« Agrarökologen fordern dies heute anlässlich von Ernteeinbußen durch

Schädlingsbefall in ähnlicher Weise wieder.

Der talmudische Traktat Shabbat 10a rechnet es zudem gerechten Richtern so an, als seien

sie am Schöpfungswerk beteiligt. Die Summe jüdischer Umweltethik aber findet sich in

dem Midrasch Kohelet Rabbah, einem spätantiken Kommentar zu Prediger 7,13, in dem es

55 heißt: »Als Gott die ersten Menschen schuf, führte er sie durch den Garten Eden und sprach

zu ihnen: ›Seht Meine Werke. Seht, wie schön und wunderbar sie sind. Für euch habe Ich

sie alle geschaffen. Achtet darauf, dass ihr Meine Welt weder verderbt noch zerstört, denn:

Wenn ihr das tut, wird niemand mehr da sein, um sie wiederherzustellen.‹«

Am Beispiel der prophetischen Verheißungen sowie der biblischen Regeln des Sabbatjahres

60 sowie ihrer rabbinischen Weiterentwicklung und -deutung wird ersichtlich, worum es bei

einer jüdischen Ethik der Schöpfung und damit der natürlichen Umwelt der Menschen geht:

um eine Verantwortungspartnerschaft zwischen Gott und den Menschen, um die den Men-

schen aufgegebene Verantwortung, im Dank für seine Lebens- und Entfaltungsmöglichkei-

ten auf dieser Erde ihr Gedeihen achtsam zu bewahren.

65 Für die Propheten Israels gar war jedenfalls keine andere messianische Zeit, keine andere

Erlösung denkbar als eine, die nicht nur Frieden zwischen den Menschen, sondern auch ei-

nen allumfassenden Frieden zwischen Mensch und Natur sowie auch innerhalb der Natur

stiftet – so in Jesaja 65,25: »Wolf und Lamm werden einträchtig weiden, und der Löwe

wird Stroh fressen wie das Rind …«

1 anthropozentrisch: den Menschen in den Mittelpunkt stellend

2 utilitaristische Ethik: zweckorientierte Ethik

1. Geben Sie die zentralen Aussagen des Textes von Micha Brumlik wieder und arbeiten Sie dabei heraus, was er vom Menschen im Umgang mit der Natur verlangt. (20 Punkte)

Aufgabenstellung: Aufgabe HT 1 - 1 · Abitur NRW Jüdische Religionslehre GK · Haupttermin 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Geben Sie die zentralen Aussagen des Textes von Micha Brumlik wieder und arbeiten Sie dabei heraus, was er vom Menschen im Umgang mit der Natur verlangt. (20 Punkte)

Lösung: Erwartet wird eine differenzierte Textwiedergabe und Herausarbeitung der Forderungen gemäß den Bewertungskriterien.

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