Abitur NRW Jüdische Religionslehre 2023 · GK · Haupttermin

Abiturprüfung Jüdische Religionslehre in Nordrhein-Westfalen 2023, GK · Haupttermin: 7 Aufgaben mit Lösungen. Mit automatischer Korrektur.

Themen der Prüfung: Texterschließung: Hauptaussagen, Gedankengang und Intention · Das Verhältnis von Gtt und Mensch: Geschöpf und Ebenbild · Verantwortliches Handeln: Tikkun Olam, Tiere und Schöpfung · Judentum in Geschichte und Gegenwart: Chassidismus, Haskala, Zionismus

Aufgabe HT 1 - 1: Texterschließung · Texterschließung: Hauptaussagen, Gedankengang und Intention

Omri Boehm

Israel – Eine Utopie

Im Oktober 2013 lehnte Israels Oberstes Gericht das Adjektiv »israelisch« als offizielle

amtliche Bezeichnung in Israel ab. Die Antragsteller, die auf ihren Personalausweisen nicht

als »jüdisch«, sondern als »israelisch« bezeichnet werden wollten, hätten die Existenz einer

»israelischen Nation« nicht »hinreichend bewiesen«, so die Richter. Auf absehbare Zeit

5 bleibt die amtliche Bezeichnung der Bevölkerungsmehrheit in Israel somit »jüdisch«. Ara-

bische Staatsbürger werden oft als »arabisch«, gelegentlich auch als »Minderheit« bezeich-

net. Wenn wir einmal von der ironischen Pointe absehen, dass ein israelisches Gericht

diese Entscheidung traf, so brachte das Urteil zweifellos einen lagerübergreifenden Kon-

sens in Israels jüdischer Gesellschaft zum Ausdruck: Das Land ist jüdisch und soll jüdisch

10 bleiben. Tatsächlich gehen Zionisten heute selbstverständlich davon aus, dass die Existenz

eines jüdischen Staates in Palästina der ganze Sinn und Zweck des Zionismus ist.

Kann ein Land aber jüdisch und demokratisch zugleich sein? Und ist es wahr, dass Zionis-

mus zwangsläufig darin besteht, die Idee eines jüdischen Staats zu unterstützen? […]

Eine der klarsten Formulierungen der zeitgenössischen liberalzionistischen Überzeugungen

15 stammt aus der Feder des israelischen Philosophen Moshe Halbertal. In einem einflussrei-

chen Artikel für die Zeitung Haaretz wischte er die Diskussion, ob ein jüdischer Staat eine

liberale Demokratie sein könne, einfach vom Tisch. Eine politisch-intellektuell ernsthafte

Debatte solle sich lieber der Frage widmen, » welche Art jüdischen Staat wir [in Israel] ha-

ben wollen « (meine Hervorhebung). Es lohnt sich, Halbertals Essay aufmerksam zu lesen.

20 Er enthält die überzeugendste Begründung eines liberalen Zionismus, die momentan zu ha-

ben ist. Zugleich müssen wir endlich einsehen, dass auch diese Begründung mehr als man-

gelhaft ist.

Um herauszufinden, ob die Idee einer jüdischen liberalen Demokratie ein Widerspruch in

sich ist, schreibt Halbertal, müsse man erst einmal »herausfinden, was ein jüdischer Staat

25 ist«. Wie er ausführt, »ist es natürlich möglich, dem Adjektiv ›jüdisch‹ eine nationalistische

oder eine religiös-fundamentalistische Bedeutung beizulegen und dann zu argumentieren,

eine [jüdisch-demokratische] Kombination sei unmöglich, aber dies wäre ein Zirkelschluss

und ziemlich fruchtlos.« Der Vorwurf des Zirkelschlusses trifft zwar zu, führt aber dennoch

in die Irre. Die Frage ist nämlich, ob überhaupt eine Definition des Adjektivs »jüdisch« und

30 überhaupt eine Definition dessen, wer jüdisch ist und wer nicht, die Voraussetzung für ei-

nen zugleich jüdischen und liberaldemokratischen Staat erfüllen könnte. Diese Frage wird

in Halbertals Essay jedoch nicht mit wünschenswerter Klarheit gestellt, wenngleich seine

Antwort aus dem Text hervorgeht. Diese Antwort ist uns hinlänglich vertraut: Das Juden-

tum muss (selbstverständlich) weder als fundamentalistische Religion noch als nationalisti-

35 sche Ideologie, sondern kann auch als eine pluralistische kulturelle Identität verstanden wer-

den. Da Halbertal an die Existenz eines »Rechts auf Kultur« glaubt und ein demokratischer

Liberalismus für ihn keine kulturelle Neutralität seitens des Staates erfordert, gebe es folg-

lich keinen grundsätzlichen Widerspruch in seiner Konzeption eines liberalen jüdischen

Staates.

40 In einem älteren Aufsatz, den Halbertal zusammen mit Avishai Margalit unter dem Titel

»Liberalismus und das Recht auf Kultur« veröffentlicht hat, argumentieren die beiden Phi-

losophen: »Menschliche Lebewesen haben ein Recht auf Kultur – nicht nur auf irgendeine,

sondern auf ihre eigene Kultur « (meine Hervorhebung). Da die Persönlichkeit eines Men-

schen unter anderem durch seine besondere Kultur bestimmt sei, habe dieser das Recht, seine

45 Kultur zu bewahren und für ihr Gedeihen zu sorgen. Angesichts dieses Rechts sei es zudem

die Pflicht des Souveräns, nicht nur die Kultur in irgendeinem kosmopolitischen Sinn zu vertei-

digen; der Souverän muss vielmehr die Samthandschuhe der kulturellen Neutralität ablegen,

durch die sich liberale Demokratien mitunter auszeichnen, und die Rechte seiner Bürgerinnen

auf ihre jeweiligen Kulturen aktiv verteidigen. Wie Margalit und Halbertal schreiben: »Das

50 Recht auf Kultur in einem liberalen Staat erlaubt es dem Staat, [kulturell] neutral (wenn

überhaupt) nur gegenüber der Leitkultur der Mehrheit zu sein, und dies nur unter der Vo-

raussetzung, dass die Leitkultur für sich selbst sorgen kann.« In seinem Haaretz -Artikel

wendet Halbertal diese Logik auf die Frage des Zionismus an: Wohl ist Israel verpflichtet,

das Recht seiner Minderheiten auf ihre je eigenen Kulturen zu schützen, doch ist es zu-

55 gleich sein Recht, ja sogar seine Pflicht, das Recht der Mehrheit auf ihr Judentum zu schüt-

zen. […]

Auszug aus: Omri Boehm, Israel – Eine Utopie, Berlin 2020, S. 145–148.

1.

Stellen Sie die Argumentationsschritte des Textes dar und arbeiten Sie dessen wesentliche Kernaussagen heraus. (20 Punkte)

Aufgabe HT 1 - 2 und 3: Zionismus und jüdische Id… · Judentum in Geschichte und Gegenwart: Chassidismus, Haskala, Zionismus

Omri Boehm

Israel – Eine Utopie

Im Oktober 2013 lehnte Israels Oberstes Gericht das Adjektiv »israelisch« als offizielle

amtliche Bezeichnung in Israel ab. Die Antragsteller, die auf ihren Personalausweisen nicht

als »jüdisch«, sondern als »israelisch« bezeichnet werden wollten, hätten die Existenz einer

»israelischen Nation« nicht »hinreichend bewiesen«, so die Richter. Auf absehbare Zeit

5 bleibt die amtliche Bezeichnung der Bevölkerungsmehrheit in Israel somit »jüdisch«. Ara-

bische Staatsbürger werden oft als »arabisch«, gelegentlich auch als »Minderheit« bezeich-

net. Wenn wir einmal von der ironischen Pointe absehen, dass ein israelisches Gericht

diese Entscheidung traf, so brachte das Urteil zweifellos einen lagerübergreifenden Kon-

sens in Israels jüdischer Gesellschaft zum Ausdruck: Das Land ist jüdisch und soll jüdisch

10 bleiben. Tatsächlich gehen Zionisten heute selbstverständlich davon aus, dass die Existenz

eines jüdischen Staates in Palästina der ganze Sinn und Zweck des Zionismus ist.

Kann ein Land aber jüdisch und demokratisch zugleich sein? Und ist es wahr, dass Zionis-

mus zwangsläufig darin besteht, die Idee eines jüdischen Staats zu unterstützen? […]

Eine der klarsten Formulierungen der zeitgenössischen liberalzionistischen Überzeugungen

15 stammt aus der Feder des israelischen Philosophen Moshe Halbertal. In einem einflussrei-

chen Artikel für die Zeitung Haaretz wischte er die Diskussion, ob ein jüdischer Staat eine

liberale Demokratie sein könne, einfach vom Tisch. Eine politisch-intellektuell ernsthafte

Debatte solle sich lieber der Frage widmen, » welche Art jüdischen Staat wir [in Israel] ha-

ben wollen « (meine Hervorhebung). Es lohnt sich, Halbertals Essay aufmerksam zu lesen.

20 Er enthält die überzeugendste Begründung eines liberalen Zionismus, die momentan zu ha-

ben ist. Zugleich müssen wir endlich einsehen, dass auch diese Begründung mehr als man-

gelhaft ist.

Um herauszufinden, ob die Idee einer jüdischen liberalen Demokratie ein Widerspruch in

sich ist, schreibt Halbertal, müsse man erst einmal »herausfinden, was ein jüdischer Staat

25 ist«. Wie er ausführt, »ist es natürlich möglich, dem Adjektiv ›jüdisch‹ eine nationalistische

oder eine religiös-fundamentalistische Bedeutung beizulegen und dann zu argumentieren,

eine [jüdisch-demokratische] Kombination sei unmöglich, aber dies wäre ein Zirkelschluss

und ziemlich fruchtlos.« Der Vorwurf des Zirkelschlusses trifft zwar zu, führt aber dennoch

in die Irre. Die Frage ist nämlich, ob überhaupt eine Definition des Adjektivs »jüdisch« und

30 überhaupt eine Definition dessen, wer jüdisch ist und wer nicht, die Voraussetzung für ei-

nen zugleich jüdischen und liberaldemokratischen Staat erfüllen könnte. Diese Frage wird

in Halbertals Essay jedoch nicht mit wünschenswerter Klarheit gestellt, wenngleich seine

Antwort aus dem Text hervorgeht. Diese Antwort ist uns hinlänglich vertraut: Das Juden-

tum muss (selbstverständlich) weder als fundamentalistische Religion noch als nationalisti-

35 sche Ideologie, sondern kann auch als eine pluralistische kulturelle Identität verstanden wer-

den. Da Halbertal an die Existenz eines »Rechts auf Kultur« glaubt und ein demokratischer

Liberalismus für ihn keine kulturelle Neutralität seitens des Staates erfordert, gebe es folg-

lich keinen grundsätzlichen Widerspruch in seiner Konzeption eines liberalen jüdischen

Staates.

40 In einem älteren Aufsatz, den Halbertal zusammen mit Avishai Margalit unter dem Titel

»Liberalismus und das Recht auf Kultur« veröffentlicht hat, argumentieren die beiden Phi-

losophen: »Menschliche Lebewesen haben ein Recht auf Kultur – nicht nur auf irgendeine,

sondern auf ihre eigene Kultur « (meine Hervorhebung). Da die Persönlichkeit eines Men-

schen unter anderem durch seine besondere Kultur bestimmt sei, habe dieser das Recht, seine

45 Kultur zu bewahren und für ihr Gedeihen zu sorgen. Angesichts dieses Rechts sei es zudem

die Pflicht des Souveräns, nicht nur die Kultur in irgendeinem kosmopolitischen Sinn zu vertei-

digen; der Souverän muss vielmehr die Samthandschuhe der kulturellen Neutralität ablegen,

durch die sich liberale Demokratien mitunter auszeichnen, und die Rechte seiner Bürgerinnen

auf ihre jeweiligen Kulturen aktiv verteidigen. Wie Margalit und Halbertal schreiben: »Das

50 Recht auf Kultur in einem liberalen Staat erlaubt es dem Staat, [kulturell] neutral (wenn

überhaupt) nur gegenüber der Leitkultur der Mehrheit zu sein, und dies nur unter der Vo-

raussetzung, dass die Leitkultur für sich selbst sorgen kann.« In seinem Haaretz -Artikel

wendet Halbertal diese Logik auf die Frage des Zionismus an: Wohl ist Israel verpflichtet,

das Recht seiner Minderheiten auf ihre je eigenen Kulturen zu schützen, doch ist es zu-

55 gleich sein Recht, ja sogar seine Pflicht, das Recht der Mehrheit auf ihr Judentum zu schüt-

zen. […]

Auszug aus: Omri Boehm, Israel – Eine Utopie, Berlin 2020, S. 145–148.

2.

Entfalten Sie in Grundzügen, welche Bedeutung der Zionismus für die Entstehung des modernen Staates Israel hatte. Erläutern Sie, ob der Zionismus der Gegenwart notwendigerweise die Idee eines jüdischen Staats befürworten muss (Z. 12 f.). (32 Punkte)

3.

Im Text wird die Forderung der israelischen Philosophen Halbertal und Margalit angeführt, jeder Mensch habe ein Recht auf die eigene Kultur (Z. 42 f.). Erörtern Sie, welche Konsequenzen sich aus dieser Forderung ergeben könnten, und nehmen Sie abschließend begründet Stellung. (28 Punkte)

Aufgabe HT 2 - 1: Texterschließung · Texterschließung: Hauptaussagen, Gedankengang und Intention

Teilaufgabe 1

Geben Sie die zentralen Aussagen des hier abgedruckten Briefes wieder. (23 Punkte)

Brief des Schneur Salman von Ljosna an den Vorstand der jüdischen Gemeinde Mohilew

„An die Fürsten (…) in Mohilew (…) und Führer der dortigen Gemeinde (…), der Segen der

Gnade, des Lebens und des ungetrübten Friedens walte über ihnen.

(…) [Ich bin] bereit, mit Worten unverfälschter Wahrheit volle Aufklärung darüber zu ge-

ben, warum ich der an mich ergangenen Forderung, vor der Versammlung zu erscheinen,

5 nicht entsprochen habe. Gott weiß es und ist Zeuge dessen, daß ich nicht aus Treulosigkeit

und Widerspenstigkeit so gehandelt habe, sondern allein aus Kummer über den an unsere

geschworenen Feinde geschickten Brief, wonach ich unter Anwendung von Brachialgewalt 1

vorgeführt werden sollte, als ob über mich, behüte Gott, wie über irgendeinen verworfenen

Missetäter bereits der Stab gebrochen worden wäre. Ich sollte also erscheinen, um zu dem

10 von Euch schon Vollbrachten meine Zustimmung zu geben, um notgedrungen Amen zu sa-

gen.

Denn ginge es nur um eine regelrechte Disputation, so hätte man mich zum Versammlungs-

termin beizeiten einladen müssen, ehe Euer Zorn sich entladen hatte und an alle Kreise

durch Eilboten Briefe mit den fürchterlichen Verwarnungen versandt worden waren. Was

15 sollte ich also tun? Hinkommen und gegen das bereits Geschehene protestieren? Vielleicht

wäre es richtig gewesen, selbst von diesem Recht fordernden Antwortschreiben Abstand zu

nehmen, doch sagte ich mir: Nun ist der Tag der allgemeinen Versammlung gekommen,

und so möge die Allgemeinheit meine Worte vernehmen, auf daß man erfahre, daß Gott mit

uns ist, während die Behauptungen unserer Feinde völlig halt- und grundlos sind.

20 Indessen bin ich kein Mann der großen Worte, der den Mund weit auftut und seine Zunge

schweifen läßt, daher will ich mich kurz fassen: … um meine Seele bitte ich, um mein Volk

flehe ich, denn wir sind verkauft, ich und mein Volk, und nicht durch Geld, sondern durch

Barmherzigkeit und flehentliches Bitten können wir erlöst werden. So legen wir denn Eu-

ren heiligen Würden die Bitte zu Füßen, daß man keinen von uns verstoße und von den

25 Grenzen Israels fortweise, (…) [wie dies bereits mancherorts geschehen ist,] indem sie eine

Menge Volks aus der Gemeinschaft Israels ausschlossen und die Ausgestoßenen zu Ver-

ächtern der altüberlieferten Lehren stempelten, was eine offensichtliche Lüge ist, da alle,

die uns näher kennen, nur zu gut wissen, daß wir Gläubige, Kinder von Gläubigen sind und

daß wir dieselbe Lehre, dasselbe Gesetz wie alle haben. (…)

30 Wie kam man also dazu, einer Menge Volks schonungs- und erbarmungslos das Recht auf

Leben abzuerkennen, sie für vogelfrei zu erklären und die Beschuldigten, ohne deren

Gründe und Rechtfertigung angehört zu haben, in ihrer Abwesenheit zu verurteilen? Erst

nachdem das Unrecht bereits geschehen war, und die Gemeindeältesten ihr Urteil voll und

ganz auf unerlaubter Zeugenvernehmung aufgebaut hatten, ließen sie mich rufen, damit

35 auch ich meine Hand dazu biete. Hat man es je gehört, je gesehen, daß in einem Falle wie

dem unsrigen, in dem Gut und Blut auf dem Spiele steht, Zeugen ausschlaggebend wären,

die gleichsam dazu geschaffen sind, falsch auszusagen?

Auch wenn es wahr sein sollte, daß unser Geschlecht zuchtlos geworden sei, so können wir

und unsere Gesinnungsgenossen für diese Sünde umso weniger haftbar gemacht werden,

40 als auch wir makellose und glaubwürdige Zeugen zu Hunderten und Tausenden zu stellen

vermögen, die aus eigener Wahrnehmung bestätigen können, daß diese Sünde uns nicht

trifft, daß wir vielmehr an der schriftlichen und mündlichen Lehre mit aller Kraft und mit

unserem ganzen Wesen festhalten, in viel höherem Maße als alle diejenigen, die den oben-

erwähnten Honoratioren 2 als makellos und glaubwürdig gelten.

45 (…) [Es wurde unterlassen, Zeugen] vors Gericht zu zitieren, um sie einem regelrechten

Verhör zu unterziehen. (…) Sie (die Richter) begannen jedoch sogleich mit der Anklage,

weil sie eben nicht im geringsten daran dachten, uns Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Auch wenn sich unter uns jemand fände, den irgend eine Schuld trifft, so müßte auch dann

nur der Frevler der Strafe verfallen, wohingegen wir straffrei ausgehen müßten. (…)

50 Was schließlich Eure Verwunderung über unser Verhalten, sowohl über die neuerdings ge-

druckten Bücher als auch über sonstige Dinge anlangt, so ist dieses Blatt nicht groß genug,

die Lösung all der schwierigen Fragen zu fassen. Darum empfehle ich Eurer geneigten Auf-

merksamkeit den folgenden Vorschlag: mögen sich zur Schlichtung unseres Streites brüder-

lich gesinnte Männer zusammenfinden und, sei es in Eurem oder in unserem Gouverne-

55 ment 3 oder an einem zwischen diesem und jenem gelegenen Orte, hinsetzen, auserlesene

Männer, Kenner des Gesetzes, denen ich jede von mir verlangte Auskunft in fließender

Rede erteilen werde. Auch verpflichte ich mich, vor den Weisen, den bezeichneten Oberen

des Landes, alles, was ihnen in den erwähnten Büchern schwierig erscheinen sollte, aufs

eingehendste zu erklären. Dann werden sie sich mit eigenen Augen davon überzeugen, daß

60 unsere Lehre keineswegs neu ist. Eure Aufgabe ist es nun, zu bestimmen, wann und wo die

zur Vermittlung zwischen uns berufenen, namhaft zu machenden Vertrauensmänner zusam-

mentreten sollen. (…)“

1 Brachialgewalt: rohe körperliche Gewalt

2 Honoratioren: Personen, denen eine große Ehre entgegengebracht wird; hier sind die Gemeindevertreter gemeint.

3 Gouvernement: Verwaltungsbezirk

Ihre Ausarbeitung wurde erfasst. Vergleichen Sie Ihre Ausführungen mit den offiziellen Lösungskriterien.

Aufgabe HT 2 - 2 und 3: Chassidismus · Judentum in Geschichte und Gegenwart: Chassidismus, Haskala, Zionismus

Teilaufgaben 2 und 3: Chassidismus

Brief des Schneur Salman von Ljosna an den Vorstand der jüdischen Gemeinde Mohilew

„An die Fürsten (…) in Mohilew (…) und Führer der dortigen Gemeinde (…), der Segen der

Gnade, des Lebens und des ungetrübten Friedens walte über ihnen.

(…) [Ich bin] bereit, mit Worten unverfälschter Wahrheit volle Aufklärung darüber zu ge-

ben, warum ich der an mich ergangenen Forderung, vor der Versammlung zu erscheinen,

5 nicht entsprochen habe. Gott weiß es und ist Zeuge dessen, daß ich nicht aus Treulosigkeit

und Widerspenstigkeit so gehandelt habe, sondern allein aus Kummer über den an unsere

geschworenen Feinde geschickten Brief, wonach ich unter Anwendung von Brachialgewalt 1

vorgeführt werden sollte, als ob über mich, behüte Gott, wie über irgendeinen verworfenen

Missetäter bereits der Stab gebrochen worden wäre. Ich sollte also erscheinen, um zu dem

10 von Euch schon Vollbrachten meine Zustimmung zu geben, um notgedrungen Amen zu sa-

gen.

Denn ginge es nur um eine regelrechte Disputation, so hätte man mich zum Versammlungs-

termin beizeiten einladen müssen, ehe Euer Zorn sich entladen hatte und an alle Kreise

durch Eilboten Briefe mit den fürchterlichen Verwarnungen versandt worden waren. Was

15 sollte ich also tun? Hinkommen und gegen das bereits Geschehene protestieren? Vielleicht

wäre es richtig gewesen, selbst von diesem Recht fordernden Antwortschreiben Abstand zu

nehmen, doch sagte ich mir: Nun ist der Tag der allgemeinen Versammlung gekommen,

und so möge die Allgemeinheit meine Worte vernehmen, auf daß man erfahre, daß Gott mit

uns ist, während die Behauptungen unserer Feinde völlig halt- und grundlos sind.

20 Indessen bin ich kein Mann der großen Worte, der den Mund weit auftut und seine Zunge

schweifen läßt, daher will ich mich kurz fassen: … um meine Seele bitte ich, um mein Volk

flehe ich, denn wir sind verkauft, ich und mein Volk, und nicht durch Geld, sondern durch

Barmherzigkeit und flehentliches Bitten können wir erlöst werden. So legen wir denn Eu-

ren heiligen Würden die Bitte zu Füßen, daß man keinen von uns verstoße und von den

25 Grenzen Israels fortweise, (…) [wie dies bereits mancherorts geschehen ist,] indem sie eine

Menge Volks aus der Gemeinschaft Israels ausschlossen und die Ausgestoßenen zu Ver-

ächtern der altüberlieferten Lehren stempelten, was eine offensichtliche Lüge ist, da alle,

die uns näher kennen, nur zu gut wissen, daß wir Gläubige, Kinder von Gläubigen sind und

daß wir dieselbe Lehre, dasselbe Gesetz wie alle haben. (…)

30 Wie kam man also dazu, einer Menge Volks schonungs- und erbarmungslos das Recht auf

Leben abzuerkennen, sie für vogelfrei zu erklären und die Beschuldigten, ohne deren

Gründe und Rechtfertigung angehört zu haben, in ihrer Abwesenheit zu verurteilen? Erst

nachdem das Unrecht bereits geschehen war, und die Gemeindeältesten ihr Urteil voll und

ganz auf unerlaubter Zeugenvernehmung aufgebaut hatten, ließen sie mich rufen, damit

35 auch ich meine Hand dazu biete. Hat man es je gehört, je gesehen, daß in einem Falle wie

dem unsrigen, in dem Gut und Blut auf dem Spiele steht, Zeugen ausschlaggebend wären,

die gleichsam dazu geschaffen sind, falsch auszusagen?

Auch wenn es wahr sein sollte, daß unser Geschlecht zuchtlos geworden sei, so können wir

und unsere Gesinnungsgenossen für diese Sünde umso weniger haftbar gemacht werden,

40 als auch wir makellose und glaubwürdige Zeugen zu Hunderten und Tausenden zu stellen

vermögen, die aus eigener Wahrnehmung bestätigen können, daß diese Sünde uns nicht

trifft, daß wir vielmehr an der schriftlichen und mündlichen Lehre mit aller Kraft und mit

unserem ganzen Wesen festhalten, in viel höherem Maße als alle diejenigen, die den oben-

erwähnten Honoratioren 2 als makellos und glaubwürdig gelten.

45 (…) [Es wurde unterlassen, Zeugen] vors Gericht zu zitieren, um sie einem regelrechten

Verhör zu unterziehen. (…) Sie (die Richter) begannen jedoch sogleich mit der Anklage,

weil sie eben nicht im geringsten daran dachten, uns Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Auch wenn sich unter uns jemand fände, den irgend eine Schuld trifft, so müßte auch dann

nur der Frevler der Strafe verfallen, wohingegen wir straffrei ausgehen müßten. (…)

50 Was schließlich Eure Verwunderung über unser Verhalten, sowohl über die neuerdings ge-

druckten Bücher als auch über sonstige Dinge anlangt, so ist dieses Blatt nicht groß genug,

die Lösung all der schwierigen Fragen zu fassen. Darum empfehle ich Eurer geneigten Auf-

merksamkeit den folgenden Vorschlag: mögen sich zur Schlichtung unseres Streites brüder-

lich gesinnte Männer zusammenfinden und, sei es in Eurem oder in unserem Gouverne-

55 ment 3 oder an einem zwischen diesem und jenem gelegenen Orte, hinsetzen, auserlesene

Männer, Kenner des Gesetzes, denen ich jede von mir verlangte Auskunft in fließender

Rede erteilen werde. Auch verpflichte ich mich, vor den Weisen, den bezeichneten Oberen

des Landes, alles, was ihnen in den erwähnten Büchern schwierig erscheinen sollte, aufs

eingehendste zu erklären. Dann werden sie sich mit eigenen Augen davon überzeugen, daß

60 unsere Lehre keineswegs neu ist. Eure Aufgabe ist es nun, zu bestimmen, wann und wo die

zur Vermittlung zwischen uns berufenen, namhaft zu machenden Vertrauensmänner zusam-

mentreten sollen. (…)“

1 Brachialgewalt: rohe körperliche Gewalt

2 Honoratioren: Personen, denen eine große Ehre entgegengebracht wird; hier sind die Gemeindevertreter gemeint.

3 Gouvernement: Verwaltungsbezirk

2.

Erläutern Sie auf der Grundlage des Textes, in welchem Verhältnis das traditionelle Judentum jener Zeit und der Chassidismus zueinander standen, und bringen Sie Ihre Ausführungen danach mit dem Text in Zusammenhang. (31 Punkte)

3.

Erörtern Sie, worin die Stärken und Schwächen des Chassidismus liegen, und nehmen Sie Stellung dazu, ob diese Bewegung die gegenwärtige Entwicklung der jüdischen Gemeinschaft stärker prägen sollte. (26 Punkte)

Ihre Ausarbeitungen sind gespeichert. Vergleichen Sie Ihre Erläuterung und Ihre Erörterung mit den offiziellen Lösungskriterien.

Aufgabe HT 3 - 1: Texterschließung · Texterschließung: Hauptaussagen, Gedankengang und Intention

Beackern und bewahren

Rabbiner Tovia Ben-Chorin sprach auf einer ZWST-Tagung über ökologische Regeln in den Schriften

Im Judentum gehören Ökologie und Gerechtigkeit zusammen. So lautete die These eines

Vortrages von Rabbiner Tovia Ben-Chorin bei einem Ökologie-Seminar für junge Erwach-

sene der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST), das am vergangenen

Freitag in Berlin stattfand. »Man kann nicht ethisch mit der Gesellschaft umgehen und die

5 Natur plündern. Man kann auch nicht ethisch mit der Natur umgehen und die Gesellschaft

plündern«, sagt der liberale Rabbiner.

Für seine These findet Tovia Ben-Chorin zahlreiche Belege in der Bibel und in der jüdi-

schen Tradition – so zum Beispiel den Kiddusch, die Heiligungszeremonie am Schabbat

mit Wein, Händewaschen und Brot. Der Kiddusch erinnere an zweierlei: an den Auszug aus

10 Ägypten und die Flucht aus der Sklaverei sowie an die Schöpfung. In der Lesart von Ben-

Chorin: an soziale Gerechtigkeit und an Ökologie. »Im Judentum gab es schon eine Sensi-

bilität für ökologische Fragen, als es das Wort Ökologie noch gar nicht gab«, sagt Ben-

Chorin.

Zwischen Schöpfer, Schöpfung und Erschaffenen bestehe ein »intimes Verhältnis«. Auftrag

15 des Menschen gegenüber der Natur sei es, wie in der Tora formuliert, le ovda uleshomra –

sie zu beackern und zu bewahren (1. Buch Mose 2, 15). In der Schrift bezieht sich dieser

Auftrag zunächst einmal auf den Garten Eden.

Dass die Schöpfung noch viel mehr ist als die Erschaffung des Menschen, ist unter anderem

im Buch Hiob nachzulesen. Dort hält Gott Hiob entgegen: »Bist du gekommen in die Spei-

20 cher des Schnees? Und hast du gesehen die Speicher des Hagels? (...) Wer hat aufgeteilt der

Regenflut Kanäle, und eine Bahn dem donnernden Blitz, zu regnen auf menschenleere Län-

der, auf Wüsten, worin niemand ist, zu sättigen Öde und Graus, und hervorzutreiben den

Aufwuchs des Grases? Hat der Regen einen Vater, und wer zeugte die Tropfen des Taus?«

(Hiob 38, 22). Hier steht für Ben-Chorin zwar die Natur im Mittelpunkt, doch überwiege in

25 der Bibel die »anthropozentrische Auffassung« – ein Weltbild, in dessen Mittelpunkt der

Mensch steht.

Ein wichtiges Argument für Ben-Chorin sind der Schabbat und das Schmitta-Jahr. Der

Schabbat ist der Tag, an dem Menschen und Tiere ruhen, an dem es verboten ist, eine Sub-

stanz von einem Zustand in den anderen zu bringen. Das Schmitta-Jahr entspricht dem

30 Schabbat im größeren Rhythmus der Jahre. Im Buch Exodus heißt es: »Und sechs Jahre be-

säe dein Land und sammle dessen Ertrag. Aber im siebten lasse es brach und gib es preis,

dass davon essen die Dürftigen deines Volkes, und was die übrig lassen, mag das Getier des

Feldes essen; so mache es mit deinem Weinberge, mit deinem Ölbaum« (2. Buch Mose

23, 10). Auch hier gehören Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit zusammen.

35 Besonders betont Ben-Chorin, dass das Gebot des Schmitta-Jahres nur im Land Israel An-

wendung findet. »Das bedeutet: Wenn ihr in eurem Land seid, dann müsst ihr euch ethisch

benehmen«, so der Rabbiner. Wenn Juden das Leben und den Alltag eines Landes bestim-

men dürften, dann sei das mit besonderen sozialen Verpflichtungen verbunden. Umgekehrt

kenne das 3. Buch Mose die Vorstellung, dass das Land die Israeliten wieder ausspeit –

40 Ben-Chorin sagt: »auskotzt« –, wenn sie sich nicht an die Gebote halten. Auch das Land

habe eine Seele, die man verletzen könne.

Im 5. Buch Mose heißt es: »Es wird sein, wenn ihr auf Meine Gebote immer hören werdet,

die ich euch heute gebiete, den Ewigen, Euren Gott, zu lieben und ihm zu dienen mit gan-

zem Herzen und mit ganzer Seele, so werde ich den Regen eures Landes zur richtigen Zeit

45 geben, du wirst dein Getreide einsammeln, deinen Most und dein Öl. Ich werde das Gras

für dein Vieh geben, du wirst essen und satt werden« (5. Buch Mose 11, 13). Wenn aber die

Israeliten andere Götter verehren, bleibt der Regen aus, und die Erde wird unfruchtbar. Ju-

den zitieren diese Bibelstelle dreimal täglich im Schma Israel.

Im Midrasch Kohelet Rabba heißt es: »Gott nahm Adam und zeigte ihm den Garten Eden.

50 ›Siehe‹, sagte Er, ›wie wunderschön, wie großartig meine Welt ist. Und ich habe sie für

dich geschaffen. Zerstöre sie nicht, denn wenn du es tust, kann sie sich nicht selbst reparie-

ren.‹« (Kohelet Rabba 7, 13).

Nach dem Vortrag fragt man sich allerdings, ob Halten und Bewahren, Schabbat und Sch-

mitta-Jahr wirklich schon dem entsprechen, was wir uns heute unter »Ökologie« vorstellen.

55 Sicher kennt die Bibel die Vorstellung vom richtigen Umgang mit Ressourcen, weiß, dass

man dem Land Zeit lassen muss, um sich zu regenerieren. Doch heute stehen wir vor öko-

logischen Herausforderungen, die den Menschen in biblischer Zeit unbekannt waren. Ob

nun Ökologie eine jüdische Erfindung ist oder nicht – eines ist sicher: Die ökologischen

Probleme sind drängend. [...]

Aufgabenstellung:

1. Arbeiten Sie das Thema, die These und den Gedankengang des Vortrags von Ben-Chorin heraus, der im Artikel vorgestellt wird, und geben Sie zudem den Inhalt des Artikels wieder. (22 Punkte)

Aufgabe HT 3 - 2: Das Verhältnis von Gtt und Mens… · Das Verhältnis von Gtt und Mensch: Geschöpf und Ebenbild

Beackern und bewahren

Rabbiner Tovia Ben-Chorin sprach auf einer ZWST-Tagung über ökologische Regeln in den Schriften

Im Judentum gehören Ökologie und Gerechtigkeit zusammen. So lautete die These eines

Vortrages von Rabbiner Tovia Ben-Chorin bei einem Ökologie-Seminar für junge Erwach-

sene der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST), das am vergangenen

Freitag in Berlin stattfand. »Man kann nicht ethisch mit der Gesellschaft umgehen und die

5 Natur plündern. Man kann auch nicht ethisch mit der Natur umgehen und die Gesellschaft

plündern«, sagt der liberale Rabbiner.

Für seine These findet Tovia Ben-Chorin zahlreiche Belege in der Bibel und in der jüdi-

schen Tradition – so zum Beispiel den Kiddusch, die Heiligungszeremonie am Schabbat

mit Wein, Händewaschen und Brot. Der Kiddusch erinnere an zweierlei: an den Auszug aus

10 Ägypten und die Flucht aus der Sklaverei sowie an die Schöpfung. In der Lesart von Ben-

Chorin: an soziale Gerechtigkeit und an Ökologie. »Im Judentum gab es schon eine Sensi-

bilität für ökologische Fragen, als es das Wort Ökologie noch gar nicht gab«, sagt Ben-

Chorin.

Zwischen Schöpfer, Schöpfung und Erschaffenen bestehe ein »intimes Verhältnis«. Auftrag

15 des Menschen gegenüber der Natur sei es, wie in der Tora formuliert, le ovda uleshomra –

sie zu beackern und zu bewahren (1. Buch Mose 2, 15). In der Schrift bezieht sich dieser

Auftrag zunächst einmal auf den Garten Eden.

Dass die Schöpfung noch viel mehr ist als die Erschaffung des Menschen, ist unter anderem

im Buch Hiob nachzulesen. Dort hält Gott Hiob entgegen: »Bist du gekommen in die Spei-

20 cher des Schnees? Und hast du gesehen die Speicher des Hagels? (...) Wer hat aufgeteilt der

Regenflut Kanäle, und eine Bahn dem donnernden Blitz, zu regnen auf menschenleere Län-

der, auf Wüsten, worin niemand ist, zu sättigen Öde und Graus, und hervorzutreiben den

Aufwuchs des Grases? Hat der Regen einen Vater, und wer zeugte die Tropfen des Taus?«

(Hiob 38, 22). Hier steht für Ben-Chorin zwar die Natur im Mittelpunkt, doch überwiege in

25 der Bibel die »anthropozentrische Auffassung« – ein Weltbild, in dessen Mittelpunkt der

Mensch steht.

Ein wichtiges Argument für Ben-Chorin sind der Schabbat und das Schmitta-Jahr. Der

Schabbat ist der Tag, an dem Menschen und Tiere ruhen, an dem es verboten ist, eine Sub-

stanz von einem Zustand in den anderen zu bringen. Das Schmitta-Jahr entspricht dem

30 Schabbat im größeren Rhythmus der Jahre. Im Buch Exodus heißt es: »Und sechs Jahre be-

säe dein Land und sammle dessen Ertrag. Aber im siebten lasse es brach und gib es preis,

dass davon essen die Dürftigen deines Volkes, und was die übrig lassen, mag das Getier des

Feldes essen; so mache es mit deinem Weinberge, mit deinem Ölbaum« (2. Buch Mose

23, 10). Auch hier gehören Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit zusammen.

35 Besonders betont Ben-Chorin, dass das Gebot des Schmitta-Jahres nur im Land Israel An-

wendung findet. »Das bedeutet: Wenn ihr in eurem Land seid, dann müsst ihr euch ethisch

benehmen«, so der Rabbiner. Wenn Juden das Leben und den Alltag eines Landes bestim-

men dürften, dann sei das mit besonderen sozialen Verpflichtungen verbunden. Umgekehrt

kenne das 3. Buch Mose die Vorstellung, dass das Land die Israeliten wieder ausspeit –

40 Ben-Chorin sagt: »auskotzt« –, wenn sie sich nicht an die Gebote halten. Auch das Land

habe eine Seele, die man verletzen könne.

Im 5. Buch Mose heißt es: »Es wird sein, wenn ihr auf Meine Gebote immer hören werdet,

die ich euch heute gebiete, den Ewigen, Euren Gott, zu lieben und ihm zu dienen mit gan-

zem Herzen und mit ganzer Seele, so werde ich den Regen eures Landes zur richtigen Zeit

45 geben, du wirst dein Getreide einsammeln, deinen Most und dein Öl. Ich werde das Gras

für dein Vieh geben, du wirst essen und satt werden« (5. Buch Mose 11, 13). Wenn aber die

Israeliten andere Götter verehren, bleibt der Regen aus, und die Erde wird unfruchtbar. Ju-

den zitieren diese Bibelstelle dreimal täglich im Schma Israel.

Im Midrasch Kohelet Rabba heißt es: »Gott nahm Adam und zeigte ihm den Garten Eden.

50 ›Siehe‹, sagte Er, ›wie wunderschön, wie großartig meine Welt ist. Und ich habe sie für

dich geschaffen. Zerstöre sie nicht, denn wenn du es tust, kann sie sich nicht selbst reparie-

ren.‹« (Kohelet Rabba 7, 13).

Nach dem Vortrag fragt man sich allerdings, ob Halten und Bewahren, Schabbat und Sch-

mitta-Jahr wirklich schon dem entsprechen, was wir uns heute unter »Ökologie« vorstellen.

55 Sicher kennt die Bibel die Vorstellung vom richtigen Umgang mit Ressourcen, weiß, dass

man dem Land Zeit lassen muss, um sich zu regenerieren. Doch heute stehen wir vor öko-

logischen Herausforderungen, die den Menschen in biblischer Zeit unbekannt waren. Ob

nun Ökologie eine jüdische Erfindung ist oder nicht – eines ist sicher: Die ökologischen

Probleme sind drängend. [...]

Aufgabenstellung:

2. Erläutern Sie, in welcher Beziehung G"tt und der Mensch als sein Ebenbild zueinander stehen, und vergleichen Sie dies mit der Position Ben Chorins, die im Text wiedergegeben wird. (30 Punkte)

Aufgabe HT 3 - 3: Verantwortliches Handeln und Sc… · Verantwortliches Handeln: Tikkun Olam, Tiere und Schöpfung

Beackern und bewahren

Rabbiner Tovia Ben-Chorin sprach auf einer ZWST-Tagung über ökologische Regeln in den Schriften

Im Judentum gehören Ökologie und Gerechtigkeit zusammen. So lautete die These eines

Vortrages von Rabbiner Tovia Ben-Chorin bei einem Ökologie-Seminar für junge Erwach-

sene der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST), das am vergangenen

Freitag in Berlin stattfand. »Man kann nicht ethisch mit der Gesellschaft umgehen und die

5 Natur plündern. Man kann auch nicht ethisch mit der Natur umgehen und die Gesellschaft

plündern«, sagt der liberale Rabbiner.

Für seine These findet Tovia Ben-Chorin zahlreiche Belege in der Bibel und in der jüdi-

schen Tradition – so zum Beispiel den Kiddusch, die Heiligungszeremonie am Schabbat

mit Wein, Händewaschen und Brot. Der Kiddusch erinnere an zweierlei: an den Auszug aus

10 Ägypten und die Flucht aus der Sklaverei sowie an die Schöpfung. In der Lesart von Ben-

Chorin: an soziale Gerechtigkeit und an Ökologie. »Im Judentum gab es schon eine Sensi-

bilität für ökologische Fragen, als es das Wort Ökologie noch gar nicht gab«, sagt Ben-

Chorin.

Zwischen Schöpfer, Schöpfung und Erschaffenen bestehe ein »intimes Verhältnis«. Auftrag

15 des Menschen gegenüber der Natur sei es, wie in der Tora formuliert, le ovda uleshomra –

sie zu beackern und zu bewahren (1. Buch Mose 2, 15). In der Schrift bezieht sich dieser

Auftrag zunächst einmal auf den Garten Eden.

Dass die Schöpfung noch viel mehr ist als die Erschaffung des Menschen, ist unter anderem

im Buch Hiob nachzulesen. Dort hält Gott Hiob entgegen: »Bist du gekommen in die Spei-

20 cher des Schnees? Und hast du gesehen die Speicher des Hagels? (...) Wer hat aufgeteilt der

Regenflut Kanäle, und eine Bahn dem donnernden Blitz, zu regnen auf menschenleere Län-

der, auf Wüsten, worin niemand ist, zu sättigen Öde und Graus, und hervorzutreiben den

Aufwuchs des Grases? Hat der Regen einen Vater, und wer zeugte die Tropfen des Taus?«

(Hiob 38, 22). Hier steht für Ben-Chorin zwar die Natur im Mittelpunkt, doch überwiege in

25 der Bibel die »anthropozentrische Auffassung« – ein Weltbild, in dessen Mittelpunkt der

Mensch steht.

Ein wichtiges Argument für Ben-Chorin sind der Schabbat und das Schmitta-Jahr. Der

Schabbat ist der Tag, an dem Menschen und Tiere ruhen, an dem es verboten ist, eine Sub-

stanz von einem Zustand in den anderen zu bringen. Das Schmitta-Jahr entspricht dem

30 Schabbat im größeren Rhythmus der Jahre. Im Buch Exodus heißt es: »Und sechs Jahre be-

säe dein Land und sammle dessen Ertrag. Aber im siebten lasse es brach und gib es preis,

dass davon essen die Dürftigen deines Volkes, und was die übrig lassen, mag das Getier des

Feldes essen; so mache es mit deinem Weinberge, mit deinem Ölbaum« (2. Buch Mose

23, 10). Auch hier gehören Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit zusammen.

35 Besonders betont Ben-Chorin, dass das Gebot des Schmitta-Jahres nur im Land Israel An-

wendung findet. »Das bedeutet: Wenn ihr in eurem Land seid, dann müsst ihr euch ethisch

benehmen«, so der Rabbiner. Wenn Juden das Leben und den Alltag eines Landes bestim-

men dürften, dann sei das mit besonderen sozialen Verpflichtungen verbunden. Umgekehrt

kenne das 3. Buch Mose die Vorstellung, dass das Land die Israeliten wieder ausspeit –

40 Ben-Chorin sagt: »auskotzt« –, wenn sie sich nicht an die Gebote halten. Auch das Land

habe eine Seele, die man verletzen könne.

Im 5. Buch Mose heißt es: »Es wird sein, wenn ihr auf Meine Gebote immer hören werdet,

die ich euch heute gebiete, den Ewigen, Euren Gott, zu lieben und ihm zu dienen mit gan-

zem Herzen und mit ganzer Seele, so werde ich den Regen eures Landes zur richtigen Zeit

45 geben, du wirst dein Getreide einsammeln, deinen Most und dein Öl. Ich werde das Gras

für dein Vieh geben, du wirst essen und satt werden« (5. Buch Mose 11, 13). Wenn aber die

Israeliten andere Götter verehren, bleibt der Regen aus, und die Erde wird unfruchtbar. Ju-

den zitieren diese Bibelstelle dreimal täglich im Schma Israel.

Im Midrasch Kohelet Rabba heißt es: »Gott nahm Adam und zeigte ihm den Garten Eden.

50 ›Siehe‹, sagte Er, ›wie wunderschön, wie großartig meine Welt ist. Und ich habe sie für

dich geschaffen. Zerstöre sie nicht, denn wenn du es tust, kann sie sich nicht selbst reparie-

ren.‹« (Kohelet Rabba 7, 13).

Nach dem Vortrag fragt man sich allerdings, ob Halten und Bewahren, Schabbat und Sch-

mitta-Jahr wirklich schon dem entsprechen, was wir uns heute unter »Ökologie« vorstellen.

55 Sicher kennt die Bibel die Vorstellung vom richtigen Umgang mit Ressourcen, weiß, dass

man dem Land Zeit lassen muss, um sich zu regenerieren. Doch heute stehen wir vor öko-

logischen Herausforderungen, die den Menschen in biblischer Zeit unbekannt waren. Ob

nun Ökologie eine jüdische Erfindung ist oder nicht – eines ist sicher: Die ökologischen

Probleme sind drängend. [...]

Aufgabenstellung:

3. Erörtern Sie unter Rückgriff auf Ihre bisherigen Arbeitsergebnisse Ben Chorins These, nach der soziale Gerechtigkeit und Umweltschutz einander wechselseitig voraussetzen. Belegen Sie Ihre Argumente anhand von Beispielen und nehmen Sie am Ende mit einer Begründung selbst Stellung. (28 Punkte)

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