Aufgabe HT 1 - Teilaufgabe 1 · Abitur NRW Jüdische Religionslehre GK · Haupttermin 2022

Thema: Texterschließung: Hauptaussagen, Gedankengang und Intention · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2022)

Aufgabenstellung

Gershom Scholem

Juden und Deutsche, in: Christoph Schulte (Hg.), Deutschtum und Judentum. Ein Disput unter Juden aus Deutschland, Stuttgart 1993, S. 179 – 183

Bis zur zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, teilweise auch noch darüber hinaus, haben die Juden in Deutschland im wesentlichen dasselbe Dasein geführt wie die Juden überall. Sie waren als Nation klar erkennbar, besaßen eine unverwechselbare Identität und eine eigene Geschichte durch die Jahrtausende, wie immer sie selber oder die anderen Völker diese Geschichte beurteilt haben mögen. Sie hatten ein scharf ausgeprägtes Bewußtsein ihrer selbst und lebten unter einer Religionsverfassung, die ihr Leben und ihre Kultur auf überaus intensive Weise in allen Poren ihres Daseins durchdrang. Soweit Einflüsse der deutschen Umwelt in die Judengasse drangen, und es hat keineswegs an ihnen gefehlt, geschah das nicht im Wege einer bewußten Hinwendung und Aufnahme solcher Elemente (...). Dabei wurde oft genug deutsches Kulturgut einer Transformation ins Jüdische (und sprachlich ins Jiddische) unterzogen. Die bewußten Beziehungen der beiden Gesellschaften waren heikler Natur, und gerade in den der Emanzipationsperiode vorangehenden zwei Jahrhunderten. (...)

Die überwältigende Majorität 1 der Juden (...) hatte damals durchaus ihr traditionelles, von ihrer Geschichte und Geistigkeit bestimmtes Gesicht, wie es sich in den langen Zeiten des Exils geprägt hatte. Zugleich ist freilich nicht zu verkennen, daß in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine tiefe Schwäche in ihrem jüdischen Wesen sichtbar wird. Es ist, als ob eine Phase ihrer historischen Existenz an einem Tiefpunkt angelangt wäre, von wo aus nicht sicher war, wohin der Weg führen würde. Als Moses Mendelssohn seine Laufbahn als eine Art konservativer Reformator im deutschen Judentum begann, war diese Schwäche evident 2. Mit ihm und vor allem seiner Schule begann jener Prozeß der Hinwendung der Juden zu den Deutschen als ein bewußter Vorgang, der nun von gewichtigen historischen Faktoren befördert und begünstigt wurde. Es begann die Propaganda für den entschlossenen Anschluß der Juden an die deutsche Kultur und nicht lange danach auch an das deutsche Volkstum. Es begann auch jener drei bis vier Generationen sich hinziehende Kampf der Juden um ihre Rechte, den sie – täuschen wir uns darüber nicht! – gewannen, weil eine entscheidende und siegreiche Schicht unter den Nichtjuden ihn für sie führte.

Mit diesen Kämpfen, bei denen ihnen die deutsche Aufklärung und in nicht geringerem Grade die Französische Revolution zu Hilfe kamen, begann eine folgenreiche Wandlung im Judentum im deutschen Raum. Zuerst ist die Wandlung zögernd und sehr unsicher, wie auch ihr Judentum oft unsicher und verlegen ist. Sie wußten noch immer um ihr jüdisches Volkstum, wenn auch oft schon nicht mehr um dessen Sinn, der ihnen verlorengegangen war oder im Begriff war verlorenzugehen. Es begann, um es deutlich zu sagen, jenes unendlich sehnsüchtige Schielen nach dem deutschen Geschichtsbereich, der den jüdischen ersetzen sollte, wie es für mehr als hundert Jahre der Beziehungen zwischen Juden und Deutschen so charakteristisch ist. Die Schichten im deutschen Judentum, die diesem Prozeß mit großen Bedenken gegenüberstanden, und das waren vor allem die ursprünglich numerisch noch sehr starken Kreise der Frommen der alten Schule, sind fast ausschließlich durch ein bedrücktes und auffallendes Schweigen vernehmbar, aus dem nur selten direkt warnende Stimmen, als ob sie vor ihrem eigenen Pathos 3 zurückschauerten, zu uns dringen. Bis 1820 etwa ist noch fast allgemein die Rede von der jüdischen Nation und ihren Angehörigen in Deutschland. In den nächsten zwei Generationen ändert sich dieser Sprachgebrauch vollständig und statt dessen treten – übrigens von beiden Seiten begünstigt – die Rede von der mosaischen Konfession und ähnliche Phraseologien 4 ihre Laufbahn an.

Die Wandlungen und Verrenkungen, die dieses Schielen nach den Deutschen hin schon von Anfang an mit sich brachte und die dann, in den fortschreitenden Stadien dieses Prozesses, zu so bitterer Problematik führten, waren beträchtlich. Die Emanzipation brachte die entschlossene Verleugnung der jüdischen Nationalität als eines Partners in dieser Auseinandersetzung mit sich, eine Verleugnung, die ebensosehr von den Deutschen gefordert wie von der Avantgarde 5 der Juden und ihren federführenden Sprechern ebenso entschlossen zugestanden wurde. Aus dem Schielen nach dem deutschen Geschichtsbereich wurde ein entschlossenes Hineinsteigen in denselben (...). Der aufmerksame Leser deutscher Reaktionen auf diesen Prozeß und seine Akrobatik nimmt bald den Ton des Erstaunens und der, teils freundlichen teils bösen Ironie wahr, der ihre Äußerungen durchzieht. Was vielen von uns heute als der von Anbeginn falsche Start in den Beziehungen der Juden und der Deutschen erscheint, was aber in den Verhältnissen von 1800 eine immanente 6 Logik hatte, war mit diesem Verzicht auf die Totalität einer jüdischen Existenz in Deutschland gegeben. (...)

Die entschlossensten Kämpfer für die Sache der Juden unter den Nichtjuden waren gerade die, die am bewußtesten und artikuliertesten mit dem Verschwinden der Juden als Juden rechneten, ja, dieses Verschwinden der jüdischen Volksgruppe als Gruppe für eine Vorbedingung ihres Eintretens für die Sache der Juden hielten (...).

1 Majorität: Mehrheit

2 evident: offensichtlich, unmittelbar einleuchtend

3 Pathos: feierliches Ergriffensein, leidenschaftlich-bewegter Gefühlsausbruch

4 Phraseologien: Gesamtheit von Redensarten einer Sprache

5 Avantgarde: Gruppe von Vorkämpfern einer geistigen Entwicklung

6 immanent: innewohnend, in etwas enthalten

1.

Stellen Sie den Argumentationsgang des Textes mit eigenen Formulierungen dar und arbeiten Sie dessen wesentliche Kernaussagen heraus. (24 Punkte)

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Lösung

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