Aufgabe HT 1 - 1: Texterschließung · Abitur NRW Jüdische Religionslehre GK · Haupttermin 2023

Thema: Texterschließung: Hauptaussagen, Gedankengang und Intention · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2023)

Aufgabenstellung

Omri Boehm

Israel – Eine Utopie

Im Oktober 2013 lehnte Israels Oberstes Gericht das Adjektiv »israelisch« als offizielle

amtliche Bezeichnung in Israel ab. Die Antragsteller, die auf ihren Personalausweisen nicht

als »jüdisch«, sondern als »israelisch« bezeichnet werden wollten, hätten die Existenz einer

»israelischen Nation« nicht »hinreichend bewiesen«, so die Richter. Auf absehbare Zeit

5 bleibt die amtliche Bezeichnung der Bevölkerungsmehrheit in Israel somit »jüdisch«. Ara-

bische Staatsbürger werden oft als »arabisch«, gelegentlich auch als »Minderheit« bezeich-

net. Wenn wir einmal von der ironischen Pointe absehen, dass ein israelisches Gericht

diese Entscheidung traf, so brachte das Urteil zweifellos einen lagerübergreifenden Kon-

sens in Israels jüdischer Gesellschaft zum Ausdruck: Das Land ist jüdisch und soll jüdisch

10 bleiben. Tatsächlich gehen Zionisten heute selbstverständlich davon aus, dass die Existenz

eines jüdischen Staates in Palästina der ganze Sinn und Zweck des Zionismus ist.

Kann ein Land aber jüdisch und demokratisch zugleich sein? Und ist es wahr, dass Zionis-

mus zwangsläufig darin besteht, die Idee eines jüdischen Staats zu unterstützen? […]

Eine der klarsten Formulierungen der zeitgenössischen liberalzionistischen Überzeugungen

15 stammt aus der Feder des israelischen Philosophen Moshe Halbertal. In einem einflussrei-

chen Artikel für die Zeitung Haaretz wischte er die Diskussion, ob ein jüdischer Staat eine

liberale Demokratie sein könne, einfach vom Tisch. Eine politisch-intellektuell ernsthafte

Debatte solle sich lieber der Frage widmen, » welche Art jüdischen Staat wir [in Israel] ha-

ben wollen « (meine Hervorhebung). Es lohnt sich, Halbertals Essay aufmerksam zu lesen.

20 Er enthält die überzeugendste Begründung eines liberalen Zionismus, die momentan zu ha-

ben ist. Zugleich müssen wir endlich einsehen, dass auch diese Begründung mehr als man-

gelhaft ist.

Um herauszufinden, ob die Idee einer jüdischen liberalen Demokratie ein Widerspruch in

sich ist, schreibt Halbertal, müsse man erst einmal »herausfinden, was ein jüdischer Staat

25 ist«. Wie er ausführt, »ist es natürlich möglich, dem Adjektiv ›jüdisch‹ eine nationalistische

oder eine religiös-fundamentalistische Bedeutung beizulegen und dann zu argumentieren,

eine [jüdisch-demokratische] Kombination sei unmöglich, aber dies wäre ein Zirkelschluss

und ziemlich fruchtlos.« Der Vorwurf des Zirkelschlusses trifft zwar zu, führt aber dennoch

in die Irre. Die Frage ist nämlich, ob überhaupt eine Definition des Adjektivs »jüdisch« und

30 überhaupt eine Definition dessen, wer jüdisch ist und wer nicht, die Voraussetzung für ei-

nen zugleich jüdischen und liberaldemokratischen Staat erfüllen könnte. Diese Frage wird

in Halbertals Essay jedoch nicht mit wünschenswerter Klarheit gestellt, wenngleich seine

Antwort aus dem Text hervorgeht. Diese Antwort ist uns hinlänglich vertraut: Das Juden-

tum muss (selbstverständlich) weder als fundamentalistische Religion noch als nationalisti-

35 sche Ideologie, sondern kann auch als eine pluralistische kulturelle Identität verstanden wer-

den. Da Halbertal an die Existenz eines »Rechts auf Kultur« glaubt und ein demokratischer

Liberalismus für ihn keine kulturelle Neutralität seitens des Staates erfordert, gebe es folg-

lich keinen grundsätzlichen Widerspruch in seiner Konzeption eines liberalen jüdischen

Staates.

40 In einem älteren Aufsatz, den Halbertal zusammen mit Avishai Margalit unter dem Titel

»Liberalismus und das Recht auf Kultur« veröffentlicht hat, argumentieren die beiden Phi-

losophen: »Menschliche Lebewesen haben ein Recht auf Kultur – nicht nur auf irgendeine,

sondern auf ihre eigene Kultur « (meine Hervorhebung). Da die Persönlichkeit eines Men-

schen unter anderem durch seine besondere Kultur bestimmt sei, habe dieser das Recht, seine

45 Kultur zu bewahren und für ihr Gedeihen zu sorgen. Angesichts dieses Rechts sei es zudem

die Pflicht des Souveräns, nicht nur die Kultur in irgendeinem kosmopolitischen Sinn zu vertei-

digen; der Souverän muss vielmehr die Samthandschuhe der kulturellen Neutralität ablegen,

durch die sich liberale Demokratien mitunter auszeichnen, und die Rechte seiner Bürgerinnen

auf ihre jeweiligen Kulturen aktiv verteidigen. Wie Margalit und Halbertal schreiben: »Das

50 Recht auf Kultur in einem liberalen Staat erlaubt es dem Staat, [kulturell] neutral (wenn

überhaupt) nur gegenüber der Leitkultur der Mehrheit zu sein, und dies nur unter der Vo-

raussetzung, dass die Leitkultur für sich selbst sorgen kann.« In seinem Haaretz -Artikel

wendet Halbertal diese Logik auf die Frage des Zionismus an: Wohl ist Israel verpflichtet,

das Recht seiner Minderheiten auf ihre je eigenen Kulturen zu schützen, doch ist es zu-

55 gleich sein Recht, ja sogar seine Pflicht, das Recht der Mehrheit auf ihr Judentum zu schüt-

zen. […]

Auszug aus: Omri Boehm, Israel – Eine Utopie, Berlin 2020, S. 145–148.

1.

Stellen Sie die Argumentationsschritte des Textes dar und arbeiten Sie dessen wesentliche Kernaussagen heraus. (20 Punkte)

Aufgabenstellung: Aufgabe HT 1 - 1: Texterschließung · Abitur NRW Jüdische Religionslehre GK · Haupttermin 2023

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Stellen Sie die Argumentationsschritte des Textes dar und arbeiten Sie dessen wesentliche Kernaussagen heraus.

Lösung: Individuelle Ausarbeitung gemäß den zentralen Kriterien: - Nennung von Autor (Omri Boehm) und Titel (Israel – Eine Utopie). - Darstellung des Gedankengangs (Ausgangspunkt: Urteil des Obersten Gerichts zur Nationalitätsbezeichnung 'jüdisch' statt 'israelisch'; Frage nach Sinn und Zweck des Staates Israel und der Vereinbarkeit von jüdischem und demokratischem Staat; Position der Zionisten; Halbertals Auffassung des Judentums als pluralistische kulturelle Identität; Recht auf Bewahrung und Schutz der eigenen Kultur sowie staatliche Pflicht zur Verteidigung von Mehrheits- und Minderheitenkultur). - Herausarbeitung der zentralen Aussagen.

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