Aufgabe HT 1 - Aufgabe II · Abitur NRW Griechisch LK · Haupttermin · fortgeführt 2023
Thema: Platon und die sokratische Ethik (Charmides, Apologie) · Aus der Prüfung LK · Haupttermin · fortgeführt (2023)
Aufgabenstellung
Text:
Am Tag seiner Hinrichtung führt Sokrates im Gefängnis ein philosophisches Gespräch mit Freunden, die sich von ihm verabschieden wollen. Sie hätten gern weitere Fragen gestellt, zögern jedoch, weil sie Sokrates angesichts des nahen Todes nicht zu sehr zur Last fallen möchten. Darauf antwortet Sokrates Folgendes:
1 Ἦ που χαλεπῶς ἂν τοὴς ἄλλους ἀνθρπους πείσαιμι, ὡς οὐ συμφορὰν ἡγοῦμαι τὴν
2 παροῦσαν τύχην, ὅτε γε μηδ’ ὑμᾶς δύναμαι πείθειν, ἀλλὰ φοβεῖσθε, μὴ δυσκολτερόν
3 τι νῦν διάκειμαι ἤ ἐν τῷ πρόσθεν βίῳ. Καί – ὡς ἔοικε – τῶν κύκνων δοκῶ φαυλότερος
4 ὑμῖν εἶναι τὴν μαντικήν, οἵ, ἐπειδὰν αἴσθωνται, ὅτι δεῖ αὐτοὴς ἀποθανεῖν, ἄδοντες καὶ
5 ἐν τῷ πρόσθεν χρόνῳ τότε δὴ πλεῖστα καὶ κάλλιστα ἄδουσι – γεγηθότες, ὅτι μέλλουσι
6 παρὰ τὸν θεὸν ἀπιέναι, οὗπέρ εἰσι θεράποντες. Οἱ δ’ ἄνθρωποι διὰ ὸ αὑτῶν δέος τοῦ
7 θανάτου καὶ τῶν κύκνων καταψεύδονται καί φασιν αὐτοὴς θρηνοῦντας τὸν θάνατον
8 ὑπὸ λύπης ἐξᾴδειν. Καὶ οὐ λογίζονται, ὅτι οὐδὸν ὄρνεον ἄδει, ὅταν πεινῇ ἤ ῥιγῷ ἤ
9 τινα ἄλλην λύπην λυπῆται, οὐδὸ αὐτὴ ἥ τε ἀηδίν καὶ χελιδίν καὶ ὁ ἔποψ, ἃ δή φασι
10 διὰ λύπην θρηνοῦντα ἄδειν. Ἀλλ’ οὔτε ταῦτά μοι φαίνεται λυπούμενα ἄδειν οὔτε οἱ
11 κύκνοι, ἀλλ’ ἅτε – οἶμαι – τοῦ Ἀπόλλωνος ὄντες μαντικοί τέ εἰσι καὶ προειδότες τὰ
12 ἐν Ἅιδου ἀγαθὰ ἄδουσι καὶ τέρπονται ἐκείνην τὴν ἡμέραν διαφερόντως ἤ ἐν τῷ
13 ἔμπροσθεν χρόνῳ. Ἐγί δὲ καὶ αὐτὸς ἡγοῦμαι ὁμόδουλός τε εἶναι τῶν κύκνων καὶ
14 ἱερὸς τοῦ αὐτοῦ θεοῦ καὶ οὐ χεῖρον ἐκείνων τὴν μαντικὴν ἔχειν παρὰ τοῦ δεσπότου
15 οὐδὸ δυσθυμότερον αὐτῶν τοῦ βίου ἀπαλλάττεσθαι.
Übersetzungshilfen:
Z. 1 · ἦ που · wirklich; in der Tat
· χαλεπῶς πείθω mit Akkusativ · jemanden nur mit Mñhe überzeugen
· ἡ συμφορά · hier: das Unglück
Z. 1 – 2 · ἡ παροῦσα τύχη · hier: die gegenwärtige Situation; das gegenwärtige Schicksal ( Anspielung auf den bevorstehenden Tod des Sokrates durch den Schierlingsbecher)
Z. 2 · ὅτε γε · wenn sogar
· φοβέομαι, μή mit Indikativ · Angst haben, dass …; (be-)fürchten, dass …
Z. 2 – 3 · δυσκόλως … διάκειμαι · unzufrieden sein
Z. 3; 5; 12 – 13 · ἐν τῷ ἔπροσθεν/πρόσθεν βίῳ · im früheren Leben
Z. 3; 7; 10 – 11; 13 · ὁ κύκνος · der Schwan
Z. 4 · τὴν μαντικήν · übersetzen Sie: in Bezug auf meine Weissagekunst; was meine seherischen Fähigkeiten angeht ( Akkusativ der Beziehung)
Z. 5; 12 – 13 · ἐν τῷ (ἐμ)πρόσθεν χρόνῳ · Gemeint ist das vorangegangene Leben der Schwäne bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie den bevorstehenden Tod intuitiv spüren (vgl. Hilfe zu Z. 3).
Z. 5 · γηθέω
γεγηθότες · sich freuen
Part. Perf. Akt. Nom. Pl. m
Z. 6 · παρά mit Akkusativ · hier: zu jemandem hin
· ὁ θεράπων, -οντος · der Diener
· τὸ δέος, -ους · die Furcht; die Angst
Z. 7 · τῶν κύκνων καταψεύδομαι · Lügen über die Schwäne verbreiten
· αὐτούς · nimmt das vorausgehende τῶν κύκνων ( Z. 7) wieder auf
Z. 8 · ἐξᾴδω · das Abschiedslied singen; den letzten Gesang anstimmen ( kurz vor dem Tod)
· τὸ ὄρνεον · der Vogel
· πεινάω · Hunger leiden
· ῥιγῷ · 3. Sg. Konj. Präs. von ῥιγόω – frieren
Z. 9 · οὐδὸ αὐτὴ ἥ τε ἀηδίν καὶ χελιδίν καὶ ὁ ἔποψ · übersetzen Sie: noch nicht einmal die Nachtigall, die Schwalbe und der Wiedehopf
Z. 9 – 10 · ἃ δή φασι … ἄδειν · übersetzen Sie: von denen man ja sagt, sie … sängen; die ja angeblich … singen ( verschränkter Relativsatz)
Z. 10 · ταῦτα · ergänzen Sie: τὰ ὄρνεα ( vgl. Z. 8). Gemeint sind die in Z. 9 aufgezählten Vogelarten.
Z. 11 · τοῦ Ἀπόλλωνος εἶναι · Diener Apollons sein; Eigentum Apollons sein
· προειδότες · Part. Akt. Nom. Pl. m von προοῖδα – im Vorhinein wissen; im Voraus wissen
Z. 12 · τέρπομαι mit Akkusativ · sich an etwas erfreuen
· ἐκείνην τὴν ἡμέραν · bezeichnet den Todestag
· διαφερόντως ἤ · mehr als
Z. 14 · χεῖρον ἔχω mit Akkusativ und mit παρά und Genitiv · etwas von jemandem in geringerem MaÑe erhalten haben
Z. 14; 15 · ἐκείνων; αὐτῶν · Genitivus comparationis; nimmt τῶν κύκνων ( Z. 13) wieder auf
Z. 14 · ὁ δεσπότης · Gemeint ist der Gott Apollon.
Z. 15 · δύσθυμος, -ον · mutlos; mit wenig Zuversicht
· τοῦ βίου ἀπαλλάττομαι · aus dem Leben scheiden; sterben
3. a) Arbeiten Sie anhand des im vorliegenden Text gezogenen Vergleichs von Sokrates mit den Schwänen heraus, wie Sokrates sich selbst versteht. [14 Punkte]
3. b) Untersuchen Sie, ob bzw. inwiefern dieses Selbstverständnis zu der Art passt, wie sich Sokrates in seiner Verteidigung vor Gericht selbst darstellt, so wie die platonische Apologie es schildert. [16 Punkte]
4. Vergleichen Sie unter Rückgriff auf Ihre Lektüre der Apologie, welche Funktion der Gott Apollon für Sokrates hat, mit der Funktion, die die Göttin Athene in der Odyssee für Telemachos erfüllt. [12 Punkte]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
3. a) Arbeiten Sie anhand des im vorliegenden Text gezogenen Vergleichs von Sokrates mit den Schwänen heraus, wie Sokrates sich selbst versteht.
Lösung: 1. Darstellung des Vergleichs (6 Punkte): • Sokrates vergleicht sein eigenes Verhalten im Angesicht des Todes mit dem Verhalten von Schwänen kurz vor ihrem Tod. • Im Angesicht ihres Todes singen die Schwäne schöner und ausdauernder als zu Lebzeiten (Z. 4–6), weil sie sich auf die Heimkehr zu ihrem Gott Apollon freuen (γεγηθότες, ὅτι μέλλουσι παρὰ τὸν θεὸν ἀπιέναι, οὗπέρ εἰσι θεράποντες, Z. 5–6). • Grund für ihre Vorfreude ist ihr Wissen um ein gutes Schicksal im Jenseits (προειδότες τὰ ἐν Ἅιδου ἀγαθά, Z. 11–12). • Die Mehrzahl der Menschen deutet aber dieses Phänomen fälschlicherweise als Ausdruck von Angst vor dem Tod (διὰ τὸ αὑτῶν δέος τοῦ θανάτου, Z. 6–7). • Sokrates versteht sich als ὁμόδουλος (Z. 13) der Schwäne: Auch er ist ein Diener des Gottes Apollon, von dem er die Gabe der Weissagung erhalten habe (τὴν μαντικήν, Z. 4; τὴν μαντικὴν ἔχειν παρὰ τοῦ δεσπότου, Z. 14). • Genau wie die Schwäne sieht er dem Tod voller Vorfreude entgegen (οὐδὲ δυσθυμότερον αὐτῶν τοῦ βίου ἀπαλλάττεσθαι, Z. 15). 2. Funktion des Vergleichs in der Redesituation (4 Punkte): • Der Vergleich dient der Verdeutlichung der sokratischen Lehre, dass der Tod kein Übel sei, sondern dass den Menschen – bei entsprechender Lebensführung – sogar ein besseres Schicksal im Jenseits erwarte. • Aus diesem Grund kann Sokrates gelassen und heiter seinem bevorstehenden Todesschicksal entgegenblicken (Z. 2–3, Z. 15). 3. Selbstverständnis des Sokrates (4 Punkte): • Sokrates handelt nicht aus eigenem Antrieb, sondern im Auftrag des Gottes Apollon. • Er verfügt durch den Gott Apollon über ein überlegenes Wissen in Bezug auf das Leben nach dem Tod. • Er versucht, dieses Wissen seinen Mitmenschen zu vermitteln (Z. 1–3).
3. b) Untersuchen Sie, ob bzw. inwiefern dieses Selbstverständnis zu der Art passt, wie sich Sokrates in seiner Verteidigung vor Gericht selbst darstellt, so wie die platonische Apologie es schildert.
Lösung: 1. Selbstdarstellung des Sokrates in der Apologie (8 Punkte): • Sokrates beansprucht vor Gericht eine Belohnung für seine Verdienste um die Polis. • Er erweise der Polis große Dienste, indem er sie auf Fehlverhalten hinweise und sie damit zur Verbesserung und Vervollkommnung anstachle. • Das Orakel des Apollon versteht er als Auftrag, das Wissen der Menschen zu prüfen. • Er sei nicht gottlos, sondern höre auf sein Daimonion. Dafür prüfe er sich fortwährend selbst, reflektiere sein eigenes Verhalten kritisch, halte aber auch andere dazu an. • Er folge in seinem Handeln philosophischen Grundsätzen und orientiere sich an der Tugend. • Er nimmt sogar selbst den ungerechten Tod in Kauf, um nicht ungerecht zu handeln, weil er die Unversehrtheit der Seele höher bewertet als den Verlust des Körpers. 2. Vergleich des Selbstverständnisses (Gemeinsamkeiten und Unterschiede) (6 Punkte): • Gemeinsamkeiten: – Sokrates verfügt über eine enge Verbindung zu der Gottheit, speziell zu Apollon. – Er versteht sich als Diener und Priester des Gottes Apollon. – Er wird in seiner Haltung nicht verstanden – weder von seinen Freunden noch von der Allgemeinheit. – Sein Sendungsbewusstsein zielt darauf, der Gemeinschaft ein besseres Leben zu ermöglichen: Im vorliegenden Text will er seinen Freunden die Angst vor dem Tod nehmen; in der Apologie will er der Polisgemeinschaft ermöglichen, von ihren falschen Urteilen frei zu werden. • Unterschiede: – In der Apologie prüft Sokrates seine Mitmenschen im Auftrag des Gottes Apollon. Im vorliegenden Text steht dagegen die Gabe der Weissagung im Vordergrund, welche Sokrates von Apollon erhalten hat (τὴν μαντικήν, Z. 4). – Während er im vorliegenden Text unverstanden bleibt und das Unverständnis nicht ihm persönlich schadet, wendet sich in der Apologie das Unverständnis der Polisgemeinschaft in Form einer Verleumdungsklage direkt gegen ihn. – Das in der Apologie für Sokrates' Selbstverständnis wichtige Daimonion taucht im vorliegenden Text nicht auf. 3. Fazit / Ergebnis der Untersuchung (2 Punkte): • Im vorliegenden Text ist nur ein kleinerer Aspekt von Sokrates' Selbstverständnis repräsentiert (Frömmigkeit). • Die politische Dimension seiner gesellschaftlichen Verantwortung wird nicht thematisiert.
4. Vergleichen Sie unter Rückgriff auf Ihre Lektüre der Apologie, welche Funktion der Gott Apollon für Sokrates hat, mit der Funktion, die die Göttin Athene in der Odyssee für Telemachos erfüllt.
Lösung: 1. Funktion der Göttin Athene für Telemachos in der Odyssee (4 Punkte): • Anfänglich ist Telemachos hilflos den Freiern und ihrem respektlosen Umgang mit dem Besitz des Odysseus ausgeliefert. Erst durch die Göttin Athene findet er den erforderlichen Mut, durch den er vor den Freiern öffentlich auftreten kann. • Athene fordert ihn auf, Ithaka zu verlassen und sich auf Erkundungsfahrt nach dem Schicksal seines Vaters zu begeben. Dazu organisiert sie Verpflegung, Schiff und Mannschaft. 2. Funktion des Gottes Apollon für Sokrates in der Apologie (4 Punkte): • Sokrates versteht anfänglich nicht die Weissagung des Gottes Apollon, dass er der weiseste aller Menschen sei. • Er interpretiert diese Weissagung als Aufforderung zur Überprüfung seiner Mitbürger. • Diese Überprüfung wird zu seiner Lebensaufgabe. 3. Vergleich der beiden Funktionen (4 Punkte): • Beiden Göttern gemeinsam ist, dass sie ihre Schützlinge zu einem Handeln veranlassen, das ihr Leben verändert. • Sie bewegen und befähigen ihre Schützlinge zu deren Lebensaufgabe.
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