Aufgabe HT 1 - Aufgabe II · Abitur NRW Griechisch LK · Haupttermin · fortgeführt 2021

Thema: Platon und die sokratische Ethik (Charmides, Apologie) · Aus der Prüfung LK · Haupttermin · fortgeführt (2021)

Aufgabenstellung

Text:

Der Sophist Hippias plant einen Vortrag über das Schöne und lädt auch Sokrates dazu ein, weil dieser den Inhalt der Rede besonders gut einschätzen könne. Da Hippias mit seinem Fachwissen prahlt, nutzt Sokrates diese Begegnung, um sein eigenes Anliegen anzubringen:

1 Σωκράτης: Νυνὶ μέντοι βραχύ τί μοι περὶ αὐτοῦ ἀπόκριναι. Καὶ γάρ με εἰς καλὸν

2 ὑπέμνησας. Ἔναγχος γάρ τις, ὦ ἄριστε, εἰς ἀπορίαν με κατέβαλεν ἐν λόγοις τισὶ

3 τὰ μὲν ψέγοντα ὡς αἰσχρά, τὰ δ’ ἐπαινοῦντα ὡς καλὰ οὕτω πως ἐρόμενος καὶ

4 μάλα ὑβριστικῶς· „Πόθεν δέ μοι σύ,“ ἔφη, „ὦ Σώκρατες, οἶσθα, ὁποῖα καλὰ καὶ

5 αἰσχρά; Ἐπεὶ φέρε, ἔχοις ἂν εἰπεῖν, τί ἐστι τὸ καλόν;“ Καὶ ἐγὼ διὰ τὴν ἐμὴν

6 φαυλότητα ἠπορούμην τε καὶ οὐκ εἶχον αὐτῷ κατὰ τρόπον ἀποκρίνασθαι. Ἀπιὼν

7 οὖν ἐκ τῆς συνουσίας ἐμαυτῷ τε ὠργιζόμην καὶ ὠνείδιζον καὶ ἠπείλουν, ὁπότε

8 πρῶτον ὑμῶν τῳ τῶν σοφῶν ἐντύχοιμι, ἀκούσας καὶ μαθὼν καὶ ἐκμελετήσας

9 ἰέναι πάλιν ἐπὶ τὸν ἐρωτήσαντα ἀναμαχούμενος τὸν λόγον. Νῦν οὖν, ὃ λέγω, εἰς

10 καλὸν ἥκεις. Καί με δίδαξον ἱκανῶς αὐτὸ τὸ καλόν, ὅ τι ἐστί, καὶ πειρῶ μοι ὅτι

11 μάλιστα ἀκριβῶς εἰπεῖν ἀποκρινόμενος, μὴ ἐξελεγχθεὶς τὸ δεύτερον αὖθις

12 γέλωτα ὄφλω. Οἶσθα γὰρ δήπου σαφῶς καὶ σμικρόν που τοῦτ’ ἂν εἴη μάθημα,

13 ὧν σὺ τῶν πολλῶν ἐπίστασαι.

14 Ἱππίας: Σμικρὸν μέντοι – νὴ Δί’ –, ὦ Σώκρατες, καὶ οὐδενὸς ἄξιον, ὡς ἔπος εἰπεῖν.

15 Σωκράτης: Ῥᾳδίως ἄρα μαθήσομαι καὶ οὐδείς με ἐξελέγξει ἔτι.

16 Ἱππίας: Οὐδεὶς μέντοι. Φαῦλον γὰρ ἂν εἴη τὸ ἐμὸν πρᾶγμα καὶ ἰδιωτικόν.

Übersetzungshilfen:

Z. 1 · βραχύ τί … περὶ αὐτοῦ ἀποκρίνομαι

ἀπόκριναι · kurz darauf antworten; eine kurze Antwort darauf geben (περὶ αὐτοῦ bezieht sich auf einen schon gehaltenen Vortrag des Hippias)

Imperativ Sg. Aorist

Z. 1; 9 – 10 · εἰς καλόν · zur rechten Stunde; zum richtigen Zeitpunkt

Z. 2 · ὑπομιμνῄσκω mit Akkusativ, Aorist: ὑπέμνησα

ἔναγχος Adverb · jemanden erinnern

neulich; vor kurzem

Z. 3 · ψέγοντα; ἐπαινοῦντα · Die Partizipien beziehen sich jeweils auf με (Z. 2).

Z. 3 – 4 · οὕτω πως ἐρόμενος καὶ μάλα ὑβριστικῶς · Der Partizipialausdruck bezieht sich auf τις (Z. 2).

Z. 4 · ὑβριστικός, -ή, -όν · hier: überheblich; höhnisch

Z. 4 – 5 · ὁποῖα καλὰ καὶ αἰσχρά · ergänzen Sie: ὁποῖα καλὰ καὶ αἰσχρά ⟨ἐστίν⟩

Z. 5 · ἐπεὶ φέρε · wohlan denn; bitte schön

Z. 5; 6 · ἔχω · hier: können; imstande sein

Z. 5 – 6 · ἡ φαυλότης, φαυλότητος · hier: die Unzulänglichkeit

Z. 6 · κατὰ τρόπον · übersetzen Sie: auf angemessene Art und Weise

Z. 7 – 9 · ἀπειλέω … ἰέναι · entschlossen sein … hinzugehen

Z. 7 – 8 · ὁπότε πρῶτον · sobald

Z. 8 · τῳ · ≈ τινί

Z. 9 · ἀναμάχομαι τὸν λόγον

ἀναμαχούμενος

ὃ λέγω · hier: die Untersuchung wieder aufnehmen

Part. Fut. Med. Nom. Sg. m.

wie gesagt

Z. 10 · πειρῶ · Imperativ Sg. Präs.

Z. 10 – 11 · ὅτι μάλιστα mit Adverb · möglichst mit Adverb

Z. 11; 15 · ἐξελέγχω · hier: widerlegen

Z. 11 · τὸ δεύτερον Adverb · zum zweiten Mal

Z. 12 · γέλωτα ὀφλισκάνω

ὄφλω · sich lächerlich machen

1. Sg. Konj. Aor. Akt.

Z. 12 – 13 · σμικρόν … μάθημα, ὧν σὺ τῶν πολλῶν ἐπίστασαι. · konstruieren und ergänzen Sie: … σμικρὸν μάθημα τῶν πολλῶν ⟨μαθημάτων⟩, ἃ σὺ ἐπίστασαι.

Z. 13 · τὸ μάθημα, τοῦ μαθήματος · hier: die Information; das Thema

Z. 14 · σμικρόν

ὡς ἔπος εἰπεῖν · ergänzen Sie dazu: τὸ μάθημα

sozusagen; beinahe

Z. 16 · γάρ · hier: sonst

II. Interpretationsaufgaben (Aufgaben 2 – 4)

2.

Beschreiben Sie, in welcher Situation das Gespräch beginnt, und arbeiten Sie anhand des Textes heraus, welches Anliegen und welche Beweggründe Sokrates dazu bringen, sich an Hippias zu wenden. (14 Punkte)

3. a)

Im platonischen Dialog Charmides ist ebenfalls die Frage nach dem Wesen des Schönen zentral: Stellen Sie anhand der im Unterricht besprochenen Textstellen dar, welche Antwort dort auf diese Frage gegeben wird. (10 Punkte)

3. b)

Stellen Sie für den vorliegenden Text und für den Charmides jeweils mindestens drei Aspekte dar, wie Sokrates (sich selbst) darstellt bzw. dargestellt wird. Arbeiten Sie darauf aufbauend heraus, worin sich die (Selbst-)Darstellung des Sokrates ähnelt und worin sie sich unterscheidet. (16 Punkte)

4.

Bei Sokrates bildet die Vorstellung vom Schönen einen zentralen Bestandteil seiner Ethik: Erläutern Sie, welche Rolle das Schöne in der sokratischen Ethik einnimmt. (10 Punkte)

Aufgabenstellung: Aufgabe HT 1 - Aufgabe II · Abitur NRW Griechisch LK · Haupttermin · fortgeführt 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

2. Beschreiben Sie, in welcher Situation das Gespräch beginnt, und arbeiten Sie anhand des Textes heraus, welches Anliegen und welche Beweggründe Sokrates dazu bringen, sich an Hippias zu wenden.

Lösung: Ausgangssituation: - Sokrates trifft mit dem Sophisten Hippias zusammen, der sein Wissen in Form von Lehrvorträgen vermittelt. Angesichts der Sachkompetenz, mit der sich Hippias brüstet, nutzt Sokrates die Gelegenheit dieses Treffens, um sein Anliegen vorzubringen. - Er berichtet von der Begegnung mit einem Fragesteller: Dieser habe ihn mit seiner Frage nach dem Wesen des Schönen (ἔχοις ἂν εἰπεῖν, τί ἐστι τὸ καλόν, Z. 5) in Verlegenheit gebracht (εἰς ἀπορίαν με κατέβαλεν, Z. 2). Denn er habe diese Frage nicht zufriedenstellend beantworten können (οὐκ εἶχον αὐτῷ κατὰ τρόπον ἀποκρίνασθαι, Z. 6), obwohl er doch die Begriffe „schön“ und „hässlich“ bei seinen Gesprächen verwendete und wertete (τὰ μὲν ψέγοντα ὡς αἰσχρά, τὰ δ’ ἐπαινοῦντα ὡς καλά, Z. 3). Anliegen: - Er erhofft sich von Hippias eine erhellende und eindeutige Antwort auf die Frage nach dem Wesen des Schönen (νυνὶ μέντοι βραχύ τί μοι περὶ αὐτοῦ ἀπόκριναι, Z. 1; καί με δίδαξον ἱκανῶς αὐτὸ τὸ καλόν, ὅ τι ἐστί, καὶ πειρῶ μοι ὅτι μάλιστα ἀκριβῶς εἰπεῖν ἀποκρινόμενος, Z. 10 – 11). Hippias sei prädestiniert für eine Antwort, da er über viel Wissen und Sachkenntnis verfüge (Οἶσθα γὰρ δήπου σαφῶς καὶ σμικρόν που τοῦτ’ ἂν εἴη μάθημα, ὧν σὺ τῶν πολλῶν ἐπίστασαι, Z. 12 – 13). Motivation: - Er möchte nicht ein zweites Mal widerlegt und damit der Lächerlichkeit preisgegeben werden (μὴ ἐξελεγχθεὶς τὸ δεύτερον αὖθις γέλωτα ὄφλω, Z. 11 – 12). Vielmehr will er die Frage nach dem Wesen des Schönen zweifelsfrei beantworten.

3. a) Im platonischen Dialog Charmides ist ebenfalls die Frage nach dem Wesen des Schönen zentral: Stellen Sie anhand der im Unterricht besprochenen Textstellen dar, welche Antwort dort auf diese Frage gegeben wird.

Lösung: - Nach seiner Rückkehr aus dem Krieg erkundigt sich Sokrates nach der Situation in Athen, besonders danach, welche jungen Männer sich in der Zwischenzeit in Weisheit oder Schönheit oder beidem ausgezeichnet hätten. - Charmides wird ihm als der Schönste angekündigt. - Charmides’ körperliche Schönheit verfehlt ihre Wirkung nicht: Die Anwesenden werden sofort von seiner Schönheit in ihren Bann gezogen. Auch Sokrates fühlt sich erotisch von Charmides angezogen. - Jedoch schlägt die erotische Situation der Rahmenhandlung in eine erzieherische um. Denn damit jemand als Inbegriff der Schönheit gelten kann, ist für Sokrates neben der körperlichen Schönheit auch die der Seele unabdingbar. - Deswegen prüft Sokrates Charmides auf den Besitz von geistiger Schönheit: Sokrates thematisiert Charmides’ Gesundheit von einem ganzheitlichen Ansatz her. Charmides leidet unter Kopfschmerzen, aber die Gesundheit des Körpers hänge von der Gesundheit der Seele ab. Sokrates wendet sich der Frage zu, ob Charmides über Besonnenheit verfüge. Denn Voraussetzung für die Gesundheit der Seele sei die Besonnenheit. - Aber obwohl Charmides als besonnener junger Mann gilt, kann er Sokrates keine Definition von Besonnenheit liefern, sodass das Gespräch in Aporie endet. Die Ausgangsfrage nach dem Wesen des Schönen kann also nicht beantwortet werden.

3. b) Stellen Sie für den vorliegenden Text und für den Charmides jeweils mindestens drei Aspekte dar, wie Sokrates (sich selbst) darstellt bzw. dargestellt wird. Arbeiten Sie darauf aufbauend heraus, worin sich die (Selbst-)Darstellung des Sokrates ähnelt und worin sie sich unterscheidet.

Lösung: Selbstdarstellung im vorliegenden Text (mindestens drei Aspekte): - Sokrates geht auf das Anliegen seines Gesprächspartners ein und zeigt sich dialogbereit. - Er geht assoziierend auf die Themenvorgabe ein, indem er von einem eigenen Gespräch über das Thema des angekündigten Vortrags berichtet. - Er gesteht, dass er mit dem Thema überfordert war (εἰς ἀπορίαν με κατέβαλεν, Z. 2; καὶ ἐγὼ διὰ τὴν ἐμὴν φαυλότητα ἠπορούμην τε καὶ οὐκ εἶχον αὐτῷ κατὰ τρόπον ἀποκρίνασθαι, Z. 5 – 6). - Er macht deutlich, wie unangenehm ihm seine Unzulänglichkeit war (Z. 7 – 9; μὴ ἐξελεγχθεὶς τὸ δεύτερον αὖθις γέλωτα ὄφλω, Z. 11 – 12). - Er betont, wie sehr ihm an einer Belehrung durch Fachleute gelegen ist (ὁπότε πρῶτον ὑμῶν τῳ τῶν σοφῶν ἐντύχοιμι, Z. 7 – 8). - Er erhofft sich Aufklärung durch seinen Gesprächspartner (καί με δίδαξον ἱκανῶς αὐτὸ τὸ καλόν, ὅ τι ἐστί, Z. 10). - Er äußert großes Vertrauen in Hippias’ Kompetenz (Οἶσθα ... σαφῶς καὶ σμικρόν που τοῦτ’ ἂν εἴη μάθημα, ὧν σὺ τῶν πολλῶν ἐπίστασαι, Z. 12 – 13). - Er betont seine Lernwilligkeit (Ῥᾳδίως ἄρα μαθήσομαι καὶ οὐδείς με ἐξελέγξει ἔτι, Z. 15). (Selbst-)Darstellung im Charmides (mindestens drei Aspekte): - Sokrates ist interessiert daran, wie sich die Philosophie und die jungen Leute in seiner Heimatstadt während seiner Abwesenheit entwickelt haben. - Er betont, wie wichtig ihm Attraktivität ist, und zwar nicht nur in Bezug auf den Körper, sondern insbesondere in Bezug auf die Seele. - Als ihm der junge, schöne Charmides vorgestellt wird, zeigt er sich durchaus von dessen körperlichen Reizen beeindruckt. - Er betont aber sofort, dass körperliche Attraktivität ohne Schönheit der Seele belanglos sei. - Deshalb will er in einem Gespräch mit Charmides dessen „philosophische Attraktivität“ überprüfen. Das Thema ist die Besonnenheit. - In diesem Gespräch insistiert er solange, bis es in einer Aporie endet. Gemeinsamkeiten und Unterschiede: - Gemeinsamkeiten: In beiden Texten zeigt Sokrates intensives Interesse an einer philosophischen Fragestellung; seine Suche nach einer zufriedenstellenden Antwort ist gekennzeichnet durch sein hartnäckiges Insistieren, sodass das Gespräch ergebnislos verläuft. - Unterschiede: Im vorliegenden Text stellt sich Sokrates als frustriert und deshalb umso lernwilliger dar (Rolle des Hilfesuchenden). Im Charmides tritt Sokrates in der Rolle des Prüfenden auf.

4. Bei Sokrates bildet die Vorstellung vom Schönen einen zentralen Bestandteil seiner Ethik: Erläutern Sie, welche Rolle das Schöne in der sokratischen Ethik einnimmt.

Lösung: Erläuterung der Rolle des Schönen (mindestens vier Aspekte): - Höchster Wert und Bezugspunkt für das richtige Leben ist die Einsicht in das Gute. Es ist damit das Ziel des menschlichen Handelns. - Die Einsicht in das Gute tritt damit an die Stelle äußerer Güter wie physischer Stärke, äußeren Erfolgs, Macht und körperlicher Schönheit. Diese Einsicht kann man allein durch die Vernunft erreichen. - Die Beschäftigung mit dem Guten führt zur Einsicht in die Tugend. An dieser Tugend orientiert sich Sokrates rigide und verweigert jeden Opportunismus. - Grund hierfür ist seine Prämisse, dass die unvergängliche Seele eine höhere Bedeutung als der vergängliche Körper besitzt (Leib-Seele-Dualismus). Daher soll die Seele zu ihrer besten Verfassung durch moralisch richtiges Handeln entwickelt werden. - Der sokratische Grundsatz: „Lieber Unrecht leiden als Unrecht tun und sich dadurch schuldig machen“ ergibt sich aus dem Bemühen, Schaden für die Seele zu vermeiden. Denn wer Unrecht tut, verliert die Schönheit seiner Seele. - Sokrates unterscheidet zwischen innerer und äußerer Schönheit. Während die äußere Schönheit nur Anlass zu einer philosophischen Untersuchung bilden kann, muss ihr eigentliches Thema immer die innere Schönheit bilden. Damit gilt der Schönheit der Seele das eigentliche Interesse des Sokrates. - Denn die Schönheit der Seele ist die unverzichtbare Voraussetzung für ein Bestehen vor dem Totengericht und damit für ein gutes Leben nach dem Tod.

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