Aufgabe HT 2 - Teil II: Aufgabe 4 · Abitur NRW Griechisch GK · Haupttermin · fortgeführt 2021
Thema: Platon und die sokratische Ethik (Charmides, Apologie) · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · fortgeführt (2021)
Aufgabenstellung
Text:
Sokrates berichtet von einer früheren Unterhaltung mit Freunden über das Wesen der Gerechtigkeit. Dabei hatte der Sophist Thrasymachos seine Auffassung von Gerechtigkeit dargelegt und beendet sie mit der folgenden These:
1 „Συμβαίνει τῷ ὀρθῶς λογιζομένῳ πανταχοῦ εἶναι τὸ αὐτὸ δίκαιον· τὸ τοῦ
2 κρείττονος συμφέρον.“
3 „Νῦν“, ἦν δ' ἐγώ, „ἔμαθον, ὃ λέγεις. Εἰ δὲ ἀληθὲς ἢ μή, πειράσομαι μαθεῖν. Τὸ
4 συμφέρον μὲν οὖν, ὦ Θρασύμαχε, καὶ σὺ ἀπεκρίνω δίκαιον εἶναι. Καίτοι ἔμοιγε
5 ἀπηγόρευες, ὅπως μὴ τοῦτο ἀποκρινοίμην. Πρόσεστιν δὲ δὴ αὐτόθι τὸ »τοῦ
6 κρείττονος«.“
7 „Σμικρά γε ἴσως“, ἔφη, „προσθήκη.“
8 „Οὔπω δῆλον· οὐδ', εἰ μεγάλη. Ἀλλ' ὅτι μὲν τοῦτο σκεπτέον, εἰ ἀληθῆ λέγεις,
9 δῆλον. Ἐπειδὴ γὰρ συμφέρον γέ τι εἶναι καὶ ἐγὼ ὁμολογῶ τὸ δίκαιον, σὺ δὲ
10 προστίθης καὶ αὐτὸ φῂς εἶναι τὸ τοῦ κρείττονος, ἐγὼ δὲ ἀγνοῶ, σκεπτέον δή.“
11 „Σκόπει“, ἔφη.
12 „Ταῦτ' ἔσται“, ἦν δ' ἐγώ. „Καί μοι εἰπέ· Οὐ καὶ πείθεσθαι μέντοι τοῖς ἄρχουσιν
13 δίκαιον φῂς εἶναι;“
14 „Ἔγωγε.“
15 „Πότερον δὲ ἀναμάρτητοί εἰσιν οἱ ἄρχοντες ἐν ταῖς πόλεσιν ἑκάσταις ἢ οἷοί τι καὶ
16 ἁμαρτεῖν;“
17 „Πάντως που“, ἔφη, „οἷοί τι καὶ ἁμαρτεῖν.“
18 „Οὐκοῦν ἐπιχειροῦντες νόμους τιθέναι τοὺς μὲν ὀρθῶς τιθέασιν, τοὺς δέ τινας οὐκ
19 ὀρθῶς;“
20 „Οἶμαι ἔγωγε.“
Nach Thrasymachos müsste man folglich auch dann einem Herrscher gehorchen, wenn dieser aus Versehen einen Befehl erteilt, der ihm nicht nützt, sondern schadet. Indem Sokrates diesen Widerspruch herbeiführt, hat er die These des Thrasymachos widerlegt.
Übersetzungshilfen:
Zeile · Griechisch / Textstelle · Erläuterung / Bedeutung
Z. 1 · συμβαίνει mit AcI
τὸ αὐτό · hier: es ergibt sich, dass
Subjektsakkusativ des AcI
Z. 2; 3 – 4; 9 · τὸ συμφέρον · der Nutzen; der Vorteil
Z. 3; 12 · ἦν δ' ἐγώ ·... sagte ich...
Z. 3; 8 · εἰ · hier: ob
Z. 5 · ἀπαγορεύω, ὅπως μή mit Optativ
πρόσεστιν αὐτόθι
τό · verbieten, etwas zu tun
hier: es kommt an dieser Stelle hinzu
hier: der Zusatz; die Ergänzung
Z. 7 · ἴσως
ἡ προσθήκη · hier: vermutlich; wahrscheinlich
der Zusatz
Z. 8 · οὐδ' · ergänzen Sie: οὐδ' ⟨δῆλόν ἐστιν⟩
Z. 8; 10 · σκεπτέον ⟨ἐστίν⟩ · man muss prüfen; man muss untersuchen
Z. 9 – 10 · Ἐπειδὴ... σκεπτέον δή. · lesen und ergänzen Sie: Ἐπειδὴ γὰρ καὶ ἐγὼ ὁμολογῶ τὸ δίκαιον εἶναι συμφέρον γέ τι, ⟨ἐπειδὴ⟩ δὲ σὺ προστιθεῖς καὶ φῂς αὐτὸ εἶναι τὸ τοῦ κρείττονος, ⟨ἐπειδὴ⟩ δ' ἐγὼ ⟨τοῦτο⟩ ἀγνοῶ, σκεπτέον δή ⟨τοῦτό ἐστιν⟩.
Z. 9 · τὸ δίκαιον · die Gerechtigkeit
Z. 10 · προστίθημι
φῄς
τό · einen Zusatz machen
du sagst; du behauptest
ergänzen Sie: συμφέρον (vgl. Hilfe zu Z. 2; 3 – 4; 9)
Z. 12 · ταῦτ' ἔσται
Οὐ... μέντοι · das wird geschehen
in Fragen: denn nicht (Erwartet wird eine zustimmende Antwort)
Z. 15 · ἀναμάρτητος, -ον
ἐν ταῖς πόλεσιν ἑκάσταις · unfehlbar
in ihren jeweiligen Staaten
Z. 15; 17 · οἷοι mit Infinitiv · sie sind Leute, die... tun können
Z. 18 · νόμους τίθημι
τιθέναι
τιθέασιν
τοὺς δέ τινας · Gesetze geben
Infinitiv Präs. Akt.
3. Pl. Ind. Präs. Akt.
übersetzen Sie: einige andere
II. Interpretationsaufgaben
4. a)
Beschreiben Sie, in welcher Situation das Gespräch im platonischen Dialog Charmides stattfindet. [6 Punkte]
4. b)
Stellen Sie ausgehend hiervon zentrale Merkmale der sokratischen Ethik dar und weisen Sie diese anschließend im vorliegenden Text nach. [12 Punkte]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
a) Beschreiben Sie, in welcher Situation das Gespräch im platonischen Dialog Charmides stattfindet.
Lösung: - Sokrates ist interessiert daran, wie sich die Philosophie und die sie betreibenden jungen Leute in seiner Heimatstadt während seiner Abwesenheit entwickelt haben. - Er betont, wie wichtig ihm Attraktivität ist, und zwar nicht nur in Bezug auf den Körper, sondern insbesondere in Bezug auf die Seele. - Als ihm der junge, schöne Charmides vorgestellt wird, zeigt er sich durchaus von dessen körperlichen Reizen beeindruckt. - Er betont aber sofort, dass körperliche Attraktivität ohne Schönheit der Seele belanglos sei. - Deshalb will er in einem Gespräch mit Charmides dessen „philosophische Attraktivität“ prüfen. - Das Thema soll Besonnenheit sein.
b) Stellen Sie ausgehend hiervon zentrale Merkmale der sokratischen Ethik dar.
Lösung: - Sokrates vertritt ein dualistisches Menschenbild: Während der sterbliche Leib nach dem Tode bestattet wird, gelangt die unsterbliche Seele ins Jenseits. - Dort wartet eine Gerichtsverhandlung auf sie. - Als Ergebnis stehen dem Verstorbenen je nach seinem Verhalten im Diesseits Lohn, Reinigung oder ewige Strafe bevor. - Sokrates widmet sein gesamtes Leben der Pflege seiner unsterblichen Seele. - Der Mensch muss sich nach Sokrates‘ Überzeugung strikt an dem moralisch Richtigen orientieren, wenn er seine Seele nicht schädigen will. - Moralisch richtiges Handeln ist gekennzeichnet durch eine Orientierung an Werten wie Gerechtigkeit, Besonnenheit, Tapferkeit, Weisheit. - Diese Werteorientierung verlangt die Handlungsmaxime, auf keinen Fall Unrecht zu begehen. - Es ist sogar besser, Unrecht zu leiden als Unrecht zu tun, um der Seele keinen Schaden zuzufügen. - Damit distanziert sich Sokrates von der Werteordnung der breiten Masse.
Weisen Sie die dargestellten Grundzüge der sokratischen Ethik anschließend im vorliegenden Text nach.
Lösung: - Die Suche nach einer Wesensdefinition der Gerechtigkeit, eines zentralen Wertes der sokratischen Ethik, steht im Mittelpunkt des vorliegenden Textes. - Sokrates distanziert sich von einer von seinem Gesprächspartner vorgelegten Begriffsdefinition.
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