Aufgabe 1 (HT 1) · Abitur NRW Geschichte-Sozialwissenschaften LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2022

Thema: Imperialismus, Kolonialpolitik und aggressiver Nationalismus · Aus der Prüfung LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2022)

Aufgabenstellung

Abiturprüfung 2022 – Geschichte/Sozialwissenschaften, Leistungskurs

Materialgrundlage

Paul Rohrbach: Der deutsche Gedanke in der Welt. Düsseldorf 1912, S. 7 ff.

Einleitung aus dem Buch „Der deutsche Gedanke in der Welt“ von Paul Rohrbach (1869–1956, Theologe, Kolonialbeamter und Schriftsteller), 1912:

1 Das Angelsachsentum hat heute eine so gewaltige Ausdehnung gewonnen, daß es, gestützt auf die Zahl seiner Angehörigen, seine Machtmittel und seine innere Kraft, im Begriffe erscheint, die kulturelle Weltherrschaft anzutreten. Rußland, an räumlicher Ausdehnung und Menschenzahl das größte der nicht-angelsächsischen und politischen Gebilde, steht durch innere Unkultur und Brüchigkeit seiner früheren weltpolitischen Hoffnungen beraubt vor uns.

5 Frankreich, das im XVIII. Jahrhundert diesseits und jenseits des Ozeans mit England rivalisierte und es an allgemeinem Einfluß auf die Weltkultur weit übertraf, hat durch den moralischen Niedergang seines sich selbst zur Kinderarmut verurteilenden Volks freiwillig darauf verzichtet, am Wettbewerb der Weltvölker zukünftig noch teilzunehmen. Nur die deutsche Nation hat sich neben den Angelsachsen so entwickelt, daß sie zahlreich und innerlich stark genug erscheint, um auch für ihren Volksgedanken Anspruch auf ein entscheidendes Mitgestaltungsrecht am kommenden Weltalter zu erheben. Diesen Gedanken verstehen wir aber allein dann recht, wenn wir einsehen, daß wir unsere Kraft nur durch immerwährende Ausbreitung der deutschen Idee zu erhalten imstande sind. Es gibt für uns kein Stillstehen oder Innehalten, keinen selbst nur vorübergehenden Verzicht auf Ausdehnung unserer Lebenssphäre, sondern wir haben nur die Wahl zwischen dem Zurücksinken auf die Stufe der Territorialvölker oder der Erkämpfung eines Platzes an der Seite der Angelsachsen. Wir sind wie der Baum, der im Felsspalt wurzelt. Entweder wir drücken das Gestein auseinander und wachsen weiter – oder der Widerstand ist so groß, daß wir verkümmern, weil wir

20 nicht genug Nahrung bekommen. Undenkbar ist es, zu sagen: entfaltet eure Kultur, mehrt euren Reichtum, steigert euer wissenschaftliches, technisches, künstlerisches Können, aber verzichtet darauf, als Kaufleute und Fabrikanten immer neue Länder zu bearbeiten, neue Schiffe zu bauen und neues Kapital in die Weltwirtschaft hineinzuwerfen, eure Söhne in die Ferne zu schicken und von den Enden der Erde den Ertrag eurer Arbeit nach eurem Lande zusammenzuschaffen! Wie sollen wir darauf verzichten, wenn wir so schnell wachsen, daß wir in drei Jahren um so viele Menschen zunehmen, wie es Schweizer gibt, in sechs Jahren uns um die Menge sämtlicher Bewohner Hollands oder Schwedens vermehren und in einem Menschenalter ein zweites Volk, so zahlreich wie die Spanier und Portugiesen, zu unserer früheren Zahl hinzuerzeugt haben! Unser Wachstum ist ein Vorgang von elementarer Naturkraft. Nur ein Verdorren des natürlich sittlichen Empfindens, wie die Franzosen es an sich erlebten, oder eine furchtbare äußere Katastrophe, die uns so arm macht, daß wir die Kinder nicht mehr aufziehen können, die uns geboren werden, wäre imstande, unsere Vermehrung zum Stillstand zu bringen.

34 Wir wachsen und mehren uns, aber nicht in einem weiträumigen Lande, das Überfluss an allem hat, was man zum Leben braucht: an Feldfrucht, Bodenschätzen und Rohstoffen, sondern wir sind in enge und keineswegs günstige Grenzen gepreßt und müssen von Jahr zu Jahr mehr Gut aus der Ferne herbeischaffen, um satt zu werden und unsere Maschinen in Gang zu halten. Mit jedem Jahre wächst derjenige Teil unseres Volkes, der sein Dasein nur fristen kann, wenn Materialien eingeführt und Fabrikate ausgeführt werden, fast um eine Million. Unser Schulwissen und alle sonstige Bildung, unsere Technik, Erfindungsgabe und Kunst, unsere Gründlichkeit und Exaktheit, hier und da vielleicht auch schon etwas freien Geschmack, legen wir in den Verwandlungsprozeß hinein, der amerikanisches Holz und spanisches Metall, ägyptische Baumwolle und australisches Mohair, Kautschuk vom Kongo und Ochsen heute vom La Plata bei uns zu Fabrikaten für den Weltmarkt umschafft. Den Weltmarkt! – ihn brauchen wir jetzt schon für unsere Existenz ebenso nötig wie unsere eigene Scholle, und unerbittlich kommt der Tag näher, an dem wir ihn noch nötiger brauchen werden als sie. Nur aber, wenn mit unserem eigenen Wachstum auch Anteil und Ertrag an Weltmarkt und Weltwirtschaft für uns zunehmen, können wir gesund bleiben; nur dann vermögen wir die inneren Werte, die aus unserer nationalen Idee herauswachsen, auch sich entfalten, aufblühen und als gestaltende Faktoren der Weltkultur wirken zu lassen. Aufhören des Wachstums wäre für uns die Katastrophe nach außen wie nach innen, denn es könnte unter unseren heutigen Verhältnissen auf keine Weise ein freiwilliges oder natürliches sein, sondern erst dann sich ereignen, wenn ein anderes Volk oder eine Vereinigung von Völkern uns derartig zu Boden geworfen hat, daß wir auf lange Zeit hinaus siech werden.

55 Die deutsche Idee also kann nur lebendig bleiben und zunehmen, wenn ihre materielle Grundlage, das heißt die Zahl der Deutschen, der Wohlstand Deutschlands, die Menge und Größe der dem deutschen Wirtschaftsleben dienstbar gemachten weltwirtschaftlichen Beziehungen sich fort und fort erweitern. Indem sie das tun, nötigen sie aber den Angelsachsen den Zwang auf, sich zu entscheiden, ob sie sich mit ihren Interessen in der Welt zugleich den unsrigen anpassen und sich gemeinsam mit uns über ihren und unseren Anteil verständigen, oder ob sie das Ziel ihrer Alleinherrschaft gegen uns mit Gewalt verteidigen wollen. Wählen sie das erstere, so tun sie es, weil sie den Kampf um unserer Stärke Willen für gefährlich halten. Entscheiden sie sich für den Waffengang, so wird es von unserer Stärke abhängen, ob wir siegen, unterliegen oder uns behaupten.

1.

Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des Textes gegliedert wieder. [22 Punkte]

2.

Erläutern Sie die außenpolitischen, wirtschaftlichen und ideologischen Voraussetzungen des deutschen Imperialismus von den 1880er Jahren bis zur Entstehungszeit des Textes. Weisen Sie im Anschluss daran nach, dass Rohrbachs Auffassungen auf imperialistischem Denken gründen. [34 Punkte]

3.

Diskutieren Sie unter Einbeziehung der internationalen Entwicklung, inwiefern vor allem imperialistische Auffassungen wie die Rohrbachs unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg eine Stimmung erzeugt haben, die zwangsläufig den Ausbruch des Ersten Weltkriegs verursacht hat. [24 Punkte]

Hinweis: Weitere 20 Punkte werden für die Darstellungsleistung vergeben (Strukturierung, Fachsprache, Textbelege und sprachliche Richtigkeit). Gesamtpunktzahl: 100 Punkte.

Aufgabenstellung: Aufgabe 1 (HT 1) · Abitur NRW Geschichte-Sozialwissenschaften LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des Textes gegliedert wieder.

Lösung: Individuelle Textanalyse nach den Kriterien des Erwartungshorizonts.

2. Erläutern Sie die außenpolitischen, wirtschaftlichen und ideologischen Voraussetzungen des deutschen Imperialismus von den 1880er Jahren bis zur Entstehungszeit des Textes. Weisen Sie im Anschluss daran nach, dass Rohrbachs Auffassungen auf imperialistischem Denken gründen.

Lösung: Individuelle historische Erläuterung und Textbeleg nach den Kriterien des Erwartungshorizonts.

3. Diskutieren Sie unter Einbeziehung der internationalen Entwicklung, inwiefern vor allem imperialistische Auffassungen wie die Rohrbachs unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg eine Stimmung erzeugt haben, die zwangsläufig den Ausbruch des Ersten Weltkriegs verursacht hat.

Lösung: Individuelle historische Urteilsbildung und Erörterung nach den Kriterien des Erwartungshorizonts.

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