Aufgabe 4 (HT 4) · Abitur NRW Geschichte-Sozialwissenschaften LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2022
Thema: Kalter Krieg und Kubakrise · Aus der Prüfung LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2022)
Aufgabenstellung
Abiturprüfung 2022 – Geschichte/Sozialwissenschaften, Leistungskurs
Aufgabe 4 (HT 4)
Materialgrundlage: Thilo Koch: Krieg oder doch kein Frieden? In: Die Zeit, Nr. 43, 26. Oktober 1962.
Aus dem Text „Krieg oder doch kein Frieden?“ von Thilo Koch aus der Zeitung „Die Zeit“ vom 26. Oktober 1962:
Die drei Möglichkeiten: Kollision, Kapitulation, Kompromiß
1 Dies ist nicht der Augenblick, sich etwas vorzumachen. Seit Montag ist der Krieg in Sicht. Es braucht nichts zu geschehen, aber es kann auch alles passieren. So nahe wie heute war die Welt dem Abgrund der Atomschlacht noch nie. Präsident Kennedy hat den Aufbau sowjeti-
5 scher Raketenrampen auf Kuba damit beantwortet, daß er eine Teilblockade über die karibische Insel verhängte. Der Kreml stellte sich hinter Fidel Castro.
7 Zwei Fragen drängen sich auf. Was ist die rechtliche, die völkerrechtliche Grundlage für diese Blockierung der sowjetischen Vorbereitung zur Aggression? Antwort: Kein Paragraph und kein Artikel einer Charta, sondern allein der Wille, sich nicht überrumpeln zu lassen.
10 Und zweitens die Frage: Kann dieses Ziel mit dem Mittel der Blockade erreicht werden? Antwort: Nur dann, wenn die Diagnose richtig ist, daß die Sowjets allein solche Erfolge suchen, die sie nichts kosten, weil ihnen ja angeblich die Welt mit der Zeit ohnehin zufällt. Wenn sie aber nicht bluffen? Man muß hoffen, daß die amerikanischen Entschlüsse kühlen Kopfes gefaßt worden sind und daß die Sorge, aufbrodelnde Emotionen könnten eine Rolle gespielt
15 haben, unbegründet ist.
16 Die erste Runde der großen Auseinandersetzung hat vor dem Forum der Vereinten Nationen begonnen. Zwar ist es schwer zu sehen, wie der Sicherheitsrat, den die USA wie die Sowjetunion mit ihrem Veto lähmen können, eine Lösung finden sollte; nicht minder schwer auch, sich vorzustellen, wie einer der beiden Kontrahenten in der Vollversammlung die notwendige
20 Zweidrittelmehrheit der 110 Nationen zu gewinnen vermöchte. Doch ist diese Stunde der Krise für die Weltorganisation zugleich die Stunde der Bewährung: die Probe auf jene ausgleichende Kraft, die in einer raketenstarrenden Welt sogar den Ohnmächtigen zu Gebote steht. Selbst gegenüber den Supermächten, die sich hier zum erstenmal seit 1945 in direkter, bedrohlicher Konfrontation gegenüberstehen.
25 Diese direkte Konfrontation ist es auch, die einen isolierten Verlauf des Kuba-Konflikts ausschließt. Das Krisen-Junktim Kuba-Berlin ist unübersehbar. Sollte es im Karibischen Meer zu Schießereien kommen, mögen sie leicht auf den Zufahrtswegen zu Berlin oder in der Stadt selber ein kriegerisches Echo finden. Das ist die Konsequenz der Härte: Der Frieden kann das Opfer der Standhaftigkeit werden. Auch darüber sollte man sich nichts vormachen, zumal
30 nicht wir Deutschen.
31 Wohin uns diese Krise führen wird, niemand vermag es zu sagen. Es gibt heilsame Schocks im Leben der einzelnen wie im Leben der Völker. Nicht ausgeschlossen ist es, daß auf das große Erschrecken die große Ernüchterung folgt und schließlich vielleicht sogar der Ansatz zu einer in die Zukunft weisenden Verständigung. Wahrscheinlicher freilich ist eine andere
35 Aussicht. Wenn nicht das Chaos des heißen Krieges über uns hereinbricht, was der Herrgott verhüten möge, kann es doch im kalten Krieg einen Temperatursturz geben, der sich auf die Politik und das Leben unserer Welt noch lange auswirken muß.
38 Nach offizieller amerikanischer Ansicht ist kein Zweifel möglich, daß die Sowjetunion in Kuba inzwischen schon über eine gewisse Anzahl von Kurzstreckenraketen (mobile medium
40 range ballistic missiles) und Mittelstreckenraketen ( intermediate range ballistic missiles) verfügt. Damit liegt die amerikanische Hemisphäre zwischen Kanada und Peru innerhalb der Reichweite von zuverlässig funktionierenden sowjetischen Raketen. Es besteht keine Klarheit darüber, ob sich bereits Atomsprengköpfe auf Kuba befinden. Sie können jedoch sehr schnell auf dem Luftwege von der Sowjetunion dorthin geschafft werden. Deshalb wird sich die Qua-
45 rantäne auch auf den Luftraum erstrecken.
46 Die Sowjetunion ist nicht in der Lage, etwa eine Blockade zur See durch eine Luftbrücke zu umgehen. Es fehlen ihr die dazu notwendigen Transportmaschinen. Aber wenn auch nur ein Flugzeug mit Wasserstoffbomben die Blockade durchbricht, dann erhöht sich die effektive Bedrohung erheblich.
50 Kuba ist zum wichtigsten politischen Problem der Vereinigten Staaten geworden; es ist aber auch ein militärisches Problem. Chruschtschows Drohung mit den interkontinentalen Raketen, die vom Boden der Sowjetunion selbst abgeschossen werden können und die jedes Gebiet der Vereinigten Staaten in direktem Flug erreichen, deckt anscheinend nicht völlig die strategischen Erfordernisse. Warum ging Moskau sonst das große Risiko ein, das mit dem Ausbau
55 Kubas zu einer offensiven Position vor der Küste der Vereinigten Staaten gegeben war?
56 Politisch ist dies eine Provokation, die vielleicht andere, ernstere Absichten der Sowjetunion verschleiern soll. Es ergäbe sich eine tödliche Zwickmühle zwischen den Krisenherden Kuba und Berlin. Militärisch wollten die Russen offenbar versuchen, sich auf Kuba eine ähnliche Operationsbasis zu schaffen, wie sie die Vereinigten Staaten etwa in der Türkei und in West-
60 deutschland, also unmittelbar am Rande des Ostblocks, bezogen haben.
[...]
62 Die Amerikaner haben einkalkuliert, daß ihre NATO-Bündnispartner bei jedem westlichen Zusammenstoß mit der Sowjetunion automatisch in den Konflikt hineingezogen werden. Das ist insbesondere dann der Fall, wenn die Russen als Gegenmaßnahme einen Schlag gegen
65 Berlin führen. Präsident Kennedy hat es sehr lange vermieden, das äußerste Risiko einzugehen. Er konnte jetzt nicht anders handeln. Der Kongreß hatte ihn festgelegt, und er selbst hatte sich verpflichtet. Noch mögen die angekündigten Maßnahmen als Akt der legitimen Selbstverteidigung im Sinne der Charta der Vereinten Nationen gelten. Aber bereits eine Blockade mit allen Konsequenzen, das Aufbringen und Versenken von Schiffen, wäre Krieg.
Anmerkungen:
1. Thilo Koch (1920 – 2006), Journalist, schrieb u. a. als Korrespondent in Berlin und Washington für „Die Zeit“.
2. bluffen: so tun als ob
3. zu Gebote stehen: zur Verfügung haben, besitzen
4. Junktim: Verknüpfung
1.
Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des Textes in gegliederter Form wieder. [22 Punkte]
2.
Erläutern Sie, wie der Kalte Krieg zwischen 1945 und 1962 entstand und sich entwickelte, und ordnen Sie den Text in die Phasen der Kuba-Krise von 1962 ein. Arbeiten Sie danach die Haltung Kochs zur Kuba-Krise heraus. [34 Punkte]
3.
Koch hofft darauf, dass der Kuba-Krise eine „in die Zukunft weisende Verständigung“ folgen könnte. Prüfen Sie, inwiefern sich diese Hoffnung Kochs mit Blick auf die nachfolgenden Jahrzehnte bis 1990 bestätigt hat. [24 Punkte]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des Textes in gegliederter Form wieder.
Lösung: Strukturierte Analyse von Textsorte, Thema, Kern- und Hauptaussagen sowie Gedankengang des Zeitungskommentars von Thilo Koch.
2. Erläutern Sie, wie der Kalte Krieg zwischen 1945 und 1962 entstand und sich entwickelte, und ordnen Sie den Text in die Phasen der Kuba-Krise von 1962 ein. Arbeiten Sie danach die Haltung Kochs zur Kuba-Krise heraus.
Lösung: Historische Einordnung der Entwicklung des Kalten Krieges (1945–1962), Verortung des Textes in den Etappen der Kuba-Krise und Herausarbeitung der Position des Autors.
3. Koch hofft darauf, dass der Kuba-Krise eine „in die Zukunft weisende Verständigung“ folgen könnte. Prüfen Sie, inwiefern sich diese Hoffnung Kochs mit Blick auf die nachfolgenden Jahrzehnte bis 1990 bestätigt hat.
Lösung: Differenzierte Überprüfung und Beurteilung der Perspektiven für die Ost-West-Beziehungen bis 1990 mit abwägendem Fazit.
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