Aufgabe 1 · Abitur NRW Geschichte-Sozialwissenschaften LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2023

Thema: Industrialisierung, Gesellschaft und Frauenrolle im Kaiserreich · Aus der Prüfung LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2023)

Aufgabenstellung

Abiturprüfung 2023 · Geschichte/Sozialwissenschaften, Leistungskurs

Aufgabe 1

Materialgrundlage

Ludwig Langemann: Warum müssen Kirche, Gemeinde und Staat das Frauenstimmrecht grundsätzlich ablehnen?. Aus: Frauenstimmrecht und Frauenemanzipation. Denkschrift des Deutschen Bundes gegen die Frauenemanzipation, verfasst von Ludwig Langemann und Helene Hummel. Berlin 1916, S. 13 – 21.

(Rechtschreibung und Zeichensetzung folgen dem Original. Passagen in gesperrter Schrift wurden der besseren Lesbarkeit wegen entfernt.)

Aus einem von Ludwig Langemann verfassten Aufsatz des „Deutschen Bundes gegen die Frauenemanzipation“ aus dem Jahre 1916:

1 Wenn man an die kritische Untersuchung des Frauenstimmrechtsproblemes herangeht, so ist vor allem klarzustellen, daß diese politische Frage, wie die meisten Fragen dieser Art, letzten Endes eine Machtfrage ist. Es steht zur Diskussion, ob der heutige Staat wie bisher von Männern und nach männlichen Grundsätzen verwaltet und regiert werden soll, oder ob man die

5 Frauen zur Mitregierung heranziehen und ihnen damit einen Einfluß einräumen will, der sich leicht zur Vorherrschaft auswachsen und dem ganzen Staatsleben ein weibisches, kraftloses Gepräge geben könnte. Die männliche Struktur, das männliche Wesen des Staates würde durch Einführung der politischen Gleichberechtigung der Geschlechter jedenfalls eine tiefgehende Umwandlung im weiblichen Sinne erleiden, und es fragt sich zunächst, ob Aufgabe und Zweck

10 des Staates bei einer solchen Umgestaltung überhaupt noch erfüllt werden können.

Die erste und wichtigste Aufgabe eines jeden Naturwesens, eines jeden Menschen, jeder menschlichen Vereinigung, auch des Staates, ist die Selbstbehauptung. Daß es hierzu vor allem männlicher physischer und geistiger Kraft, Entschlußfähigkeit und unbeugsamen Todesmutes bedarf, lehren die heutigen eisernen Zeiten auch dem blödesten Kulturschwärmer auf

15 die eindringlichste Weise. Was sollte heute aus unserem Vaterlande und seiner komplizierten friedlichen Kulturarbeit werden, wenn nicht der vielgeschmähte Militarismus aus unseren jungen Männern kraftvolle Helden gemacht hätte, die freudigen Mutes ihr Herzblut für die Ehre und Größe des Vaterlandes dahingeben? […]

Es müßten doch schon ganz zwingende Gründe vorhanden sein, die den männlichen starken

20 Staat veranlassen könnten, seinen männlichen Charakter, den der Ordnung, Kraft und Sicherheit, durch Hinzuziehung des weiblichen Geschlechts zur Mitregierung in Gefahr zu bringen oder gar zu zerstören. – Die Gründe, welche von den machthungrigen Rechtlerinnen zugunsten einer solchen Revolution ins Feld geführt werden, sind gottlob fadenscheinig genug, um selbst bei einer oberflächlichen Betrachtung in ihrer ganzen Nichtigkeit durchschaut zu werden.

25 Seit einigen Jahren, besonders seit der Gewerbezählung von 1907, die außerordentlich hohe Zahlen weiblicher Erwerbstätiger zutage förderte, machten die Führerinnen der Frauenbewegung den Versuch, die Notwendigkeit der Politisierung der Frau mit der völligen Umwälzung im Frauenerwerbsleben zu begründen. Dieser Versuch ist vollkommen mißlungen, und es ist,

prozentual berechnet, statt der behaupteten „ungeheuren Zunahme“ der hauptberuflichen

30 weiblichen Erwerbstätigen, sogar eine geringe Abnahme festzustellen. […]

Als man mit dieser Motivierung der Politisierung der Frau keinen rechten Glauben mehr fand, begann man die Mütterlichkeit und Fürsorge, die das Frauenstimmrecht in das Staatsleben hineinzutragen geeignet sei, in den Vordergrund zu schieben. Aber auch mit dieser Begründung der feministischen Bestrebungen ist es nichts. […] Die Männer haben – das be-

35 weist die heutige Kriegszeit auf das schlagendste – im Frieden derartig auf allen Gebieten vorgesorgt, daß es für die Frauen nicht leicht sein würde, sie auf diesem Felde zu übertreffen oder nur ihnen gleichzukommen. Die heute zutage tretende moralische, physische und intellektuelle Kraft unseres Staatslebens ist aber nicht allein das Werk der Männer; nein, unsere echten mütterlichen Frauen, die im häuslichen Kreise walten und nicht nach politischen Rech-

40 ten streben, haben in selbstloser Hingabe an ihre Gatten- und Mutterpflichten den deutschen Männern die Kraft gegeben, den stolzen Bau zu errichten, den heute kein Sturm von außen vernichten kann. Dieser starke Männerstaat schirmt heute auch diejenigen, die in Friedenszeiten kein höheres Ziel kannten, als ihn seines starken männlichen Charakters zu entkleiden und dem Niedergange zu überliefern.

45 Gerade in der heutigen Lage ist es nicht schwer, das von der Frauenbewegung immer wieder vorgetragene Gerechtigkeitsmotiv zum Schweigen zu bringen. Da ist zunächst die Phrase von der absoluten Gleichwertigkeit der weiblichen und männlichen Persönlichkeit, die die völlige Gleichstellung der Geschlechter zu einer Forderung der einfachsten Gerechtigkeit mache. Die glutrote Kriegsfackel beleuchtet dieses Problem mit einem scharfen Lichte, das

50 den Augen der Rechtlerinnen einigermaßen schmerzend sein dürfte. – Die moderne Kultur ist weit genug vorgeschritten, um die Frau als sittlich freie Persönlichkeit anzuerkennen, die innerhalb des ihr zugewiesenen Kreises ein nach eigenen Grundsätzen und Plänen gestaltetes, mehr oder weniger unabhängiges Dasein zu leben vermag. Aber diejenige absolute Gleichheit der männlichen und der weiblichen Persönlichkeit, die zur Forderung der politischen Gleich-

55 stellung der Geschlechter geführt hat, ist ein Phantasiegebilde. Das Weib bleibt im Kampfe ums Dasein unter allen Umständen in gewissem Grade unfrei und vom Schutze und der Fürsorge des Mannes abhängig. Zum Begriff der vollkommenen Persönlichkeit im rein menschlichen Sinne gehört vor allem andern auch die Fähigkeit, bei physischen, die Existenz bedrohenden Angriffen der Außenwelt unter allen Umständen sich selbst (persönlich) zu behaup-

60 ten, sei es auch mit Drangabe des Lebens. […] Und der höchste Stolz des Weibes ist immer

der, einem Helden anzugehören oder einen Helden geboren zu haben. Darum kann es auch nur männliche vollberechtigte und verpflichtete Staatsbürger geben.

Die Frau als vollberechtigte Staatsbürgerin bedeutet einen Widerspruch in sich selbst, da sie als unfreie und schutzbedürftige Persönlichkeit nicht in der Lage ist, für den Staat in schwers-

65 ter Not mit ihrer ganzen Person einzutreten und die Verantwortung für seinen Bestand zu übernehmen. Beim Frauenstimmrecht würde die Frau die Möglichkeit haben, Gesetze durchzubringen, für die später der Mann auf dem Schlachtfelde an Leib und Leben gestraft würde. Es würde ihr möglich sein, den Staat nach ihren Wünschen als Träger der Macht zu schädigen und damit Freiheit und Unabhängigkeit des ganzen Volkes zu vernichten. Darum ist das

70 Frauenstimmrecht für jeden objektiv denkenden Staatsmann eine Unmöglichkeit; nur blinde Parteileidenschaft kann seine Konsequenzen übersehen oder unterschätzen.

Anmerkungen:

1 Prof. Dr. Ludwig Langemann war der Vorsitzende des 1912 gegründeten „Deutschen Bundes gegen die Frauenemanzipation“, der sich vor allem gegen ein Frauenwahlrecht einsetzte. Die Mitglieder dieses Vereins waren Männer, aber auch Frauen aus der Mittel- und Oberschicht des Kaiserreichs.

2 Rechtlerinnen: Bezeichnung für die Frauenrechtlerinnen

3 Mit den Gewerbezählungen wurden im Abstand mehrerer Jahre die beruflichen Verhältnisse der deutschen Bevölkerung statistisch erfasst.

4 Politisierung: politische Betätigung

5 Motivierung: Begründung

6 schirmt: beschützt

7 ihn seines starken männlichen Charakters zu entkleiden: dem Staat seine männliche Prägung wegnehmen

8 Phrase: nichtssagende und belanglose Aussage

1.

Geben Sie die Hauptaussagen und den Argumentationsgang des Textes in gegliederter Form wieder. [22 Punkte]

2.

Erläutern Sie die wirtschaftlichen und innenpolitischen Entwicklungen, die zum Verständnis des Textes erforderlich sind, sowie den Wandel der Frauenrolle im Deutschen Kaiserreich. Arbeiten Sie heraus, welche Auffassung vom Staat der Verfasser vertritt, und charakterisieren Sie danach seine Haltung zur Rolle der Frau. [34 Punkte]

3.

Bewerten Sie das Frauenbild, das der Verfasser im Text erkennen lässt. [24 Punkte]

Hinweis zur Gesamtbewertung: Zusätzlich zu den inhaltlichen Teilleistungen (80 Punkte) können höchstens 20 Punkte für die Darstellungsleistung erreicht werden (Gesamt: 100 Punkte).

Aufgabenstellung: Aufgabe 1 · Abitur NRW Geschichte-Sozialwissenschaften LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2023

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Geben Sie die Hauptaussagen und den Argumentationsgang des Textes in gegliederter Form wieder.

Lösung: Strukturierte Analyse von Gedankengang und Hauptaussagen gemäß offiziellem Erwartungshorizont: - Benennung formaler Kriterien: Ludwig Langemann (Vorsitzender des „Deutschen Bundes gegen die Frauenemanzipation“), politische Denkschrift, Berlin 1916, interessierte Öffentlichkeit, Primärquelle. - Thema: Auswirkungen eines möglichen Frauenwahlrechts auf den Staat. - Kernaussage: Ablehnung des Frauenstimmrechts, da Frauen wesensmäßig ungeeignet für staatsbürgerliche Pflichten seien und ihr Einfluss den Bestand des Staates gefährde. - Gedankengang & Hauptaussagen: 1. Das Frauenwahlrecht gefährde den männlichen Charakter des Staates (physische Stärke, Entschlusskraft, Opferbereitschaft), wodurch dieser seine Schutz- und Freiheitsfunktion nicht mehr erfüllen könne. 2. Zurückweisung der Argumente der Frauenbewegung (Verweis auf Gewerbezählung sei ungültig; staatliche Fürsorge und Schutz durch Männer seien bereits optimal gewährleistet). 3. Behauptung einer biologisch determinierten Ungleichheit: Frauen seien schutzbedürftig und wehrunfähig, daher nicht vollberechtigt als Staatsbürgerinnen. 4. Konsequenz: Frauenstimmrecht führe zur Schwächung des Staates bis hin zur Vernichtung der nationalen Unabhängigkeit.

2. Erläutern Sie die wirtschaftlichen und innenpolitischen Entwicklungen, die zum Verständnis des Textes erforderlich sind, sowie den Wandel der Frauenrolle im Deutschen Kaiserreich. Arbeiten Sie heraus, welche Auffassung vom Staat der Verfasser vertritt, und charakterisieren Sie danach seine Haltung zur Rolle der Frau.

Lösung: Ausführliche Erläuterung und historische Kontextualisierung gemäß Erwartungshorizont: - Wirtschaftliche Entwicklung (Hochindustrialisierung): Übergang zur Industriegesellschaft, Zunahme der Lohnarbeit (auch für Frauen im sekundären und tertiären Sektor), Mechanisierung, Entstehung neuer Dienstleistungs- und Fabrikberufe, verändertes Konsumverhalten. - Innenpolitische Entwicklung: Konstitutionelle Monarchie mit autoritären Zügen, allgemeines Männerwahlrecht ab 25 Jahren (1871), Erstarken der Sozialdemokratie (Forderung nach Frauenwahlrecht), Bismarcks Sozialgesetzgebung, Burgfriedenspolitik und Militarisierung im Ersten Weltkrieg. - Wandel der Frauenrolle: Entstehung der bürgerlichen und proletarischen Frauenbewegung (z. B. Allgemeiner Deutscher Frauenverein 1865), Kampf um Bildungs- und Berufszugang, wachsende Erwerbstätigkeit während des Krieges, Gegenreaktionen konservativ-reaktionärer Verbände. - Staatsauffassung Langemanns: Sozialdarwinistisch und militaristisch geprägt; Staat als Machtinstrument zur 'Selbstbehauptung' im Überlebenskampf der Völker; Legitimation von Macht allein durch physische Wehrhaftigkeit und Opferbereitschaft. - Haltung zur Rolle der Frau: Chauvinistisch, patriarchalisch und biologistisch determiniert; Zuweisung der Frau ausschließlich an den häuslichen Bereich als dienende Mutter und Gattin; Aberkennung politischer Mündigkeit.

3. Bewerten Sie das Frauenbild, das der Verfasser im Text erkennen lässt.

Lösung: Kritische historische und gegenwartsbezogene Bewertung: - Kontrastierung mit den Wertvorstellungen des Grundgesetzes: Gleichheitsgrundsatz (Art. 3 Abs. 2 und 3 GG), Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit (Art. 2 Abs. 1 GG), aktives und passives Wahlrecht für alle Bürger (Art. 38 GG). - Widerlegung der Thesen Langemanns: Das Frauenwahlrecht führte historisch keineswegs zum Verfall des Staates; Frauen tragen heute maßgebliche politische Verantwortung und leisten gleichberechtigte Dienste in allen gesellschaftlichen Sektoren (einschließlich Polizei und Bundeswehr). - Fazit: Langemanns Frauenbild ist ein antifeministisches, reaktionäres Konstrukt, das schon 1916 im Widerspruch zur Lebenswirklichkeit arbeitender Frauen stand und mit modernen demokratischen Grundwerten unvereinbar ist.

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