Abitur NRW Geschichte-Sozialwissenschaften 2023 · LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg
Abiturprüfung Geschichte-Sozialwissenschaften in Nordrhein-Westfalen 2023, LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg: 1 Aufgabe mit Lösungen. Kostenlos.
Themen der Prüfung: Industrialisierung, Gesellschaft und Frauenrolle im Kaiserreich · NS-Ideologie, Herrschaftssicherung und Volksgemeinschaft · Deutsche Teilung, Wiedervereinigung und europäische Integration
Aufgabe 1 · Industrialisierung, Gesellschaft und Frauenrolle im Kaiserreich
Abiturprüfung 2023 · Geschichte/Sozialwissenschaften, Leistungskurs
Aufgabe 1
Materialgrundlage
Ludwig Langemann: Warum müssen Kirche, Gemeinde und Staat das Frauenstimmrecht grundsätzlich ablehnen?. Aus: Frauenstimmrecht und Frauenemanzipation. Denkschrift des Deutschen Bundes gegen die Frauenemanzipation, verfasst von Ludwig Langemann und Helene Hummel. Berlin 1916, S. 13 – 21.
(Rechtschreibung und Zeichensetzung folgen dem Original. Passagen in gesperrter Schrift wurden der besseren Lesbarkeit wegen entfernt.)
Aus einem von Ludwig Langemann verfassten Aufsatz des „Deutschen Bundes gegen die Frauenemanzipation“ aus dem Jahre 1916:
1 Wenn man an die kritische Untersuchung des Frauenstimmrechtsproblemes herangeht, so ist vor allem klarzustellen, daß diese politische Frage, wie die meisten Fragen dieser Art, letzten Endes eine Machtfrage ist. Es steht zur Diskussion, ob der heutige Staat wie bisher von Männern und nach männlichen Grundsätzen verwaltet und regiert werden soll, oder ob man die
5 Frauen zur Mitregierung heranziehen und ihnen damit einen Einfluß einräumen will, der sich leicht zur Vorherrschaft auswachsen und dem ganzen Staatsleben ein weibisches, kraftloses Gepräge geben könnte. Die männliche Struktur, das männliche Wesen des Staates würde durch Einführung der politischen Gleichberechtigung der Geschlechter jedenfalls eine tiefgehende Umwandlung im weiblichen Sinne erleiden, und es fragt sich zunächst, ob Aufgabe und Zweck
10 des Staates bei einer solchen Umgestaltung überhaupt noch erfüllt werden können.
Die erste und wichtigste Aufgabe eines jeden Naturwesens, eines jeden Menschen, jeder menschlichen Vereinigung, auch des Staates, ist die Selbstbehauptung. Daß es hierzu vor allem männlicher physischer und geistiger Kraft, Entschlußfähigkeit und unbeugsamen Todesmutes bedarf, lehren die heutigen eisernen Zeiten auch dem blödesten Kulturschwärmer auf
15 die eindringlichste Weise. Was sollte heute aus unserem Vaterlande und seiner komplizierten friedlichen Kulturarbeit werden, wenn nicht der vielgeschmähte Militarismus aus unseren jungen Männern kraftvolle Helden gemacht hätte, die freudigen Mutes ihr Herzblut für die Ehre und Größe des Vaterlandes dahingeben? […]
Es müßten doch schon ganz zwingende Gründe vorhanden sein, die den männlichen starken
20 Staat veranlassen könnten, seinen männlichen Charakter, den der Ordnung, Kraft und Sicherheit, durch Hinzuziehung des weiblichen Geschlechts zur Mitregierung in Gefahr zu bringen oder gar zu zerstören. – Die Gründe, welche von den machthungrigen Rechtlerinnen zugunsten einer solchen Revolution ins Feld geführt werden, sind gottlob fadenscheinig genug, um selbst bei einer oberflächlichen Betrachtung in ihrer ganzen Nichtigkeit durchschaut zu werden.
25 Seit einigen Jahren, besonders seit der Gewerbezählung von 1907, die außerordentlich hohe Zahlen weiblicher Erwerbstätiger zutage förderte, machten die Führerinnen der Frauenbewegung den Versuch, die Notwendigkeit der Politisierung der Frau mit der völligen Umwälzung im Frauenerwerbsleben zu begründen. Dieser Versuch ist vollkommen mißlungen, und es ist,
prozentual berechnet, statt der behaupteten „ungeheuren Zunahme“ der hauptberuflichen
30 weiblichen Erwerbstätigen, sogar eine geringe Abnahme festzustellen. […]
Als man mit dieser Motivierung der Politisierung der Frau keinen rechten Glauben mehr fand, begann man die Mütterlichkeit und Fürsorge, die das Frauenstimmrecht in das Staatsleben hineinzutragen geeignet sei, in den Vordergrund zu schieben. Aber auch mit dieser Begründung der feministischen Bestrebungen ist es nichts. […] Die Männer haben – das be-
35 weist die heutige Kriegszeit auf das schlagendste – im Frieden derartig auf allen Gebieten vorgesorgt, daß es für die Frauen nicht leicht sein würde, sie auf diesem Felde zu übertreffen oder nur ihnen gleichzukommen. Die heute zutage tretende moralische, physische und intellektuelle Kraft unseres Staatslebens ist aber nicht allein das Werk der Männer; nein, unsere echten mütterlichen Frauen, die im häuslichen Kreise walten und nicht nach politischen Rech-
40 ten streben, haben in selbstloser Hingabe an ihre Gatten- und Mutterpflichten den deutschen Männern die Kraft gegeben, den stolzen Bau zu errichten, den heute kein Sturm von außen vernichten kann. Dieser starke Männerstaat schirmt heute auch diejenigen, die in Friedenszeiten kein höheres Ziel kannten, als ihn seines starken männlichen Charakters zu entkleiden und dem Niedergange zu überliefern.
45 Gerade in der heutigen Lage ist es nicht schwer, das von der Frauenbewegung immer wieder vorgetragene Gerechtigkeitsmotiv zum Schweigen zu bringen. Da ist zunächst die Phrase von der absoluten Gleichwertigkeit der weiblichen und männlichen Persönlichkeit, die die völlige Gleichstellung der Geschlechter zu einer Forderung der einfachsten Gerechtigkeit mache. Die glutrote Kriegsfackel beleuchtet dieses Problem mit einem scharfen Lichte, das
50 den Augen der Rechtlerinnen einigermaßen schmerzend sein dürfte. – Die moderne Kultur ist weit genug vorgeschritten, um die Frau als sittlich freie Persönlichkeit anzuerkennen, die innerhalb des ihr zugewiesenen Kreises ein nach eigenen Grundsätzen und Plänen gestaltetes, mehr oder weniger unabhängiges Dasein zu leben vermag. Aber diejenige absolute Gleichheit der männlichen und der weiblichen Persönlichkeit, die zur Forderung der politischen Gleich-
55 stellung der Geschlechter geführt hat, ist ein Phantasiegebilde. Das Weib bleibt im Kampfe ums Dasein unter allen Umständen in gewissem Grade unfrei und vom Schutze und der Fürsorge des Mannes abhängig. Zum Begriff der vollkommenen Persönlichkeit im rein menschlichen Sinne gehört vor allem andern auch die Fähigkeit, bei physischen, die Existenz bedrohenden Angriffen der Außenwelt unter allen Umständen sich selbst (persönlich) zu behaup-
60 ten, sei es auch mit Drangabe des Lebens. […] Und der höchste Stolz des Weibes ist immer
der, einem Helden anzugehören oder einen Helden geboren zu haben. Darum kann es auch nur männliche vollberechtigte und verpflichtete Staatsbürger geben.
Die Frau als vollberechtigte Staatsbürgerin bedeutet einen Widerspruch in sich selbst, da sie als unfreie und schutzbedürftige Persönlichkeit nicht in der Lage ist, für den Staat in schwers-
65 ter Not mit ihrer ganzen Person einzutreten und die Verantwortung für seinen Bestand zu übernehmen. Beim Frauenstimmrecht würde die Frau die Möglichkeit haben, Gesetze durchzubringen, für die später der Mann auf dem Schlachtfelde an Leib und Leben gestraft würde. Es würde ihr möglich sein, den Staat nach ihren Wünschen als Träger der Macht zu schädigen und damit Freiheit und Unabhängigkeit des ganzen Volkes zu vernichten. Darum ist das
70 Frauenstimmrecht für jeden objektiv denkenden Staatsmann eine Unmöglichkeit; nur blinde Parteileidenschaft kann seine Konsequenzen übersehen oder unterschätzen.
Anmerkungen:
1 Prof. Dr. Ludwig Langemann war der Vorsitzende des 1912 gegründeten „Deutschen Bundes gegen die Frauenemanzipation“, der sich vor allem gegen ein Frauenwahlrecht einsetzte. Die Mitglieder dieses Vereins waren Männer, aber auch Frauen aus der Mittel- und Oberschicht des Kaiserreichs.
2 Rechtlerinnen: Bezeichnung für die Frauenrechtlerinnen
3 Mit den Gewerbezählungen wurden im Abstand mehrerer Jahre die beruflichen Verhältnisse der deutschen Bevölkerung statistisch erfasst.
4 Politisierung: politische Betätigung
5 Motivierung: Begründung
6 schirmt: beschützt
7 ihn seines starken männlichen Charakters zu entkleiden: dem Staat seine männliche Prägung wegnehmen
8 Phrase: nichtssagende und belanglose Aussage
1.
Geben Sie die Hauptaussagen und den Argumentationsgang des Textes in gegliederter Form wieder. [22 Punkte]
2.
Erläutern Sie die wirtschaftlichen und innenpolitischen Entwicklungen, die zum Verständnis des Textes erforderlich sind, sowie den Wandel der Frauenrolle im Deutschen Kaiserreich. Arbeiten Sie heraus, welche Auffassung vom Staat der Verfasser vertritt, und charakterisieren Sie danach seine Haltung zur Rolle der Frau. [34 Punkte]
3.
Bewerten Sie das Frauenbild, das der Verfasser im Text erkennen lässt. [24 Punkte]
Hinweis zur Gesamtbewertung: Zusätzlich zu den inhaltlichen Teilleistungen (80 Punkte) können höchstens 20 Punkte für die Darstellungsleistung erreicht werden (Gesamt: 100 Punkte).
Aufgabe 2 · NS-Ideologie, Herrschaftssicherung und Volksgemeinschaft
Aufgabe 2
Material: Rede von Joseph Goebbels an die deutsche Presse zur Bekanntgabe des Schriftleitergesetzes, Berlin, 4. Oktober 1933.
Meine Herren!
Die Reichsregierung hat in der Kabinettssitzung vom heutigen Nachmittag das neue Schriftleitergesetz beschlossen, und ich glaube, wir stehen damit an einem entscheidenden Wendepunkt in der Entwicklung der öffentlichen Meinung in Deutschland überhaupt.
[…] Ich möchte mich zuerst darauf beschränken, eine Reihe von Begriffen klarzustellen, Begriffe, die im alten Staat, den wir überwunden haben, und im neuen Staat, den wir repräsentieren, eine ganz andere Bedeutung haben und auch haben müssen. Der Begriff der Meinungsfreiheit wird nicht nur in Deutschland selbst, sondern heute in der ganzen Welt auf das lebhafteste diskutiert. Und ich glaube nicht zuviel zu sagen, wenn ich behaupte, daß dieser Begriff in seiner absoluten Überschätzung in der ganzen Welt sehr ins Wanken geraten ist. Der Glaube, daß es eine Freiheit des Geistes und eine Freiheit der Meinung losgelöst vom nationalen und vom völkischen Interesse überhaupt geben könne, dieser Glaube ist allgemach im Rückzug begriffen. Man beginnt nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt mehr und mehr einzusehen, daß die Freiheit des Geistes und die Freiheit der Meinung Grenzen finden müssen, wo sie sich mit den Rechten und Verpflichtungen des Volkes und Staatskörpers zu stoßen beginnen. Wir haben unsere Ansicht über diesen Tatsachenbestand niemals verheimlicht, sondern schon in den Zeiten unserer Opposition immer wieder zum Ausdruck gebracht, daß wir es für einen politischen Wahnsinn halten, daß man einzelnen Individuen die absolute Freiheit des Geistes und der Meinung garantieren wollte und dabei die Freiheit eines ganzen Volkskörpers immer mehr Schaden nehmen mußte.
[…] Der Staat kann sich gar nicht dieses souveräne Recht von irgendeinem Einzelwesen nehmen lassen. In dem Augenblick, in dem der Staat sich dieses souveränen Rechtes begibt, begibt er sich der Möglichkeit, eine zielbewußte und konsequente Politik nach innen und nach außen zu betreiben.
Nun, glaube ich, sind die Gefahren, die Deutschland und Europa gegenwärtig bedrohen, niemals so groß gewesen wie im Augenblick. Wenn ich noch dazu in Betracht ziehe, daß wir heute eine Regierung haben, die besten Willens ist und nach bestem Wissen und Gewissen Maßnahmen zu treffen versucht, um die Situation zum Wohle des Volkes zu lösen, wenn ich noch hinzunehme, daß dem deutschen Volke Pläne ganz großen Charakters vorgelegt werden, die die ganze Hingabebereitschaft und den ganzen Opfersinn und die ganze Opferfähigkeit des deutschen Volkes in Anspruch nehmen müssen, um sie zum Erfolg zu führen, dann, glaube ich, geht es nicht an, daß die Regierung einerseits die größten Geldmittel, die größten politischen Werte einsetzt, um mit ihren Plänen zu einem greifbaren Ergebnis zu kommen, daß dann andererseits aber einem Einzelmenschen nun das Recht vorbehalten bleibt, diese Pläne zu sabotieren und sie in der Anlage schon zu verfälschen.
[…] Es ist das souveräne Recht des Staates, die öffentliche Meinung, um nicht zu sagen, zu kontrollieren, so doch wenigstens in ihrer Gestaltung gewissermaßen zu überwachen und dafür zu sorgen, daß sie nicht in Wege hineingerät, die Staat und Volk und dem Allgemeinwesen abträglich sein könnten. Wenn heute in Journalistenkreisen Klage darüber geführt wird, daß das Bild der deutschen Presse zu uniform geworden sei, so muß ich dem gegenüberhalten, daß das nicht im Willen der Regierung gewesen ist. Ich kann doch nichts dafür, wenn Zeitungen, die früher gegen die nationalsozialistische Bewegung Sturm gelaufen sind, heute päpstlicher sein wollen als der Papst. Wir zwingen sie doch nicht zur Charakterlosigkeit! Wir verlangen doch nicht, daß sie hurra schreien, wenn ihnen nicht zum Hurraschreien zumute ist. Wir verlangen nur, daß sie nichts gegen den Staat unternehmen. Es wäre uns durchaus recht, wenn sie für das jeweils wechselnde Publikum eine jeweils […] wechselnde Nuance hätten. Der Vielgestaltigkeit der öffentlichen Meinungsbildung ist durchaus kein Hindernis entgegengesetzt. […] Die Presse soll monoform im Willen und polyform in der Ausgestaltung des Willens sein. Jeder hat im Rahmen der großen Aufgaben, die wir erfüllen müssen, volle Entfaltungsfreiheit. Es liegt nicht im Interesse der Regierung, Schreibkulis zu erziehen, sondern sie hat im Gegenteil ein Interesse daran, aufrichtige Männer zu besitzen, die die Feder zu handhaben verstehen und die auf ihre Art an den großen nationalen Aufgaben mitzuarbeiten entschlossen sind.
[…] Der Staat will Ihren Beruf nicht verbeamten, aber er sichert sich eine oberste Aufsicht über den Presseberuf, nicht um dem Presseberuf Fesseln anzulegen, sondern um ihn von Elementen zu säubern, die im Presseberuf eigentlich gar keinen Platz haben dürften. Ich glaube, jeder anständige Journalist wird dies nur begrüßen. Ich glaube, daß wir in Deutschland heute schon sehr viel weiter sind als in anderen Staaten. Wenn Sie nun anfangen, sich selbst zu erziehen, wenn Sie in Ihrem Beruf nun auch neben der Schreibarbeit eine große sittliche Aufgabe erkennen und wenn Sie weiterhin erkennen wollen, wie große Verantwortung Sie Volk und Staat gegenüber tragen, dann, glaube ich, kann dieses Gesetz unendlichen Segen schaffen, und Sie kommen dann in ein positives Verhältnis zum Staate. Sie wissen, was der Staat Ihnen schuldet, und Sie wissen auch, was Sie dem Staat schulden. Muß es nicht für jeden Schriftleiter und Journalisten erfreulich sein, nun zu sehen, daß sein Stand aus allen anderen Ständen sichtbar herausgehoben wird, daß er besondere Verantwortung übernimmt, dabei aber auch den besonderen Schutz des Staates für sich in Anspruch nehmen kann?
Aus: Bernd Sösemann / Marius Lange: Propaganda. Medien und Öffentlichkeit in der NS-Diktatur, Nr. 1025, Beiträge zur Kommunikationsgeschichte Bd. 25. Stuttgart 2011.
a)
Ordnen Sie den Text in den Ablauf der nationalsozialistischen Machtsicherung zwischen 1933 und August 1934 ein und erläutern Sie, wie sich die sogenannte „Gleichschaltung“ in diesem Zeitraum vollzog, vor allem im Bereich der Presse.
b)
Arbeiten Sie im Anschluss heraus, wie Goebbels zur Meinungsfreiheit und zur Presse steht.
c)
Bewerten Sie diese Position gegenüber Meinungsfreiheit und Presse.
Aufgabe 3 · Deutsche Teilung, Wiedervereinigung und europäische Integration
Abiturprüfung 2023 · Geschichte/Sozialwissenschaften, Leistungskurs
Aufgabenstellung:
1.
Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des vorliegenden Textes in gegliederter Form wieder. (22 Punkte)
2.
Erläutern Sie mit Bezug auf den Text, wie sich die deutsche Teilung von 1945 bis 1949 und der westeuropäische Integrationsprozess von 1945 bis 1957 entwickelten. Charakterisieren Sie im Anschluss daran die deutschlandpolitischen Vorstellungen Adenauers, die im Text deutlich werden, und erklären Sie die ihm zugeschriebene ‚Magnettheorie‘. (34 Punkte)
3.
Diskutieren Sie, inwiefern sich die Ziele und Hoffnungen Adenauers für Deutschland und Europa bis heute erfüllt haben. (24 Punkte)
Materialgrundlage
Aus einer Bundestagsrede von Bundeskanzler Konrad Adenauer aus Anlass der Ratifizierung des Vertrages über die europäische Verteidigungsgemeinschaft (EVG) und den Deutschlandvertrag am 9. Juli 1952:
1 Auch die Integration Westeuropas, meine Damen und Herren, schreitet fort. Sie begann mit dem Europarat, sie erhielt den ersten kräftigen Anstoß durch den Abschluß des Vertrags über die Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl, den Schumanplan. Dieser Vertrag ist von den beteiligten sechs Staaten in der Zwischenzeit ratifiziert worden. Die Hin-
5 legung der Ratifizierungsurkunden wird in diesem Monat in Paris erfolgen; der Vertrag tritt damit in Kraft. Er wird die Integration Europas in kräftiger Weise fördern. Der Vertrag über die Europäische Verteidigungsgemeinschaft wird, wie ich schon ausführte, die Integration Westeuropas ein großes Stück vorwärts bringen. Leider können wir infolge der gesamten internationalen Lage zur Zeit immer nur von der Integration Westeuropas sprechen. Aber alle
10 diese Pakte, die die Integration fördern, und diejenigen, die noch zu schließen sind, um sie zu vollenden, sehen den Beitrag auch der anderen europäischen Länder vor und werden ihn vorsehen, so daß wir mit Bestimmtheit hoffen können, im Laufe der Zeit zu einer Integration ganz Europas zu kommen.
14 Lassen Sie mich jetzt noch die Lage der Bundesrepublik infolge der seit 1945 eingetretenen
15 Entwicklung skizzieren. Die Bundesrepublik steht noch unter Besatzungsstatut. Sie ist unbewaffnet. Sie ist nicht in der Lage, sich zu verteidigen. Sie ist — und darauf lassen Sie mich besonders hinweisen — zur Zeit rechtlich gesehen nur Objekt politischer und strategischer Überlegungen. Ich habe gesagt: „rechtlich gesehen“, weil sie bei Genehmigung der Verträge vom Objekt zum Mithandelnden würde und weil die Westmächte in der Annahme, daß diese
20 Verträge in Kraft treten werden, uns jetzt schon nicht mehr lediglich als Objekt politischer und strategischer Überlegungen betrachten. Deutschland ist zudem noch geteilt. So liegt es zwischen den beiden großen Machtsystemen, die ich eben geschildert habe. Es liegt mitten in einem Spannungsfeld zwischen Ost und West, und zwar an einer besonders gefährdeten Stelle.
25 Welche Fortschritte werden nun die Verträge nach ihrem Inkrafttreten gegenüber dem heutigen Zustand für Deutschland bringen? Das Besatzungsstatut fällt fort. Alle wirtschaftlichen Beschränkungen hören auf. Wir erhalten die Unterstützung der Vereinigten Staaten. Wir erhalten ein Defensivbündnis mit Großbritannien. Die europäische Föderation beginnt auf dem neuralgischsten Gebiet, nämlich dem militärischen. Europäische Kriege sind in Zu-
30 kunft ausgeschlossen.
31 Durch den Einbau in das größte Verteidigungssystem der Geschichte erhalten wir die denkbar größte Sicherheit, und, meine Damen und Herren, wir sind nicht mehr Objekt politischer und strategischer Überlegungen, sondern wir werden Mithandelnde.
34 Ich glaube, gerade dieser letzte Punkt verdient noch einige Ausführungen. Die Spannungen
35 zwischen Ost und West kennt jeder von uns. Wenn es auch in hohem Grade unwahrscheinlich ist, daß es zu einem heißen Krieg zwischen Ost und West kommt, so muß man doch bei seinen Überlegungen auch entfernte Möglichkeiten mit in den Kreis seiner Betrachtungen ziehen. Solange wir besetztes Land sind, solange wir uns nicht in das westliche Verteidigungssystem eingefügt haben, sind wir ein Niemandsland zwischen zwei großen Mächtegruppen.
40 Wie wir in den diplomatischen Auseinandersetzungen Objekt sind, so würden wir auch bei ernsten Auseinandersetzungen Objekt sein. Mit anderen Worten: wir würden Schauplatz dieser Auseinandersetzungen werden mit all den furchtbaren Folgen, die sich daraus für unser Volk ergeben würden.
44 Ich bin der Auffassung, meine Damen und Herren, daß diese die Weltlage beherrschenden
45 Spannungen, die wir nicht aus der Welt schaffen können, dringend von uns verlangen, aus dem Zustand der Schwebe, in dem wir uns jetzt befinden, herauszukommen. […]
47 Ich möchte noch einige in der Öffentlichkeit aufgeworfene Fragen besprechen, die von besonderer Bedeutung sind. Es ist behauptet worden, die Genehmigung der beiden Verträge mache die Wiedervereinigung mit der Sowjetzone unmöglich.
50 Ich halte diese Behauptung für falsch.
51 Ich, meine Damen und Herren, bin gerade der umgekehrten Ansicht, daß wir mit dem Abschluß dieser Verträge einen bedeutenden Schritt vorwärts tun auf das Ziel, das seinerzeit der Bundestag fast einstimmig so formuliert hat: Wiedervereinigung Deutschlands in Frieden und Freiheit in einem freien Europa.
55 Es ist richtig, daß die Wiedervereinigung in Freiheit nur mit Zustimmung der vier Alliierten, also auch mit Zustimmung Sowjetrußlands, erfolgen kann. Ich bin der Auffassung, daß es klug ist, wenn man sich für diese Politik die Hilfe von wenigstens drei von den vieren zunächst sichert, wie wir das im Deutschlandvertrag tun. Ich glaube, daß es möglich sein wird, im richtigen Augenblick mit Sowjetrußland an den Verhandlungstisch zu kommen, wenn wir die
60 Hilfe dieser drei Mächte dabeihaben. Aber keiner — nicht einmal meine Freunde von der äußersten Linken — glauben, daß die Sowjetunion aus sich heraus die Sowjetzone freigeben wird. Ich kann deswegen in keiner Weise einsehen, daß wir die Aussichten für die Wiedervereinigung Deutschlands in Freiheit dadurch, daß wir diese Verträge schließen, verschlechtern. Ein Gesamtdeutschland, wie es bis jetzt Sowjetrußland in seinen Noten fordert, also ein
65 neutralisiertes Deutschland, ein auf dem Boden des Potsdamer Abkommens errichtetes Gesamtdeutschland ist für uns nicht möglich.
67 Wir werden mit Hilfe der drei Westalliierten versuchen müssen, Sowjetrußland von dieser seiner Forderung im Wege der Verhandlung abzubringen. Ich bin überzeugt davon, daß Sowjetrußland, wenn es sieht, daß infolge des Abschlusses der Europäischen Verteidigungsgemein-
70 schaft seine Politik, im Wege des Kalten Krieges im vorliegenden Fall zur Neutralisierung der Bundesrepublik zu kommen, keinen Erfolg mehr verspricht, daß dann Sowjetrußland diese neugeschaffene politische Situation beachten und seine Politik dementsprechend einstellen wird.
73 Das eine ist sicher, meine Damen und Herren: Wenn wir die Verträge nicht unterzeichnen,
75 verbessern wir die Aussicht auf Wiedervereinigung Deutschlands in keiner Weise.
Anmerkungen:
1 ratifizieren: Gemeint ist die völkerrechtliche Bestätigung eines Vertrages zwischen Staaten durch deren Parlamente.
2 Föderation: Bündnis, Zusammenschluss
3 neuralgisch: empfindlich, heikel
4 Noten: Gemeint sind die sogenannten „Stalin-Noten“, diplomatische Schreiben Stalins an die westlichen Alliierten, in denen er ein Vereinigtes, aber neutrales Deutschland vorschlug.
Rede des Bundeskanzlers Konrad Adenauer (CDU) vor dem Bundestag: Protokoll der 221. Sitzung des 1. Deutschen Bundestages. Bonn, Mittwoch, den 9. Juli 1952, S. 9797–9799. Zitiert nach: dserver.bundestag.de/btp/01/01221.pdf (Zugriff: 03.05.2022).
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