Aufgabe 3 · Abitur NRW Geschichte-Sozialwissenschaften LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2023

Thema: Deutsche Teilung, Wiedervereinigung und europäische Integration · Aus der Prüfung LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2023)

Aufgabenstellung

Abiturprüfung 2023 · Geschichte/Sozialwissenschaften, Leistungskurs

Aufgabenstellung:

1.

Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des vorliegenden Textes in gegliederter Form wieder. (22 Punkte)

2.

Erläutern Sie mit Bezug auf den Text, wie sich die deutsche Teilung von 1945 bis 1949 und der westeuropäische Integrationsprozess von 1945 bis 1957 entwickelten. Charakterisieren Sie im Anschluss daran die deutschlandpolitischen Vorstellungen Adenauers, die im Text deutlich werden, und erklären Sie die ihm zugeschriebene ‚Magnettheorie‘. (34 Punkte)

3.

Diskutieren Sie, inwiefern sich die Ziele und Hoffnungen Adenauers für Deutschland und Europa bis heute erfüllt haben. (24 Punkte)

Materialgrundlage

Aus einer Bundestagsrede von Bundeskanzler Konrad Adenauer aus Anlass der Ratifizierung des Vertrages über die europäische Verteidigungsgemeinschaft (EVG) und den Deutschlandvertrag am 9. Juli 1952:

1 Auch die Integration Westeuropas, meine Damen und Herren, schreitet fort. Sie begann mit dem Europarat, sie erhielt den ersten kräftigen Anstoß durch den Abschluß des Vertrags über die Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl, den Schumanplan. Dieser Vertrag ist von den beteiligten sechs Staaten in der Zwischenzeit ratifiziert worden. Die Hin-

5 legung der Ratifizierungsurkunden wird in diesem Monat in Paris erfolgen; der Vertrag tritt damit in Kraft. Er wird die Integration Europas in kräftiger Weise fördern. Der Vertrag über die Europäische Verteidigungsgemeinschaft wird, wie ich schon ausführte, die Integration Westeuropas ein großes Stück vorwärts bringen. Leider können wir infolge der gesamten internationalen Lage zur Zeit immer nur von der Integration Westeuropas sprechen. Aber alle

10 diese Pakte, die die Integration fördern, und diejenigen, die noch zu schließen sind, um sie zu vollenden, sehen den Beitrag auch der anderen europäischen Länder vor und werden ihn vorsehen, so daß wir mit Bestimmtheit hoffen können, im Laufe der Zeit zu einer Integration ganz Europas zu kommen.

14 Lassen Sie mich jetzt noch die Lage der Bundesrepublik infolge der seit 1945 eingetretenen

15 Entwicklung skizzieren. Die Bundesrepublik steht noch unter Besatzungsstatut. Sie ist unbewaffnet. Sie ist nicht in der Lage, sich zu verteidigen. Sie ist — und darauf lassen Sie mich besonders hinweisen — zur Zeit rechtlich gesehen nur Objekt politischer und strategischer Überlegungen. Ich habe gesagt: „rechtlich gesehen“, weil sie bei Genehmigung der Verträge vom Objekt zum Mithandelnden würde und weil die Westmächte in der Annahme, daß diese

20 Verträge in Kraft treten werden, uns jetzt schon nicht mehr lediglich als Objekt politischer und strategischer Überlegungen betrachten. Deutschland ist zudem noch geteilt. So liegt es zwischen den beiden großen Machtsystemen, die ich eben geschildert habe. Es liegt mitten in einem Spannungsfeld zwischen Ost und West, und zwar an einer besonders gefährdeten Stelle.

25 Welche Fortschritte werden nun die Verträge nach ihrem Inkrafttreten gegenüber dem heutigen Zustand für Deutschland bringen? Das Besatzungsstatut fällt fort. Alle wirtschaftlichen Beschränkungen hören auf. Wir erhalten die Unterstützung der Vereinigten Staaten. Wir erhalten ein Defensivbündnis mit Großbritannien. Die europäische Föderation beginnt auf dem neuralgischsten Gebiet, nämlich dem militärischen. Europäische Kriege sind in Zu-

30 kunft ausgeschlossen.

31 Durch den Einbau in das größte Verteidigungssystem der Geschichte erhalten wir die denkbar größte Sicherheit, und, meine Damen und Herren, wir sind nicht mehr Objekt politischer und strategischer Überlegungen, sondern wir werden Mithandelnde.

34 Ich glaube, gerade dieser letzte Punkt verdient noch einige Ausführungen. Die Spannungen

35 zwischen Ost und West kennt jeder von uns. Wenn es auch in hohem Grade unwahrscheinlich ist, daß es zu einem heißen Krieg zwischen Ost und West kommt, so muß man doch bei seinen Überlegungen auch entfernte Möglichkeiten mit in den Kreis seiner Betrachtungen ziehen. Solange wir besetztes Land sind, solange wir uns nicht in das westliche Verteidigungssystem eingefügt haben, sind wir ein Niemandsland zwischen zwei großen Mächtegruppen.

40 Wie wir in den diplomatischen Auseinandersetzungen Objekt sind, so würden wir auch bei ernsten Auseinandersetzungen Objekt sein. Mit anderen Worten: wir würden Schauplatz dieser Auseinandersetzungen werden mit all den furchtbaren Folgen, die sich daraus für unser Volk ergeben würden.

44 Ich bin der Auffassung, meine Damen und Herren, daß diese die Weltlage beherrschenden

45 Spannungen, die wir nicht aus der Welt schaffen können, dringend von uns verlangen, aus dem Zustand der Schwebe, in dem wir uns jetzt befinden, herauszukommen. […]

47 Ich möchte noch einige in der Öffentlichkeit aufgeworfene Fragen besprechen, die von besonderer Bedeutung sind. Es ist behauptet worden, die Genehmigung der beiden Verträge mache die Wiedervereinigung mit der Sowjetzone unmöglich.

50 Ich halte diese Behauptung für falsch.

51 Ich, meine Damen und Herren, bin gerade der umgekehrten Ansicht, daß wir mit dem Abschluß dieser Verträge einen bedeutenden Schritt vorwärts tun auf das Ziel, das seinerzeit der Bundestag fast einstimmig so formuliert hat: Wiedervereinigung Deutschlands in Frieden und Freiheit in einem freien Europa.

55 Es ist richtig, daß die Wiedervereinigung in Freiheit nur mit Zustimmung der vier Alliierten, also auch mit Zustimmung Sowjetrußlands, erfolgen kann. Ich bin der Auffassung, daß es klug ist, wenn man sich für diese Politik die Hilfe von wenigstens drei von den vieren zunächst sichert, wie wir das im Deutschlandvertrag tun. Ich glaube, daß es möglich sein wird, im richtigen Augenblick mit Sowjetrußland an den Verhandlungstisch zu kommen, wenn wir die

60 Hilfe dieser drei Mächte dabeihaben. Aber keiner — nicht einmal meine Freunde von der äußersten Linken — glauben, daß die Sowjetunion aus sich heraus die Sowjetzone freigeben wird. Ich kann deswegen in keiner Weise einsehen, daß wir die Aussichten für die Wiedervereinigung Deutschlands in Freiheit dadurch, daß wir diese Verträge schließen, verschlechtern. Ein Gesamtdeutschland, wie es bis jetzt Sowjetrußland in seinen Noten fordert, also ein

65 neutralisiertes Deutschland, ein auf dem Boden des Potsdamer Abkommens errichtetes Gesamtdeutschland ist für uns nicht möglich.

67 Wir werden mit Hilfe der drei Westalliierten versuchen müssen, Sowjetrußland von dieser seiner Forderung im Wege der Verhandlung abzubringen. Ich bin überzeugt davon, daß Sowjetrußland, wenn es sieht, daß infolge des Abschlusses der Europäischen Verteidigungsgemein-

70 schaft seine Politik, im Wege des Kalten Krieges im vorliegenden Fall zur Neutralisierung der Bundesrepublik zu kommen, keinen Erfolg mehr verspricht, daß dann Sowjetrußland diese neugeschaffene politische Situation beachten und seine Politik dementsprechend einstellen wird.

73 Das eine ist sicher, meine Damen und Herren: Wenn wir die Verträge nicht unterzeichnen,

75 verbessern wir die Aussicht auf Wiedervereinigung Deutschlands in keiner Weise.

Anmerkungen:

1 ratifizieren: Gemeint ist die völkerrechtliche Bestätigung eines Vertrages zwischen Staaten durch deren Parlamente.

2 Föderation: Bündnis, Zusammenschluss

3 neuralgisch: empfindlich, heikel

4 Noten: Gemeint sind die sogenannten „Stalin-Noten“, diplomatische Schreiben Stalins an die westlichen Alliierten, in denen er ein Vereinigtes, aber neutrales Deutschland vorschlug.

Rede des Bundeskanzlers Konrad Adenauer (CDU) vor dem Bundestag: Protokoll der 221. Sitzung des 1. Deutschen Bundestages. Bonn, Mittwoch, den 9. Juli 1952, S. 9797–9799. Zitiert nach: dserver.bundestag.de/btp/01/01221.pdf (Zugriff: 03.05.2022).

Aufgabenstellung: Aufgabe 3 · Abitur NRW Geschichte-Sozialwissenschaften LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2023

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des vorliegenden Textes in gegliederter Form wieder.

Lösung: Individuelle schriftliche Ausarbeitung zur formalen und inhaltlichen Analyse der Rede.

2. Erläutern Sie mit Bezug auf den Text, wie sich die deutsche Teilung von 1945 bis 1949 und der westeuropäische Integrationsprozess von 1945 bis 1957 entwickelten. Charakterisieren Sie im Anschluss daran die deutschlandpolitischen Vorstellungen Adenauers, die im Text deutlich werden, und erklären Sie die ihm zugeschriebene ‚Magnettheorie‘.

Lösung: Individuelle historische Erläuterung und Einordnung in den Kontext der deutschen und europäischen Nachkriegsgeschichte.

3. Diskutieren Sie, inwiefern sich die Ziele und Hoffnungen Adenauers für Deutschland und Europa bis heute erfüllt haben.

Lösung: Differenzierte Erörterung mit Pro- und Contra-Argumenten sowie fundiertem Fazit.

Die ausführliche Erklärung Schritt für Schritt (mit KI) gibt es mit Premium. Premium

Löse sie direkt hier: automatische Korrektur, Hinweise und Lösung Schritt für Schritt.

‹ Aufgabe 3 · GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2023 · Aufgabe 3 · GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2022 ›

Mehr Aufgaben zu Deutsche Teilung, Wiedervereinigung und europäische Integration