Aufgabe 3 · Abitur NRW Geschichte-Sozialwissenschaften GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2023
Thema: Deutsche Teilung, Wiedervereinigung und europäische Integration · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2023)
Aufgabenstellung
Abiturprüfung 2023 · Geschichte/Sozialwissenschaften, Grundkurs (Aufgabe 3)
Aufgabenstellung
1. Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des vorliegenden Textes in strukturierter Form wieder. [22 Punkte]
2. Erläutern Sie die historischen Hintergründe, die für das Verständnis des Textes erforderlich sind: die politischen Umbrüche in Osteuropa und in der DDR seit Mitte der 1980er Jahre und den Prozess der Wiedervereinigung 1989/90. Arbeiten Sie im Anschluss heraus, welche Erwartungen Kohl an die Zukunft Deutschlands und Europas richtet. [34 Punkte]
3. Diskutieren Sie, inwiefern sich diese Erwartungen an die Zukunft bis in die Gegenwart bewahrheitet haben. [24 Punkte]
Hinweis: Für die Darstellungsleistung können bis zu 20 Punkte erreicht werden. Gesamtpunktzahl: 100 Punkte.
Materialgrundlage
Auszug aus einer Fernsehansprache von Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) vom 31. Dezember 1989:
Liebe Landsleute!
1 Das vergangene Jahr war das Jahr eines großen Umbruchs in der Geschichte Europas. Die Menschen in der DDR und in anderen Staaten Mittel-, Ost- und Südosteuropas erkämpfen sich nach über vierzig Jahren Freiheit, Menschenrechte und Selbstbestimmung.
5 Die Verwirklichung dieser Grundwerte ist eine Voraussetzung für den Aufbau des gemeinsamen Hauses Europa. Deshalb wünschen wir uns alle, daß die Reformen gelingen.
Für uns Deutsche, aber auch für alle unsere Freunde in West und Ost war die Öffnung der Berliner Mauer – und jetzt auch des Brandenburger Tores – ein faszinierendes Ereignis. 28 Jahre lang war die Mauer das Symbol der unmenschlichen Teilung Deutschlands und 10 Europas.
Die bewegendsten Bilder des Jahres 1989 kamen von der Grenze, die sich endlich für alle öffnete. Wer könnte die Freude und das Glück in den Gesichtern der Menschen, die wieder zueinander finden konnten, je vergessen?
Mich hat der herzliche Empfang tief bewegt, den mir die Menschen in Dresden 1 bereitet 15 haben. Wir dürfen stolz sein auf unsere Landsleute wegen ihres mutigen Eintretens für Freiheit, Menschenrechte und Selbstbestimmung. Ihre Umsicht, ihre Beharrlichkeit und ihr politisches Augenmaß sind beispielhaft.
In diesen Tagen spüren wir alle unsere besondere Verantwortung für Deutschland und für eine friedliche Ordnung in Europa. Bei meinen Gesprächen und Verhandlungen in Dresden waren 20 wir gemeinsam bemüht, dieser Verantwortung gerecht zu werden.
Auch nach Jahrzehnten der Teilung ist das Bewußtsein für die Einheit unserer Nation lebendig. Ich möchte Ihnen, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger in der Bundesrepublik, danken für die Unterstützung, die Sie unseren Landsleuten aus der DDR erwiesen haben.
Besonders glücklich bin ich darüber, daß noch vor dem Weihnachtsfest die politischen Gefan- 25 genen in der DDR endlich in die ersehnte Freiheit entlassen wurden.
Das vergangene Jahr hat uns der Einheit unseres Vaterlandes ein gutes Stück nähergebracht. Aber ohne die grundlegenden Veränderungen in der Sowjetunion, in Ungarn und in Polen wäre die friedliche Revolution in der DDR nicht möglich gewesen. Dies wollen wir in Dankbarkeit anerkennen.
30 Zu den unvergeßlichen Bildern des Jahres 1989 gehört, wie Ungarn auf dem Weg zur Demokratie den Eisernen Vorhang zerschnitten und beseitigt hat. So wurde Zehntausenden unserer Landsleute der Weg in die Freiheit geöffnet und damit der erste Stein aus der Mauer geschlagen.
[...] Alle demokratisch gesinnten Menschen und Völker müssen solidarisch zusammenste- 35 hen. Deshalb bleiben wir fest verankert in der Wertegemeinschaft der westlichen Demokratien. Nur auf diese Weise können wir den Frieden und die Freiheit in Deutschland und Europa sichern und erhalten. Zugleich dürfen wir das Elend und die Sorgen der Menschen in der „Dritten Welt“ nicht vergessen.
In meinem Zehn-Punkte-Programm zur deutschen Einheit habe ich den Weg aufgezeigt, wie 40 das deutsche Volk in freier Selbstbestimmung seine Einheit wiedererlangen kann. Die Zulassung unabhängiger Parteien und freie Wahlen in der DDR sind wichtige Schritte auf diesem Wege.
Wir wollen alles tun, um die wirtschaftliche Lage für die Menschen in der DDR rasch und spürbar zu verbessern. Sie sollen sich in ihrer Heimat – in Mecklenburg und Thüringen, in 45 Brandenburg, Sachsen und Sachsen-Anhalt – wohl fühlen können.
Die deutsche Einheit und die europäische Einigung müssen zusammen erstrebt werden. Deutschland ist unser Vaterland, Europa unsere Zukunft! Die Europäische Gemeinschaft darf nicht an der Elbe enden. 2
[...] Liebe Landsleute, wir haben allen Grund, am heutigen Silvesterabend mit Zuversicht das 50 neue Jahrzehnt zu erwarten. Wir nähern uns dem Ende eines Jahrhunderts, das so viel Leid und Elend sah.
Das vor uns liegende Jahrzehnt kann für unser Volk das glücklichste dieses Jahrhunderts werden: Es bietet die Chance auf ein freies und geeintes Deutschland in einem freien und geeinten Europa. Es kommt dabei entscheidend auf unseren Beitrag an.
55 Ich grüße alle Deutschen. Gott segne unser Vaterland.
1 Am 19.12.1989 sprach Helmut Kohl (1930 – 2017), Bundeskanzler von 1982 – 1998, vor der Frauenkirche in Dresden zu zehntausenden DDR-Bürgern.
2 Gemeint ist hier die deutsch-deutsche Grenze.
Teilaufgabe 1
Teilaufgabe 2
Teilaufgabe 3

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Geben Sie den Gedankengang sowie die zentralen Aussagen des vorliegenden Textes in strukturierter Form wieder.
Lösung: Strukturierte Analyse von Textmerkmalen, Gedankengang und Hauptaussagen der Fernsehansprache von Helmut Kohl.
2. Erläutern Sie die historischen Hintergründe, die für das Verständnis des Textes erforderlich sind: die politischen Umbrüche in Osteuropa und in der DDR seit Mitte der 1980er Jahre und den Prozess der Wiedervereinigung 1989/90. Arbeiten Sie im Anschluss heraus, welche Erwartungen Kohl an die Zukunft Deutschlands und Europas richtet.
Lösung: Historische Einordnung der Umbrüche in Osteuropa und der DDR, Darstellung des Vereinigungsprozesses 1989/90 und Herausarbeitung von Kohls Zukunftserwartungen.
3. Diskutieren Sie, inwiefern sich diese Erwartungen an die Zukunft bis in die Gegenwart bewahrheitet haben.
Lösung: Differenzierte Diskussion der Erfüllung von Kohls Zukunftserwartungen bezüglich der innerdeutschen Einheit und der europäischen Einigung mit abschließendem thesenorientiertem Fazit.
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