Abitur NRW Evangelische Religion 2021 · LK · Haupttermin

Abiturprüfung Evangelische Religion in Nordrhein-Westfalen 2021, LK · Haupttermin: 11 Aufgaben mit Lösungen. Mit automatischer Korrektur.

Themen der Prüfung: Texterschließung: Thema, Gedankengang und Position · Biblisches Reden von Gott: Gottesbilder · Religionskritik und die Frage nach der Existenz Gottes · Reich-Gottes-Verkündigung Jesu in Tat und Wort · Kirche und Politik: Barmer Erklärung und Zwei-Reiche-Lehre · Verantwortliches Handeln: Freiheit, Gerechtigkeit und Schöpfung · Hoffnung auf Vollendung: Apokalyptik und Gericht

Aufgabe HT 1 - Aufgabe 1 · Texterschließung: Thema, Gedankengang und Position

Ulrich H. J. Körtner

Fünf nach drei

Wie Kirche und Theologie über Klimapolitik streiten

„Der Geist der Zeit oder Zukunft“, notierte Ludwig Feuerbach 1842/43, „ist der des Realis-

mus. Die neue Religion, die Religion der Zukunft ist die Politik.“ Seine Prophezeiung scheint

sich in den gegenwärtigen Debatten und politischen Auseinandersetzungen um den Klima-

wandel zu erfüllen. Gegenwärtig wird viel darüber geschrieben und gestritten, ob die neue

5 Ökologiebewegung zum Schutz des Klimas eine Form von Ersatzreligion oder, theologisch-

dogmatisch gesprochen, gar eine neue Häresie 1 darstellt. […]

Was die These vom Klimaschutz als Ersatzreligion genau besagen soll, verdient allerdings

eine genauere Betrachtung, zumal ihre Vertreter theologisch wie politisch durchaus unter-

schiedliche Absichten verfolgen. Der evangelische Theologe Ralf Frisch zieht zwar mit schar-

10 fen Worten gegen die religiöse Überhöhung des Klimaschutzes zu Felde, hegt aber am Aus-

maß der von Menschen verursachten Faktoren für die derzeitige Klimaerwärmung und an der

Notwendigkeit klimapolitischer Maßnahmen grundsätzlich keinen Zweifel. Dagegen stellt die

Thüringer Landtagsfraktion der AfD die von Klimaforschern diagnostizierten anthropogenen

Faktoren des Klimawandels prinzipiell in Frage […].

15 Zweifel an den wissenschaftlichen Ergebnissen des Mainstreams der Klimaforschung äußern

auch konservative und evangelikale 2 Christen. […]

Nun muss Kritik an der Klimaapokalyptik, die durch die Bewegung „Fridays for Future“ und

ihre Galionsfigur Greta Thunberg neuen Schwung bekommen hat, nicht schon deshalb falsch

sein, weil sie auch unter AfD-Anhängern oder evangelikalen Christen Beifall findet. Man kann

20 das Ausmaß des Klimawandels und seine von Menschen zu verantwortenden Faktoren durch-

aus für eine ernstzunehmende Gefahr halten, ohne deshalb unbesehen apokalyptische Narra-

tive zu bemühen, wie dies bereits in den 1970er- und 1980er-Jahren geschehen ist. Schon

damals stellte der Literaturwissenschaftler Klaus Vondung zutreffend fest: „Die Bedrohung

unserer Lebenswelt ist eine Sache, eine andere die Angst vor dem Weltuntergang und noch

25 eine andere die Art und Weise, in der sich die Angst äußert, in der man über sie redet und sie

zu bewältigen sucht.“ Die unkritische Bemühung apokalyptischer Narrative ist theologisch

freilich nicht weniger problematisch wie die Abwehr jeder Form von Apokalyptik überhaupt.

Eine ernsthafte theologische Auseinandersetzung mit der These vom Klimaschutz als Ersatz-

religion kann nur zu ihrem Schaden ignorieren, dass die jüdische und frühchristliche Apoka-

30 lyptik, mit dem Neutestamentler Ernst Käsemann gesprochen, die Mutter aller christlichen

Theologien gewesen ist. So gesehen fällt die Religionskritik am klimapolitischen Engagement

von Bewegungen wie „Fridays for Future“, die durchaus eine sachliche Berechtigung hat, in

manchen Kreisen zu vordergründig aus. […]

Feuerbach hat den Realismus zum Geist der Zeit und der Zukunft erklärt. Für den Chef der

35 deutschen Grünen, Robert Habeck, ist Radikalität der neue Realismus im Zeichen des Klima-

wandels. Radikalität und kompromissloser Rigorismus, der religiöse Züge trägt, zeichnen

nun allerdings Teile der Klimaschutzbewegung aus. Dabei gehört es doch zum Wesen des

Politischen, im Bedingten und nicht im Unbedingten zu existieren, wie der österreichische

Schriftsteller Franz Blei 1932 notiert hat. Die Moralisierung von Politik vergiftet nicht nur

40 die Sphäre des Politischen, sondern läuft im Ergebnis auf ihre Zerstörung hinaus. […]

An der Bewegung „Fridays for Future“ fällt wiederum ihre Wissenschaftsgläubigkeit auf.

Nicht, dass ich die Seriosität der Klimaforschung und ihrer verschiedenen Szenarien in Abrede

stellen möchte, aber die ihr zugebilligte Rolle als Letztinstanz in politischen Fragen räumt ihr

eine quasireligiöse Stellung ein, die an den Positivismus 3 des 19. Jahrhunderts, aber auch an

45 den Marxismus-Leninismus erinnert, der doch ebenfalls der Überzeugung war, auf streng wis-

senschaftlicher Basis zu agieren, und sein revolutionäres Programm für alternativlos hielt.

Demokratiepolitisch und sozialpolitisch kann solche Wissenschaftsgläubigkeit, gepaart mit

moralischem Rigorismus, Gefahren für eine freiheitliche Gesellschaft und ihren sozialen

Zusammenhalt heraufbeschwören, auch weil die Kosten, die für rigorose umweltpolitische

50 Maßnahmen zu zahlen sind, in der Gesellschaft möglicherweise sehr unterschiedlich verteilt

werden.

Der Fortbestand der Kirchen war für Feuerbach übrigens kein Zeichen von verbliebenem

echtem Glauben. Die Gläubigen sprächen zwar weiter vom Segen Gottes, doch suchten sie

echte Hilfe nur beim Menschen. Daher sei der Segen Gottes „nur ein blauer Dunst von Reli-

55 gion, in dem der gläubige Unglaube seinen praktischen Atheismus verhüllt“.

Daran muss ich denken bei der Lektüre des EKD-Textes 130 „‚Geliehen ist der Stern, auf dem

wir leben‘. Die Agenda 2030 als Herausforderung für die Kirchen“ (2018). Zwar sprechen die

Autoren von Gott, ignorieren aber klassische Topoi 4 der christlichen Gotteslehre und Schöp-

fungslehre. Schon die Metapher der Schöpfung als Leihgabe, die aus einer Liedzeile von

60 Jochen Rieß übernommen wird, signalisiert die theologischen Defizite. Gott, so ist der Text

zu verstehen, hat die Welt ursprünglich erschaffen, dann aber in die ausschließliche Verant-

wortung der Menschen übergeben, die ihrem Schöpfer zwar für den Umgang mit der Leih-

gabe umfassend und unbegrenzt verantwortlich sind, von diesem aber kein aktives Handeln

und Eingreifen mehr erwarten dürfen. Das Bild der Leihgabe suggeriert auch die Vorstellung

65 eines statischen Naturzustands, der als Schöpfung identifiziert und in seinem jetzigen Zustand

geschützt werden soll. Das Verhältnis von Schöpfung und Evolution wird auf diese Weise

völlig unterkomplex bestimmt. Zugleich gerät die Lehre von Gottes fortlaufendem Schöp-

fungshandeln und seiner Erhaltung der Welt – in der Sprache der theologischen Tradition:

die creatio continua und die conservatio mundi – ganz aus dem Blick. Gott wirkt nur noch

70 als Motivator für menschliches Handeln durch seine Verheißungen und durch seine in Jesus

Christus bezeugte Liebe. Das Evangelium von dem, was allein Gott an der Welt und den Men-

schen getan hat und tut, wird zum ethischen Appell für den Klimaschutz umgedeutet.

Das halte ich keineswegs nur für ein ethisches, sondern auch für ein zutiefst dogmatisches

Problem. Im Grunde wird ein abwesender Gott verkündigt. Die Politik als Religion der Zu-

75 kunft: Werden lediglich Klimaschutzvorschläge, die man schon aus Strategiepapieren von

UNO und sonstigen Organisationen kennt, in leicht erhöhtem religiösen Ton wiederholt, ent-

steht der fatale Eindruck, die Kirchen seien klimapolitische Trittbrettfahrer, auch wenn sie für

sich in Anspruch nehmen können, schon vor Jahrzehnten den konziliaren Prozess für Frieden,

Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung 5 eingeleitet zu haben.

80 Ein Glaube, der nicht mehr mit dem Wirken Gottes in der Welt und in der Geschichte rechnet,

ist im Grunde ein praktischer Atheismus, wie Feuerbach sagt. Allerdings darf der Glaube an

Gott nicht mit einer Bestandsgarantie für diese Erde und die Menschheit verwechselt werden.

Christlicher Glaube ist nicht gleichbedeutend mit Hoffnung auf den Fortbestand der Welt. Er

besteht auch nicht in der apokalyptischen Hoffnung auf eine andere Welt jenseits der mög-

85 lichen Katastrophe. Christlicher Glaube ist Mut zum fraglichen Sein, der selbst am Zerbre-

chen einer heilsgeschichtlich-utopischen Perspektive nicht irre wird. Weder starrt er ängst-

lich gebannt auf das Weltende, noch gibt er sich der apokalyptischen Lust am Untergang hin,

sondern bejaht das von Gott bejahte Leben und die von ihm bejahte Welt durch seinen tätigen

Einsatz für beide im Hier und Jetzt.

90 In seiner Daseinshaltung ähnelt er weniger Prometheus als Sisyphos 6, der sich bei Albert

Camus dem Absurden stellt und gegen es revoltiert. Im Zeichen globaler Gefahren ist Camus

als Gesprächspartner der Theologie wiederzuentdecken. Sein Mythos von Sisyphos beschreibt

die Haltung des Mutes, sich angesichts des Absurden zu bejahen. Christlicher Glaube kommt

dieser Haltung denkbar nahe. Im Unterschied zum Mut Camus’ ist der christliche Glaube, um

95 mit Paul Tillich 7 zu sprechen, der Mut sich und die Welt zu bejahen als bejaht.

Letztlich geht es darum, mit der Perspektive christlicher Eschatologie ernst zu machen. Wer

die Welt so liebt, dass mit ihr alles verloren zu sein scheint, ohne sich verzweifelt an sie zu

klammern, spricht ihr einen unbedingten Sinn zu, den sie nicht von sich aus hat und der auch

nicht der heute bisweilen romantisch verklärten Natur eingeschrieben ist. Auch bleibt die-

100 ser Sinn menschlicher Verfügungsmacht entzogen. Er kann dem menschlichen Handeln nur

adventlich 8 zu-kommen. Christlicher Glaube produziert nicht, sondern proklamiert einen

Sinn des Lebens und der Welt, der beiden einzig von Gott her zukommen kann und selbst

noch angesichts der möglichen Selbstzerstörung der Menschheit Bestand haben wird.

Der Einsatz für eine konsequente Klimapolitik ist nötig und sinnvoll. Die ehrgeizigen Ziele

105 des Pariser Klimaschutzabkommens werden vermutlich dennoch nicht erreicht werden. Allein

schon das Wachstum der Weltbevölkerung und ihr steigender Energiehunger werden die sich

hoffentlich einstellenden Erfolge beim Klimaschutz wieder aufzehren. Wer das Wohl künf-

tiger Generationen im Blick hat, muss sich auch dieser Realität stellen.

Statt sich einseitig auf die Reduktion von CO 2 zu fixieren, brauchen wir globale Strategien

110 der Anpassung an den Klimawandel und seine langfristigen Folgen, die selbst unter größten

klimapolitischen Anstrengungen nicht aufzuhalten sind und über Jahrhunderte die künftige

Geschichte der Menschheit erheblich beeinflussen werden. Allerorten erschallt der apokalyp-

tische Weckruf, es sei fünf vor zwölf. Dabei ist es vielleicht schon längst fünf nach drei.

(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus.)

Ulrich H. J. Körtner ist evangelischer Theologe.

Anmerkungen

1 Häresie: dem christlichen Glauben nicht entsprechende Lehre

2 evangelikal: konservative christliche Richtung, die ein wörtliches Bibelverständnis unter Ablehnung wissenschaftlicher Methoden zur Grundlage hat

3 Positivismus: Philosophie, die sich auf Wahrnehmbares und Überprüfbares bezieht und Übernatürliches grundsätzlich ablehnt

4 klassische Topoi der christlichen Lehre: feststehende Glaubensaussagen und Formeln

5 Konziliarer Prozess: gegenseitige Verpflichtung christlicher Kirchen auf den Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung

6 Prometheus und Sisyphos: Gestalten der griechischen Mythologie; Prometheus schenkt den Menschen das Feuer und wird dafür von Zeus grausam bestraft, worüber er sich beklagt. Auch Sisyphos wird von den Göttern bestraft – er muss einen schweren Stein einen Berg hinauf wälzen, der immer wieder nach unten rollt. Nach Albert Camus ist Sisyphos dennoch ein glücklicher Mensch, wenn er den Berg hinunterläuft, um sich seinem Schicksal erneut zu stellen.

7 Paul Tillich: bedeutender evangelischer Theologe des 20. Jahrhunderts

8 adventlich: hier: Advent als Ankunft Gottes in der Welt

1. Stellen Sie dar, welches Thema Ulrich H. J. Körtner in seinem Text behandelt und wie er dabei gedanklich vorgeht, und arbeiten Sie heraus, welche Position er in der Diskussion über eine angemessene christliche Haltung zum Klimawandel einnimmt. [24 Punkte]

Aufgabe HT 1 - Aufgaben 2 und 3 · Verantwortliches Handeln: Freiheit, Gerechtigkeit und Schöpfung

Ulrich H. J. Körtner

Fünf nach drei

Wie Kirche und Theologie über Klimapolitik streiten

„Der Geist der Zeit oder Zukunft“, notierte Ludwig Feuerbach 1842/43, „ist der des Realis-

mus. Die neue Religion, die Religion der Zukunft ist die Politik.“ Seine Prophezeiung scheint

sich in den gegenwärtigen Debatten und politischen Auseinandersetzungen um den Klima-

wandel zu erfüllen. Gegenwärtig wird viel darüber geschrieben und gestritten, ob die neue

5 Ökologiebewegung zum Schutz des Klimas eine Form von Ersatzreligion oder, theologisch-

dogmatisch gesprochen, gar eine neue Häresie 1 darstellt. […]

Was die These vom Klimaschutz als Ersatzreligion genau besagen soll, verdient allerdings

eine genauere Betrachtung, zumal ihre Vertreter theologisch wie politisch durchaus unter-

schiedliche Absichten verfolgen. Der evangelische Theologe Ralf Frisch zieht zwar mit schar-

10 fen Worten gegen die religiöse Überhöhung des Klimaschutzes zu Felde, hegt aber am Aus-

maß der von Menschen verursachten Faktoren für die derzeitige Klimaerwärmung und an der

Notwendigkeit klimapolitischer Maßnahmen grundsätzlich keinen Zweifel. Dagegen stellt die

Thüringer Landtagsfraktion der AfD die von Klimaforschern diagnostizierten anthropogenen

Faktoren des Klimawandels prinzipiell in Frage […].

15 Zweifel an den wissenschaftlichen Ergebnissen des Mainstreams der Klimaforschung äußern

auch konservative und evangelikale 2 Christen. […]

Nun muss Kritik an der Klimaapokalyptik, die durch die Bewegung „Fridays for Future“ und

ihre Galionsfigur Greta Thunberg neuen Schwung bekommen hat, nicht schon deshalb falsch

sein, weil sie auch unter AfD-Anhängern oder evangelikalen Christen Beifall findet. Man kann

20 das Ausmaß des Klimawandels und seine von Menschen zu verantwortenden Faktoren durch-

aus für eine ernstzunehmende Gefahr halten, ohne deshalb unbesehen apokalyptische Narra-

tive zu bemühen, wie dies bereits in den 1970er- und 1980er-Jahren geschehen ist. Schon

damals stellte der Literaturwissenschaftler Klaus Vondung zutreffend fest: „Die Bedrohung

unserer Lebenswelt ist eine Sache, eine andere die Angst vor dem Weltuntergang und noch

25 eine andere die Art und Weise, in der sich die Angst äußert, in der man über sie redet und sie

zu bewältigen sucht.“ Die unkritische Bemühung apokalyptischer Narrative ist theologisch

freilich nicht weniger problematisch wie die Abwehr jeder Form von Apokalyptik überhaupt.

Eine ernsthafte theologische Auseinandersetzung mit der These vom Klimaschutz als Ersatz-

religion kann nur zu ihrem Schaden ignorieren, dass die jüdische und frühchristliche Apoka-

30 lyptik, mit dem Neutestamentler Ernst Käsemann gesprochen, die Mutter aller christlichen

Theologien gewesen ist. So gesehen fällt die Religionskritik am klimapolitischen Engagement

von Bewegungen wie „Fridays for Future“, die durchaus eine sachliche Berechtigung hat, in

manchen Kreisen zu vordergründig aus. […]

Feuerbach hat den Realismus zum Geist der Zeit und der Zukunft erklärt. Für den Chef der

35 deutschen Grünen, Robert Habeck, ist Radikalität der neue Realismus im Zeichen des Klima-

wandels. Radikalität und kompromissloser Rigorismus, der religiöse Züge trägt, zeichnen

nun allerdings Teile der Klimaschutzbewegung aus. Dabei gehört es doch zum Wesen des

Politischen, im Bedingten und nicht im Unbedingten zu existieren, wie der österreichische

Schriftsteller Franz Blei 1932 notiert hat. Die Moralisierung von Politik vergiftet nicht nur

40 die Sphäre des Politischen, sondern läuft im Ergebnis auf ihre Zerstörung hinaus. […]

An der Bewegung „Fridays for Future“ fällt wiederum ihre Wissenschaftsgläubigkeit auf.

Nicht, dass ich die Seriosität der Klimaforschung und ihrer verschiedenen Szenarien in Abrede

stellen möchte, aber die ihr zugebilligte Rolle als Letztinstanz in politischen Fragen räumt ihr

eine quasireligiöse Stellung ein, die an den Positivismus 3 des 19. Jahrhunderts, aber auch an

45 den Marxismus-Leninismus erinnert, der doch ebenfalls der Überzeugung war, auf streng wis-

senschaftlicher Basis zu agieren, und sein revolutionäres Programm für alternativlos hielt.

Demokratiepolitisch und sozialpolitisch kann solche Wissenschaftsgläubigkeit, gepaart mit

moralischem Rigorismus, Gefahren für eine freiheitliche Gesellschaft und ihren sozialen

Zusammenhalt heraufbeschwören, auch weil die Kosten, die für rigorose umweltpolitische

50 Maßnahmen zu zahlen sind, in der Gesellschaft möglicherweise sehr unterschiedlich verteilt

werden.

Der Fortbestand der Kirchen war für Feuerbach übrigens kein Zeichen von verbliebenem

echtem Glauben. Die Gläubigen sprächen zwar weiter vom Segen Gottes, doch suchten sie

echte Hilfe nur beim Menschen. Daher sei der Segen Gottes „nur ein blauer Dunst von Reli-

55 gion, in dem der gläubige Unglaube seinen praktischen Atheismus verhüllt“.

Daran muss ich denken bei der Lektüre des EKD-Textes 130 „‚Geliehen ist der Stern, auf dem

wir leben‘. Die Agenda 2030 als Herausforderung für die Kirchen“ (2018). Zwar sprechen die

Autoren von Gott, ignorieren aber klassische Topoi 4 der christlichen Gotteslehre und Schöp-

fungslehre. Schon die Metapher der Schöpfung als Leihgabe, die aus einer Liedzeile von

60 Jochen Rieß übernommen wird, signalisiert die theologischen Defizite. Gott, so ist der Text

zu verstehen, hat die Welt ursprünglich erschaffen, dann aber in die ausschließliche Verant-

wortung der Menschen übergeben, die ihrem Schöpfer zwar für den Umgang mit der Leih-

gabe umfassend und unbegrenzt verantwortlich sind, von diesem aber kein aktives Handeln

und Eingreifen mehr erwarten dürfen. Das Bild der Leihgabe suggeriert auch die Vorstellung

65 eines statischen Naturzustands, der als Schöpfung identifiziert und in seinem jetzigen Zustand

geschützt werden soll. Das Verhältnis von Schöpfung und Evolution wird auf diese Weise

völlig unterkomplex bestimmt. Zugleich gerät die Lehre von Gottes fortlaufendem Schöp-

fungshandeln und seiner Erhaltung der Welt – in der Sprache der theologischen Tradition:

die creatio continua und die conservatio mundi – ganz aus dem Blick. Gott wirkt nur noch

70 als Motivator für menschliches Handeln durch seine Verheißungen und durch seine in Jesus

Christus bezeugte Liebe. Das Evangelium von dem, was allein Gott an der Welt und den Men-

schen getan hat und tut, wird zum ethischen Appell für den Klimaschutz umgedeutet.

Das halte ich keineswegs nur für ein ethisches, sondern auch für ein zutiefst dogmatisches

Problem. Im Grunde wird ein abwesender Gott verkündigt. Die Politik als Religion der Zu-

75 kunft: Werden lediglich Klimaschutzvorschläge, die man schon aus Strategiepapieren von

UNO und sonstigen Organisationen kennt, in leicht erhöhtem religiösen Ton wiederholt, ent-

steht der fatale Eindruck, die Kirchen seien klimapolitische Trittbrettfahrer, auch wenn sie für

sich in Anspruch nehmen können, schon vor Jahrzehnten den konziliaren Prozess für Frieden,

Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung 5 eingeleitet zu haben.

80 Ein Glaube, der nicht mehr mit dem Wirken Gottes in der Welt und in der Geschichte rechnet,

ist im Grunde ein praktischer Atheismus, wie Feuerbach sagt. Allerdings darf der Glaube an

Gott nicht mit einer Bestandsgarantie für diese Erde und die Menschheit verwechselt werden.

Christlicher Glaube ist nicht gleichbedeutend mit Hoffnung auf den Fortbestand der Welt. Er

besteht auch nicht in der apokalyptischen Hoffnung auf eine andere Welt jenseits der mög-

85 lichen Katastrophe. Christlicher Glaube ist Mut zum fraglichen Sein, der selbst am Zerbre-

chen einer heilsgeschichtlich-utopischen Perspektive nicht irre wird. Weder starrt er ängst-

lich gebannt auf das Weltende, noch gibt er sich der apokalyptischen Lust am Untergang hin,

sondern bejaht das von Gott bejahte Leben und die von ihm bejahte Welt durch seinen tätigen

Einsatz für beide im Hier und Jetzt.

90 In seiner Daseinshaltung ähnelt er weniger Prometheus als Sisyphos 6, der sich bei Albert

Camus dem Absurden stellt und gegen es revoltiert. Im Zeichen globaler Gefahren ist Camus

als Gesprächspartner der Theologie wiederzuentdecken. Sein Mythos von Sisyphos beschreibt

die Haltung des Mutes, sich angesichts des Absurden zu bejahen. Christlicher Glaube kommt

dieser Haltung denkbar nahe. Im Unterschied zum Mut Camus’ ist der christliche Glaube, um

95 mit Paul Tillich 7 zu sprechen, der Mut sich und die Welt zu bejahen als bejaht.

Letztlich geht es darum, mit der Perspektive christlicher Eschatologie ernst zu machen. Wer

die Welt so liebt, dass mit ihr alles verloren zu sein scheint, ohne sich verzweifelt an sie zu

klammern, spricht ihr einen unbedingten Sinn zu, den sie nicht von sich aus hat und der auch

nicht der heute bisweilen romantisch verklärten Natur eingeschrieben ist. Auch bleibt die-

100 ser Sinn menschlicher Verfügungsmacht entzogen. Er kann dem menschlichen Handeln nur

adventlich 8 zu-kommen. Christlicher Glaube produziert nicht, sondern proklamiert einen

Sinn des Lebens und der Welt, der beiden einzig von Gott her zukommen kann und selbst

noch angesichts der möglichen Selbstzerstörung der Menschheit Bestand haben wird.

Der Einsatz für eine konsequente Klimapolitik ist nötig und sinnvoll. Die ehrgeizigen Ziele

105 des Pariser Klimaschutzabkommens werden vermutlich dennoch nicht erreicht werden. Allein

schon das Wachstum der Weltbevölkerung und ihr steigender Energiehunger werden die sich

hoffentlich einstellenden Erfolge beim Klimaschutz wieder aufzehren. Wer das Wohl künf-

tiger Generationen im Blick hat, muss sich auch dieser Realität stellen.

Statt sich einseitig auf die Reduktion von CO 2 zu fixieren, brauchen wir globale Strategien

110 der Anpassung an den Klimawandel und seine langfristigen Folgen, die selbst unter größten

klimapolitischen Anstrengungen nicht aufzuhalten sind und über Jahrhunderte die künftige

Geschichte der Menschheit erheblich beeinflussen werden. Allerorten erschallt der apokalyp-

tische Weckruf, es sei fünf vor zwölf. Dabei ist es vielleicht schon längst fünf nach drei.

(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus.)

Ulrich H. J. Körtner ist evangelischer Theologe.

Anmerkungen

1 Häresie: dem christlichen Glauben nicht entsprechende Lehre

2 evangelikal: konservative christliche Richtung, die ein wörtliches Bibelverständnis unter Ablehnung wissenschaftlicher Methoden zur Grundlage hat

3 Positivismus: Philosophie, die sich auf Wahrnehmbares und Überprüfbares bezieht und Übernatürliches grundsätzlich ablehnt

4 klassische Topoi der christlichen Lehre: feststehende Glaubensaussagen und Formeln

5 Konziliarer Prozess: gegenseitige Verpflichtung christlicher Kirchen auf den Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung

6 Prometheus und Sisyphos: Gestalten der griechischen Mythologie; Prometheus schenkt den Menschen das Feuer und wird dafür von Zeus grausam bestraft, worüber er sich beklagt. Auch Sisyphos wird von den Göttern bestraft – er muss einen schweren Stein einen Berg hinauf wälzen, der immer wieder nach unten rollt. Nach Albert Camus ist Sisyphos dennoch ein glücklicher Mensch, wenn er den Berg hinunterläuft, um sich seinem Schicksal erneut zu stellen.

7 Paul Tillich: bedeutender evangelischer Theologe des 20. Jahrhunderts

8 adventlich: hier: Advent als Ankunft Gottes in der Welt

2.

Entfalten Sie, in welchem Verhältnis Freiheit und Verantwortung nach einem christlich geprägten Menschenbild zueinander stehen, und bringen Sie dieses mit der Position in Beziehung, die Ulrich H. J. Körtner in der Diskussion über die angemessene christliche Haltung zum Klimawandel einnimmt. [30 Punkte]

3.

Erörtern Sie unter Einbeziehung Ihrer bisherigen Ergebnisse und mithilfe konkreter Beispiele, welche Möglichkeiten und Grenzen ein christlich motiviertes Engagement in der Klimapolitik hat, und nehmen Sie dazu begründet Stellung. [26 Punkte]

Aufgabe HT 2 - Aufgabe 1 · Texterschließung: Thema, Gedankengang und Position

Cornelia Richter

Handeln an Menschen als Handeln an Gott (Mt 25,31–46)

Predigt in der Schlosskirche zu Bonn, 19.11.2018

Liebe Gemeinde,

so richtig erbaulich ist das nicht, was wir bisher gehört und gesungen haben. Der Richterstuhl Christi im Wochenspruch, das Warten auf Weltgericht und Wiederkunft Christi in den beiden Liedern, und in der Lesung aus Jeremia die Klage Jahwes über das selbstherrlich vor sich hin 5 lebende Volk. Das Feuer, mit dem Gott kommen und nicht länger schweigen wird. Sondern uns zur Rede stellen und sein Urteil sprechen wird. Dereinst, am Tag des Herrn. Und ich fürchte, es wird auch mit unserem Predigttext nicht sehr viel erbaulicher. Auch hier geht es um das Gericht in klaren und unmissverständlichen Worten. Trotzdem – oder eher: Gerade deshalb? Trotzdem oder gerade deshalb ist es einer der berühmtesten und beliebtesten Texte 10 des Neuen Testaments. Hören wir Mt 25,31–46:

31 Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er sich setzen auf den Thron seiner Herrlichkeit, 32 und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, 33 und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken. 15 34 Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! 35 Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. 36 Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. 20 Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen.

37 Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben? Oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? 38 Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen? Oder nackt und haben dich gekleidet? 39 Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu 25 dir gekommen? 40 Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.

41 Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln! 42 Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir nicht zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir nicht zu 30 trinken gegeben. 43 Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich nicht aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich bin krank und im Gefängnis gewesen und ihr habt mich nicht besucht. [...]

Ob mit dem Propheten Jeremia oder mit unserem Predigttext: Der Tag des Gerichts, der Tag, an dem der Menschensohn kommt, ist ein Tag, für den uns die biblischen Texte ein zutiefst 35 unattraktives Endspiel menschlichen Lebens vor Augen stellen: Wenn der Menschensohn kommt, dann ist jede menschliche Routine erschüttert, dann stehen wir nackt und ungeschützt vor Gott, dann sind wir mit der Endgültigkeit transzendenten Lebens konfrontiert. Was ist das für eine Vorstellung? Für die einen ist sie ohne Zweifel schaurig, entsetzlich, furchterweckend.

Denn wer wird bestehen können vor dem Richterstuhl Christi? Für manche unter uns mag es 40 gar fraglich sein, weshalb wir heute überhaupt noch über das Gericht predigen. Weshalb wir die Vorstellung des richtenden, machtvoll eingreifenden Gottes nicht endgültig in den Archiven der Kirchen- und Theologiegeschichte versinken lassen. Und wenn wir schon dabei sind, dann sollten wir Allmacht und Sünde auch gleich noch hinterdrein werfen, mitsamt dem gesamten metaphysischen Plunder der alten und mittelalterlichen Kirche. Denn steht im Zentrum 45 unseres Glaubens nicht der liebende und vergebende Gott? Der Gott, der uns anerkennt, so wie wir sind, mit all unseren Fehlern und Irrtümern. Wer den Text so hört, wird sich leichter tun mit den anderen Versen. Mit den Versen, die ganz handfest und konkret schildern, wann wir das christliche Ideal am besten erfüllen: Wenn wir Hungernden zu essen und Durstigen zu trinken geben, wenn wir die Fremden aufnehmen, die Nackten kleiden, Kranke und Straf 50 täter besuchen. Tätiges Christentum, von Jesus vorgelebt, weil das Handeln an Menschen zugleich Handeln an Gott ist. Wer um alles in der Welt sollte die Gerichtsrede noch hören wollen?

Die Antwort ist einfach. Die anderen. Für die anderen ist sie genau richtig – denn in diesen Texten wird endlich einmal abgerechnet. In diesen Texten wird endlich nichts mehr beschö 55 nigt und unter den Teppich gekehrt: Am Tag des Gerichts wird endlich gesagt, was ist. Am Tag des Gerichts wird endlich Recht gesprochen. Dann wird Gewalt endlich gesühnt. Das Unrecht aufgehoben. Was für eine Genugtuung! [...]

Man kann schon verstehen, wenn Menschen in ihrer Wut und in ihrem Schmerz nach Vergeltung rufen und schreiend Rache fordern. Genau deshalb, liebe Gemeinde, brauchen wir 60 unsere Gerichtstexte.

Unsere biblischen Texte nehmen diesen Schrei ernst. Sie nehmen ihn auf. Sie lassen ihn laut werden. Sie fassen ihn in Worte, sie setzen ihn in bildhafte Rede, im Alten ebenso wie im Neuen Testament. Biblische Texte sprechen von Gerechten und Ungerechten, sie sprechen von Schuld und Strafe, sie stellen Bilder von ewiger Strafe und ewigem Leben vor Augen. 65 Nur ein Bild wird uns nicht vor Augen gestellt: Es geht nicht um menschliche Rache. Die biblischen Texte ermächtigen keinen Menschen zur Vergeltung der Schuld. Wer als Mensch die Hand erhebt, wer als Mensch seiner Wut freien Lauf lässt, wer als Mensch meint, das letzte Urteil zu sprechen, der maßt sich im Gegenteil göttliche Macht an. Das letzte Urteil steht uns nicht zu. Das letzte Urteil ist Gottes Wort. Deshalb kommt Gott mit Macht, deshalb 70 wird er die Mächtigen vom Thron stürzen und die Niedrigen erhöhen (vgl. Lk 1,52). Denn mein ist die Rache (vgl. Dtn 5,32.35), spricht der Herr. Genau deshalb brauchen wir unsere Gerichtstexte. Umso mehr, als das Gericht als zukünftiges Gericht vor Augen gestellt wird. Es geht nicht um das Hier und Jetzt. Es geht nicht darum, aktuelle Vergeltungsmaßnahmen zum Gericht Gottes zu erklären. Sondern es geht um eine Vorstellung, die unsere konkrete 75 Vorstellung übersteigt. Es geht um eine Vorstellung, die uns ans Ende der Zeiten führt. Bis dahin müssen wir andere Mittel und Wege finden, um mit dem Unrecht umzugehen. Bis dahin sind wir an unser Handeln gebunden – und es ist gut, wenn wir es uns als ein Handeln an Gott vorstellen. [...]

Keine Rache, keine Vergeltung. Sondern nur dies: Das Aufbegehren gegen die Gleichgültig 80 keit. Das Eintreten für die öffentliche Debatte, die Arbeit gegen das schweigende sich-Einrichten im Alltag. [...] Und in unserem Predigttext bei Matthäus werden die zur Rechten dafür ausgezeichnet, dass sie dem König gedient haben, ohne es selbst zu merken. Indem sie getan haben, was halt nötig war: zu essen und zu trinken geben. Sie werden dafür ausgezeichnet, dass sie in ihrem Alltag aufmerksam waren, dass sie nicht einfach so dahingelebt haben.

85 Noch ein zweiter Punkt ist auffällig: Obwohl es um das letzte Gericht geht, obwohl es um Schuld und das Unterlassen von Hilfe geht, geht es irgendwie nicht direkt um die eine und einzigartige, große moralische Tat, an der wir gemessen werden. [...] Mit unserer moralischen Unzulänglichkeit scheint Gott also zu rechnen. Er scheint uns zu kennen als die Schafe, die wir halt so sind. In diesem Sinne sind wir also sogar in der harten Gerichtspredigt tatsächlich 90 anerkannt als diejenigen, die wir eben sind. Aber in Frage steht, wie wir uns in unserem Alltag einrichten – das gilt für Jeremia wie für Matthäus. Und über sie hinaus ist das der Tenor der Jesus-Überlieferung: Er hat sich den Sündern zugewandt, nicht um sie ein für alle Mal zu verurteilen. Sondern um sie aufmerksam zu machen auf ihr Tun, um Buße und Umkehr zu ermöglichen. In Frage steht, ob wir den Alltag in uns selbst verstrickt durchleben oder ob wir 95 aufmerksam sind für das, was um uns herum geschieht. Und zwar in den elementaren Dimensionen menschlichen Lebens: Körperliche Unversehrtheit, Hunger und Durst. [...]

So wie das Manna das Volk Israel in der Wüste am Leben gehalten hat, so zielt Jesu letzte Unterweisung auf diese Grundbedingungen menschlichen Lebens. Und er spiegelt diese Grundbedingungen in seinem eigenen Gebet, im Vater unser: Unser tägliches Brot gib uns heute. 100 Doch nicht nur dies: Das Vaterunser spiegelt alle Grundbedingungen menschlichen Lebens: In der Bitte um das Reich Gottes, in der Bitte um das tägliche Brot, in der Bitte um Vergebung von Schuld, in der Bitte, nicht in Versuchung geführt zu werden. Und schließlich heißt es auch dort am Ende: „Denn Dein ist das Reich, und die Kraft, und die Herrlichkeit.“ Wieder ist es nicht unsere Vorstellung vom Reich, die wir verwirklichen sollen. Wieder ist es nicht 105 die Durchsetzung unserer eigenen Kraft. Wieder ist es nicht unsere eigene Herrlichkeit, um die es geht. Sondern – wie in der Gerichtsrede – ist es einzig und allein die Herrlichkeit Gottes.

Eine Herrlichkeit freilich, die nicht nur in den Grundbedingungen menschlichen Lebens elementar ist. Sondern eine Herrlichkeit, in der sich Gott selbst in einer ganz elementaren Rolle zeigt: Denn der Weltenrichter ist in unserem Text nicht nur Richter, er ist auch Hirte. Er sorgt 110 für uns wie für die Schafe, die wir im täglichen Leben so oft sind. Wenn wir uns überschätzen. Wenn wir glauben, die Dinge im Griff zu haben. Wenn wir unseren Träumen nachhängen und uns dann auf dem Boden der harten Realität wiederfinden. Wenn wir aufbrechen in die Fremde, wenn wir unseren Hoffnungen folgen, und dabei – wenn es schlecht läuft – an Orten landen, an denen keine Hoffnung zu finden ist. [...]

115 Liebe Gemeinde, so also spielen das Weltgericht und unsere elementaren Handlungsspielräume zusammen, so spannt sich der Bogen von der Schöpfungsmacht des Lebens über das Teilen des Brotes bis zur Gemeinschaft im Geiste. Kein Wunder, dass dieser Predigttext eine so unglaublich starke Wirkungsgeschichte erfahren hat. Zum Beispiel in Tolstojs wunderbarer Erzählung „Wo die Liebe ist, da ist auch Gott“. Oder bei Immanuel Kant, der diese Elementa 120 rität in den Kategorischen Imperativ eingebracht hat. Oder bei Dorothee Sölle: Sie hat mit der Befreiungstheologie gesagt: Gott hat keine anderen Hände als die unsrigen. [...] Deshalb ist es gut, dass der Predigttext die elementaren Handlungen menschlichen Lebens nicht nur einmal darstellt, sondern sie gleich viermal aufzählt: Hunger und Durst stillen, Fremde aufnehmen, Nacktheit bekleiden, Kranke anschauen, verurteilten Gefangenen die Gemeinschaft 125 nicht aufkündigen. Sie werden für die JüngerInnen und uns heute so oft wiederholt, bis auch das letzte Schaf sie kapiert hat. Denn der Friede Gottes ist höher als alle menschliche Vernunft und bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

(Die Auslassungen im Text lassen den Gedankengang unberührt und betreffen lediglich ergänzende Aspekte. Eindeutige Druckfehler wurden berichtigt, ohne den Sinn zu verändern.)

Cornelia Richter ist evangelische Theologin.

1. Stellen Sie die zentralen Gedanken der Predigt von Cornelia Richter dar und arbeiten Sie das Gottesbild heraus, das in ihr zum Ausdruck kommt. [24 Punkte]

Aufgabe HT 2 - Aufgabe 2 · Reich-Gottes-Verkündigung Jesu in Tat und Wort

Cornelia Richter

Handeln an Menschen als Handeln an Gott (Mt 25,31–46)

Predigt in der Schlosskirche zu Bonn, 19.11.2018

Liebe Gemeinde,

so richtig erbaulich ist das nicht, was wir bisher gehört und gesungen haben. Der Richterstuhl Christi im Wochenspruch, das Warten auf Weltgericht und Wiederkunft Christi in den beiden Liedern, und in der Lesung aus Jeremia die Klage Jahwes über das selbstherrlich vor sich hin 5 lebende Volk. Das Feuer, mit dem Gott kommen und nicht länger schweigen wird. Sondern uns zur Rede stellen und sein Urteil sprechen wird. Dereinst, am Tag des Herrn. Und ich fürchte, es wird auch mit unserem Predigttext nicht sehr viel erbaulicher. Auch hier geht es um das Gericht in klaren und unmissverständlichen Worten. Trotzdem – oder eher: Gerade deshalb? Trotzdem oder gerade deshalb ist es einer der berühmtesten und beliebtesten Texte 10 des Neuen Testaments. Hören wir Mt 25,31–46:

31 Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er sich setzen auf den Thron seiner Herrlichkeit, 32 und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, 33 und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken. 15 34 Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! 35 Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. 36 Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. 20 Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen.

37 Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben? Oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? 38 Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen? Oder nackt und haben dich gekleidet? 39 Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu 25 dir gekommen? 40 Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.

41 Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln! 42 Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir nicht zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir nicht zu 30 trinken gegeben. 43 Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich nicht aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich bin krank und im Gefängnis gewesen und ihr habt mich nicht besucht. [...]

Ob mit dem Propheten Jeremia oder mit unserem Predigttext: Der Tag des Gerichts, der Tag, an dem der Menschensohn kommt, ist ein Tag, für den uns die biblischen Texte ein zutiefst 35 unattraktives Endspiel menschlichen Lebens vor Augen stellen: Wenn der Menschensohn kommt, dann ist jede menschliche Routine erschüttert, dann stehen wir nackt und ungeschützt vor Gott, dann sind wir mit der Endgültigkeit transzendenten Lebens konfrontiert. Was ist das für eine Vorstellung? Für die einen ist sie ohne Zweifel schaurig, entsetzlich, furchterweckend.

Denn wer wird bestehen können vor dem Richterstuhl Christi? Für manche unter uns mag es 40 gar fraglich sein, weshalb wir heute überhaupt noch über das Gericht predigen. Weshalb wir die Vorstellung des richtenden, machtvoll eingreifenden Gottes nicht endgültig in den Archiven der Kirchen- und Theologiegeschichte versinken lassen. Und wenn wir schon dabei sind, dann sollten wir Allmacht und Sünde auch gleich noch hinterdrein werfen, mitsamt dem gesamten metaphysischen Plunder der alten und mittelalterlichen Kirche. Denn steht im Zentrum 45 unseres Glaubens nicht der liebende und vergebende Gott? Der Gott, der uns anerkennt, so wie wir sind, mit all unseren Fehlern und Irrtümern. Wer den Text so hört, wird sich leichter tun mit den anderen Versen. Mit den Versen, die ganz handfest und konkret schildern, wann wir das christliche Ideal am besten erfüllen: Wenn wir Hungernden zu essen und Durstigen zu trinken geben, wenn wir die Fremden aufnehmen, die Nackten kleiden, Kranke und Straf 50 täter besuchen. Tätiges Christentum, von Jesus vorgelebt, weil das Handeln an Menschen zugleich Handeln an Gott ist. Wer um alles in der Welt sollte die Gerichtsrede noch hören wollen?

Die Antwort ist einfach. Die anderen. Für die anderen ist sie genau richtig – denn in diesen Texten wird endlich einmal abgerechnet. In diesen Texten wird endlich nichts mehr beschö 55 nigt und unter den Teppich gekehrt: Am Tag des Gerichts wird endlich gesagt, was ist. Am Tag des Gerichts wird endlich Recht gesprochen. Dann wird Gewalt endlich gesühnt. Das Unrecht aufgehoben. Was für eine Genugtuung! [...]

Man kann schon verstehen, wenn Menschen in ihrer Wut und in ihrem Schmerz nach Vergeltung rufen und schreiend Rache fordern. Genau deshalb, liebe Gemeinde, brauchen wir 60 unsere Gerichtstexte.

Unsere biblischen Texte nehmen diesen Schrei ernst. Sie nehmen ihn auf. Sie lassen ihn laut werden. Sie fassen ihn in Worte, sie setzen ihn in bildhafte Rede, im Alten ebenso wie im Neuen Testament. Biblische Texte sprechen von Gerechten und Ungerechten, sie sprechen von Schuld und Strafe, sie stellen Bilder von ewiger Strafe und ewigem Leben vor Augen. 65 Nur ein Bild wird uns nicht vor Augen gestellt: Es geht nicht um menschliche Rache. Die biblischen Texte ermächtigen keinen Menschen zur Vergeltung der Schuld. Wer als Mensch die Hand erhebt, wer als Mensch seiner Wut freien Lauf lässt, wer als Mensch meint, das letzte Urteil zu sprechen, der maßt sich im Gegenteil göttliche Macht an. Das letzte Urteil steht uns nicht zu. Das letzte Urteil ist Gottes Wort. Deshalb kommt Gott mit Macht, deshalb 70 wird er die Mächtigen vom Thron stürzen und die Niedrigen erhöhen (vgl. Lk 1,52). Denn mein ist die Rache (vgl. Dtn 5,32.35), spricht der Herr. Genau deshalb brauchen wir unsere Gerichtstexte. Umso mehr, als das Gericht als zukünftiges Gericht vor Augen gestellt wird. Es geht nicht um das Hier und Jetzt. Es geht nicht darum, aktuelle Vergeltungsmaßnahmen zum Gericht Gottes zu erklären. Sondern es geht um eine Vorstellung, die unsere konkrete 75 Vorstellung übersteigt. Es geht um eine Vorstellung, die uns ans Ende der Zeiten führt. Bis dahin müssen wir andere Mittel und Wege finden, um mit dem Unrecht umzugehen. Bis dahin sind wir an unser Handeln gebunden – und es ist gut, wenn wir es uns als ein Handeln an Gott vorstellen. [...]

Keine Rache, keine Vergeltung. Sondern nur dies: Das Aufbegehren gegen die Gleichgültig 80 keit. Das Eintreten für die öffentliche Debatte, die Arbeit gegen das schweigende sich-Einrichten im Alltag. [...] Und in unserem Predigttext bei Matthäus werden die zur Rechten dafür ausgezeichnet, dass sie dem König gedient haben, ohne es selbst zu merken. Indem sie getan haben, was halt nötig war: zu essen und zu trinken geben. Sie werden dafür ausgezeichnet, dass sie in ihrem Alltag aufmerksam waren, dass sie nicht einfach so dahingelebt haben.

85 Noch ein zweiter Punkt ist auffällig: Obwohl es um das letzte Gericht geht, obwohl es um Schuld und das Unterlassen von Hilfe geht, geht es irgendwie nicht direkt um die eine und einzigartige, große moralische Tat, an der wir gemessen werden. [...] Mit unserer moralischen Unzulänglichkeit scheint Gott also zu rechnen. Er scheint uns zu kennen als die Schafe, die wir halt so sind. In diesem Sinne sind wir also sogar in der harten Gerichtspredigt tatsächlich 90 anerkannt als diejenigen, die wir eben sind. Aber in Frage steht, wie wir uns in unserem Alltag einrichten – das gilt für Jeremia wie für Matthäus. Und über sie hinaus ist das der Tenor der Jesus-Überlieferung: Er hat sich den Sündern zugewandt, nicht um sie ein für alle Mal zu verurteilen. Sondern um sie aufmerksam zu machen auf ihr Tun, um Buße und Umkehr zu ermöglichen. In Frage steht, ob wir den Alltag in uns selbst verstrickt durchleben oder ob wir 95 aufmerksam sind für das, was um uns herum geschieht. Und zwar in den elementaren Dimensionen menschlichen Lebens: Körperliche Unversehrtheit, Hunger und Durst. [...]

So wie das Manna das Volk Israel in der Wüste am Leben gehalten hat, so zielt Jesu letzte Unterweisung auf diese Grundbedingungen menschlichen Lebens. Und er spiegelt diese Grundbedingungen in seinem eigenen Gebet, im Vater unser: Unser tägliches Brot gib uns heute. 100 Doch nicht nur dies: Das Vaterunser spiegelt alle Grundbedingungen menschlichen Lebens: In der Bitte um das Reich Gottes, in der Bitte um das tägliche Brot, in der Bitte um Vergebung von Schuld, in der Bitte, nicht in Versuchung geführt zu werden. Und schließlich heißt es auch dort am Ende: „Denn Dein ist das Reich, und die Kraft, und die Herrlichkeit.“ Wieder ist es nicht unsere Vorstellung vom Reich, die wir verwirklichen sollen. Wieder ist es nicht 105 die Durchsetzung unserer eigenen Kraft. Wieder ist es nicht unsere eigene Herrlichkeit, um die es geht. Sondern – wie in der Gerichtsrede – ist es einzig und allein die Herrlichkeit Gottes.

Eine Herrlichkeit freilich, die nicht nur in den Grundbedingungen menschlichen Lebens elementar ist. Sondern eine Herrlichkeit, in der sich Gott selbst in einer ganz elementaren Rolle zeigt: Denn der Weltenrichter ist in unserem Text nicht nur Richter, er ist auch Hirte. Er sorgt 110 für uns wie für die Schafe, die wir im täglichen Leben so oft sind. Wenn wir uns überschätzen. Wenn wir glauben, die Dinge im Griff zu haben. Wenn wir unseren Träumen nachhängen und uns dann auf dem Boden der harten Realität wiederfinden. Wenn wir aufbrechen in die Fremde, wenn wir unseren Hoffnungen folgen, und dabei – wenn es schlecht läuft – an Orten landen, an denen keine Hoffnung zu finden ist. [...]

115 Liebe Gemeinde, so also spielen das Weltgericht und unsere elementaren Handlungsspielräume zusammen, so spannt sich der Bogen von der Schöpfungsmacht des Lebens über das Teilen des Brotes bis zur Gemeinschaft im Geiste. Kein Wunder, dass dieser Predigttext eine so unglaublich starke Wirkungsgeschichte erfahren hat. Zum Beispiel in Tolstojs wunderbarer Erzählung „Wo die Liebe ist, da ist auch Gott“. Oder bei Immanuel Kant, der diese Elementa 120 rität in den Kategorischen Imperativ eingebracht hat. Oder bei Dorothee Sölle: Sie hat mit der Befreiungstheologie gesagt: Gott hat keine anderen Hände als die unsrigen. [...] Deshalb ist es gut, dass der Predigttext die elementaren Handlungen menschlichen Lebens nicht nur einmal darstellt, sondern sie gleich viermal aufzählt: Hunger und Durst stillen, Fremde aufnehmen, Nacktheit bekleiden, Kranke anschauen, verurteilten Gefangenen die Gemeinschaft 125 nicht aufkündigen. Sie werden für die JüngerInnen und uns heute so oft wiederholt, bis auch das letzte Schaf sie kapiert hat. Denn der Friede Gottes ist höher als alle menschliche Vernunft und bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

(Die Auslassungen im Text lassen den Gedankengang unberührt und betreffen lediglich ergänzende Aspekte. Eindeutige Druckfehler wurden berichtigt, ohne den Sinn zu verändern.)

Cornelia Richter ist evangelische Theologin.

2. Entfalten Sie unter dem Gesichtspunkt des Gottesverständnisses zentrale Aspekte sowie die Bedeutung der Verkündigung Jesu vom Reich Gottes und ordnen Sie das Gottesbild, das in der Predigt von Cornelia Richter erkennbar wird, in diesen Zusammenhang ein. [30 Punkte]

Aufgabe HT 2 - Aufgabe 3 · Hoffnung auf Vollendung: Apokalyptik und Gericht

Cornelia Richter

Handeln an Menschen als Handeln an Gott (Mt 25,31–46)

Predigt in der Schlosskirche zu Bonn, 19.11.2018

Liebe Gemeinde,

so richtig erbaulich ist das nicht, was wir bisher gehört und gesungen haben. Der Richterstuhl Christi im Wochenspruch, das Warten auf Weltgericht und Wiederkunft Christi in den beiden Liedern, und in der Lesung aus Jeremia die Klage Jahwes über das selbstherrlich vor sich hin 5 lebende Volk. Das Feuer, mit dem Gott kommen und nicht länger schweigen wird. Sondern uns zur Rede stellen und sein Urteil sprechen wird. Dereinst, am Tag des Herrn. Und ich fürchte, es wird auch mit unserem Predigttext nicht sehr viel erbaulicher. Auch hier geht es um das Gericht in klaren und unmissverständlichen Worten. Trotzdem – oder eher: Gerade deshalb? Trotzdem oder gerade deshalb ist es einer der berühmtesten und beliebtesten Texte 10 des Neuen Testaments. Hören wir Mt 25,31–46:

31 Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er sich setzen auf den Thron seiner Herrlichkeit, 32 und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, 33 und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken. 15 34 Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! 35 Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. 36 Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. 20 Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen.

37 Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben? Oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? 38 Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen? Oder nackt und haben dich gekleidet? 39 Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu 25 dir gekommen? 40 Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.

41 Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln! 42 Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir nicht zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir nicht zu 30 trinken gegeben. 43 Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich nicht aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich bin krank und im Gefängnis gewesen und ihr habt mich nicht besucht. [...]

Ob mit dem Propheten Jeremia oder mit unserem Predigttext: Der Tag des Gerichts, der Tag, an dem der Menschensohn kommt, ist ein Tag, für den uns die biblischen Texte ein zutiefst 35 unattraktives Endspiel menschlichen Lebens vor Augen stellen: Wenn der Menschensohn kommt, dann ist jede menschliche Routine erschüttert, dann stehen wir nackt und ungeschützt vor Gott, dann sind wir mit der Endgültigkeit transzendenten Lebens konfrontiert. Was ist das für eine Vorstellung? Für die einen ist sie ohne Zweifel schaurig, entsetzlich, furchterweckend.

Denn wer wird bestehen können vor dem Richterstuhl Christi? Für manche unter uns mag es 40 gar fraglich sein, weshalb wir heute überhaupt noch über das Gericht predigen. Weshalb wir die Vorstellung des richtenden, machtvoll eingreifenden Gottes nicht endgültig in den Archiven der Kirchen- und Theologiegeschichte versinken lassen. Und wenn wir schon dabei sind, dann sollten wir Allmacht und Sünde auch gleich noch hinterdrein werfen, mitsamt dem gesamten metaphysischen Plunder der alten und mittelalterlichen Kirche. Denn steht im Zentrum 45 unseres Glaubens nicht der liebende und vergebende Gott? Der Gott, der uns anerkennt, so wie wir sind, mit all unseren Fehlern und Irrtümern. Wer den Text so hört, wird sich leichter tun mit den anderen Versen. Mit den Versen, die ganz handfest und konkret schildern, wann wir das christliche Ideal am besten erfüllen: Wenn wir Hungernden zu essen und Durstigen zu trinken geben, wenn wir die Fremden aufnehmen, die Nackten kleiden, Kranke und Straf 50 täter besuchen. Tätiges Christentum, von Jesus vorgelebt, weil das Handeln an Menschen zugleich Handeln an Gott ist. Wer um alles in der Welt sollte die Gerichtsrede noch hören wollen?

Die Antwort ist einfach. Die anderen. Für die anderen ist sie genau richtig – denn in diesen Texten wird endlich einmal abgerechnet. In diesen Texten wird endlich nichts mehr beschö 55 nigt und unter den Teppich gekehrt: Am Tag des Gerichts wird endlich gesagt, was ist. Am Tag des Gerichts wird endlich Recht gesprochen. Dann wird Gewalt endlich gesühnt. Das Unrecht aufgehoben. Was für eine Genugtuung! [...]

Man kann schon verstehen, wenn Menschen in ihrer Wut und in ihrem Schmerz nach Vergeltung rufen und schreiend Rache fordern. Genau deshalb, liebe Gemeinde, brauchen wir 60 unsere Gerichtstexte.

Unsere biblischen Texte nehmen diesen Schrei ernst. Sie nehmen ihn auf. Sie lassen ihn laut werden. Sie fassen ihn in Worte, sie setzen ihn in bildhafte Rede, im Alten ebenso wie im Neuen Testament. Biblische Texte sprechen von Gerechten und Ungerechten, sie sprechen von Schuld und Strafe, sie stellen Bilder von ewiger Strafe und ewigem Leben vor Augen. 65 Nur ein Bild wird uns nicht vor Augen gestellt: Es geht nicht um menschliche Rache. Die biblischen Texte ermächtigen keinen Menschen zur Vergeltung der Schuld. Wer als Mensch die Hand erhebt, wer als Mensch seiner Wut freien Lauf lässt, wer als Mensch meint, das letzte Urteil zu sprechen, der maßt sich im Gegenteil göttliche Macht an. Das letzte Urteil steht uns nicht zu. Das letzte Urteil ist Gottes Wort. Deshalb kommt Gott mit Macht, deshalb 70 wird er die Mächtigen vom Thron stürzen und die Niedrigen erhöhen (vgl. Lk 1,52). Denn mein ist die Rache (vgl. Dtn 5,32.35), spricht der Herr. Genau deshalb brauchen wir unsere Gerichtstexte. Umso mehr, als das Gericht als zukünftiges Gericht vor Augen gestellt wird. Es geht nicht um das Hier und Jetzt. Es geht nicht darum, aktuelle Vergeltungsmaßnahmen zum Gericht Gottes zu erklären. Sondern es geht um eine Vorstellung, die unsere konkrete 75 Vorstellung übersteigt. Es geht um eine Vorstellung, die uns ans Ende der Zeiten führt. Bis dahin müssen wir andere Mittel und Wege finden, um mit dem Unrecht umzugehen. Bis dahin sind wir an unser Handeln gebunden – und es ist gut, wenn wir es uns als ein Handeln an Gott vorstellen. [...]

Keine Rache, keine Vergeltung. Sondern nur dies: Das Aufbegehren gegen die Gleichgültig 80 keit. Das Eintreten für die öffentliche Debatte, die Arbeit gegen das schweigende sich-Einrichten im Alltag. [...] Und in unserem Predigttext bei Matthäus werden die zur Rechten dafür ausgezeichnet, dass sie dem König gedient haben, ohne es selbst zu merken. Indem sie getan haben, was halt nötig war: zu essen und zu trinken geben. Sie werden dafür ausgezeichnet, dass sie in ihrem Alltag aufmerksam waren, dass sie nicht einfach so dahingelebt haben.

85 Noch ein zweiter Punkt ist auffällig: Obwohl es um das letzte Gericht geht, obwohl es um Schuld und das Unterlassen von Hilfe geht, geht es irgendwie nicht direkt um die eine und einzigartige, große moralische Tat, an der wir gemessen werden. [...] Mit unserer moralischen Unzulänglichkeit scheint Gott also zu rechnen. Er scheint uns zu kennen als die Schafe, die wir halt so sind. In diesem Sinne sind wir also sogar in der harten Gerichtspredigt tatsächlich 90 anerkannt als diejenigen, die wir eben sind. Aber in Frage steht, wie wir uns in unserem Alltag einrichten – das gilt für Jeremia wie für Matthäus. Und über sie hinaus ist das der Tenor der Jesus-Überlieferung: Er hat sich den Sündern zugewandt, nicht um sie ein für alle Mal zu verurteilen. Sondern um sie aufmerksam zu machen auf ihr Tun, um Buße und Umkehr zu ermöglichen. In Frage steht, ob wir den Alltag in uns selbst verstrickt durchleben oder ob wir 95 aufmerksam sind für das, was um uns herum geschieht. Und zwar in den elementaren Dimensionen menschlichen Lebens: Körperliche Unversehrtheit, Hunger und Durst. [...]

So wie das Manna das Volk Israel in der Wüste am Leben gehalten hat, so zielt Jesu letzte Unterweisung auf diese Grundbedingungen menschlichen Lebens. Und er spiegelt diese Grundbedingungen in seinem eigenen Gebet, im Vater unser: Unser tägliches Brot gib uns heute. 100 Doch nicht nur dies: Das Vaterunser spiegelt alle Grundbedingungen menschlichen Lebens: In der Bitte um das Reich Gottes, in der Bitte um das tägliche Brot, in der Bitte um Vergebung von Schuld, in der Bitte, nicht in Versuchung geführt zu werden. Und schließlich heißt es auch dort am Ende: „Denn Dein ist das Reich, und die Kraft, und die Herrlichkeit.“ Wieder ist es nicht unsere Vorstellung vom Reich, die wir verwirklichen sollen. Wieder ist es nicht 105 die Durchsetzung unserer eigenen Kraft. Wieder ist es nicht unsere eigene Herrlichkeit, um die es geht. Sondern – wie in der Gerichtsrede – ist es einzig und allein die Herrlichkeit Gottes.

Eine Herrlichkeit freilich, die nicht nur in den Grundbedingungen menschlichen Lebens elementar ist. Sondern eine Herrlichkeit, in der sich Gott selbst in einer ganz elementaren Rolle zeigt: Denn der Weltenrichter ist in unserem Text nicht nur Richter, er ist auch Hirte. Er sorgt 110 für uns wie für die Schafe, die wir im täglichen Leben so oft sind. Wenn wir uns überschätzen. Wenn wir glauben, die Dinge im Griff zu haben. Wenn wir unseren Träumen nachhängen und uns dann auf dem Boden der harten Realität wiederfinden. Wenn wir aufbrechen in die Fremde, wenn wir unseren Hoffnungen folgen, und dabei – wenn es schlecht läuft – an Orten landen, an denen keine Hoffnung zu finden ist. [...]

115 Liebe Gemeinde, so also spielen das Weltgericht und unsere elementaren Handlungsspielräume zusammen, so spannt sich der Bogen von der Schöpfungsmacht des Lebens über das Teilen des Brotes bis zur Gemeinschaft im Geiste. Kein Wunder, dass dieser Predigttext eine so unglaublich starke Wirkungsgeschichte erfahren hat. Zum Beispiel in Tolstojs wunderbarer Erzählung „Wo die Liebe ist, da ist auch Gott“. Oder bei Immanuel Kant, der diese Elementa 120 rität in den Kategorischen Imperativ eingebracht hat. Oder bei Dorothee Sölle: Sie hat mit der Befreiungstheologie gesagt: Gott hat keine anderen Hände als die unsrigen. [...] Deshalb ist es gut, dass der Predigttext die elementaren Handlungen menschlichen Lebens nicht nur einmal darstellt, sondern sie gleich viermal aufzählt: Hunger und Durst stillen, Fremde aufnehmen, Nacktheit bekleiden, Kranke anschauen, verurteilten Gefangenen die Gemeinschaft 125 nicht aufkündigen. Sie werden für die JüngerInnen und uns heute so oft wiederholt, bis auch das letzte Schaf sie kapiert hat. Denn der Friede Gottes ist höher als alle menschliche Vernunft und bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

(Die Auslassungen im Text lassen den Gedankengang unberührt und betreffen lediglich ergänzende Aspekte. Eindeutige Druckfehler wurden berichtigt, ohne den Sinn zu verändern.)

Cornelia Richter ist evangelische Theologin.

3. Erörtern Sie anhand selbst gewählter Beispiele und unter Einbeziehung Ihrer bisherigen Ergebnisse, inwiefern der Glaube an Gottes Gericht dem menschlichen Handeln positive Impulse geben kann, und nehmen Sie dazu begründet Stellung. [26 Punkte]

Aufgabe HT 3 - Aufgabe 1 · Texterschließung: Thema, Gedankengang und Position

Christian Nürnberger

Weihe eines Zornigen – und die weltgeschichtlichen Folgen

Das Ziel einer gerechten Sozialordnung wurde nie erreicht. Der es aussprach, war Jesus. Weil er es aussprach, musste er sterben.

Dann ist er angeblich auferstanden, und dann ist angeblich das Reich Gottes angebrochen. Aber was dann wirklich kam, war die Kirche, waren Päpste und Bischöfe und Hierarchien, [5] die sich auf Kosten ihrer Leibeigenen mästeten, öffentlich Wasser predigten und heimlich Wein soffen, Kriege führten, Ketzer und Hexen verbrennen ließen, die Wahrheit unterdrückten, die herrschaftskritische politische Theologie des Alten Testaments entschärften und an die abergläubischen, jenseits- und mirakeltrunkenen Erwartungen der Heidenvölker anpassten.

Später kämpfte das Führungspersonal der Kirchen gegen die Demokratie, es segnete Kano [10] nen, gab antisemitisch-nationalistisch-militaristische Parolen als Wort Gottes aus und brüllte schließlich mit den Nazis „Sieg Heil“ und „Judensau“ oder schwieg feige zu allem, worüber nie hätte geschwiegen werden dürfen. Natürlich gab es die berühmten Ausnahmen. Eben das, dass sie Ausnahmen waren und nicht die Regel, spricht gegen die Kirche.

Für die weiterhin gültige Botschaft vom Sinai aber sprechen die Ausnahmen. Sie, die Bürgen [15] dieser Botschaft, erklären uns Abraham. Menschen wie Dietrich Bonhoeffer, die Geschwister Scholl, Georg Elser, Mahatma Gandhi, Rosa Parks, Martin Luther King, Nelson Mandela, sie alle eint die Überzeugung, dass es etwas gibt, das größer ist als das eigene Leben, dass es bestimmte Regeln gibt, die unbedingt gelten müssen, und koste es das eigene Leben. Der unbedingte Gehorsam gegen diese Regeln, die radikale Bereitschaft, gegen seine eigenen vitalsten [20] Interessen für die Geltung dieser Regeln einzutreten, notfalls mit dem eigenen Leben, die Löschung des in unsere Gene eingravierten Überlebensprogramms – das ist gemeint mit dem abrahamitischen Gehorsam gegen Gott, das haben uns diese Bürgen vorgelebt.

Der Engel, der bei Abraham in letzter Minute das Opfer verhinderte 1, lehrt uns: Zu seiner letzten und bittersten Konsequenz müsste es nie kommen, wenn die Menschen prinzipiell bereit [25] wären, sich wie Abraham dem göttlichen Willen unterzuordnen. [...]

Abraham, Mose, Jesus, die christlichen Märtyrer bis hin zu den Widerstands- und Freiheitskämpfern der Gegenwart, das sind radikale, leidenschaftliche, oft von Zorn getriebene, sensible Existenzen mit hoch entwickeltem politischem Bewusstsein. Es sind keine Schwärmer, keine Gralssucher 2, die aus falschen Gründen in der Kirche sind, die meinen, es ginge beim [30] Glauben und in der Kirche um das Verdienst, Mirakel für wahr zu halten. Es geht diesen Menschen auch nicht primär um die sogenannten letzten Fragen der „Religiösen“, die Fragen nach dem Jenseits, dem Tod, der Auferstehung und dem ewigen Leben, sondern es geht um das Diesseits, um das gute, menschenwürdige Leben in Freiheit hier auf Erden. Nicht ein besseres Leben im Jenseits wurde dem Volk Israel verheißen, sondern ein besseres Leben in der [35] Zukunft, ein Gelobtes Land, in dem Milch und Honig fließen und das genug abwirft für alle. Durch und durch diesseitig, profan, materialistisch, politisch ist die Botschaft vom Sinai, an dessen Anfang die politisch motivierte Wut-Tat des Mose steht.

Seit Abraham und Mose, seit diesem Auszug aus Ägypten sind der Exodus, die Befreiung, die Abschüttelung von Fremdherrschaft und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu einem [40] Archetypus der Weltgeschichte geworden, der in zahlreichen Aufständen und Befreiungsbewegungen seine Sprengkraft bis weit in die säkularen Jahrhunderte bewahrte. [...]

Das Skandalöse dieser Geschichte ist uns Heutigen gar nicht mehr richtig bewusst. Das war früheren Völkern in früheren Zeiten viel bewusster. Das Skandalöse dieser Geschichte steckt darin, dass es Unterdrückte waren, Außenseiter, ungebildete Verlierer und Versager, welche [45] die Hybris 3 hatten, sich als „erwähltes Volk“ zu fühlen. Die Abstammung von einem Sklaven wurde in der Antike als Schande empfunden. Die Juden bekannten sich zu ihrer schändlichen Herkunft, aber weil Gott ausgerechnet sie erwählte, betrachteten sie sich als geadelt, und diese hochmodern anmutende Strategie, die vermeintliche Schwäche zur Stärke zu machen, trieb den vornehmen Völkern und denen, die sich dafür hielten, die Zornesröte ins Gesicht.

[50] Friedrich Nietzsche hatte noch ein Gefühl für diesen Skandal und deshalb gewütet, damit habe der „Sklavenaufstand in der Moral“ begonnen. Das Volk vom Berg Sinai habe eine folgenschwere Umkehrung der Werte vorgenommen, erkannte Nietzsche mit scharfem Blick. Der aristokratischen Wertgleichung gut = vornehm = mächtig = schön = glücklich = gottgeliebt hätten die Steineklopfer aus Ägypten ihre Sklavenmoral entgegengesetzt: gut = elend = arm = [55] ohnmächtig = niedrig = krank und leidend. In der kämpferischen Parole „Black is beautiful“ oder „Ich bin schwul, und das ist gut so“ scheint diese Umwertung bis heute noch durch.

Wir mögen Verlierer sein, sagte dieses Völkchen, wir mögen schwächliche Versager sein, aber Gott hat uns erwählt, wir wissen auch nicht warum, das überrascht uns selbst ja am meisten, aber so ist es nun mal, das haben wir euch anderen voraus, und deshalb sind wir [60] jetzt keine Verlierer mehr – das war nicht die einzige Provokation, mit der das neue Volk die etablierten Völker gegen sich aufbrachte. Noch schlimmer war vielleicht das Salz der aufklärerischen Kritik, mit der die Juden den anderen in die religiöse Suppe spuckten.

Den mächtigen, sie ständig bedrohenden Herrenvölkern ringsherum sagten sie furchtlos: Es stimmt nicht, dass es einen Gott für den Krieg gibt, einen für die Fruchtbarkeit, einen für die [65] Schönheit und für jedes weitere Ressort noch einen. Es gibt nur einen Gott, unseren Gott. Er ist auch der eure, und wenn ihr das nicht begreift, ist das nicht sein Problem, sondern eures. Eure Bilder und Statuen, mit denen ihr eure Götter abbildet, die könnt ihr getrost verheizen oder in den Jordan werfen. Die stimmen alle nicht. Der eine und wahre Gott ist ganz anders, als ihr euch das mit eurer begrenzten Phantasie zurechtschustert. Er sprengt das menschliche [70] Vorstellungsvermögen, darum ist jede Vorstellung falsch, darum ist eure Bildermacherei, euer ganzer multimedialer Zauber, den ihr zu Ehren eurer Götter veranstaltet, hohles Blech. Eure Götter menscheln, unserer allein ist so anders und göttlich, dass wir es uns verbieten, Bilder von ihm zu machen, ja nicht einmal wagen, seinen Namen auszusprechen. Damit war das abstrakte, bildlose Denken eingeführt. [...]

[75] Das freche Volk konnte sich auch den Hinweis nicht verkneifen, dass sein Gott viel moderner sei als die Götter der anderen. Der Gott des neuen Volkes war ein mitziehender, mobiler, ein dynamischer Gott. Wo sein Volk war, da war auch er. Die zahlreichen Götter der anderen hockten wie festgenagelt auf ihren jeweiligen Lokalitäten. Wer etwas von ihnen wollte, musste sich auf den Weg machen, und wer von mehreren etwas wollte, war ständig unterwegs. Un [80] praktisch. Rückständig.

Freundlicher war er auch, der Gott der Juden. Er wollte keine Menschenopfer. Ab und zu ein Hammel, damit gab er sich zufrieden. [...]

Das war nicht eine neue Religion, was mit den Juden in die Welt kam, das war Philosophie, eine erste Aufklärung, eine erste Entmythologisierung, die Entleerung des Götterhimmels und [85] eine für damalige Verhältnisse blasphemisch anmutende Fundamentalkritik der heidnischen Fruchtbarkeitsreligionen. Kritik, Aufklärung, Fortschritt, Aufbruch, Entgötterung des Himmels, Entmythologisierung, Profanisierung, sogar Spott, Sarkasmus und Ironie – in diesem kleinen, jungen, machtlosen Volk ist alles schon da, was später die Welt verändern wird.

Das ist der Grund, warum uns dieser alte Mythos, an dem historisch nichts stimmt, auch heute [90] noch etwas angeht, auch die, die klein von Gott denken oder ihn für eine menschliche Projektion halten. Wäre er das, müssten wir umso größer von denen denken, die dieses weltumstürzende Bild von Gott erstmals in den Himmel projiziert haben. Die Ideen der Gleichheit und der Freiheit wären dann deren Erfindungen, und dass wir Jahrtausende später diese Ideen noch immer nicht verwirklicht haben, wäre ein starker Grund, sich zu schämen.

[95] Die Botschaft des Exodus ist völlig ins Hintertreffen, fast in Vergessenheit geraten durch zwei Jahrtausende Kirchengeschichte, in der es plötzlich um Mirakel, Sünde, Hölle, Tod und Teufel ging. Und seit einigen Jahren scheint es in der katholischen Kirche, besonders in Deutschland und Österreich, nur noch um die Frage zu gehen, ob man zur lateinischen Messe nach dem alten Ritus zurückkehren solle, ob Priester heiraten und Frauen die Pille nehmen und zu Pries [100] tern geweiht werden dürfen. In der evangelischen Kirche Deutschlands geht es seit rund einem Jahrzehnt eigentlich nur noch ums Geld und den Erhalt bestehender Strukturen. Und das in einer Zeit, in der sich die Schere zwischen arm und reich immer schneller und weiter öffnet und der wohlhabende Teil der Menschheit einen Lebensstil pflegt, der drei Planeten erfordern würde, wenn alle Menschen dieser Welt so plündern würden wie die kleine Zahl der Wohl [105] habenden.

Auf ihren Kirchen- und Katholikentagen präsentieren sich Christen als harmlose Wir-sind-alle-lieb-Geschwister, die einer kindischen Eiapopeia 4 -Theologie anhängen, in der alle gut sind und fromme Lieder zur Gitarre singen. Sie sehen ihren Jesus nur noch als jenen Bergprediger, der, wenn er auf die eine Backe geschlagen wird, auch noch die andere hinhält. Aber [110] derselbe Jesus hat auch gesagt: „Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“

Dieser kämpferische Christus, der sich Feinde macht, der die Geldwechsler aus dem Tempel jagt, die Schriftgelehrten und Pharisäer zur Weißglut treibt, die ganze herrschende Schicht gegen sich aufbringt und das Volk so in Aufruhr versetzt, dass seine Feinde ihn ans Kreuz [115] nageln, wird in der heutigen christlichen Verkündigung fast komplett ausgeblendet. Auch Mose, der Totschläger, Abraham, der beinahe seinen Sohn geopfert hätte, der zornige Jahwe, der alle Erstgeborenen Ägyptens umbringt – diese abgründige Radikalität des biblischen Führungspersonals scheint in der heutigen christlichen Verkündigung kaum noch auf.

(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus. Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Vorlage. Offenkundige Druckfehler wurden korrigiert, ohne den Sinn zu verändern.)

Christian Nürnberger ist Journalist.

1 vgl. Gen 22

2 Gralssucher: hier: Menschen, die das Unmögliche suchen

3 Hybris: hier: Vermessenheit

4 Eiapopeia: Redewendung aus der Kindersprache, um jemanden in den Schlaf zu lullen

Quelle: Christian Nürnberger: Weihe eines Zornigen – und die weltgeschichtlichen Folgen. In: Helmut Ortner (Hrsg.): Der Zorn. Eine Hommage. Springe 2012, S. 118 ff.

1. Stellen Sie das Thema sowie den Gedankengang des Textes von Christian Nürnberger dar und arbeiten Sie heraus, wie er die Botschaft des Exodus versteht. (24 Punkte)

Aufgabe HT 3 - Aufgabe 2 · Religionskritik und die Frage nach der Existenz Gottes

Christian Nürnberger

Weihe eines Zornigen – und die weltgeschichtlichen Folgen

Das Ziel einer gerechten Sozialordnung wurde nie erreicht. Der es aussprach, war Jesus. Weil er es aussprach, musste er sterben.

Dann ist er angeblich auferstanden, und dann ist angeblich das Reich Gottes angebrochen. Aber was dann wirklich kam, war die Kirche, waren Päpste und Bischöfe und Hierarchien, [5] die sich auf Kosten ihrer Leibeigenen mästeten, öffentlich Wasser predigten und heimlich Wein soffen, Kriege führten, Ketzer und Hexen verbrennen ließen, die Wahrheit unterdrückten, die herrschaftskritische politische Theologie des Alten Testaments entschärften und an die abergläubischen, jenseits- und mirakeltrunkenen Erwartungen der Heidenvölker anpassten.

Später kämpfte das Führungspersonal der Kirchen gegen die Demokratie, es segnete Kano [10] nen, gab antisemitisch-nationalistisch-militaristische Parolen als Wort Gottes aus und brüllte schließlich mit den Nazis „Sieg Heil“ und „Judensau“ oder schwieg feige zu allem, worüber nie hätte geschwiegen werden dürfen. Natürlich gab es die berühmten Ausnahmen. Eben das, dass sie Ausnahmen waren und nicht die Regel, spricht gegen die Kirche.

Für die weiterhin gültige Botschaft vom Sinai aber sprechen die Ausnahmen. Sie, die Bürgen [15] dieser Botschaft, erklären uns Abraham. Menschen wie Dietrich Bonhoeffer, die Geschwister Scholl, Georg Elser, Mahatma Gandhi, Rosa Parks, Martin Luther King, Nelson Mandela, sie alle eint die Überzeugung, dass es etwas gibt, das größer ist als das eigene Leben, dass es bestimmte Regeln gibt, die unbedingt gelten müssen, und koste es das eigene Leben. Der unbedingte Gehorsam gegen diese Regeln, die radikale Bereitschaft, gegen seine eigenen vitalsten [20] Interessen für die Geltung dieser Regeln einzutreten, notfalls mit dem eigenen Leben, die Löschung des in unsere Gene eingravierten Überlebensprogramms – das ist gemeint mit dem abrahamitischen Gehorsam gegen Gott, das haben uns diese Bürgen vorgelebt.

Der Engel, der bei Abraham in letzter Minute das Opfer verhinderte 1, lehrt uns: Zu seiner letzten und bittersten Konsequenz müsste es nie kommen, wenn die Menschen prinzipiell bereit [25] wären, sich wie Abraham dem göttlichen Willen unterzuordnen. [...]

Abraham, Mose, Jesus, die christlichen Märtyrer bis hin zu den Widerstands- und Freiheitskämpfern der Gegenwart, das sind radikale, leidenschaftliche, oft von Zorn getriebene, sensible Existenzen mit hoch entwickeltem politischem Bewusstsein. Es sind keine Schwärmer, keine Gralssucher 2, die aus falschen Gründen in der Kirche sind, die meinen, es ginge beim [30] Glauben und in der Kirche um das Verdienst, Mirakel für wahr zu halten. Es geht diesen Menschen auch nicht primär um die sogenannten letzten Fragen der „Religiösen“, die Fragen nach dem Jenseits, dem Tod, der Auferstehung und dem ewigen Leben, sondern es geht um das Diesseits, um das gute, menschenwürdige Leben in Freiheit hier auf Erden. Nicht ein besseres Leben im Jenseits wurde dem Volk Israel verheißen, sondern ein besseres Leben in der [35] Zukunft, ein Gelobtes Land, in dem Milch und Honig fließen und das genug abwirft für alle. Durch und durch diesseitig, profan, materialistisch, politisch ist die Botschaft vom Sinai, an dessen Anfang die politisch motivierte Wut-Tat des Mose steht.

Seit Abraham und Mose, seit diesem Auszug aus Ägypten sind der Exodus, die Befreiung, die Abschüttelung von Fremdherrschaft und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu einem [40] Archetypus der Weltgeschichte geworden, der in zahlreichen Aufständen und Befreiungsbewegungen seine Sprengkraft bis weit in die säkularen Jahrhunderte bewahrte. [...]

Das Skandalöse dieser Geschichte ist uns Heutigen gar nicht mehr richtig bewusst. Das war früheren Völkern in früheren Zeiten viel bewusster. Das Skandalöse dieser Geschichte steckt darin, dass es Unterdrückte waren, Außenseiter, ungebildete Verlierer und Versager, welche [45] die Hybris 3 hatten, sich als „erwähltes Volk“ zu fühlen. Die Abstammung von einem Sklaven wurde in der Antike als Schande empfunden. Die Juden bekannten sich zu ihrer schändlichen Herkunft, aber weil Gott ausgerechnet sie erwählte, betrachteten sie sich als geadelt, und diese hochmodern anmutende Strategie, die vermeintliche Schwäche zur Stärke zu machen, trieb den vornehmen Völkern und denen, die sich dafür hielten, die Zornesröte ins Gesicht.

[50] Friedrich Nietzsche hatte noch ein Gefühl für diesen Skandal und deshalb gewütet, damit habe der „Sklavenaufstand in der Moral“ begonnen. Das Volk vom Berg Sinai habe eine folgenschwere Umkehrung der Werte vorgenommen, erkannte Nietzsche mit scharfem Blick. Der aristokratischen Wertgleichung gut = vornehm = mächtig = schön = glücklich = gottgeliebt hätten die Steineklopfer aus Ägypten ihre Sklavenmoral entgegengesetzt: gut = elend = arm = [55] ohnmächtig = niedrig = krank und leidend. In der kämpferischen Parole „Black is beautiful“ oder „Ich bin schwul, und das ist gut so“ scheint diese Umwertung bis heute noch durch.

Wir mögen Verlierer sein, sagte dieses Völkchen, wir mögen schwächliche Versager sein, aber Gott hat uns erwählt, wir wissen auch nicht warum, das überrascht uns selbst ja am meisten, aber so ist es nun mal, das haben wir euch anderen voraus, und deshalb sind wir [60] jetzt keine Verlierer mehr – das war nicht die einzige Provokation, mit der das neue Volk die etablierten Völker gegen sich aufbrachte. Noch schlimmer war vielleicht das Salz der aufklärerischen Kritik, mit der die Juden den anderen in die religiöse Suppe spuckten.

Den mächtigen, sie ständig bedrohenden Herrenvölkern ringsherum sagten sie furchtlos: Es stimmt nicht, dass es einen Gott für den Krieg gibt, einen für die Fruchtbarkeit, einen für die [65] Schönheit und für jedes weitere Ressort noch einen. Es gibt nur einen Gott, unseren Gott. Er ist auch der eure, und wenn ihr das nicht begreift, ist das nicht sein Problem, sondern eures. Eure Bilder und Statuen, mit denen ihr eure Götter abbildet, die könnt ihr getrost verheizen oder in den Jordan werfen. Die stimmen alle nicht. Der eine und wahre Gott ist ganz anders, als ihr euch das mit eurer begrenzten Phantasie zurechtschustert. Er sprengt das menschliche [70] Vorstellungsvermögen, darum ist jede Vorstellung falsch, darum ist eure Bildermacherei, euer ganzer multimedialer Zauber, den ihr zu Ehren eurer Götter veranstaltet, hohles Blech. Eure Götter menscheln, unserer allein ist so anders und göttlich, dass wir es uns verbieten, Bilder von ihm zu machen, ja nicht einmal wagen, seinen Namen auszusprechen. Damit war das abstrakte, bildlose Denken eingeführt. [...]

[75] Das freche Volk konnte sich auch den Hinweis nicht verkneifen, dass sein Gott viel moderner sei als die Götter der anderen. Der Gott des neuen Volkes war ein mitziehender, mobiler, ein dynamischer Gott. Wo sein Volk war, da war auch er. Die zahlreichen Götter der anderen hockten wie festgenagelt auf ihren jeweiligen Lokalitäten. Wer etwas von ihnen wollte, musste sich auf den Weg machen, und wer von mehreren etwas wollte, war ständig unterwegs. Un [80] praktisch. Rückständig.

Freundlicher war er auch, der Gott der Juden. Er wollte keine Menschenopfer. Ab und zu ein Hammel, damit gab er sich zufrieden. [...]

Das war nicht eine neue Religion, was mit den Juden in die Welt kam, das war Philosophie, eine erste Aufklärung, eine erste Entmythologisierung, die Entleerung des Götterhimmels und [85] eine für damalige Verhältnisse blasphemisch anmutende Fundamentalkritik der heidnischen Fruchtbarkeitsreligionen. Kritik, Aufklärung, Fortschritt, Aufbruch, Entgötterung des Himmels, Entmythologisierung, Profanisierung, sogar Spott, Sarkasmus und Ironie – in diesem kleinen, jungen, machtlosen Volk ist alles schon da, was später die Welt verändern wird.

Das ist der Grund, warum uns dieser alte Mythos, an dem historisch nichts stimmt, auch heute [90] noch etwas angeht, auch die, die klein von Gott denken oder ihn für eine menschliche Projektion halten. Wäre er das, müssten wir umso größer von denen denken, die dieses weltumstürzende Bild von Gott erstmals in den Himmel projiziert haben. Die Ideen der Gleichheit und der Freiheit wären dann deren Erfindungen, und dass wir Jahrtausende später diese Ideen noch immer nicht verwirklicht haben, wäre ein starker Grund, sich zu schämen.

[95] Die Botschaft des Exodus ist völlig ins Hintertreffen, fast in Vergessenheit geraten durch zwei Jahrtausende Kirchengeschichte, in der es plötzlich um Mirakel, Sünde, Hölle, Tod und Teufel ging. Und seit einigen Jahren scheint es in der katholischen Kirche, besonders in Deutschland und Österreich, nur noch um die Frage zu gehen, ob man zur lateinischen Messe nach dem alten Ritus zurückkehren solle, ob Priester heiraten und Frauen die Pille nehmen und zu Pries [100] tern geweiht werden dürfen. In der evangelischen Kirche Deutschlands geht es seit rund einem Jahrzehnt eigentlich nur noch ums Geld und den Erhalt bestehender Strukturen. Und das in einer Zeit, in der sich die Schere zwischen arm und reich immer schneller und weiter öffnet und der wohlhabende Teil der Menschheit einen Lebensstil pflegt, der drei Planeten erfordern würde, wenn alle Menschen dieser Welt so plündern würden wie die kleine Zahl der Wohl [105] habenden.

Auf ihren Kirchen- und Katholikentagen präsentieren sich Christen als harmlose Wir-sind-alle-lieb-Geschwister, die einer kindischen Eiapopeia 4 -Theologie anhängen, in der alle gut sind und fromme Lieder zur Gitarre singen. Sie sehen ihren Jesus nur noch als jenen Bergprediger, der, wenn er auf die eine Backe geschlagen wird, auch noch die andere hinhält. Aber [110] derselbe Jesus hat auch gesagt: „Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“

Dieser kämpferische Christus, der sich Feinde macht, der die Geldwechsler aus dem Tempel jagt, die Schriftgelehrten und Pharisäer zur Weißglut treibt, die ganze herrschende Schicht gegen sich aufbringt und das Volk so in Aufruhr versetzt, dass seine Feinde ihn ans Kreuz [115] nageln, wird in der heutigen christlichen Verkündigung fast komplett ausgeblendet. Auch Mose, der Totschläger, Abraham, der beinahe seinen Sohn geopfert hätte, der zornige Jahwe, der alle Erstgeborenen Ägyptens umbringt – diese abgründige Radikalität des biblischen Führungspersonals scheint in der heutigen christlichen Verkündigung kaum noch auf.

(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus. Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Vorlage. Offenkundige Druckfehler wurden korrigiert, ohne den Sinn zu verändern.)

Christian Nürnberger ist Journalist.

1 vgl. Gen 22

2 Gralssucher: hier: Menschen, die das Unmögliche suchen

3 Hybris: hier: Vermessenheit

4 Eiapopeia: Redewendung aus der Kindersprache, um jemanden in den Schlaf zu lullen

Quelle: Christian Nürnberger: Weihe eines Zornigen – und die weltgeschichtlichen Folgen. In: Helmut Ortner (Hrsg.): Der Zorn. Eine Hommage. Springe 2012, S. 118 ff.

2. Entfalten Sie vergleichend zwei religionskritische Ansätze, die Ihnen bekannt sind, vor dem Hintergrund ihrer jeweiligen Entstehungszeit und bringen Sie diese mit dem Verständnis Christian Nürnbergers von der Exodus-Botschaft in Verbindung. (30 Punkte)

Aufgabe HT 3 - Aufgabe 3 · Biblisches Reden von Gott: Gottesbilder

Christian Nürnberger

Weihe eines Zornigen – und die weltgeschichtlichen Folgen

Das Ziel einer gerechten Sozialordnung wurde nie erreicht. Der es aussprach, war Jesus. Weil er es aussprach, musste er sterben.

Dann ist er angeblich auferstanden, und dann ist angeblich das Reich Gottes angebrochen. Aber was dann wirklich kam, war die Kirche, waren Päpste und Bischöfe und Hierarchien, [5] die sich auf Kosten ihrer Leibeigenen mästeten, öffentlich Wasser predigten und heimlich Wein soffen, Kriege führten, Ketzer und Hexen verbrennen ließen, die Wahrheit unterdrückten, die herrschaftskritische politische Theologie des Alten Testaments entschärften und an die abergläubischen, jenseits- und mirakeltrunkenen Erwartungen der Heidenvölker anpassten.

Später kämpfte das Führungspersonal der Kirchen gegen die Demokratie, es segnete Kano [10] nen, gab antisemitisch-nationalistisch-militaristische Parolen als Wort Gottes aus und brüllte schließlich mit den Nazis „Sieg Heil“ und „Judensau“ oder schwieg feige zu allem, worüber nie hätte geschwiegen werden dürfen. Natürlich gab es die berühmten Ausnahmen. Eben das, dass sie Ausnahmen waren und nicht die Regel, spricht gegen die Kirche.

Für die weiterhin gültige Botschaft vom Sinai aber sprechen die Ausnahmen. Sie, die Bürgen [15] dieser Botschaft, erklären uns Abraham. Menschen wie Dietrich Bonhoeffer, die Geschwister Scholl, Georg Elser, Mahatma Gandhi, Rosa Parks, Martin Luther King, Nelson Mandela, sie alle eint die Überzeugung, dass es etwas gibt, das größer ist als das eigene Leben, dass es bestimmte Regeln gibt, die unbedingt gelten müssen, und koste es das eigene Leben. Der unbedingte Gehorsam gegen diese Regeln, die radikale Bereitschaft, gegen seine eigenen vitalsten [20] Interessen für die Geltung dieser Regeln einzutreten, notfalls mit dem eigenen Leben, die Löschung des in unsere Gene eingravierten Überlebensprogramms – das ist gemeint mit dem abrahamitischen Gehorsam gegen Gott, das haben uns diese Bürgen vorgelebt.

Der Engel, der bei Abraham in letzter Minute das Opfer verhinderte 1, lehrt uns: Zu seiner letzten und bittersten Konsequenz müsste es nie kommen, wenn die Menschen prinzipiell bereit [25] wären, sich wie Abraham dem göttlichen Willen unterzuordnen. [...]

Abraham, Mose, Jesus, die christlichen Märtyrer bis hin zu den Widerstands- und Freiheitskämpfern der Gegenwart, das sind radikale, leidenschaftliche, oft von Zorn getriebene, sensible Existenzen mit hoch entwickeltem politischem Bewusstsein. Es sind keine Schwärmer, keine Gralssucher 2, die aus falschen Gründen in der Kirche sind, die meinen, es ginge beim [30] Glauben und in der Kirche um das Verdienst, Mirakel für wahr zu halten. Es geht diesen Menschen auch nicht primär um die sogenannten letzten Fragen der „Religiösen“, die Fragen nach dem Jenseits, dem Tod, der Auferstehung und dem ewigen Leben, sondern es geht um das Diesseits, um das gute, menschenwürdige Leben in Freiheit hier auf Erden. Nicht ein besseres Leben im Jenseits wurde dem Volk Israel verheißen, sondern ein besseres Leben in der [35] Zukunft, ein Gelobtes Land, in dem Milch und Honig fließen und das genug abwirft für alle. Durch und durch diesseitig, profan, materialistisch, politisch ist die Botschaft vom Sinai, an dessen Anfang die politisch motivierte Wut-Tat des Mose steht.

Seit Abraham und Mose, seit diesem Auszug aus Ägypten sind der Exodus, die Befreiung, die Abschüttelung von Fremdherrschaft und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu einem [40] Archetypus der Weltgeschichte geworden, der in zahlreichen Aufständen und Befreiungsbewegungen seine Sprengkraft bis weit in die säkularen Jahrhunderte bewahrte. [...]

Das Skandalöse dieser Geschichte ist uns Heutigen gar nicht mehr richtig bewusst. Das war früheren Völkern in früheren Zeiten viel bewusster. Das Skandalöse dieser Geschichte steckt darin, dass es Unterdrückte waren, Außenseiter, ungebildete Verlierer und Versager, welche [45] die Hybris 3 hatten, sich als „erwähltes Volk“ zu fühlen. Die Abstammung von einem Sklaven wurde in der Antike als Schande empfunden. Die Juden bekannten sich zu ihrer schändlichen Herkunft, aber weil Gott ausgerechnet sie erwählte, betrachteten sie sich als geadelt, und diese hochmodern anmutende Strategie, die vermeintliche Schwäche zur Stärke zu machen, trieb den vornehmen Völkern und denen, die sich dafür hielten, die Zornesröte ins Gesicht.

[50] Friedrich Nietzsche hatte noch ein Gefühl für diesen Skandal und deshalb gewütet, damit habe der „Sklavenaufstand in der Moral“ begonnen. Das Volk vom Berg Sinai habe eine folgenschwere Umkehrung der Werte vorgenommen, erkannte Nietzsche mit scharfem Blick. Der aristokratischen Wertgleichung gut = vornehm = mächtig = schön = glücklich = gottgeliebt hätten die Steineklopfer aus Ägypten ihre Sklavenmoral entgegengesetzt: gut = elend = arm = [55] ohnmächtig = niedrig = krank und leidend. In der kämpferischen Parole „Black is beautiful“ oder „Ich bin schwul, und das ist gut so“ scheint diese Umwertung bis heute noch durch.

Wir mögen Verlierer sein, sagte dieses Völkchen, wir mögen schwächliche Versager sein, aber Gott hat uns erwählt, wir wissen auch nicht warum, das überrascht uns selbst ja am meisten, aber so ist es nun mal, das haben wir euch anderen voraus, und deshalb sind wir [60] jetzt keine Verlierer mehr – das war nicht die einzige Provokation, mit der das neue Volk die etablierten Völker gegen sich aufbrachte. Noch schlimmer war vielleicht das Salz der aufklärerischen Kritik, mit der die Juden den anderen in die religiöse Suppe spuckten.

Den mächtigen, sie ständig bedrohenden Herrenvölkern ringsherum sagten sie furchtlos: Es stimmt nicht, dass es einen Gott für den Krieg gibt, einen für die Fruchtbarkeit, einen für die [65] Schönheit und für jedes weitere Ressort noch einen. Es gibt nur einen Gott, unseren Gott. Er ist auch der eure, und wenn ihr das nicht begreift, ist das nicht sein Problem, sondern eures. Eure Bilder und Statuen, mit denen ihr eure Götter abbildet, die könnt ihr getrost verheizen oder in den Jordan werfen. Die stimmen alle nicht. Der eine und wahre Gott ist ganz anders, als ihr euch das mit eurer begrenzten Phantasie zurechtschustert. Er sprengt das menschliche [70] Vorstellungsvermögen, darum ist jede Vorstellung falsch, darum ist eure Bildermacherei, euer ganzer multimedialer Zauber, den ihr zu Ehren eurer Götter veranstaltet, hohles Blech. Eure Götter menscheln, unserer allein ist so anders und göttlich, dass wir es uns verbieten, Bilder von ihm zu machen, ja nicht einmal wagen, seinen Namen auszusprechen. Damit war das abstrakte, bildlose Denken eingeführt. [...]

[75] Das freche Volk konnte sich auch den Hinweis nicht verkneifen, dass sein Gott viel moderner sei als die Götter der anderen. Der Gott des neuen Volkes war ein mitziehender, mobiler, ein dynamischer Gott. Wo sein Volk war, da war auch er. Die zahlreichen Götter der anderen hockten wie festgenagelt auf ihren jeweiligen Lokalitäten. Wer etwas von ihnen wollte, musste sich auf den Weg machen, und wer von mehreren etwas wollte, war ständig unterwegs. Un [80] praktisch. Rückständig.

Freundlicher war er auch, der Gott der Juden. Er wollte keine Menschenopfer. Ab und zu ein Hammel, damit gab er sich zufrieden. [...]

Das war nicht eine neue Religion, was mit den Juden in die Welt kam, das war Philosophie, eine erste Aufklärung, eine erste Entmythologisierung, die Entleerung des Götterhimmels und [85] eine für damalige Verhältnisse blasphemisch anmutende Fundamentalkritik der heidnischen Fruchtbarkeitsreligionen. Kritik, Aufklärung, Fortschritt, Aufbruch, Entgötterung des Himmels, Entmythologisierung, Profanisierung, sogar Spott, Sarkasmus und Ironie – in diesem kleinen, jungen, machtlosen Volk ist alles schon da, was später die Welt verändern wird.

Das ist der Grund, warum uns dieser alte Mythos, an dem historisch nichts stimmt, auch heute [90] noch etwas angeht, auch die, die klein von Gott denken oder ihn für eine menschliche Projektion halten. Wäre er das, müssten wir umso größer von denen denken, die dieses weltumstürzende Bild von Gott erstmals in den Himmel projiziert haben. Die Ideen der Gleichheit und der Freiheit wären dann deren Erfindungen, und dass wir Jahrtausende später diese Ideen noch immer nicht verwirklicht haben, wäre ein starker Grund, sich zu schämen.

[95] Die Botschaft des Exodus ist völlig ins Hintertreffen, fast in Vergessenheit geraten durch zwei Jahrtausende Kirchengeschichte, in der es plötzlich um Mirakel, Sünde, Hölle, Tod und Teufel ging. Und seit einigen Jahren scheint es in der katholischen Kirche, besonders in Deutschland und Österreich, nur noch um die Frage zu gehen, ob man zur lateinischen Messe nach dem alten Ritus zurückkehren solle, ob Priester heiraten und Frauen die Pille nehmen und zu Pries [100] tern geweiht werden dürfen. In der evangelischen Kirche Deutschlands geht es seit rund einem Jahrzehnt eigentlich nur noch ums Geld und den Erhalt bestehender Strukturen. Und das in einer Zeit, in der sich die Schere zwischen arm und reich immer schneller und weiter öffnet und der wohlhabende Teil der Menschheit einen Lebensstil pflegt, der drei Planeten erfordern würde, wenn alle Menschen dieser Welt so plündern würden wie die kleine Zahl der Wohl [105] habenden.

Auf ihren Kirchen- und Katholikentagen präsentieren sich Christen als harmlose Wir-sind-alle-lieb-Geschwister, die einer kindischen Eiapopeia 4 -Theologie anhängen, in der alle gut sind und fromme Lieder zur Gitarre singen. Sie sehen ihren Jesus nur noch als jenen Bergprediger, der, wenn er auf die eine Backe geschlagen wird, auch noch die andere hinhält. Aber [110] derselbe Jesus hat auch gesagt: „Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“

Dieser kämpferische Christus, der sich Feinde macht, der die Geldwechsler aus dem Tempel jagt, die Schriftgelehrten und Pharisäer zur Weißglut treibt, die ganze herrschende Schicht gegen sich aufbringt und das Volk so in Aufruhr versetzt, dass seine Feinde ihn ans Kreuz [115] nageln, wird in der heutigen christlichen Verkündigung fast komplett ausgeblendet. Auch Mose, der Totschläger, Abraham, der beinahe seinen Sohn geopfert hätte, der zornige Jahwe, der alle Erstgeborenen Ägyptens umbringt – diese abgründige Radikalität des biblischen Führungspersonals scheint in der heutigen christlichen Verkündigung kaum noch auf.

(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus. Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Vorlage. Offenkundige Druckfehler wurden korrigiert, ohne den Sinn zu verändern.)

Christian Nürnberger ist Journalist.

1 vgl. Gen 22

2 Gralssucher: hier: Menschen, die das Unmögliche suchen

3 Hybris: hier: Vermessenheit

4 Eiapopeia: Redewendung aus der Kindersprache, um jemanden in den Schlaf zu lullen

Quelle: Christian Nürnberger: Weihe eines Zornigen – und die weltgeschichtlichen Folgen. In: Helmut Ortner (Hrsg.): Der Zorn. Eine Hommage. Springe 2012, S. 118 ff.

3. Setzen Sie sich unter Berücksichtigung Ihrer bisherigen Arbeitsergebnisse kritisch mit den Standpunkten auseinander, die Christian Nürnberger in seinem Text vertritt, und erörtern Sie, inwiefern die Botschaft des Exodus Impulse für das Handeln und die Gestaltung der heutigen Gesellschaft gibt. (26 Punkte)

Aufgabe HT 4 - Aufgabe 1 · Texterschließung: Thema, Gedankengang und Position

Wolfgang Huber

„Flugblätter der Freiheit. Verantwortliches Handeln aus christlichen Wurzeln“

Verantwortliches Handeln aus christlichen Wurzeln begegnet uns sowohl bei den jungen Münchener Studierenden der Weißen Rose 1 als auch bei Dietrich Bonhoeffer. […] Was von Bonhoeffer explizit gilt, gilt für die Mitglieder der Weißen Rose zumindest implizit. Denn auch sie versteht man nur dann, wenn man den Geist der Bergpredigt in ihrem Tun und Reden berücksichtigt. Der Geist, aus dem die Weiße Rose hervorging, ist nicht ohne die religiösen Bindungen ihrer Repräsentanten zu verstehen, stellt Harald Steffahn in seiner Monografie über die Weiße Rose fest. Darauf weisen Formulierungen auf den Flugblättern hin, die etwa die Freiheit des Bekenntnisses betonen oder von einem gläubigen Durchbruch von Freiheit und Ehre reden. Konkret auf die Geschwister Scholl bezogen, bilanziert Inge Jens: Die christliche Botschaft wurde zum Kriterium ihres Denkens und Tuns.

Woran zeigt sich das? Es zeigt sich vor allem anderen an der engen Verknüpfung von Freiheit und Verantwortung – daran also, dass im Eintreten für die Freiheit nicht nur die eigene Freiheit, sondern ebenso die Freiheit der anderen im Blick ist. Diese Verknüpfung von Freiheit und Verantwortung liegt für den christlichen Glauben im Begriff der individuellen menschlichen Person begründet. Ein besonders kräftiger Beleg für das biblische Menschenbild, das dem zu Grunde liegt, findet sich in Psalm 8: Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Die erstaunte Frage des alttestamentlichen Psalmisten wird beantwortet mit einer Bestimmung des Verhältnisses zwischen Mensch und Gott, die in der christlichen Theologie als der Gedanke der Gottebenbildlichkeit des Menschen bezeichnet wird: Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott; mit Gnade und Barmherzigkeit hast du ihn gekrönt.

Nirgendwo wird höher vom Menschen geredet als in der jüdischen und christlichen Tradition, die im Menschen ein Ebenbild, ein Entsprechungsbild Gottes sieht. Sie sieht die Würde des Menschen gerade nicht in einer Substanz, die ihm zu eigen ist, sondern in den Beziehungen, in denen sich sein Leben vollzieht. Unter diesen Beziehungen aber steht die Gottesbeziehung des Menschen oben an. Die Beziehung zu den Mitmenschen, mit denen er sein Leben teilt, zu der Lebenswelt, in der er sich bewegt, und zu sich selbst treten dem zur Seite. Der Mensch, der sich in solchen Beziehungen vorfindet und der diese Beziehungen ausdrücklich thematisieren kann, ist Person; das kommt im Begriff der Gottebenbildlichkeit zum Ausdruck. Er ist niemals bloß eine Sache. Er ist ein Jemand, nicht bloß ein Etwas. Niemals darf dieser Mensch zum bloßen Objekt für fremde Zwecke, zum bloßen Gegenstand der Verfügungsansprüche Anderer werden. Der von Kant unter dem Titel der menschlichen Würde formulierte Gedanke, dass der Mensch niemals bloß als Mittel, sondern stets zugleich als Zweck in sich selbst zu betrachten ist, hat hier seine Wurzel. Radikal ist der Begriff der menschlichen Würde dieser Tradition zufolge dort gedacht, wo der Mensch mehr ist, als er selbst aus sich zu machen vermag, und wo diese Würde nicht als Resultat menschlicher Leistung verstanden, sondern menschlichem Leisten wie menschlichem Versagen vorgeordnet ist.

Damit wird einer Denkweise der Weg gebahnt, die mit der Endlichkeit des menschlichen Lebens wie des menschlichen Erkennens zu rechnen vermag. Wenn die Würde des Menschen nicht an dem hängt, was ihm selbst zu eigen ist oder von ihm selbst hervorgebracht wird, kann der Mensch seine Eigenschaften wie seine Leistungen mit der Gelassenheit betrachten, aus der heraus auch der Stolz auf Gelungenes allein menschliches Maß behält. […]

Die Frage, wie die Handlungen, die wir jetzt vollziehen, sich zu der Wirklichkeit verhalten, die wir als die schlechthin gute anerkennen, kann erst vom Ende der Geschichte her in voller Transparenz beantwortet werden. Deshalb bleibt der Gedanke eines Urteils über die Geschichte von ihrem Ende her – das meint die Vorstellung vom Jüngsten Gericht – aus der Sicht des christlichen Glaubens unaufgebbar. Er ist auch deshalb vonnöten, weil er menschliches Handeln – in Politik, Wirtschaft oder Wissenschaft beispielsweise – davor bewahrt, schon jetzt vorwegnehmen zu wollen, was einem letzten Urteil, also dem Gericht Gottes, vorbehalten ist.

Nach christlichem Verständnis ist jeder Mensch zum Bild Gottes geschaffen; jeder ist durch Christus aus der Macht der Sünde und des Todes befreit; jeder ist zum aufrechten Gang berufen. Darin ist der enge Zusammenhang von Freiheit und Verantwortung begründet, der den christlichen Glauben kennzeichnet. Freiheit im christlichen Verständnis trägt also nicht den Charakter der Indifferenz, in welcher alles gleich möglich erscheint. Christliche Freiheit ist nicht eine Freiheit des anything goes. Es geht um eine Freiheit, die sich in der Verantwortung bewährt, um eine Freiheit also, die zu Bindung und Verbindlichkeit im Stande ist.

Die Verantwortung, von der dabei die Rede ist, erschöpft sich nicht in bloßer Eigenverantwortung. So richtig es ist, dass Menschen im Maß des ihnen Möglichen für ihr eigenes Leben verantwortlich sind, so deutlich ist doch auch das Ziel, um das es dabei geht: dass gerade dadurch Spielraum entsteht und Spielraum bleibt, in welchem Menschen füreinander Verantwortung wahrnehmen können. In aktuellen Begriffen ausgedrückt: Eigenverantwortung ist nicht etwa die Alternative zur Solidarität; sondern Eigenverantwortung wird deshalb im Maß des irgend Möglichen wahrgenommen, damit der Spielraum für solidarisches Handeln erhalten bleibt und sich immer wieder neu entwickeln kann. Freiheit wird also unter ihrem wirklichen Wert gehandelt, wenn damit nicht mehr gemeint ist als eine selbstbezügliche, individualistische Freiheit, in welcher der Einzelne nur sich selber kennt. Junge Menschen entwickeln dafür wieder in wachsendem Maß ein Gespür; viele Umfragen belegen das, in denen junge Erwachsene insbesondere die Verantwortung, die man in Partnerschaft und Familie füreinander wahrnimmt, als die wichtigsten Ziele ihres Lebens hervorheben.

Der Begriff der Verantwortung verweist in solchen Zusammenhängen auf die Antwortstruktur menschlichen Lebens. Das biblische und christliche Menschenbild ist ganz und gar von dieser Antwortstruktur geprägt. Der Mensch wird als das Gott entsprechende Wesen geschaffen, als der von Gott angeredete und Gott gegenüber zur Antwort fähige Mensch. Wort und Antwort gehören untrennbar zusammen. Deshalb ist auch Gott selbst die letzte Instanz, vor der wir Rechenschaft abzulegen haben über unser Leben. Christus, in dem Gott den Menschen nahe kommt, wird biblisch deshalb auch als Richter gekennzeichnet; viele mittelalterliche Kirchen bringen diesen richtenden Christus übermächtig ins Bild. Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi. So wird der biblische, endzeitlich getönte Horizont aller Verantwortung beschrieben. […]

Aber diese Pflicht zu einer letzten Rechenschaft vor Gott darf nicht von der Rechenschaftspflicht gegenüber den Mitmenschen getrennt werden. Nicht so sehr die Rechtfertigung unserer einzelnen Taten oder auch das Bekenntnis unseres Ungenügens und Versagens sind dabei im Blick. Vielmehr geht es, um einen neutestamentlichen Ausdruck zu verwenden, um die Rechenschaft … von der Hoffnung, die in euch ist. Anderen mitzuteilen, was dem eigenen Leben Halt verleiht, ja diese Lebenskraft mit anderen zu teilen, ist ein Grundmotiv verantwortlichen Lebens. Dietrich Bonhoeffer und die Mitglieder der Weißen Rose haben das je auf ihre Weise getan. […]

Sophie Scholl und die Mitglieder der Weißen Rose haben mehr als deutlich gezeigt, wie dies aussehen kann: sie fühlten sich verpflichtet und sie verpflichteten sich gegenseitig dazu, gemeinsam gegen den als Unrechtsregime wahrgenommenen NS-Staat vorzugehen. Dadurch stärkten sie sich wechselseitig bei einer Aufgabe, deren Durchführung nicht einfach, sondern gefährlich, ja lebensgefährlich war. Während der Verhöre und der Gerichtsverhandlung zeigte sich dann, dass die wechselseitige Verantwortungsübernahme tragfähig war, dass die Mitglieder dieser Widerstandsgruppe sich auch unter Druck nicht belasteten, dass sie für ihre Ideale und füreinander einstanden.

Vergleichbares gilt für Dietrich Bonhoeffer. Der Gedanke, dass es im menschlichen Leben darauf ankommt, füreinander einzustehen, wird bei ihm im Begriff der Stellvertretung gefasst. Dass Christus Gott bei den Menschen vertritt und für die Menschen vor Gott eintritt, ist die grundlegende Doppelbewegung der Stellvertretung. Ihr entspricht ein Handeln gegenüber dem anderen Menschen, das durch das Dasein für andere geprägt ist. Konsequenzen ergeben sich bis hin zum Bild von der Kirche, die nur dann Kirche ist, wenn sie für andere da ist. […]

1 Weiße Rose: Widerstandsgruppe um die Geschwister Scholl, die sich vor allem mit Flugblättern gegen die Diktatur des Nationalsozialismus wandte

(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus.)

Wolfgang Huber ist evangelischer Theologe.

Quelle: Wolfgang Huber: „Flugblätter der Freiheit. Verantwortliches Handeln aus christlichen Wurzeln“. Weiße Rose-Gedächtnisvorlesung in der Ludwig Maximilians-Universität München (https://www.ekd.de/060123_huber_weisse_rose.htm, 11.12.2020)

1. Stellen Sie das Thema sowie den Gedankengang des Textes von Wolfgang Huber dar und arbeiten Sie heraus, wie er verantwortliches Handeln aus christlicher Motivation versteht.

[24 Punkte]

Aufgabe HT 4 - Aufgabe 2 · Kirche und Politik: Barmer Erklärung und Zwei-Reiche-Lehre

Wolfgang Huber

„Flugblätter der Freiheit. Verantwortliches Handeln aus christlichen Wurzeln“

Verantwortliches Handeln aus christlichen Wurzeln begegnet uns sowohl bei den jungen Münchener Studierenden der Weißen Rose 1 als auch bei Dietrich Bonhoeffer. […] Was von Bonhoeffer explizit gilt, gilt für die Mitglieder der Weißen Rose zumindest implizit. Denn auch sie versteht man nur dann, wenn man den Geist der Bergpredigt in ihrem Tun und Reden berücksichtigt. Der Geist, aus dem die Weiße Rose hervorging, ist nicht ohne die religiösen Bindungen ihrer Repräsentanten zu verstehen, stellt Harald Steffahn in seiner Monografie über die Weiße Rose fest. Darauf weisen Formulierungen auf den Flugblättern hin, die etwa die Freiheit des Bekenntnisses betonen oder von einem gläubigen Durchbruch von Freiheit und Ehre reden. Konkret auf die Geschwister Scholl bezogen, bilanziert Inge Jens: Die christliche Botschaft wurde zum Kriterium ihres Denkens und Tuns.

Woran zeigt sich das? Es zeigt sich vor allem anderen an der engen Verknüpfung von Freiheit und Verantwortung – daran also, dass im Eintreten für die Freiheit nicht nur die eigene Freiheit, sondern ebenso die Freiheit der anderen im Blick ist. Diese Verknüpfung von Freiheit und Verantwortung liegt für den christlichen Glauben im Begriff der individuellen menschlichen Person begründet. Ein besonders kräftiger Beleg für das biblische Menschenbild, das dem zu Grunde liegt, findet sich in Psalm 8: Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Die erstaunte Frage des alttestamentlichen Psalmisten wird beantwortet mit einer Bestimmung des Verhältnisses zwischen Mensch und Gott, die in der christlichen Theologie als der Gedanke der Gottebenbildlichkeit des Menschen bezeichnet wird: Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott; mit Gnade und Barmherzigkeit hast du ihn gekrönt.

Nirgendwo wird höher vom Menschen geredet als in der jüdischen und christlichen Tradition, die im Menschen ein Ebenbild, ein Entsprechungsbild Gottes sieht. Sie sieht die Würde des Menschen gerade nicht in einer Substanz, die ihm zu eigen ist, sondern in den Beziehungen, in denen sich sein Leben vollzieht. Unter diesen Beziehungen aber steht die Gottesbeziehung des Menschen oben an. Die Beziehung zu den Mitmenschen, mit denen er sein Leben teilt, zu der Lebenswelt, in der er sich bewegt, und zu sich selbst treten dem zur Seite. Der Mensch, der sich in solchen Beziehungen vorfindet und der diese Beziehungen ausdrücklich thematisieren kann, ist Person; das kommt im Begriff der Gottebenbildlichkeit zum Ausdruck. Er ist niemals bloß eine Sache. Er ist ein Jemand, nicht bloß ein Etwas. Niemals darf dieser Mensch zum bloßen Objekt für fremde Zwecke, zum bloßen Gegenstand der Verfügungsansprüche Anderer werden. Der von Kant unter dem Titel der menschlichen Würde formulierte Gedanke, dass der Mensch niemals bloß als Mittel, sondern stets zugleich als Zweck in sich selbst zu betrachten ist, hat hier seine Wurzel. Radikal ist der Begriff der menschlichen Würde dieser Tradition zufolge dort gedacht, wo der Mensch mehr ist, als er selbst aus sich zu machen vermag, und wo diese Würde nicht als Resultat menschlicher Leistung verstanden, sondern menschlichem Leisten wie menschlichem Versagen vorgeordnet ist.

Damit wird einer Denkweise der Weg gebahnt, die mit der Endlichkeit des menschlichen Lebens wie des menschlichen Erkennens zu rechnen vermag. Wenn die Würde des Menschen nicht an dem hängt, was ihm selbst zu eigen ist oder von ihm selbst hervorgebracht wird, kann der Mensch seine Eigenschaften wie seine Leistungen mit der Gelassenheit betrachten, aus der heraus auch der Stolz auf Gelungenes allein menschliches Maß behält. […]

Die Frage, wie die Handlungen, die wir jetzt vollziehen, sich zu der Wirklichkeit verhalten, die wir als die schlechthin gute anerkennen, kann erst vom Ende der Geschichte her in voller Transparenz beantwortet werden. Deshalb bleibt der Gedanke eines Urteils über die Geschichte von ihrem Ende her – das meint die Vorstellung vom Jüngsten Gericht – aus der Sicht des christlichen Glaubens unaufgebbar. Er ist auch deshalb vonnöten, weil er menschliches Handeln – in Politik, Wirtschaft oder Wissenschaft beispielsweise – davor bewahrt, schon jetzt vorwegnehmen zu wollen, was einem letzten Urteil, also dem Gericht Gottes, vorbehalten ist.

Nach christlichem Verständnis ist jeder Mensch zum Bild Gottes geschaffen; jeder ist durch Christus aus der Macht der Sünde und des Todes befreit; jeder ist zum aufrechten Gang berufen. Darin ist der enge Zusammenhang von Freiheit und Verantwortung begründet, der den christlichen Glauben kennzeichnet. Freiheit im christlichen Verständnis trägt also nicht den Charakter der Indifferenz, in welcher alles gleich möglich erscheint. Christliche Freiheit ist nicht eine Freiheit des anything goes. Es geht um eine Freiheit, die sich in der Verantwortung bewährt, um eine Freiheit also, die zu Bindung und Verbindlichkeit im Stande ist.

Die Verantwortung, von der dabei die Rede ist, erschöpft sich nicht in bloßer Eigenverantwortung. So richtig es ist, dass Menschen im Maß des ihnen Möglichen für ihr eigenes Leben verantwortlich sind, so deutlich ist doch auch das Ziel, um das es dabei geht: dass gerade dadurch Spielraum entsteht und Spielraum bleibt, in welchem Menschen füreinander Verantwortung wahrnehmen können. In aktuellen Begriffen ausgedrückt: Eigenverantwortung ist nicht etwa die Alternative zur Solidarität; sondern Eigenverantwortung wird deshalb im Maß des irgend Möglichen wahrgenommen, damit der Spielraum für solidarisches Handeln erhalten bleibt und sich immer wieder neu entwickeln kann. Freiheit wird also unter ihrem wirklichen Wert gehandelt, wenn damit nicht mehr gemeint ist als eine selbstbezügliche, individualistische Freiheit, in welcher der Einzelne nur sich selber kennt. Junge Menschen entwickeln dafür wieder in wachsendem Maß ein Gespür; viele Umfragen belegen das, in denen junge Erwachsene insbesondere die Verantwortung, die man in Partnerschaft und Familie füreinander wahrnimmt, als die wichtigsten Ziele ihres Lebens hervorheben.

Der Begriff der Verantwortung verweist in solchen Zusammenhängen auf die Antwortstruktur menschlichen Lebens. Das biblische und christliche Menschenbild ist ganz und gar von dieser Antwortstruktur geprägt. Der Mensch wird als das Gott entsprechende Wesen geschaffen, als der von Gott angeredete und Gott gegenüber zur Antwort fähige Mensch. Wort und Antwort gehören untrennbar zusammen. Deshalb ist auch Gott selbst die letzte Instanz, vor der wir Rechenschaft abzulegen haben über unser Leben. Christus, in dem Gott den Menschen nahe kommt, wird biblisch deshalb auch als Richter gekennzeichnet; viele mittelalterliche Kirchen bringen diesen richtenden Christus übermächtig ins Bild. Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi. So wird der biblische, endzeitlich getönte Horizont aller Verantwortung beschrieben. […]

Aber diese Pflicht zu einer letzten Rechenschaft vor Gott darf nicht von der Rechenschaftspflicht gegenüber den Mitmenschen getrennt werden. Nicht so sehr die Rechtfertigung unserer einzelnen Taten oder auch das Bekenntnis unseres Ungenügens und Versagens sind dabei im Blick. Vielmehr geht es, um einen neutestamentlichen Ausdruck zu verwenden, um die Rechenschaft … von der Hoffnung, die in euch ist. Anderen mitzuteilen, was dem eigenen Leben Halt verleiht, ja diese Lebenskraft mit anderen zu teilen, ist ein Grundmotiv verantwortlichen Lebens. Dietrich Bonhoeffer und die Mitglieder der Weißen Rose haben das je auf ihre Weise getan. […]

Sophie Scholl und die Mitglieder der Weißen Rose haben mehr als deutlich gezeigt, wie dies aussehen kann: sie fühlten sich verpflichtet und sie verpflichteten sich gegenseitig dazu, gemeinsam gegen den als Unrechtsregime wahrgenommenen NS-Staat vorzugehen. Dadurch stärkten sie sich wechselseitig bei einer Aufgabe, deren Durchführung nicht einfach, sondern gefährlich, ja lebensgefährlich war. Während der Verhöre und der Gerichtsverhandlung zeigte sich dann, dass die wechselseitige Verantwortungsübernahme tragfähig war, dass die Mitglieder dieser Widerstandsgruppe sich auch unter Druck nicht belasteten, dass sie für ihre Ideale und füreinander einstanden.

Vergleichbares gilt für Dietrich Bonhoeffer. Der Gedanke, dass es im menschlichen Leben darauf ankommt, füreinander einzustehen, wird bei ihm im Begriff der Stellvertretung gefasst. Dass Christus Gott bei den Menschen vertritt und für die Menschen vor Gott eintritt, ist die grundlegende Doppelbewegung der Stellvertretung. Ihr entspricht ein Handeln gegenüber dem anderen Menschen, das durch das Dasein für andere geprägt ist. Konsequenzen ergeben sich bis hin zum Bild von der Kirche, die nur dann Kirche ist, wenn sie für andere da ist. […]

1 Weiße Rose: Widerstandsgruppe um die Geschwister Scholl, die sich vor allem mit Flugblättern gegen die Diktatur des Nationalsozialismus wandte

(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus.)

Wolfgang Huber ist evangelischer Theologe.

Quelle: Wolfgang Huber: „Flugblätter der Freiheit. Verantwortliches Handeln aus christlichen Wurzeln“. Weiße Rose-Gedächtnisvorlesung in der Ludwig Maximilians-Universität München (https://www.ekd.de/060123_huber_weisse_rose.htm, 11.12.2020)

2. Entfalten Sie die Barmer Theologische Erklärung vor dem Hintergrund ihrer Entstehungszeit und bringen Sie sie mit Wolfgang Hubers Auffassung von verantwortlichem, christlich begründetem Handeln in Verbindung.

[30 Punkte]

Aufgabe HT 4 - Aufgabe 3 · Verantwortliches Handeln: Freiheit, Gerechtigkeit und Schöpfung

Wolfgang Huber

„Flugblätter der Freiheit. Verantwortliches Handeln aus christlichen Wurzeln“

Verantwortliches Handeln aus christlichen Wurzeln begegnet uns sowohl bei den jungen Münchener Studierenden der Weißen Rose 1 als auch bei Dietrich Bonhoeffer. […] Was von Bonhoeffer explizit gilt, gilt für die Mitglieder der Weißen Rose zumindest implizit. Denn auch sie versteht man nur dann, wenn man den Geist der Bergpredigt in ihrem Tun und Reden berücksichtigt. Der Geist, aus dem die Weiße Rose hervorging, ist nicht ohne die religiösen Bindungen ihrer Repräsentanten zu verstehen, stellt Harald Steffahn in seiner Monografie über die Weiße Rose fest. Darauf weisen Formulierungen auf den Flugblättern hin, die etwa die Freiheit des Bekenntnisses betonen oder von einem gläubigen Durchbruch von Freiheit und Ehre reden. Konkret auf die Geschwister Scholl bezogen, bilanziert Inge Jens: Die christliche Botschaft wurde zum Kriterium ihres Denkens und Tuns.

Woran zeigt sich das? Es zeigt sich vor allem anderen an der engen Verknüpfung von Freiheit und Verantwortung – daran also, dass im Eintreten für die Freiheit nicht nur die eigene Freiheit, sondern ebenso die Freiheit der anderen im Blick ist. Diese Verknüpfung von Freiheit und Verantwortung liegt für den christlichen Glauben im Begriff der individuellen menschlichen Person begründet. Ein besonders kräftiger Beleg für das biblische Menschenbild, das dem zu Grunde liegt, findet sich in Psalm 8: Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Die erstaunte Frage des alttestamentlichen Psalmisten wird beantwortet mit einer Bestimmung des Verhältnisses zwischen Mensch und Gott, die in der christlichen Theologie als der Gedanke der Gottebenbildlichkeit des Menschen bezeichnet wird: Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott; mit Gnade und Barmherzigkeit hast du ihn gekrönt.

Nirgendwo wird höher vom Menschen geredet als in der jüdischen und christlichen Tradition, die im Menschen ein Ebenbild, ein Entsprechungsbild Gottes sieht. Sie sieht die Würde des Menschen gerade nicht in einer Substanz, die ihm zu eigen ist, sondern in den Beziehungen, in denen sich sein Leben vollzieht. Unter diesen Beziehungen aber steht die Gottesbeziehung des Menschen oben an. Die Beziehung zu den Mitmenschen, mit denen er sein Leben teilt, zu der Lebenswelt, in der er sich bewegt, und zu sich selbst treten dem zur Seite. Der Mensch, der sich in solchen Beziehungen vorfindet und der diese Beziehungen ausdrücklich thematisieren kann, ist Person; das kommt im Begriff der Gottebenbildlichkeit zum Ausdruck. Er ist niemals bloß eine Sache. Er ist ein Jemand, nicht bloß ein Etwas. Niemals darf dieser Mensch zum bloßen Objekt für fremde Zwecke, zum bloßen Gegenstand der Verfügungsansprüche Anderer werden. Der von Kant unter dem Titel der menschlichen Würde formulierte Gedanke, dass der Mensch niemals bloß als Mittel, sondern stets zugleich als Zweck in sich selbst zu betrachten ist, hat hier seine Wurzel. Radikal ist der Begriff der menschlichen Würde dieser Tradition zufolge dort gedacht, wo der Mensch mehr ist, als er selbst aus sich zu machen vermag, und wo diese Würde nicht als Resultat menschlicher Leistung verstanden, sondern menschlichem Leisten wie menschlichem Versagen vorgeordnet ist.

Damit wird einer Denkweise der Weg gebahnt, die mit der Endlichkeit des menschlichen Lebens wie des menschlichen Erkennens zu rechnen vermag. Wenn die Würde des Menschen nicht an dem hängt, was ihm selbst zu eigen ist oder von ihm selbst hervorgebracht wird, kann der Mensch seine Eigenschaften wie seine Leistungen mit der Gelassenheit betrachten, aus der heraus auch der Stolz auf Gelungenes allein menschliches Maß behält. […]

Die Frage, wie die Handlungen, die wir jetzt vollziehen, sich zu der Wirklichkeit verhalten, die wir als die schlechthin gute anerkennen, kann erst vom Ende der Geschichte her in voller Transparenz beantwortet werden. Deshalb bleibt der Gedanke eines Urteils über die Geschichte von ihrem Ende her – das meint die Vorstellung vom Jüngsten Gericht – aus der Sicht des christlichen Glaubens unaufgebbar. Er ist auch deshalb vonnöten, weil er menschliches Handeln – in Politik, Wirtschaft oder Wissenschaft beispielsweise – davor bewahrt, schon jetzt vorwegnehmen zu wollen, was einem letzten Urteil, also dem Gericht Gottes, vorbehalten ist.

Nach christlichem Verständnis ist jeder Mensch zum Bild Gottes geschaffen; jeder ist durch Christus aus der Macht der Sünde und des Todes befreit; jeder ist zum aufrechten Gang berufen. Darin ist der enge Zusammenhang von Freiheit und Verantwortung begründet, der den christlichen Glauben kennzeichnet. Freiheit im christlichen Verständnis trägt also nicht den Charakter der Indifferenz, in welcher alles gleich möglich erscheint. Christliche Freiheit ist nicht eine Freiheit des anything goes. Es geht um eine Freiheit, die sich in der Verantwortung bewährt, um eine Freiheit also, die zu Bindung und Verbindlichkeit im Stande ist.

Die Verantwortung, von der dabei die Rede ist, erschöpft sich nicht in bloßer Eigenverantwortung. So richtig es ist, dass Menschen im Maß des ihnen Möglichen für ihr eigenes Leben verantwortlich sind, so deutlich ist doch auch das Ziel, um das es dabei geht: dass gerade dadurch Spielraum entsteht und Spielraum bleibt, in welchem Menschen füreinander Verantwortung wahrnehmen können. In aktuellen Begriffen ausgedrückt: Eigenverantwortung ist nicht etwa die Alternative zur Solidarität; sondern Eigenverantwortung wird deshalb im Maß des irgend Möglichen wahrgenommen, damit der Spielraum für solidarisches Handeln erhalten bleibt und sich immer wieder neu entwickeln kann. Freiheit wird also unter ihrem wirklichen Wert gehandelt, wenn damit nicht mehr gemeint ist als eine selbstbezügliche, individualistische Freiheit, in welcher der Einzelne nur sich selber kennt. Junge Menschen entwickeln dafür wieder in wachsendem Maß ein Gespür; viele Umfragen belegen das, in denen junge Erwachsene insbesondere die Verantwortung, die man in Partnerschaft und Familie füreinander wahrnimmt, als die wichtigsten Ziele ihres Lebens hervorheben.

Der Begriff der Verantwortung verweist in solchen Zusammenhängen auf die Antwortstruktur menschlichen Lebens. Das biblische und christliche Menschenbild ist ganz und gar von dieser Antwortstruktur geprägt. Der Mensch wird als das Gott entsprechende Wesen geschaffen, als der von Gott angeredete und Gott gegenüber zur Antwort fähige Mensch. Wort und Antwort gehören untrennbar zusammen. Deshalb ist auch Gott selbst die letzte Instanz, vor der wir Rechenschaft abzulegen haben über unser Leben. Christus, in dem Gott den Menschen nahe kommt, wird biblisch deshalb auch als Richter gekennzeichnet; viele mittelalterliche Kirchen bringen diesen richtenden Christus übermächtig ins Bild. Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi. So wird der biblische, endzeitlich getönte Horizont aller Verantwortung beschrieben. […]

Aber diese Pflicht zu einer letzten Rechenschaft vor Gott darf nicht von der Rechenschaftspflicht gegenüber den Mitmenschen getrennt werden. Nicht so sehr die Rechtfertigung unserer einzelnen Taten oder auch das Bekenntnis unseres Ungenügens und Versagens sind dabei im Blick. Vielmehr geht es, um einen neutestamentlichen Ausdruck zu verwenden, um die Rechenschaft … von der Hoffnung, die in euch ist. Anderen mitzuteilen, was dem eigenen Leben Halt verleiht, ja diese Lebenskraft mit anderen zu teilen, ist ein Grundmotiv verantwortlichen Lebens. Dietrich Bonhoeffer und die Mitglieder der Weißen Rose haben das je auf ihre Weise getan. […]

Sophie Scholl und die Mitglieder der Weißen Rose haben mehr als deutlich gezeigt, wie dies aussehen kann: sie fühlten sich verpflichtet und sie verpflichteten sich gegenseitig dazu, gemeinsam gegen den als Unrechtsregime wahrgenommenen NS-Staat vorzugehen. Dadurch stärkten sie sich wechselseitig bei einer Aufgabe, deren Durchführung nicht einfach, sondern gefährlich, ja lebensgefährlich war. Während der Verhöre und der Gerichtsverhandlung zeigte sich dann, dass die wechselseitige Verantwortungsübernahme tragfähig war, dass die Mitglieder dieser Widerstandsgruppe sich auch unter Druck nicht belasteten, dass sie für ihre Ideale und füreinander einstanden.

Vergleichbares gilt für Dietrich Bonhoeffer. Der Gedanke, dass es im menschlichen Leben darauf ankommt, füreinander einzustehen, wird bei ihm im Begriff der Stellvertretung gefasst. Dass Christus Gott bei den Menschen vertritt und für die Menschen vor Gott eintritt, ist die grundlegende Doppelbewegung der Stellvertretung. Ihr entspricht ein Handeln gegenüber dem anderen Menschen, das durch das Dasein für andere geprägt ist. Konsequenzen ergeben sich bis hin zum Bild von der Kirche, die nur dann Kirche ist, wenn sie für andere da ist. […]

1 Weiße Rose: Widerstandsgruppe um die Geschwister Scholl, die sich vor allem mit Flugblättern gegen die Diktatur des Nationalsozialismus wandte

(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus.)

Wolfgang Huber ist evangelischer Theologe.

Quelle: Wolfgang Huber: „Flugblätter der Freiheit. Verantwortliches Handeln aus christlichen Wurzeln“. Weiße Rose-Gedächtnisvorlesung in der Ludwig Maximilians-Universität München (https://www.ekd.de/060123_huber_weisse_rose.htm, 11.12.2020)

3. Erörtern Sie unter Einbeziehung Ihrer bisherigen Resultate und mithilfe konkreter Beispiele, inwiefern der christliche Glaube Christinnen und Christen dazu antreibt, Verantwortung zu übernehmen, und nehmen Sie dazu begründet Stellung.

[26 Punkte]

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