Aufgabe HT 3 - Aufgabe 3 · Abitur NRW Evangelische Religion LK · Haupttermin 2021

Thema: Biblisches Reden von Gott: Gottesbilder · Aus der Prüfung LK · Haupttermin (2021)

Aufgabenstellung

Christian Nürnberger

Weihe eines Zornigen – und die weltgeschichtlichen Folgen

Das Ziel einer gerechten Sozialordnung wurde nie erreicht. Der es aussprach, war Jesus. Weil er es aussprach, musste er sterben.

Dann ist er angeblich auferstanden, und dann ist angeblich das Reich Gottes angebrochen. Aber was dann wirklich kam, war die Kirche, waren Päpste und Bischöfe und Hierarchien, [5] die sich auf Kosten ihrer Leibeigenen mästeten, öffentlich Wasser predigten und heimlich Wein soffen, Kriege führten, Ketzer und Hexen verbrennen ließen, die Wahrheit unterdrückten, die herrschaftskritische politische Theologie des Alten Testaments entschärften und an die abergläubischen, jenseits- und mirakeltrunkenen Erwartungen der Heidenvölker anpassten.

Später kämpfte das Führungspersonal der Kirchen gegen die Demokratie, es segnete Kano [10] nen, gab antisemitisch-nationalistisch-militaristische Parolen als Wort Gottes aus und brüllte schließlich mit den Nazis „Sieg Heil“ und „Judensau“ oder schwieg feige zu allem, worüber nie hätte geschwiegen werden dürfen. Natürlich gab es die berühmten Ausnahmen. Eben das, dass sie Ausnahmen waren und nicht die Regel, spricht gegen die Kirche.

Für die weiterhin gültige Botschaft vom Sinai aber sprechen die Ausnahmen. Sie, die Bürgen [15] dieser Botschaft, erklären uns Abraham. Menschen wie Dietrich Bonhoeffer, die Geschwister Scholl, Georg Elser, Mahatma Gandhi, Rosa Parks, Martin Luther King, Nelson Mandela, sie alle eint die Überzeugung, dass es etwas gibt, das größer ist als das eigene Leben, dass es bestimmte Regeln gibt, die unbedingt gelten müssen, und koste es das eigene Leben. Der unbedingte Gehorsam gegen diese Regeln, die radikale Bereitschaft, gegen seine eigenen vitalsten [20] Interessen für die Geltung dieser Regeln einzutreten, notfalls mit dem eigenen Leben, die Löschung des in unsere Gene eingravierten Überlebensprogramms – das ist gemeint mit dem abrahamitischen Gehorsam gegen Gott, das haben uns diese Bürgen vorgelebt.

Der Engel, der bei Abraham in letzter Minute das Opfer verhinderte 1, lehrt uns: Zu seiner letzten und bittersten Konsequenz müsste es nie kommen, wenn die Menschen prinzipiell bereit [25] wären, sich wie Abraham dem göttlichen Willen unterzuordnen. [...]

Abraham, Mose, Jesus, die christlichen Märtyrer bis hin zu den Widerstands- und Freiheitskämpfern der Gegenwart, das sind radikale, leidenschaftliche, oft von Zorn getriebene, sensible Existenzen mit hoch entwickeltem politischem Bewusstsein. Es sind keine Schwärmer, keine Gralssucher 2, die aus falschen Gründen in der Kirche sind, die meinen, es ginge beim [30] Glauben und in der Kirche um das Verdienst, Mirakel für wahr zu halten. Es geht diesen Menschen auch nicht primär um die sogenannten letzten Fragen der „Religiösen“, die Fragen nach dem Jenseits, dem Tod, der Auferstehung und dem ewigen Leben, sondern es geht um das Diesseits, um das gute, menschenwürdige Leben in Freiheit hier auf Erden. Nicht ein besseres Leben im Jenseits wurde dem Volk Israel verheißen, sondern ein besseres Leben in der [35] Zukunft, ein Gelobtes Land, in dem Milch und Honig fließen und das genug abwirft für alle. Durch und durch diesseitig, profan, materialistisch, politisch ist die Botschaft vom Sinai, an dessen Anfang die politisch motivierte Wut-Tat des Mose steht.

Seit Abraham und Mose, seit diesem Auszug aus Ägypten sind der Exodus, die Befreiung, die Abschüttelung von Fremdherrschaft und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu einem [40] Archetypus der Weltgeschichte geworden, der in zahlreichen Aufständen und Befreiungsbewegungen seine Sprengkraft bis weit in die säkularen Jahrhunderte bewahrte. [...]

Das Skandalöse dieser Geschichte ist uns Heutigen gar nicht mehr richtig bewusst. Das war früheren Völkern in früheren Zeiten viel bewusster. Das Skandalöse dieser Geschichte steckt darin, dass es Unterdrückte waren, Außenseiter, ungebildete Verlierer und Versager, welche [45] die Hybris 3 hatten, sich als „erwähltes Volk“ zu fühlen. Die Abstammung von einem Sklaven wurde in der Antike als Schande empfunden. Die Juden bekannten sich zu ihrer schändlichen Herkunft, aber weil Gott ausgerechnet sie erwählte, betrachteten sie sich als geadelt, und diese hochmodern anmutende Strategie, die vermeintliche Schwäche zur Stärke zu machen, trieb den vornehmen Völkern und denen, die sich dafür hielten, die Zornesröte ins Gesicht.

[50] Friedrich Nietzsche hatte noch ein Gefühl für diesen Skandal und deshalb gewütet, damit habe der „Sklavenaufstand in der Moral“ begonnen. Das Volk vom Berg Sinai habe eine folgenschwere Umkehrung der Werte vorgenommen, erkannte Nietzsche mit scharfem Blick. Der aristokratischen Wertgleichung gut = vornehm = mächtig = schön = glücklich = gottgeliebt hätten die Steineklopfer aus Ägypten ihre Sklavenmoral entgegengesetzt: gut = elend = arm = [55] ohnmächtig = niedrig = krank und leidend. In der kämpferischen Parole „Black is beautiful“ oder „Ich bin schwul, und das ist gut so“ scheint diese Umwertung bis heute noch durch.

Wir mögen Verlierer sein, sagte dieses Völkchen, wir mögen schwächliche Versager sein, aber Gott hat uns erwählt, wir wissen auch nicht warum, das überrascht uns selbst ja am meisten, aber so ist es nun mal, das haben wir euch anderen voraus, und deshalb sind wir [60] jetzt keine Verlierer mehr – das war nicht die einzige Provokation, mit der das neue Volk die etablierten Völker gegen sich aufbrachte. Noch schlimmer war vielleicht das Salz der aufklärerischen Kritik, mit der die Juden den anderen in die religiöse Suppe spuckten.

Den mächtigen, sie ständig bedrohenden Herrenvölkern ringsherum sagten sie furchtlos: Es stimmt nicht, dass es einen Gott für den Krieg gibt, einen für die Fruchtbarkeit, einen für die [65] Schönheit und für jedes weitere Ressort noch einen. Es gibt nur einen Gott, unseren Gott. Er ist auch der eure, und wenn ihr das nicht begreift, ist das nicht sein Problem, sondern eures. Eure Bilder und Statuen, mit denen ihr eure Götter abbildet, die könnt ihr getrost verheizen oder in den Jordan werfen. Die stimmen alle nicht. Der eine und wahre Gott ist ganz anders, als ihr euch das mit eurer begrenzten Phantasie zurechtschustert. Er sprengt das menschliche [70] Vorstellungsvermögen, darum ist jede Vorstellung falsch, darum ist eure Bildermacherei, euer ganzer multimedialer Zauber, den ihr zu Ehren eurer Götter veranstaltet, hohles Blech. Eure Götter menscheln, unserer allein ist so anders und göttlich, dass wir es uns verbieten, Bilder von ihm zu machen, ja nicht einmal wagen, seinen Namen auszusprechen. Damit war das abstrakte, bildlose Denken eingeführt. [...]

[75] Das freche Volk konnte sich auch den Hinweis nicht verkneifen, dass sein Gott viel moderner sei als die Götter der anderen. Der Gott des neuen Volkes war ein mitziehender, mobiler, ein dynamischer Gott. Wo sein Volk war, da war auch er. Die zahlreichen Götter der anderen hockten wie festgenagelt auf ihren jeweiligen Lokalitäten. Wer etwas von ihnen wollte, musste sich auf den Weg machen, und wer von mehreren etwas wollte, war ständig unterwegs. Un [80] praktisch. Rückständig.

Freundlicher war er auch, der Gott der Juden. Er wollte keine Menschenopfer. Ab und zu ein Hammel, damit gab er sich zufrieden. [...]

Das war nicht eine neue Religion, was mit den Juden in die Welt kam, das war Philosophie, eine erste Aufklärung, eine erste Entmythologisierung, die Entleerung des Götterhimmels und [85] eine für damalige Verhältnisse blasphemisch anmutende Fundamentalkritik der heidnischen Fruchtbarkeitsreligionen. Kritik, Aufklärung, Fortschritt, Aufbruch, Entgötterung des Himmels, Entmythologisierung, Profanisierung, sogar Spott, Sarkasmus und Ironie – in diesem kleinen, jungen, machtlosen Volk ist alles schon da, was später die Welt verändern wird.

Das ist der Grund, warum uns dieser alte Mythos, an dem historisch nichts stimmt, auch heute [90] noch etwas angeht, auch die, die klein von Gott denken oder ihn für eine menschliche Projektion halten. Wäre er das, müssten wir umso größer von denen denken, die dieses weltumstürzende Bild von Gott erstmals in den Himmel projiziert haben. Die Ideen der Gleichheit und der Freiheit wären dann deren Erfindungen, und dass wir Jahrtausende später diese Ideen noch immer nicht verwirklicht haben, wäre ein starker Grund, sich zu schämen.

[95] Die Botschaft des Exodus ist völlig ins Hintertreffen, fast in Vergessenheit geraten durch zwei Jahrtausende Kirchengeschichte, in der es plötzlich um Mirakel, Sünde, Hölle, Tod und Teufel ging. Und seit einigen Jahren scheint es in der katholischen Kirche, besonders in Deutschland und Österreich, nur noch um die Frage zu gehen, ob man zur lateinischen Messe nach dem alten Ritus zurückkehren solle, ob Priester heiraten und Frauen die Pille nehmen und zu Pries [100] tern geweiht werden dürfen. In der evangelischen Kirche Deutschlands geht es seit rund einem Jahrzehnt eigentlich nur noch ums Geld und den Erhalt bestehender Strukturen. Und das in einer Zeit, in der sich die Schere zwischen arm und reich immer schneller und weiter öffnet und der wohlhabende Teil der Menschheit einen Lebensstil pflegt, der drei Planeten erfordern würde, wenn alle Menschen dieser Welt so plündern würden wie die kleine Zahl der Wohl [105] habenden.

Auf ihren Kirchen- und Katholikentagen präsentieren sich Christen als harmlose Wir-sind-alle-lieb-Geschwister, die einer kindischen Eiapopeia 4 -Theologie anhängen, in der alle gut sind und fromme Lieder zur Gitarre singen. Sie sehen ihren Jesus nur noch als jenen Bergprediger, der, wenn er auf die eine Backe geschlagen wird, auch noch die andere hinhält. Aber [110] derselbe Jesus hat auch gesagt: „Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“

Dieser kämpferische Christus, der sich Feinde macht, der die Geldwechsler aus dem Tempel jagt, die Schriftgelehrten und Pharisäer zur Weißglut treibt, die ganze herrschende Schicht gegen sich aufbringt und das Volk so in Aufruhr versetzt, dass seine Feinde ihn ans Kreuz [115] nageln, wird in der heutigen christlichen Verkündigung fast komplett ausgeblendet. Auch Mose, der Totschläger, Abraham, der beinahe seinen Sohn geopfert hätte, der zornige Jahwe, der alle Erstgeborenen Ägyptens umbringt – diese abgründige Radikalität des biblischen Führungspersonals scheint in der heutigen christlichen Verkündigung kaum noch auf.

(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus. Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Vorlage. Offenkundige Druckfehler wurden korrigiert, ohne den Sinn zu verändern.)

Christian Nürnberger ist Journalist.

1 vgl. Gen 22

2 Gralssucher: hier: Menschen, die das Unmögliche suchen

3 Hybris: hier: Vermessenheit

4 Eiapopeia: Redewendung aus der Kindersprache, um jemanden in den Schlaf zu lullen

Quelle: Christian Nürnberger: Weihe eines Zornigen – und die weltgeschichtlichen Folgen. In: Helmut Ortner (Hrsg.): Der Zorn. Eine Hommage. Springe 2012, S. 118 ff.

3. Setzen Sie sich unter Berücksichtigung Ihrer bisherigen Arbeitsergebnisse kritisch mit den Standpunkten auseinander, die Christian Nürnberger in seinem Text vertritt, und erörtern Sie, inwiefern die Botschaft des Exodus Impulse für das Handeln und die Gestaltung der heutigen Gesellschaft gibt. (26 Punkte)

Aufgabenstellung: Aufgabe HT 3 - Aufgabe 3 · Abitur NRW Evangelische Religion LK · Haupttermin 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

3. Setzen Sie sich unter Berücksichtigung Ihrer bisherigen Arbeitsergebnisse kritisch mit den Standpunkten auseinander, die Christian Nürnberger in seinem Text vertritt, und erörtern Sie, inwiefern die Botschaft des Exodus Impulse für das Handeln und die Gestaltung der heutigen Gesellschaft gibt. (26 Punkte)

Lösung: Individuelle Urteilsbildung und theologische Erörterung gemäß den Vorgaben der Lehrkraft.

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