Aufgabe HT 2 - Aufgabe 1 · Abitur NRW Evangelische Religion LK · Haupttermin 2021

Thema: Texterschließung: Thema, Gedankengang und Position · Aus der Prüfung LK · Haupttermin (2021)

Aufgabenstellung

Cornelia Richter

Handeln an Menschen als Handeln an Gott (Mt 25,31–46)

Predigt in der Schlosskirche zu Bonn, 19.11.2018

Liebe Gemeinde,

so richtig erbaulich ist das nicht, was wir bisher gehört und gesungen haben. Der Richterstuhl Christi im Wochenspruch, das Warten auf Weltgericht und Wiederkunft Christi in den beiden Liedern, und in der Lesung aus Jeremia die Klage Jahwes über das selbstherrlich vor sich hin 5 lebende Volk. Das Feuer, mit dem Gott kommen und nicht länger schweigen wird. Sondern uns zur Rede stellen und sein Urteil sprechen wird. Dereinst, am Tag des Herrn. Und ich fürchte, es wird auch mit unserem Predigttext nicht sehr viel erbaulicher. Auch hier geht es um das Gericht in klaren und unmissverständlichen Worten. Trotzdem – oder eher: Gerade deshalb? Trotzdem oder gerade deshalb ist es einer der berühmtesten und beliebtesten Texte 10 des Neuen Testaments. Hören wir Mt 25,31–46:

31 Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er sich setzen auf den Thron seiner Herrlichkeit, 32 und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, 33 und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken. 15 34 Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! 35 Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. 36 Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. 20 Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen.

37 Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben? Oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? 38 Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen? Oder nackt und haben dich gekleidet? 39 Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu 25 dir gekommen? 40 Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.

41 Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln! 42 Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir nicht zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir nicht zu 30 trinken gegeben. 43 Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich nicht aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich bin krank und im Gefängnis gewesen und ihr habt mich nicht besucht. [...]

Ob mit dem Propheten Jeremia oder mit unserem Predigttext: Der Tag des Gerichts, der Tag, an dem der Menschensohn kommt, ist ein Tag, für den uns die biblischen Texte ein zutiefst 35 unattraktives Endspiel menschlichen Lebens vor Augen stellen: Wenn der Menschensohn kommt, dann ist jede menschliche Routine erschüttert, dann stehen wir nackt und ungeschützt vor Gott, dann sind wir mit der Endgültigkeit transzendenten Lebens konfrontiert. Was ist das für eine Vorstellung? Für die einen ist sie ohne Zweifel schaurig, entsetzlich, furchterweckend.

Denn wer wird bestehen können vor dem Richterstuhl Christi? Für manche unter uns mag es 40 gar fraglich sein, weshalb wir heute überhaupt noch über das Gericht predigen. Weshalb wir die Vorstellung des richtenden, machtvoll eingreifenden Gottes nicht endgültig in den Archiven der Kirchen- und Theologiegeschichte versinken lassen. Und wenn wir schon dabei sind, dann sollten wir Allmacht und Sünde auch gleich noch hinterdrein werfen, mitsamt dem gesamten metaphysischen Plunder der alten und mittelalterlichen Kirche. Denn steht im Zentrum 45 unseres Glaubens nicht der liebende und vergebende Gott? Der Gott, der uns anerkennt, so wie wir sind, mit all unseren Fehlern und Irrtümern. Wer den Text so hört, wird sich leichter tun mit den anderen Versen. Mit den Versen, die ganz handfest und konkret schildern, wann wir das christliche Ideal am besten erfüllen: Wenn wir Hungernden zu essen und Durstigen zu trinken geben, wenn wir die Fremden aufnehmen, die Nackten kleiden, Kranke und Straf 50 täter besuchen. Tätiges Christentum, von Jesus vorgelebt, weil das Handeln an Menschen zugleich Handeln an Gott ist. Wer um alles in der Welt sollte die Gerichtsrede noch hören wollen?

Die Antwort ist einfach. Die anderen. Für die anderen ist sie genau richtig – denn in diesen Texten wird endlich einmal abgerechnet. In diesen Texten wird endlich nichts mehr beschö 55 nigt und unter den Teppich gekehrt: Am Tag des Gerichts wird endlich gesagt, was ist. Am Tag des Gerichts wird endlich Recht gesprochen. Dann wird Gewalt endlich gesühnt. Das Unrecht aufgehoben. Was für eine Genugtuung! [...]

Man kann schon verstehen, wenn Menschen in ihrer Wut und in ihrem Schmerz nach Vergeltung rufen und schreiend Rache fordern. Genau deshalb, liebe Gemeinde, brauchen wir 60 unsere Gerichtstexte.

Unsere biblischen Texte nehmen diesen Schrei ernst. Sie nehmen ihn auf. Sie lassen ihn laut werden. Sie fassen ihn in Worte, sie setzen ihn in bildhafte Rede, im Alten ebenso wie im Neuen Testament. Biblische Texte sprechen von Gerechten und Ungerechten, sie sprechen von Schuld und Strafe, sie stellen Bilder von ewiger Strafe und ewigem Leben vor Augen. 65 Nur ein Bild wird uns nicht vor Augen gestellt: Es geht nicht um menschliche Rache. Die biblischen Texte ermächtigen keinen Menschen zur Vergeltung der Schuld. Wer als Mensch die Hand erhebt, wer als Mensch seiner Wut freien Lauf lässt, wer als Mensch meint, das letzte Urteil zu sprechen, der maßt sich im Gegenteil göttliche Macht an. Das letzte Urteil steht uns nicht zu. Das letzte Urteil ist Gottes Wort. Deshalb kommt Gott mit Macht, deshalb 70 wird er die Mächtigen vom Thron stürzen und die Niedrigen erhöhen (vgl. Lk 1,52). Denn mein ist die Rache (vgl. Dtn 5,32.35), spricht der Herr. Genau deshalb brauchen wir unsere Gerichtstexte. Umso mehr, als das Gericht als zukünftiges Gericht vor Augen gestellt wird. Es geht nicht um das Hier und Jetzt. Es geht nicht darum, aktuelle Vergeltungsmaßnahmen zum Gericht Gottes zu erklären. Sondern es geht um eine Vorstellung, die unsere konkrete 75 Vorstellung übersteigt. Es geht um eine Vorstellung, die uns ans Ende der Zeiten führt. Bis dahin müssen wir andere Mittel und Wege finden, um mit dem Unrecht umzugehen. Bis dahin sind wir an unser Handeln gebunden – und es ist gut, wenn wir es uns als ein Handeln an Gott vorstellen. [...]

Keine Rache, keine Vergeltung. Sondern nur dies: Das Aufbegehren gegen die Gleichgültig 80 keit. Das Eintreten für die öffentliche Debatte, die Arbeit gegen das schweigende sich-Einrichten im Alltag. [...] Und in unserem Predigttext bei Matthäus werden die zur Rechten dafür ausgezeichnet, dass sie dem König gedient haben, ohne es selbst zu merken. Indem sie getan haben, was halt nötig war: zu essen und zu trinken geben. Sie werden dafür ausgezeichnet, dass sie in ihrem Alltag aufmerksam waren, dass sie nicht einfach so dahingelebt haben.

85 Noch ein zweiter Punkt ist auffällig: Obwohl es um das letzte Gericht geht, obwohl es um Schuld und das Unterlassen von Hilfe geht, geht es irgendwie nicht direkt um die eine und einzigartige, große moralische Tat, an der wir gemessen werden. [...] Mit unserer moralischen Unzulänglichkeit scheint Gott also zu rechnen. Er scheint uns zu kennen als die Schafe, die wir halt so sind. In diesem Sinne sind wir also sogar in der harten Gerichtspredigt tatsächlich 90 anerkannt als diejenigen, die wir eben sind. Aber in Frage steht, wie wir uns in unserem Alltag einrichten – das gilt für Jeremia wie für Matthäus. Und über sie hinaus ist das der Tenor der Jesus-Überlieferung: Er hat sich den Sündern zugewandt, nicht um sie ein für alle Mal zu verurteilen. Sondern um sie aufmerksam zu machen auf ihr Tun, um Buße und Umkehr zu ermöglichen. In Frage steht, ob wir den Alltag in uns selbst verstrickt durchleben oder ob wir 95 aufmerksam sind für das, was um uns herum geschieht. Und zwar in den elementaren Dimensionen menschlichen Lebens: Körperliche Unversehrtheit, Hunger und Durst. [...]

So wie das Manna das Volk Israel in der Wüste am Leben gehalten hat, so zielt Jesu letzte Unterweisung auf diese Grundbedingungen menschlichen Lebens. Und er spiegelt diese Grundbedingungen in seinem eigenen Gebet, im Vater unser: Unser tägliches Brot gib uns heute. 100 Doch nicht nur dies: Das Vaterunser spiegelt alle Grundbedingungen menschlichen Lebens: In der Bitte um das Reich Gottes, in der Bitte um das tägliche Brot, in der Bitte um Vergebung von Schuld, in der Bitte, nicht in Versuchung geführt zu werden. Und schließlich heißt es auch dort am Ende: „Denn Dein ist das Reich, und die Kraft, und die Herrlichkeit.“ Wieder ist es nicht unsere Vorstellung vom Reich, die wir verwirklichen sollen. Wieder ist es nicht 105 die Durchsetzung unserer eigenen Kraft. Wieder ist es nicht unsere eigene Herrlichkeit, um die es geht. Sondern – wie in der Gerichtsrede – ist es einzig und allein die Herrlichkeit Gottes.

Eine Herrlichkeit freilich, die nicht nur in den Grundbedingungen menschlichen Lebens elementar ist. Sondern eine Herrlichkeit, in der sich Gott selbst in einer ganz elementaren Rolle zeigt: Denn der Weltenrichter ist in unserem Text nicht nur Richter, er ist auch Hirte. Er sorgt 110 für uns wie für die Schafe, die wir im täglichen Leben so oft sind. Wenn wir uns überschätzen. Wenn wir glauben, die Dinge im Griff zu haben. Wenn wir unseren Träumen nachhängen und uns dann auf dem Boden der harten Realität wiederfinden. Wenn wir aufbrechen in die Fremde, wenn wir unseren Hoffnungen folgen, und dabei – wenn es schlecht läuft – an Orten landen, an denen keine Hoffnung zu finden ist. [...]

115 Liebe Gemeinde, so also spielen das Weltgericht und unsere elementaren Handlungsspielräume zusammen, so spannt sich der Bogen von der Schöpfungsmacht des Lebens über das Teilen des Brotes bis zur Gemeinschaft im Geiste. Kein Wunder, dass dieser Predigttext eine so unglaublich starke Wirkungsgeschichte erfahren hat. Zum Beispiel in Tolstojs wunderbarer Erzählung „Wo die Liebe ist, da ist auch Gott“. Oder bei Immanuel Kant, der diese Elementa 120 rität in den Kategorischen Imperativ eingebracht hat. Oder bei Dorothee Sölle: Sie hat mit der Befreiungstheologie gesagt: Gott hat keine anderen Hände als die unsrigen. [...] Deshalb ist es gut, dass der Predigttext die elementaren Handlungen menschlichen Lebens nicht nur einmal darstellt, sondern sie gleich viermal aufzählt: Hunger und Durst stillen, Fremde aufnehmen, Nacktheit bekleiden, Kranke anschauen, verurteilten Gefangenen die Gemeinschaft 125 nicht aufkündigen. Sie werden für die JüngerInnen und uns heute so oft wiederholt, bis auch das letzte Schaf sie kapiert hat. Denn der Friede Gottes ist höher als alle menschliche Vernunft und bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

(Die Auslassungen im Text lassen den Gedankengang unberührt und betreffen lediglich ergänzende Aspekte. Eindeutige Druckfehler wurden berichtigt, ohne den Sinn zu verändern.)

Cornelia Richter ist evangelische Theologin.

1. Stellen Sie die zentralen Gedanken der Predigt von Cornelia Richter dar und arbeiten Sie das Gottesbild heraus, das in ihr zum Ausdruck kommt. [24 Punkte]

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Lösung

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1. Stellen Sie die zentralen Gedanken der Predigt von Cornelia Richter dar und arbeiten Sie das Gottesbild heraus, das in ihr zum Ausdruck kommt.

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