Aufgabe HT 4 - Aufgabe 2 · Abitur NRW Evangelische Religion LK · Haupttermin 2021

Thema: Kirche und Politik: Barmer Erklärung und Zwei-Reiche-Lehre · Aus der Prüfung LK · Haupttermin (2021)

Aufgabenstellung

Wolfgang Huber

„Flugblätter der Freiheit. Verantwortliches Handeln aus christlichen Wurzeln“

Verantwortliches Handeln aus christlichen Wurzeln begegnet uns sowohl bei den jungen Münchener Studierenden der Weißen Rose 1 als auch bei Dietrich Bonhoeffer. […] Was von Bonhoeffer explizit gilt, gilt für die Mitglieder der Weißen Rose zumindest implizit. Denn auch sie versteht man nur dann, wenn man den Geist der Bergpredigt in ihrem Tun und Reden berücksichtigt. Der Geist, aus dem die Weiße Rose hervorging, ist nicht ohne die religiösen Bindungen ihrer Repräsentanten zu verstehen, stellt Harald Steffahn in seiner Monografie über die Weiße Rose fest. Darauf weisen Formulierungen auf den Flugblättern hin, die etwa die Freiheit des Bekenntnisses betonen oder von einem gläubigen Durchbruch von Freiheit und Ehre reden. Konkret auf die Geschwister Scholl bezogen, bilanziert Inge Jens: Die christliche Botschaft wurde zum Kriterium ihres Denkens und Tuns.

Woran zeigt sich das? Es zeigt sich vor allem anderen an der engen Verknüpfung von Freiheit und Verantwortung – daran also, dass im Eintreten für die Freiheit nicht nur die eigene Freiheit, sondern ebenso die Freiheit der anderen im Blick ist. Diese Verknüpfung von Freiheit und Verantwortung liegt für den christlichen Glauben im Begriff der individuellen menschlichen Person begründet. Ein besonders kräftiger Beleg für das biblische Menschenbild, das dem zu Grunde liegt, findet sich in Psalm 8: Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Die erstaunte Frage des alttestamentlichen Psalmisten wird beantwortet mit einer Bestimmung des Verhältnisses zwischen Mensch und Gott, die in der christlichen Theologie als der Gedanke der Gottebenbildlichkeit des Menschen bezeichnet wird: Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott; mit Gnade und Barmherzigkeit hast du ihn gekrönt.

Nirgendwo wird höher vom Menschen geredet als in der jüdischen und christlichen Tradition, die im Menschen ein Ebenbild, ein Entsprechungsbild Gottes sieht. Sie sieht die Würde des Menschen gerade nicht in einer Substanz, die ihm zu eigen ist, sondern in den Beziehungen, in denen sich sein Leben vollzieht. Unter diesen Beziehungen aber steht die Gottesbeziehung des Menschen oben an. Die Beziehung zu den Mitmenschen, mit denen er sein Leben teilt, zu der Lebenswelt, in der er sich bewegt, und zu sich selbst treten dem zur Seite. Der Mensch, der sich in solchen Beziehungen vorfindet und der diese Beziehungen ausdrücklich thematisieren kann, ist Person; das kommt im Begriff der Gottebenbildlichkeit zum Ausdruck. Er ist niemals bloß eine Sache. Er ist ein Jemand, nicht bloß ein Etwas. Niemals darf dieser Mensch zum bloßen Objekt für fremde Zwecke, zum bloßen Gegenstand der Verfügungsansprüche Anderer werden. Der von Kant unter dem Titel der menschlichen Würde formulierte Gedanke, dass der Mensch niemals bloß als Mittel, sondern stets zugleich als Zweck in sich selbst zu betrachten ist, hat hier seine Wurzel. Radikal ist der Begriff der menschlichen Würde dieser Tradition zufolge dort gedacht, wo der Mensch mehr ist, als er selbst aus sich zu machen vermag, und wo diese Würde nicht als Resultat menschlicher Leistung verstanden, sondern menschlichem Leisten wie menschlichem Versagen vorgeordnet ist.

Damit wird einer Denkweise der Weg gebahnt, die mit der Endlichkeit des menschlichen Lebens wie des menschlichen Erkennens zu rechnen vermag. Wenn die Würde des Menschen nicht an dem hängt, was ihm selbst zu eigen ist oder von ihm selbst hervorgebracht wird, kann der Mensch seine Eigenschaften wie seine Leistungen mit der Gelassenheit betrachten, aus der heraus auch der Stolz auf Gelungenes allein menschliches Maß behält. […]

Die Frage, wie die Handlungen, die wir jetzt vollziehen, sich zu der Wirklichkeit verhalten, die wir als die schlechthin gute anerkennen, kann erst vom Ende der Geschichte her in voller Transparenz beantwortet werden. Deshalb bleibt der Gedanke eines Urteils über die Geschichte von ihrem Ende her – das meint die Vorstellung vom Jüngsten Gericht – aus der Sicht des christlichen Glaubens unaufgebbar. Er ist auch deshalb vonnöten, weil er menschliches Handeln – in Politik, Wirtschaft oder Wissenschaft beispielsweise – davor bewahrt, schon jetzt vorwegnehmen zu wollen, was einem letzten Urteil, also dem Gericht Gottes, vorbehalten ist.

Nach christlichem Verständnis ist jeder Mensch zum Bild Gottes geschaffen; jeder ist durch Christus aus der Macht der Sünde und des Todes befreit; jeder ist zum aufrechten Gang berufen. Darin ist der enge Zusammenhang von Freiheit und Verantwortung begründet, der den christlichen Glauben kennzeichnet. Freiheit im christlichen Verständnis trägt also nicht den Charakter der Indifferenz, in welcher alles gleich möglich erscheint. Christliche Freiheit ist nicht eine Freiheit des anything goes. Es geht um eine Freiheit, die sich in der Verantwortung bewährt, um eine Freiheit also, die zu Bindung und Verbindlichkeit im Stande ist.

Die Verantwortung, von der dabei die Rede ist, erschöpft sich nicht in bloßer Eigenverantwortung. So richtig es ist, dass Menschen im Maß des ihnen Möglichen für ihr eigenes Leben verantwortlich sind, so deutlich ist doch auch das Ziel, um das es dabei geht: dass gerade dadurch Spielraum entsteht und Spielraum bleibt, in welchem Menschen füreinander Verantwortung wahrnehmen können. In aktuellen Begriffen ausgedrückt: Eigenverantwortung ist nicht etwa die Alternative zur Solidarität; sondern Eigenverantwortung wird deshalb im Maß des irgend Möglichen wahrgenommen, damit der Spielraum für solidarisches Handeln erhalten bleibt und sich immer wieder neu entwickeln kann. Freiheit wird also unter ihrem wirklichen Wert gehandelt, wenn damit nicht mehr gemeint ist als eine selbstbezügliche, individualistische Freiheit, in welcher der Einzelne nur sich selber kennt. Junge Menschen entwickeln dafür wieder in wachsendem Maß ein Gespür; viele Umfragen belegen das, in denen junge Erwachsene insbesondere die Verantwortung, die man in Partnerschaft und Familie füreinander wahrnimmt, als die wichtigsten Ziele ihres Lebens hervorheben.

Der Begriff der Verantwortung verweist in solchen Zusammenhängen auf die Antwortstruktur menschlichen Lebens. Das biblische und christliche Menschenbild ist ganz und gar von dieser Antwortstruktur geprägt. Der Mensch wird als das Gott entsprechende Wesen geschaffen, als der von Gott angeredete und Gott gegenüber zur Antwort fähige Mensch. Wort und Antwort gehören untrennbar zusammen. Deshalb ist auch Gott selbst die letzte Instanz, vor der wir Rechenschaft abzulegen haben über unser Leben. Christus, in dem Gott den Menschen nahe kommt, wird biblisch deshalb auch als Richter gekennzeichnet; viele mittelalterliche Kirchen bringen diesen richtenden Christus übermächtig ins Bild. Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi. So wird der biblische, endzeitlich getönte Horizont aller Verantwortung beschrieben. […]

Aber diese Pflicht zu einer letzten Rechenschaft vor Gott darf nicht von der Rechenschaftspflicht gegenüber den Mitmenschen getrennt werden. Nicht so sehr die Rechtfertigung unserer einzelnen Taten oder auch das Bekenntnis unseres Ungenügens und Versagens sind dabei im Blick. Vielmehr geht es, um einen neutestamentlichen Ausdruck zu verwenden, um die Rechenschaft … von der Hoffnung, die in euch ist. Anderen mitzuteilen, was dem eigenen Leben Halt verleiht, ja diese Lebenskraft mit anderen zu teilen, ist ein Grundmotiv verantwortlichen Lebens. Dietrich Bonhoeffer und die Mitglieder der Weißen Rose haben das je auf ihre Weise getan. […]

Sophie Scholl und die Mitglieder der Weißen Rose haben mehr als deutlich gezeigt, wie dies aussehen kann: sie fühlten sich verpflichtet und sie verpflichteten sich gegenseitig dazu, gemeinsam gegen den als Unrechtsregime wahrgenommenen NS-Staat vorzugehen. Dadurch stärkten sie sich wechselseitig bei einer Aufgabe, deren Durchführung nicht einfach, sondern gefährlich, ja lebensgefährlich war. Während der Verhöre und der Gerichtsverhandlung zeigte sich dann, dass die wechselseitige Verantwortungsübernahme tragfähig war, dass die Mitglieder dieser Widerstandsgruppe sich auch unter Druck nicht belasteten, dass sie für ihre Ideale und füreinander einstanden.

Vergleichbares gilt für Dietrich Bonhoeffer. Der Gedanke, dass es im menschlichen Leben darauf ankommt, füreinander einzustehen, wird bei ihm im Begriff der Stellvertretung gefasst. Dass Christus Gott bei den Menschen vertritt und für die Menschen vor Gott eintritt, ist die grundlegende Doppelbewegung der Stellvertretung. Ihr entspricht ein Handeln gegenüber dem anderen Menschen, das durch das Dasein für andere geprägt ist. Konsequenzen ergeben sich bis hin zum Bild von der Kirche, die nur dann Kirche ist, wenn sie für andere da ist. […]

1 Weiße Rose: Widerstandsgruppe um die Geschwister Scholl, die sich vor allem mit Flugblättern gegen die Diktatur des Nationalsozialismus wandte

(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus.)

Wolfgang Huber ist evangelischer Theologe.

Quelle: Wolfgang Huber: „Flugblätter der Freiheit. Verantwortliches Handeln aus christlichen Wurzeln“. Weiße Rose-Gedächtnisvorlesung in der Ludwig Maximilians-Universität München (https://www.ekd.de/060123_huber_weisse_rose.htm, 11.12.2020)

2. Entfalten Sie die Barmer Theologische Erklärung vor dem Hintergrund ihrer Entstehungszeit und bringen Sie sie mit Wolfgang Hubers Auffassung von verantwortlichem, christlich begründetem Handeln in Verbindung.

[30 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe HT 4 - Aufgabe 2 · Abitur NRW Evangelische Religion LK · Haupttermin 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

2. Entfalten Sie die Barmer Theologische Erklärung vor dem Hintergrund ihrer Entstehungszeit und bringen Sie sie mit Wolfgang Hubers Auffassung von verantwortlichem, christlich begründetem Handeln in Verbindung.

Lösung: Individuelle Ausarbeitung gemäß den Kriterien der amtlichen Lösungsvorgaben.

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