Abitur NRW Evangelische Religion 2021 · GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg

Abiturprüfung Evangelische Religion in Nordrhein-Westfalen 2021, GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg: 9 Aufgaben mit Lösungen. Kostenlos.

Themen der Prüfung: Texterschließung: Thema, Gedankengang und Position · Leid und Theodizee: angemessen von Gott sprechen · Reich-Gottes-Verkündigung Jesu in Tat und Wort · Jesus Christus: Kreuz und Auferweckung · Kirche und Politik: Barmer Erklärung und Zwei-Reiche-Lehre · Hoffnung auf Vollendung: Apokalyptik und Gericht

Aufgabe 1 - Teilaufgabe 1 (Texterschließung) · Texterschließung: Thema, Gedankengang und Position

Thomas de Maizière

„Beim Asyl machen es sich die Kirchen 1 zu leicht“

Interview von Evelyn Finger

ZEIT: Sie sind bekennender Protestant. Wann haben Sie sich zuletzt über Ihre Kirche geär-

gert?

Thomas de Maizière: (überlegt lange) Ärgern ist das falsche Wort. Mich stört erstens,

dass die Kirchen das Thema Islam zu sehr dem Staat überlassen und selber in der Debatte

5 kaum aktiv sind. Zweitens stört mich der kirchliche Umgang mit der harten Seite des Asyl-

rechts, also mit Rückführung und Abschiebung. Beim Asyl machen es sich die Kirchen zu

leicht. Neuerdings sagen sie zwar: Jaja, das muss auch mal sein. Aber insgesamt würde ich

mir hier eine differenziertere Debatte wünschen.

ZEIT: Sie spielen auf den Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche an, der zwar das Kir-

10 chenasyl verteidigt, aber von Pfarrern und Flüchtlingen auch die Asylgesetze anerkannt wis-

sen will.

de Maizière: Heinrich Bedford-Strohm schlägt tatsächlich einen neuen Ton an, den ich be-

grüße: Es kann nicht nur eine Willkommenskultur geben, sondern in einem Rechtsstaat muss

es auch Akzeptanz für eine Abschiebekultur geben. Ich vermisse bei einigen Kirchenvertretern

15 die volle Akzeptanz des Asylverfahrens. Es hat im Rechtsstaat nur zwei mögliche Ergebnisse:

Schutzbedarf oder kein Schutzbedarf. Wenn selbst die Härtefallkommission eine Abschie-

bung nicht ablehnt, dann ist deren Umsetzung genauso wichtig wie die Integration Schutz-

bedürftiger.

ZEIT: Sie haben das Kirchenasyl mit der Scharia 2 verglichen. Ihre Partei, die CDU, war hell

20 empört. Stehen Sie noch zu dem Vergleich?

de Maizière: Ich stehe vor allem zu unserer Vereinbarung zum Kirchenasyl. Wenn eine Ab-

schiebung erfolgt, dann ist das nichts anderes als der Vollzug geltenden Rechts – und keine

Bosheit des Staates. Wer das behauptet, macht es nicht nur Politikern schwer, nicht nur Rich-

tern und Polizisten, er stellt das ganze System infrage.

25 ZEIT: Deutschlands oberster Katholik, Kardinal Reinhard Marx, hat Ihnen vorgehalten, dass

die meisten Asylbewerber, die nach ihrer gerichtlich beschlossenen Abschiebung ins Kirchen-

asyl flüchten, nachher doch noch anerkannt werden.

de Maizière: Ich vermisse bei vielen Kirchenvertretern die Einsicht, dass beides dazugehört:

Bleibendürfen und Gehenmüssen. Im Kopf ist ihnen klar, dass nicht jeder Flüchtling bleiben

30 kann, aber mit dem Herzen nicht. Und wenn das Bleibendürfen nur dadurch eintritt, dass im

Kirchenasyl europarechtliche Fristen verstreichen und damit Deutschland für ein Verfahren

zuständig wird, hat das mit Gerechtigkeit auch wenig zu tun.

ZEIT: Für Christen gilt das Gebot der Nächstenliebe. Sie selber haben 2015 gesagt, in Sachen

Barmherzigkeit schlügen zwei Herzen in Ihrer Brust. Heißt das, Ihre christlichen Moralvor-

35 stellungen kollidieren manchmal mit Ihrer Politik?

de Maizière: Ja. Ich habe ja durch zahlreiche Besuche bei Flüchtlingsinitiativen, in Integra-

tionskursen und Erstaufnahmeeinrichtungen Kontakt zu einzelnen Flüchtlingen oder Flücht-

lingsfamilien. Da sind oft schwere individuelle Schicksale, die mich als Christ berühren. Aber

als Innenminister kann für mich nur das Gesetz gelten.

(Offenkundige Druckfehler wurden korrigiert, ohne dabei den Sinn zu verändern.)

Thomas de Maizière ist ein deutscher Politiker (CDU). Von Dezember 2013 bis März 2018 war er Bundesminister des Innern.

1 Kirchenasyl: vorübergehende Aufnahme von Geflüchteten in Kirchengemeinden, um eine drohende Abschiebung zu verhindern und eine Wiederaufnahme oder erneute Überprüfung des Asylverfahrens zu bewirken

2 Scharia: religiöses Recht im Islam, das in manchen islamisch geprägten Staaten dem staatlichen Recht übergeordnet ist

„Rechtlich kaum fassbar“

Interview von Wolfgang Thielmann

ZEIT: Herr Rekowski, mit welchem Recht setzen sich Gemeinden beim Kirchenasyl über gel-

tende Abschiebebeschlüsse hinweg?

Manfred Rekowski: Wir setzen uns nicht darüber hinweg. Im Kirchenasyl werden Men-

schen begleitet, denen das geltende Recht nicht gerecht wird. Wir hindern den Staat nicht

5 daran, seine Abschiebeentscheidungen durchzusetzen. Das liegt allein in seiner Verantwor-

tung.

ZEIT: Es heißt, ins Kirchenasyl kämen nur Härtefälle. Wie definiert man einen Härtefall?

Rekowski: Nicht jeder, der in einer Kirchengemeinde um Asyl bittet, bekommt es auch.

In der Regel begleiten wir Menschen in den Gemeinden länger, kennen sie und ihr Schicksal

10 gut. Wenn das Asylverfahren an den Punkt der Rückführung kommt, sagen die Gemeinden:

Unter Würdigung der konkreten Situation wollen wir eine Möglichkeit schaffen, noch einmal

auf den Fall zu schauen.

ZEIT: Aber bei welchen Fällen sagen Gemeinden zu, welche lehnen sie ab?

Rekowski: Es geht etwa um schwer traumatisierte Menschen, die weiteren ungewissen Situa-

15 tionen einfach nicht mehr standhalten können. Gern räume ich ein, dass die Maßstäbe kaum

rechtlich fassbar sind. Ich nehme für uns in Anspruch, dass Kirchengemeinden mit solchen

Einschätzungen verantwortlich umgehen.

ZEIT: Die Zahl der Kirchenasyle ist drastisch gestiegen, von 36 im Jahr 2008 auf über 800

im Jahr 2018, bevor sie wieder sank.

20 Rekowski: Das lässt sich einfach erklären: Das Kirchenasyl ist proportional zu den Flücht-

lingszahlen angewachsen. Ich habe offen gestanden Mühe, den Erregungsgrad der öffent-

lichen Diskussion zu verstehen. Mich befremdet, in welchen Wellen das Thema politisch

dramatisiert wird. Der Prozentsatz der Kirchenasyle entspricht dem der Flüchtlingszahlen.

ZEIT: Offenbar können die Kirchen das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf)

25 immer weniger überzeugen, die Anerkennungsquote geht gegen null.

Rekowski: An Beurteilungen des Bamf nehme ich – vorsichtig ausgedrückt – wahr, dass sie

oft sehr formal gehalten sind. In manchem Fall vermisse ich eine Auseinandersetzung mit

den konkreten Lebensumständen. Wenn Kirchengemeinden das erleben, setzen sie oft das

Kirchenasyl aus humanitären Gründen fort.

30 ZEIT: Aus dem Bamf kommt die Kritik, die Gemeinden hätten das Kirchenasyl überreizt und

eine Vereinbarung zwischen Staat und Kirchen von 2015 kaum umgesetzt. Danach sollten

Kirchengemeinden über alle Fälle Dossiers erstellen.

Rekowski: Diese Vereinbarung galt zwischen der Regierung und den Kirchenleitungen. Das

Kirchenasyl ist aber eine Basisbewegung. Kirchenleitungen müssen ihre Gemeinden gewin-

35 nen, sie können nichts durchstellen 3. Das weiß die Politik. Wir haben wie versprochen ein-

dringlich für die neuen Regeln geworben. Die Umsetzung ist indes nicht so flächendeckend

gelungen, wie wir selbst uns das gewünscht hätten.

ZEIT: Woran lag das?

Rekowski: Kirchengemeinden haben die Regelungen kritisiert: Es sei kaum möglich, inner-

40 halb von Tagen fachärztliche Atteste beizubringen, das dauere oft Monate. Das kann wahr-

scheinlich jeder nicht privat Versicherte nachvollziehen. Wir Kirchen bemühen uns, verlässli-

che Partner zu sein. Doch ich gewinne den Eindruck, dass das Kirchenasyl derzeit für Symbol-

politik herhalten muss.

ZEIT: Befürchten Sie künftig mehr Reibung zwischen Kirchen und Staat?

45 Rekowski: Ich hoffe nicht, wenn im Bewusstsein verankert bleibt: Pfarrerinnen und Pfarrer

engagieren sich für Menschen in Not. Mit dem Kirchenasyl übernehmen sie Verantwortung

für einen rechtlich nicht abgesicherten Schritt und treten ein für Menschen, die Hilfe brauchen.

Wir bitten den Rechtsstaat, seine Entscheidung zu überprüfen. Das Ergebnis dieser Prüfung

haben wir zu respektieren.

Manfred Rekowski ist evangelischer Theologe und war von 2013 bis 2021 Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland.

3 durchstellen: hier: anordnen

Aufgabe 1 – Teilaufgabe 1

Stellen Sie die zentralen Gedanken der Interviews mit Thomas de Maizière und Manfred Rekowski dar und arbeiten Sie im Vergleich heraus, wie in beiden Interviews jeweils die politische Verantwortung der Kirchen verstanden wird. [26 Punkte]

Aufgabe 1 - Teilaufgaben 2 und 3 (Kirche und Poli… · Kirche und Politik: Barmer Erklärung und Zwei-Reiche-Lehre

Thomas de Maizière

„Beim Asyl machen es sich die Kirchen 1 zu leicht“

Interview von Evelyn Finger

ZEIT: Sie sind bekennender Protestant. Wann haben Sie sich zuletzt über Ihre Kirche geär-

gert?

Thomas de Maizière: (überlegt lange) Ärgern ist das falsche Wort. Mich stört erstens,

dass die Kirchen das Thema Islam zu sehr dem Staat überlassen und selber in der Debatte

5 kaum aktiv sind. Zweitens stört mich der kirchliche Umgang mit der harten Seite des Asyl-

rechts, also mit Rückführung und Abschiebung. Beim Asyl machen es sich die Kirchen zu

leicht. Neuerdings sagen sie zwar: Jaja, das muss auch mal sein. Aber insgesamt würde ich

mir hier eine differenziertere Debatte wünschen.

ZEIT: Sie spielen auf den Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche an, der zwar das Kir-

10 chenasyl verteidigt, aber von Pfarrern und Flüchtlingen auch die Asylgesetze anerkannt wis-

sen will.

de Maizière: Heinrich Bedford-Strohm schlägt tatsächlich einen neuen Ton an, den ich be-

grüße: Es kann nicht nur eine Willkommenskultur geben, sondern in einem Rechtsstaat muss

es auch Akzeptanz für eine Abschiebekultur geben. Ich vermisse bei einigen Kirchenvertretern

15 die volle Akzeptanz des Asylverfahrens. Es hat im Rechtsstaat nur zwei mögliche Ergebnisse:

Schutzbedarf oder kein Schutzbedarf. Wenn selbst die Härtefallkommission eine Abschie-

bung nicht ablehnt, dann ist deren Umsetzung genauso wichtig wie die Integration Schutz-

bedürftiger.

ZEIT: Sie haben das Kirchenasyl mit der Scharia 2 verglichen. Ihre Partei, die CDU, war hell

20 empört. Stehen Sie noch zu dem Vergleich?

de Maizière: Ich stehe vor allem zu unserer Vereinbarung zum Kirchenasyl. Wenn eine Ab-

schiebung erfolgt, dann ist das nichts anderes als der Vollzug geltenden Rechts – und keine

Bosheit des Staates. Wer das behauptet, macht es nicht nur Politikern schwer, nicht nur Rich-

tern und Polizisten, er stellt das ganze System infrage.

25 ZEIT: Deutschlands oberster Katholik, Kardinal Reinhard Marx, hat Ihnen vorgehalten, dass

die meisten Asylbewerber, die nach ihrer gerichtlich beschlossenen Abschiebung ins Kirchen-

asyl flüchten, nachher doch noch anerkannt werden.

de Maizière: Ich vermisse bei vielen Kirchenvertretern die Einsicht, dass beides dazugehört:

Bleibendürfen und Gehenmüssen. Im Kopf ist ihnen klar, dass nicht jeder Flüchtling bleiben

30 kann, aber mit dem Herzen nicht. Und wenn das Bleibendürfen nur dadurch eintritt, dass im

Kirchenasyl europarechtliche Fristen verstreichen und damit Deutschland für ein Verfahren

zuständig wird, hat das mit Gerechtigkeit auch wenig zu tun.

ZEIT: Für Christen gilt das Gebot der Nächstenliebe. Sie selber haben 2015 gesagt, in Sachen

Barmherzigkeit schlügen zwei Herzen in Ihrer Brust. Heißt das, Ihre christlichen Moralvor-

35 stellungen kollidieren manchmal mit Ihrer Politik?

de Maizière: Ja. Ich habe ja durch zahlreiche Besuche bei Flüchtlingsinitiativen, in Integra-

tionskursen und Erstaufnahmeeinrichtungen Kontakt zu einzelnen Flüchtlingen oder Flücht-

lingsfamilien. Da sind oft schwere individuelle Schicksale, die mich als Christ berühren. Aber

als Innenminister kann für mich nur das Gesetz gelten.

(Offenkundige Druckfehler wurden korrigiert, ohne dabei den Sinn zu verändern.)

Thomas de Maizière ist ein deutscher Politiker (CDU). Von Dezember 2013 bis März 2018 war er Bundesminister des Innern.

1 Kirchenasyl: vorübergehende Aufnahme von Geflüchteten in Kirchengemeinden, um eine drohende Abschiebung zu verhindern und eine Wiederaufnahme oder erneute Überprüfung des Asylverfahrens zu bewirken

2 Scharia: religiöses Recht im Islam, das in manchen islamisch geprägten Staaten dem staatlichen Recht übergeordnet ist

„Rechtlich kaum fassbar“

Interview von Wolfgang Thielmann

ZEIT: Herr Rekowski, mit welchem Recht setzen sich Gemeinden beim Kirchenasyl über gel-

tende Abschiebebeschlüsse hinweg?

Manfred Rekowski: Wir setzen uns nicht darüber hinweg. Im Kirchenasyl werden Men-

schen begleitet, denen das geltende Recht nicht gerecht wird. Wir hindern den Staat nicht

5 daran, seine Abschiebeentscheidungen durchzusetzen. Das liegt allein in seiner Verantwor-

tung.

ZEIT: Es heißt, ins Kirchenasyl kämen nur Härtefälle. Wie definiert man einen Härtefall?

Rekowski: Nicht jeder, der in einer Kirchengemeinde um Asyl bittet, bekommt es auch.

In der Regel begleiten wir Menschen in den Gemeinden länger, kennen sie und ihr Schicksal

10 gut. Wenn das Asylverfahren an den Punkt der Rückführung kommt, sagen die Gemeinden:

Unter Würdigung der konkreten Situation wollen wir eine Möglichkeit schaffen, noch einmal

auf den Fall zu schauen.

ZEIT: Aber bei welchen Fällen sagen Gemeinden zu, welche lehnen sie ab?

Rekowski: Es geht etwa um schwer traumatisierte Menschen, die weiteren ungewissen Situa-

15 tionen einfach nicht mehr standhalten können. Gern räume ich ein, dass die Maßstäbe kaum

rechtlich fassbar sind. Ich nehme für uns in Anspruch, dass Kirchengemeinden mit solchen

Einschätzungen verantwortlich umgehen.

ZEIT: Die Zahl der Kirchenasyle ist drastisch gestiegen, von 36 im Jahr 2008 auf über 800

im Jahr 2018, bevor sie wieder sank.

20 Rekowski: Das lässt sich einfach erklären: Das Kirchenasyl ist proportional zu den Flücht-

lingszahlen angewachsen. Ich habe offen gestanden Mühe, den Erregungsgrad der öffent-

lichen Diskussion zu verstehen. Mich befremdet, in welchen Wellen das Thema politisch

dramatisiert wird. Der Prozentsatz der Kirchenasyle entspricht dem der Flüchtlingszahlen.

ZEIT: Offenbar können die Kirchen das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf)

25 immer weniger überzeugen, die Anerkennungsquote geht gegen null.

Rekowski: An Beurteilungen des Bamf nehme ich – vorsichtig ausgedrückt – wahr, dass sie

oft sehr formal gehalten sind. In manchem Fall vermisse ich eine Auseinandersetzung mit

den konkreten Lebensumständen. Wenn Kirchengemeinden das erleben, setzen sie oft das

Kirchenasyl aus humanitären Gründen fort.

30 ZEIT: Aus dem Bamf kommt die Kritik, die Gemeinden hätten das Kirchenasyl überreizt und

eine Vereinbarung zwischen Staat und Kirchen von 2015 kaum umgesetzt. Danach sollten

Kirchengemeinden über alle Fälle Dossiers erstellen.

Rekowski: Diese Vereinbarung galt zwischen der Regierung und den Kirchenleitungen. Das

Kirchenasyl ist aber eine Basisbewegung. Kirchenleitungen müssen ihre Gemeinden gewin-

35 nen, sie können nichts durchstellen 3. Das weiß die Politik. Wir haben wie versprochen ein-

dringlich für die neuen Regeln geworben. Die Umsetzung ist indes nicht so flächendeckend

gelungen, wie wir selbst uns das gewünscht hätten.

ZEIT: Woran lag das?

Rekowski: Kirchengemeinden haben die Regelungen kritisiert: Es sei kaum möglich, inner-

40 halb von Tagen fachärztliche Atteste beizubringen, das dauere oft Monate. Das kann wahr-

scheinlich jeder nicht privat Versicherte nachvollziehen. Wir Kirchen bemühen uns, verlässli-

che Partner zu sein. Doch ich gewinne den Eindruck, dass das Kirchenasyl derzeit für Symbol-

politik herhalten muss.

ZEIT: Befürchten Sie künftig mehr Reibung zwischen Kirchen und Staat?

45 Rekowski: Ich hoffe nicht, wenn im Bewusstsein verankert bleibt: Pfarrerinnen und Pfarrer

engagieren sich für Menschen in Not. Mit dem Kirchenasyl übernehmen sie Verantwortung

für einen rechtlich nicht abgesicherten Schritt und treten ein für Menschen, die Hilfe brauchen.

Wir bitten den Rechtsstaat, seine Entscheidung zu überprüfen. Das Ergebnis dieser Prüfung

haben wir zu respektieren.

Manfred Rekowski ist evangelischer Theologe und war von 2013 bis 2021 Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland.

3 durchstellen: hier: anordnen

Aufgabe 1 – Teilaufgaben 2 und 3

2.

Entfalten Sie die Barmer Theologische Erklärung in ihren Grundzügen vor ihrem zeitgeschichtlichen Hintergrund und überprüfen Sie, inwiefern sich die von Thomas de Maizière und Manfred Rekowski jeweils vertretene Auffassung von politischer Verantwortung der Kirchen auch daraus begründen ließe. [30 Punkte]

3.

Erörtern Sie unter Einbeziehung des bisher Erarbeiteten und anhand eines von Ihnen gewählten Beispiels, inwiefern politisches Engagement der Kirchen in der heutigen Gesellschaft notwendig erscheint, und nehmen Sie begründet Stellung. [24 Punkte]

Aufgabe 2 - Teilaufgabe 1 (Texterschließung) · Texterschließung: Thema, Gedankengang und Position

Petra Bahr

Das große Verschwinden

Es gibt Dinge, die verschwinden einfach. Eben waren sie noch überall und prägten den All-

tag. Dann sind sie weg. Niemand hat sie abgeschafft. Sie wurden einfach verdrängt. Wie CD-

Recorder, Disketten, Wählscheibentelefone oder Handkaffeemühlen. Ein paar Liebhaber gibt

es noch, die diese Gegenstände sammeln oder pflegen. Für sie sind es Klassiker oder Erb-

5 stücke, die an die eigene Kindheit erinnern. Für die meisten ist es nur noch Trödel. Kinder

stehen voller Unverständnis vor vergilbten Plastikkisten und drücken ratlos Knöpfe. Manch-

mal reicht eine Generation für das Vergessen. Mit den Letzten Dingen scheint es auch so zu

sein. Ideen, Gedanken und Leitbilder können nämlich ebenfalls verschwinden.

Vor ein paar Generationen waren sie noch überall. Plötzlich sieht man sich um und sie fehlen.

10 Niemand hat ein Moratorium ausgerufen. Sie sind einfach verschwunden aus dem Alltag des

Christentums, in Predigten werden sie gemieden, und auch für die individuelle Deutung des

Glaubens spielen sie nur noch eine Nebenrolle. So geht es auch der Rede vom Jüngsten Ge-

richt. In der Bibel ist das Bild vom Richterstuhl Gottes allgegenwärtig. Das Überlesen dieser

Szenen ist schon eine eigene Kunst. In kaum einem der großen Gotteshäuser, die in den heißen

15 Sommermonaten überall in Europa von Touristen besucht werden, fehlt Christus, der Welten-

richter, als Standkino unter der Kuppel, voller Details, die die religiöse Einbildungskraft der

Künstler und der Gläubigen erahnen lassen. Mit dem Blick nach oben verschob sich der Blick

auf die eigene Wirklichkeit.

„Wer kann bestehen?“, fragt zweifelnd der Solist in einer Bachkantate. Die Frage ist wie ein

20 Echo des vergangenen Christentums. „Gottesvergiftung“, zischt dann und wann noch jemand,

wenn die Rede auf das Gericht Gottes am Ende aller Tage kommt. Das Buch des Psychoana-

lytikers Tilman Moser war eine Art Manual zum Ausstieg aus der falsch verstandenen Gottes-

furcht, einer Furcht, die Albträume bescherte und unter Umständen physische Gewalt, die

von Menschen im Namen des göttlichen „Richters Gnadenlos“ ausgeführt wurde. Bis Gott

25 die endzeitliche Strafe vollzog, übernahmen diese Aufgabe Pastoren und Erzieherinnen. „Pass

auf, kleines Auge, was du siehst, denn der Vater in dem Himmel schaut herab auf dich.“ Im

Kinderlied sollte die stete Überwachung durch den Richtergott für Gehorsam sorgen. Eine

zynische Verwechslung von Gottes Blick und Elternblick, die vielleicht auch dazu beitrug,

dass die Lehre von den Letzten Dingen, die im Gedanken vom Weltgericht Gottes ihr Zentrum

30 hat, so schnell in den Hintergrund treten konnte. Urteile wurden im Namen Gottes vollzogen,

das Gottesgericht in Menschenhand genommen. Dabei ist nicht das Bild selbst diskreditiert.

Die, die es gebraucht haben, haben es missbraucht und abgenutzt. Es ist an der Zeit, die Lehre

von den Letzten Dingen und ihre starken Bilder wieder hervorzuholen als eine heilsame Deu-

tung der Gegenwart.

35 In Zeiten von Autokraten und selbst ernannten Machtmenschen ist allein der Gedanke von

Gott als Richter, der sich an seine eigenen Gesetze hält, ja schon ein kritischer Kommentar

zur Zeit. Das Reich Gottes als Rechtsstaat der Freien und Gleichen, die nicht nach Willkür,

sondern nach der Gerechtigkeit beurteilt werden, diese Einsicht hat nichts Triviales mehr. Oft

hinterlassen verschwundene Dinge keine Lücke. Sie werden ersetzt. Wie der Kassettenrekor-

40 der durch die CD und die Handkaffeemühle durch das elektrische Mahlwerk oder vorgefer-

tigte Kaffeepads. Manche Ersetzung kann als Fortschritt gewertet werden, anderes verschwin-

det um der Bequemlichkeit willen.

So ergeht es auch großen geistigen und geistlichen Ideen. Die biblische Rede vom Urteils-

spruch Gottes am Ende aller Tage verschwand nicht nur, sie wurde unter der Hand einfach

45 säkularisiert. […] Es ist ja nicht so, als müssten Menschen nach der Abschaffung des Gottes-

gerichts nichts mehr fürchten. Die Macht der Urteile, die sich in Windeseile über Menschen

verbreiten, ist ja nicht geringer geworden. „Wer wird bestehen?“, fragen sich nun heimlich

Jugendliche, wenn sie sehen, wie Mitschüler über WhatsApp gemobbt werden. „Wer wird

bestehen?“, fragen sich Vertreter und Vertreterinnen von staatlichen und politischen Institu-

50 tionen. Geltungsansprüche werden mit Macht behauptet, öffentliche Pranger treten an die

Stelle von Gerichten. Die Tribunalisierung 1 der Gesellschaft zeigt, dass Menschen an die

Stelle Gottes getreten sind. Ihr Gerechtigkeitsgefühl ist leitend, ihr Anspruch, Weltgerichts-

verfahren vorzusitzen, fast schon selbstverständlich geworden. Eine Instanz, die von allen

akzeptiert und geachtet wird, gibt es kaum noch. Die Referenz auf das christliche Abendland

55 verfängt wieder, aber die kritischen Deutungspotenziale wendet man nur ungern auf sich sel-

ber an. Die Verfolgungsparanoia und die Selbstgerechtigkeit in der Anmaßung der Urteile

können vielleicht deshalb so rauschhaft erfahren werden, weil die Frage nur noch als Frage

an andere gestellt wird.

„Wer kann bestehen?“, das ist nicht die Anleitung einer kritischen Selbstprüfung, sondern die

60 Lizenz zum Endgerichtsurteil über andere. Gewachsen ist auch das Maß der Selbstgerichts-

barkeit. An die Stelle des zornigen Gottes ist ein trauriges oder wütendes Ich getreten, das um

Aufmerksamkeit buhlt. Gelikt oder nicht? Fünf Sterne oder nur drei? „Sehen Sie, wie andere

Sie beurteilt haben“, verspricht die App auf dem mobilen Handy. So kann man schon mor-

gens um sieben sehen, wie die eigene Anerkennungskurve verläuft. Wer sich der ursprüng-

65 lichen Bedeutung der Rede vom Gottesgericht am Ende aller Tage nähert, stellt fest, dass

dieses Bild ein großer Trost war.

Eine kleine, verfolgte Minderheit, der täglich Ungerechtigkeit widerfährt und die sich um die

Zukunft ihrer Kinder sorgt, tröstet sich mit dem Gedanken, dass Gott ihr Recht widerfahren

lässt, wenn nicht zu Lebzeiten, so doch „dermaleinst“. Das ist eine in die Zukunft verschobene

70 Hoffnungsaussage, die in der Gegenwart einen Unterschied ums Ganze macht. Der göttliche

Richter steht gegen die erfahrene Willkür, gegen gekaufte Justiz und Vorverurteilung, gegen

Verfolgung und innere Verunsicherung. Die „letzte Instanz“ hilft, angesichts der himmel-

schreienden Ungerechtigkeit nicht zu kapitulieren. Das „Buch des Lebens“, in das Gott in den

grell ausgemalten Gerichtsverfahren der Kunstgeschichte alle Namen schreiben lässt, ist das

75 Buch gegen das Vergessen, ein Archiv, das die Namen derer aufbewahrt, die namenlos ge-

blieben sind, vergessen, verschwunden, übersehen. Das Gericht Gottes wird im biblischen

Zusammenhang als die Instanz geglaubt, die die Kriterien für die göttliche Wohlordnung

immer wieder aktualisiert, auch wenn alle Ordnungen aus den Fugen sind.

„Wer wird bestehen?“ Die alte Frage hat Luther zu seiner grundstürzenden Einsicht geführt:

80 Gottes Gerechtigkeit ist keine, die an Zorn, Rache oder Genugtuung orientiert ist. Es ist die

Gerechtigkeit, die ihr Maß an der Liebe nimmt, am Gelingen der Beziehung zwischen Gott

und Mensch und Mensch und Mensch. Dieser Gedanke hat es in sich. Denn damit läge in den

Letzten Dingen eine Kriteriologie, eine Orientierung für das Leben heute, ein Trostbild, aber

auch eine Anleitung und eine Mahnung, sich selbst nicht auf den Richterstuhl Gottes zu set-

85 zen. Über allem Urteilen, allen Geltungsansprüchen, allen Mutmaßungen über andere steht

immer ein Vorbehalt. „Wir sollen Menschen sein und nicht Gott, das ist das ganze Evange-

lium“ (Martin Luther). Diese Orientierung wäre wie ein Horizont, eine feine Linie, die es im

Grunde nicht „gibt“, die man nicht abschreiten oder vermessen kann.

1 Tribunalisierung: von lat. tribunal = Gericht; hier: gesellschaftlicher Trend zur Aburteilung von Menschen

(Die vorgenommenen Kürzungen lassen den Gedankengang des Textes unberührt und betreffen lediglich ergänzende Aspekte.)

Petra Bahr ist evangelische Theologin.

Aufgabenstellung

1.

Stellen Sie das Thema sowie die Gedankenführung des Textes von Petra Bahr dar und arbeiten Sie das Gottesbild heraus, das in ihm zum Ausdruck kommt. (24 Punkte)

Aufgabe 2 - Teilaufgaben 2 und 3 (Hoffnung auf Vo… · Hoffnung auf Vollendung: Apokalyptik und Gericht

Petra Bahr

Das große Verschwinden

Es gibt Dinge, die verschwinden einfach. Eben waren sie noch überall und prägten den All-

tag. Dann sind sie weg. Niemand hat sie abgeschafft. Sie wurden einfach verdrängt. Wie CD-

Recorder, Disketten, Wählscheibentelefone oder Handkaffeemühlen. Ein paar Liebhaber gibt

es noch, die diese Gegenstände sammeln oder pflegen. Für sie sind es Klassiker oder Erb-

5 stücke, die an die eigene Kindheit erinnern. Für die meisten ist es nur noch Trödel. Kinder

stehen voller Unverständnis vor vergilbten Plastikkisten und drücken ratlos Knöpfe. Manch-

mal reicht eine Generation für das Vergessen. Mit den Letzten Dingen scheint es auch so zu

sein. Ideen, Gedanken und Leitbilder können nämlich ebenfalls verschwinden.

Vor ein paar Generationen waren sie noch überall. Plötzlich sieht man sich um und sie fehlen.

10 Niemand hat ein Moratorium ausgerufen. Sie sind einfach verschwunden aus dem Alltag des

Christentums, in Predigten werden sie gemieden, und auch für die individuelle Deutung des

Glaubens spielen sie nur noch eine Nebenrolle. So geht es auch der Rede vom Jüngsten Ge-

richt. In der Bibel ist das Bild vom Richterstuhl Gottes allgegenwärtig. Das Überlesen dieser

Szenen ist schon eine eigene Kunst. In kaum einem der großen Gotteshäuser, die in den heißen

15 Sommermonaten überall in Europa von Touristen besucht werden, fehlt Christus, der Welten-

richter, als Standkino unter der Kuppel, voller Details, die die religiöse Einbildungskraft der

Künstler und der Gläubigen erahnen lassen. Mit dem Blick nach oben verschob sich der Blick

auf die eigene Wirklichkeit.

„Wer kann bestehen?“, fragt zweifelnd der Solist in einer Bachkantate. Die Frage ist wie ein

20 Echo des vergangenen Christentums. „Gottesvergiftung“, zischt dann und wann noch jemand,

wenn die Rede auf das Gericht Gottes am Ende aller Tage kommt. Das Buch des Psychoana-

lytikers Tilman Moser war eine Art Manual zum Ausstieg aus der falsch verstandenen Gottes-

furcht, einer Furcht, die Albträume bescherte und unter Umständen physische Gewalt, die

von Menschen im Namen des göttlichen „Richters Gnadenlos“ ausgeführt wurde. Bis Gott

25 die endzeitliche Strafe vollzog, übernahmen diese Aufgabe Pastoren und Erzieherinnen. „Pass

auf, kleines Auge, was du siehst, denn der Vater in dem Himmel schaut herab auf dich.“ Im

Kinderlied sollte die stete Überwachung durch den Richtergott für Gehorsam sorgen. Eine

zynische Verwechslung von Gottes Blick und Elternblick, die vielleicht auch dazu beitrug,

dass die Lehre von den Letzten Dingen, die im Gedanken vom Weltgericht Gottes ihr Zentrum

30 hat, so schnell in den Hintergrund treten konnte. Urteile wurden im Namen Gottes vollzogen,

das Gottesgericht in Menschenhand genommen. Dabei ist nicht das Bild selbst diskreditiert.

Die, die es gebraucht haben, haben es missbraucht und abgenutzt. Es ist an der Zeit, die Lehre

von den Letzten Dingen und ihre starken Bilder wieder hervorzuholen als eine heilsame Deu-

tung der Gegenwart.

35 In Zeiten von Autokraten und selbst ernannten Machtmenschen ist allein der Gedanke von

Gott als Richter, der sich an seine eigenen Gesetze hält, ja schon ein kritischer Kommentar

zur Zeit. Das Reich Gottes als Rechtsstaat der Freien und Gleichen, die nicht nach Willkür,

sondern nach der Gerechtigkeit beurteilt werden, diese Einsicht hat nichts Triviales mehr. Oft

hinterlassen verschwundene Dinge keine Lücke. Sie werden ersetzt. Wie der Kassettenrekor-

40 der durch die CD und die Handkaffeemühle durch das elektrische Mahlwerk oder vorgefer-

tigte Kaffeepads. Manche Ersetzung kann als Fortschritt gewertet werden, anderes verschwin-

det um der Bequemlichkeit willen.

So ergeht es auch großen geistigen und geistlichen Ideen. Die biblische Rede vom Urteils-

spruch Gottes am Ende aller Tage verschwand nicht nur, sie wurde unter der Hand einfach

45 säkularisiert. […] Es ist ja nicht so, als müssten Menschen nach der Abschaffung des Gottes-

gerichts nichts mehr fürchten. Die Macht der Urteile, die sich in Windeseile über Menschen

verbreiten, ist ja nicht geringer geworden. „Wer wird bestehen?“, fragen sich nun heimlich

Jugendliche, wenn sie sehen, wie Mitschüler über WhatsApp gemobbt werden. „Wer wird

bestehen?“, fragen sich Vertreter und Vertreterinnen von staatlichen und politischen Institu-

50 tionen. Geltungsansprüche werden mit Macht behauptet, öffentliche Pranger treten an die

Stelle von Gerichten. Die Tribunalisierung 1 der Gesellschaft zeigt, dass Menschen an die

Stelle Gottes getreten sind. Ihr Gerechtigkeitsgefühl ist leitend, ihr Anspruch, Weltgerichts-

verfahren vorzusitzen, fast schon selbstverständlich geworden. Eine Instanz, die von allen

akzeptiert und geachtet wird, gibt es kaum noch. Die Referenz auf das christliche Abendland

55 verfängt wieder, aber die kritischen Deutungspotenziale wendet man nur ungern auf sich sel-

ber an. Die Verfolgungsparanoia und die Selbstgerechtigkeit in der Anmaßung der Urteile

können vielleicht deshalb so rauschhaft erfahren werden, weil die Frage nur noch als Frage

an andere gestellt wird.

„Wer kann bestehen?“, das ist nicht die Anleitung einer kritischen Selbstprüfung, sondern die

60 Lizenz zum Endgerichtsurteil über andere. Gewachsen ist auch das Maß der Selbstgerichts-

barkeit. An die Stelle des zornigen Gottes ist ein trauriges oder wütendes Ich getreten, das um

Aufmerksamkeit buhlt. Gelikt oder nicht? Fünf Sterne oder nur drei? „Sehen Sie, wie andere

Sie beurteilt haben“, verspricht die App auf dem mobilen Handy. So kann man schon mor-

gens um sieben sehen, wie die eigene Anerkennungskurve verläuft. Wer sich der ursprüng-

65 lichen Bedeutung der Rede vom Gottesgericht am Ende aller Tage nähert, stellt fest, dass

dieses Bild ein großer Trost war.

Eine kleine, verfolgte Minderheit, der täglich Ungerechtigkeit widerfährt und die sich um die

Zukunft ihrer Kinder sorgt, tröstet sich mit dem Gedanken, dass Gott ihr Recht widerfahren

lässt, wenn nicht zu Lebzeiten, so doch „dermaleinst“. Das ist eine in die Zukunft verschobene

70 Hoffnungsaussage, die in der Gegenwart einen Unterschied ums Ganze macht. Der göttliche

Richter steht gegen die erfahrene Willkür, gegen gekaufte Justiz und Vorverurteilung, gegen

Verfolgung und innere Verunsicherung. Die „letzte Instanz“ hilft, angesichts der himmel-

schreienden Ungerechtigkeit nicht zu kapitulieren. Das „Buch des Lebens“, in das Gott in den

grell ausgemalten Gerichtsverfahren der Kunstgeschichte alle Namen schreiben lässt, ist das

75 Buch gegen das Vergessen, ein Archiv, das die Namen derer aufbewahrt, die namenlos ge-

blieben sind, vergessen, verschwunden, übersehen. Das Gericht Gottes wird im biblischen

Zusammenhang als die Instanz geglaubt, die die Kriterien für die göttliche Wohlordnung

immer wieder aktualisiert, auch wenn alle Ordnungen aus den Fugen sind.

„Wer wird bestehen?“ Die alte Frage hat Luther zu seiner grundstürzenden Einsicht geführt:

80 Gottes Gerechtigkeit ist keine, die an Zorn, Rache oder Genugtuung orientiert ist. Es ist die

Gerechtigkeit, die ihr Maß an der Liebe nimmt, am Gelingen der Beziehung zwischen Gott

und Mensch und Mensch und Mensch. Dieser Gedanke hat es in sich. Denn damit läge in den

Letzten Dingen eine Kriteriologie, eine Orientierung für das Leben heute, ein Trostbild, aber

auch eine Anleitung und eine Mahnung, sich selbst nicht auf den Richterstuhl Gottes zu set-

85 zen. Über allem Urteilen, allen Geltungsansprüchen, allen Mutmaßungen über andere steht

immer ein Vorbehalt. „Wir sollen Menschen sein und nicht Gott, das ist das ganze Evange-

lium“ (Martin Luther). Diese Orientierung wäre wie ein Horizont, eine feine Linie, die es im

Grunde nicht „gibt“, die man nicht abschreiten oder vermessen kann.

1 Tribunalisierung: von lat. tribunal = Gericht; hier: gesellschaftlicher Trend zur Aburteilung von Menschen

(Die vorgenommenen Kürzungen lassen den Gedankengang des Textes unberührt und betreffen lediglich ergänzende Aspekte.)

Petra Bahr ist evangelische Theologin.

Aufgabenstellung

2.

Entfalten Sie, welche christlichen Bilder von Angst und Hoffnung im Rahmen apokalyptischen Denkens vorkommen, und bringen Sie diese mit dem Gottesbild in Verbindung, das Petra Bahr in ihrem Text darlegt. (30 Punkte)

3.

Erörtern Sie anhand konkreter Beispiele und auf der Grundlage Ihrer bisherigen Ergebnisse, inwiefern der Glaube an Gottes Gericht dem gesellschaftlichen Zusammenleben positive Impulse geben kann, und nehmen Sie dazu begründet Stellung. (26 Punkte)

Aufgabe 3 - Teilaufgabe 1 (Texterschließung) · Texterschließung: Thema, Gedankengang und Position

Interview von Reinhard Mawick

Ursula Roth

„Was geht mich das an?“

zeitzeichen: Frau Professorin Roth, welche Rolle spielt „Auferstehung“ in Ihrem persönlichen Glaubensleben?

URSULA ROTH: Großen Eindruck hinterlassen bei mir schon immer Osterlieder. Ich finde es erstaunlich, wie es Osterliedern gelingt, zu einem fröhlichen, hoffnungsvollen Auferstehungsglauben anzustiften. Der Einfluss religiöser Lieder darf hier nicht unterschätzt werden. Osterlieder tragen Auferstehungshoffnung weiter, jenseits des theologischen Arguments und jenseits der intellektuellen Auseinandersetzung, sie können uns gleichsam mit hineinnehmen in eine generationsübergreifende Gewissheit.

Wann werden Sie in Ihrem Alltag in besonderer Weise mit dem Auferstehungsglauben konfrontiert?

URSULA ROTH: Ganz häufig bei Beerdigungen. Leider erlebe ich immer wieder, dass die Auferstehungsbotschaft auf dem Friedhof als reine Behauptung präsentiert und dabei wie ein Faktum vorausgesetzt wird. Der Auferstehungsglaube erscheint dann wie eine Zulassungsvoraussetzung. Dass die Auferstehungsbotschaft eine Verheißung enthält und Hoffnung wecken will, kann dabei zu kurz kommen. Trost stiftet eine derart gesetzliche Rede von der Auferweckung wohl eher nicht. […]

Wie sollen wir die Ostergeschichten verstehen?

URSULA ROTH: …als literarische Texte. Lassen Sie uns die Erzählungen aus dem Neuen Testament als Literatur verstehen, die der Leserin im Vollzug des Lesens eine religiöse Erfahrung öffnen möchte. Um die Frage „Was geschah damals wirklich?“ geht es dabei jedenfalls nicht. […]

Trotzdem hat man den Eindruck, der historische Grund der Auferstehung ist die Frage, die den Menschen am meisten unter den Nägeln brennt …

URSULA ROTH: Das glaube ich nicht. Ich habe den Eindruck, dass religiös interessierten Menschen eine andere Frage nicht minder wichtig ist: „Was geht das mich an? Was hat das mit mir zu tun?“ Zwischen den immer wieder traktierten Fragen „Was war damals mit Jesus?“ und „Was wird einst mit uns nach unserem Tod sein?“ spannt sich doch ein ganz anderes Feld auf: Was hat der Auferstehungsglaube mit uns und unserem Leben zu tun, mit meinem Blick auf die Welt und mit meinem Umgang mit dem Tod? Wir müssen den Auferstehungsglauben auf das Leben hier und jetzt beziehen, im Sinn einer präsentischen Eschatologie nach der Relevanz für unser Selbst- und Weltverständnis fragen. […]

Dann gibt es also auf die Frage nach dem leeren Grab keine sinnvollere Antwort als eben die, dass es die falsche Frage ist?

URSULA ROTH: Zum einen ist die Frage nach dem leeren Grab sinnvoll, denn mit ihr steht in Frage, was für eine Art von Erfahrungswirklichkeit diesen Texten zugrunde liegt. Zum anderen ist sie missverständlich, da die Erzählungen von der Auferweckung Jesu dabei als historische Berichte Verwendung finden. Das sind die Texte aber nicht. Die biblischen Texte setzen den Auferstehungsglauben in Szene und plausibilisieren ihn im Kontext des christlichen Glaubens. Dabei setzen sie auch ganz unterschiedliche Reaktionsweisen in Szene. Es ist aufschlussreich, dass die Jüngerinnen und Jünger angesichts der Erscheinungen des Auferstandenen gerade nicht im Profil der Glaubenshelden gezeichnet werden – ganz im Gegenteil. Die biblischen Texte geben keine eindeutige Antwort auf eine historische Frage. Stattdessen zielen sie auf eine bestimmte Leserfahrung ab. Sie wollen unseren Blick verändern. Jedes der Evangelien, wenn wir sie als Ganzes betrachten, führt die Leserinnen und Leser auf die Auferstehung hin. Der auferstandene Gekreuzigte ist von Anfang an in jedem Evangelium vorausgesetzt.

Was bedeutet diese Einsicht konkret für den Auferstehungsglauben?

URSULA ROTH: Die Herausforderung besteht darin, den Auferstehungsglauben an den christlichen Blick auf Gott und die Welt zurückzubinden und von dorther konkret werden zu lassen. Der Glaube an die Auferstehung lässt sich nicht unabhängig von der Vorstellung von Gott als Schöpfer fassen. Die Auferstehungsbotschaft gewinnt zudem an Plausibilität, wenn sich die Hoffnung darauf, dass die lebensfeindliche Macht des Todes überwunden ist, in das eigene Lebensgefühl einzeichnen lässt. Und letztlich lässt sich auch die Einsicht, dass die Welt – wir und alles in ihr – erlösungsbedürftig ist, weil nichts so ist, wie es sein sollte, die Auferstehungsverheißung in einem ganz anderen Licht erscheinen. […]

Was heißt das konkret?

URSULA ROTH: Diese Verheißung relativiert den Letztgültigkeitsanspruch bestimmter Erfahrungen, etwa die Erfahrung, dass Streit Beziehung unwiderruflich abbricht, oder die Erfahrung, dass der Tod uns endgültig definiert, weil er offensichtlich stärker ist als das Leben. Die Auferstehungsbotschaft zielt darauf ab, Leben als etwas zu verstehen, das vom Tod gerade nicht beschränkt ist, als etwas, über das der Tod keine letztgültige Definitionsmacht hat. So schmerzlich die Erfahrung des Todes, etwa beim Tod eines geliebten Anderen, ist: Es gilt die Verheißung, dass dieser Abbruch, dieser Verlust nicht von letzter Gültigkeit ist und die Bedeutung der abgebrochenen Beziehung in Frage stellt.

Wie geht das in der Praxis?

URSULA ROTH: In der religiösen Praxis – im Gottesdienst oder im Seelsorgegespräch – sind es religiöse Sprachformen, nicht so sehr theologische Texte, die zum Auferstehungsglauben anstiften. Ich denke dabei nicht nur an biblische Texte, sondern auch an religiöse Gedichte. Zum Beispiel […] „Entwurf für ein Osterlied“ von Rudolf Otto Wiemer, der in starken Bildern das Bild des himmlischen Friedens in die Gegenwart einzeichnet. […] Ganz generell scheint mir, dass wir beim Nachdenken über den Auferstehungsglauben gerade die emotionale Wirkung von Ostergeschichten, Osterliedern und Ostergedichten nicht vernachlässigen dürfen.

Rudolf Otto Wiemer 1

Entwurf für ein Osterlied

Die Erde ist schön, und es lebt sich leicht

75 im Tal der Hoffnung.

Gebete werden erhört.

Gott wohnt nah hinterm Zaun.

Die Zeitung weiß keine Zeile vom Turmbau 2.

Das Messer findet den Mörder nicht.

80 Er lacht mit Abel 3.

Das Gras ist unverwelklicher grün als der Lorbeer.

Im Rohr der Rakete nisten die Tauben.

Nicht irr surrt die Fliege an tödlicher Scheibe.

Alle Wege sind offen.

85 Im Atlas fehlen die Grenzen.

Das Wort ist verstehbar.

Wer Ja sagt, meint Ja, und „Ich liebe“ bedeutet:

jetzt und für ewig.

Der Zorn brennt langsam.

90 Die Hand des Armen ist nie ohne Brot.

Geschosse werden im Flug gestoppt.

Der Engel steht abends am Tor.

Er hat gebräuchliche Namen

und sagt, wenn ich sterbe: Steh auf.

(Rudolf Otto Wiemer: Ernstfall. Gedichte. Kiel 1963)

(Die vorgenommenen Kürzungen lassen den Gedankengang des Textes unberührt und betreffen lediglich ergänzende Aspekte.)

Ursula Roth ist evangelische Theologin.

1 Rudolf Otto Wiemer (1905 – 1998) war ein deutschsprachiger Lyriker und Autor christlich orientierter Literatur.

2 Turmbau: Anspielung auf den Turmbau zu Babel, Gen 11,1–9

3 Abel: Anspielung auf die Erzählung von Kain und Abel, Gen 4,1–16

1. Stellen Sie die zentralen Aussagen des Interviews mit Ursula Roth dar und arbeiten Sie heraus, wie sie den christlichen Auferstehungsglauben versteht. Beziehen Sie hierbei auch das Gedicht von Rudolf Otto Wiemer ein, das im Original zusammen mit dem Interview abgedruckt ist. (26 Punkte)

Aufgabe 3 - Teilaufgabe 2 (Reich-Gottes-Verkündig… · Reich-Gottes-Verkündigung Jesu in Tat und Wort

Interview von Reinhard Mawick

Ursula Roth

„Was geht mich das an?“

zeitzeichen: Frau Professorin Roth, welche Rolle spielt „Auferstehung“ in Ihrem persönlichen Glaubensleben?

URSULA ROTH: Großen Eindruck hinterlassen bei mir schon immer Osterlieder. Ich finde es erstaunlich, wie es Osterliedern gelingt, zu einem fröhlichen, hoffnungsvollen Auferstehungsglauben anzustiften. Der Einfluss religiöser Lieder darf hier nicht unterschätzt werden. Osterlieder tragen Auferstehungshoffnung weiter, jenseits des theologischen Arguments und jenseits der intellektuellen Auseinandersetzung, sie können uns gleichsam mit hineinnehmen in eine generationsübergreifende Gewissheit.

Wann werden Sie in Ihrem Alltag in besonderer Weise mit dem Auferstehungsglauben konfrontiert?

URSULA ROTH: Ganz häufig bei Beerdigungen. Leider erlebe ich immer wieder, dass die Auferstehungsbotschaft auf dem Friedhof als reine Behauptung präsentiert und dabei wie ein Faktum vorausgesetzt wird. Der Auferstehungsglaube erscheint dann wie eine Zulassungsvoraussetzung. Dass die Auferstehungsbotschaft eine Verheißung enthält und Hoffnung wecken will, kann dabei zu kurz kommen. Trost stiftet eine derart gesetzliche Rede von der Auferweckung wohl eher nicht. […]

Wie sollen wir die Ostergeschichten verstehen?

URSULA ROTH: …als literarische Texte. Lassen Sie uns die Erzählungen aus dem Neuen Testament als Literatur verstehen, die der Leserin im Vollzug des Lesens eine religiöse Erfahrung öffnen möchte. Um die Frage „Was geschah damals wirklich?“ geht es dabei jedenfalls nicht. […]

Trotzdem hat man den Eindruck, der historische Grund der Auferstehung ist die Frage, die den Menschen am meisten unter den Nägeln brennt …

URSULA ROTH: Das glaube ich nicht. Ich habe den Eindruck, dass religiös interessierten Menschen eine andere Frage nicht minder wichtig ist: „Was geht das mich an? Was hat das mit mir zu tun?“ Zwischen den immer wieder traktierten Fragen „Was war damals mit Jesus?“ und „Was wird einst mit uns nach unserem Tod sein?“ spannt sich doch ein ganz anderes Feld auf: Was hat der Auferstehungsglaube mit uns und unserem Leben zu tun, mit meinem Blick auf die Welt und mit meinem Umgang mit dem Tod? Wir müssen den Auferstehungsglauben auf das Leben hier und jetzt beziehen, im Sinn einer präsentischen Eschatologie nach der Relevanz für unser Selbst- und Weltverständnis fragen. […]

Dann gibt es also auf die Frage nach dem leeren Grab keine sinnvollere Antwort als eben die, dass es die falsche Frage ist?

URSULA ROTH: Zum einen ist die Frage nach dem leeren Grab sinnvoll, denn mit ihr steht in Frage, was für eine Art von Erfahrungswirklichkeit diesen Texten zugrunde liegt. Zum anderen ist sie missverständlich, da die Erzählungen von der Auferweckung Jesu dabei als historische Berichte Verwendung finden. Das sind die Texte aber nicht. Die biblischen Texte setzen den Auferstehungsglauben in Szene und plausibilisieren ihn im Kontext des christlichen Glaubens. Dabei setzen sie auch ganz unterschiedliche Reaktionsweisen in Szene. Es ist aufschlussreich, dass die Jüngerinnen und Jünger angesichts der Erscheinungen des Auferstandenen gerade nicht im Profil der Glaubenshelden gezeichnet werden – ganz im Gegenteil. Die biblischen Texte geben keine eindeutige Antwort auf eine historische Frage. Stattdessen zielen sie auf eine bestimmte Leserfahrung ab. Sie wollen unseren Blick verändern. Jedes der Evangelien, wenn wir sie als Ganzes betrachten, führt die Leserinnen und Leser auf die Auferstehung hin. Der auferstandene Gekreuzigte ist von Anfang an in jedem Evangelium vorausgesetzt.

Was bedeutet diese Einsicht konkret für den Auferstehungsglauben?

URSULA ROTH: Die Herausforderung besteht darin, den Auferstehungsglauben an den christlichen Blick auf Gott und die Welt zurückzubinden und von dorther konkret werden zu lassen. Der Glaube an die Auferstehung lässt sich nicht unabhängig von der Vorstellung von Gott als Schöpfer fassen. Die Auferstehungsbotschaft gewinnt zudem an Plausibilität, wenn sich die Hoffnung darauf, dass die lebensfeindliche Macht des Todes überwunden ist, in das eigene Lebensgefühl einzeichnen lässt. Und letztlich lässt sich auch die Einsicht, dass die Welt – wir und alles in ihr – erlösungsbedürftig ist, weil nichts so ist, wie es sein sollte, die Auferstehungsverheißung in einem ganz anderen Licht erscheinen. […]

Was heißt das konkret?

URSULA ROTH: Diese Verheißung relativiert den Letztgültigkeitsanspruch bestimmter Erfahrungen, etwa die Erfahrung, dass Streit Beziehung unwiderruflich abbricht, oder die Erfahrung, dass der Tod uns endgültig definiert, weil er offensichtlich stärker ist als das Leben. Die Auferstehungsbotschaft zielt darauf ab, Leben als etwas zu verstehen, das vom Tod gerade nicht beschränkt ist, als etwas, über das der Tod keine letztgültige Definitionsmacht hat. So schmerzlich die Erfahrung des Todes, etwa beim Tod eines geliebten Anderen, ist: Es gilt die Verheißung, dass dieser Abbruch, dieser Verlust nicht von letzter Gültigkeit ist und die Bedeutung der abgebrochenen Beziehung in Frage stellt.

Wie geht das in der Praxis?

URSULA ROTH: In der religiösen Praxis – im Gottesdienst oder im Seelsorgegespräch – sind es religiöse Sprachformen, nicht so sehr theologische Texte, die zum Auferstehungsglauben anstiften. Ich denke dabei nicht nur an biblische Texte, sondern auch an religiöse Gedichte. Zum Beispiel […] „Entwurf für ein Osterlied“ von Rudolf Otto Wiemer, der in starken Bildern das Bild des himmlischen Friedens in die Gegenwart einzeichnet. […] Ganz generell scheint mir, dass wir beim Nachdenken über den Auferstehungsglauben gerade die emotionale Wirkung von Ostergeschichten, Osterliedern und Ostergedichten nicht vernachlässigen dürfen.

Rudolf Otto Wiemer 1

Entwurf für ein Osterlied

Die Erde ist schön, und es lebt sich leicht

75 im Tal der Hoffnung.

Gebete werden erhört.

Gott wohnt nah hinterm Zaun.

Die Zeitung weiß keine Zeile vom Turmbau 2.

Das Messer findet den Mörder nicht.

80 Er lacht mit Abel 3.

Das Gras ist unverwelklicher grün als der Lorbeer.

Im Rohr der Rakete nisten die Tauben.

Nicht irr surrt die Fliege an tödlicher Scheibe.

Alle Wege sind offen.

85 Im Atlas fehlen die Grenzen.

Das Wort ist verstehbar.

Wer Ja sagt, meint Ja, und „Ich liebe“ bedeutet:

jetzt und für ewig.

Der Zorn brennt langsam.

90 Die Hand des Armen ist nie ohne Brot.

Geschosse werden im Flug gestoppt.

Der Engel steht abends am Tor.

Er hat gebräuchliche Namen

und sagt, wenn ich sterbe: Steh auf.

(Rudolf Otto Wiemer: Ernstfall. Gedichte. Kiel 1963)

(Die vorgenommenen Kürzungen lassen den Gedankengang des Textes unberührt und betreffen lediglich ergänzende Aspekte.)

Ursula Roth ist evangelische Theologin.

1 Rudolf Otto Wiemer (1905 – 1998) war ein deutschsprachiger Lyriker und Autor christlich orientierter Literatur.

2 Turmbau: Anspielung auf den Turmbau zu Babel, Gen 11,1–9

3 Abel: Anspielung auf die Erzählung von Kain und Abel, Gen 4,1–16

2. Entfalten Sie zentrale Aspekte sowie die Bedeutung der Verkündigung Jesu vom Reich Gottes und setzen Sie diese zu dem Verständnis des christlichen Auferstehungsglaubens in Beziehung, das Ursula Roth vertritt. (30 Punkte)

Aufgabe 3 - Teilaufgabe 3 (Jesus Christus: Kreuz… · Jesus Christus: Kreuz und Auferweckung

Interview von Reinhard Mawick

Ursula Roth

„Was geht mich das an?“

zeitzeichen: Frau Professorin Roth, welche Rolle spielt „Auferstehung“ in Ihrem persönlichen Glaubensleben?

URSULA ROTH: Großen Eindruck hinterlassen bei mir schon immer Osterlieder. Ich finde es erstaunlich, wie es Osterliedern gelingt, zu einem fröhlichen, hoffnungsvollen Auferstehungsglauben anzustiften. Der Einfluss religiöser Lieder darf hier nicht unterschätzt werden. Osterlieder tragen Auferstehungshoffnung weiter, jenseits des theologischen Arguments und jenseits der intellektuellen Auseinandersetzung, sie können uns gleichsam mit hineinnehmen in eine generationsübergreifende Gewissheit.

Wann werden Sie in Ihrem Alltag in besonderer Weise mit dem Auferstehungsglauben konfrontiert?

URSULA ROTH: Ganz häufig bei Beerdigungen. Leider erlebe ich immer wieder, dass die Auferstehungsbotschaft auf dem Friedhof als reine Behauptung präsentiert und dabei wie ein Faktum vorausgesetzt wird. Der Auferstehungsglaube erscheint dann wie eine Zulassungsvoraussetzung. Dass die Auferstehungsbotschaft eine Verheißung enthält und Hoffnung wecken will, kann dabei zu kurz kommen. Trost stiftet eine derart gesetzliche Rede von der Auferweckung wohl eher nicht. […]

Wie sollen wir die Ostergeschichten verstehen?

URSULA ROTH: …als literarische Texte. Lassen Sie uns die Erzählungen aus dem Neuen Testament als Literatur verstehen, die der Leserin im Vollzug des Lesens eine religiöse Erfahrung öffnen möchte. Um die Frage „Was geschah damals wirklich?“ geht es dabei jedenfalls nicht. […]

Trotzdem hat man den Eindruck, der historische Grund der Auferstehung ist die Frage, die den Menschen am meisten unter den Nägeln brennt …

URSULA ROTH: Das glaube ich nicht. Ich habe den Eindruck, dass religiös interessierten Menschen eine andere Frage nicht minder wichtig ist: „Was geht das mich an? Was hat das mit mir zu tun?“ Zwischen den immer wieder traktierten Fragen „Was war damals mit Jesus?“ und „Was wird einst mit uns nach unserem Tod sein?“ spannt sich doch ein ganz anderes Feld auf: Was hat der Auferstehungsglaube mit uns und unserem Leben zu tun, mit meinem Blick auf die Welt und mit meinem Umgang mit dem Tod? Wir müssen den Auferstehungsglauben auf das Leben hier und jetzt beziehen, im Sinn einer präsentischen Eschatologie nach der Relevanz für unser Selbst- und Weltverständnis fragen. […]

Dann gibt es also auf die Frage nach dem leeren Grab keine sinnvollere Antwort als eben die, dass es die falsche Frage ist?

URSULA ROTH: Zum einen ist die Frage nach dem leeren Grab sinnvoll, denn mit ihr steht in Frage, was für eine Art von Erfahrungswirklichkeit diesen Texten zugrunde liegt. Zum anderen ist sie missverständlich, da die Erzählungen von der Auferweckung Jesu dabei als historische Berichte Verwendung finden. Das sind die Texte aber nicht. Die biblischen Texte setzen den Auferstehungsglauben in Szene und plausibilisieren ihn im Kontext des christlichen Glaubens. Dabei setzen sie auch ganz unterschiedliche Reaktionsweisen in Szene. Es ist aufschlussreich, dass die Jüngerinnen und Jünger angesichts der Erscheinungen des Auferstandenen gerade nicht im Profil der Glaubenshelden gezeichnet werden – ganz im Gegenteil. Die biblischen Texte geben keine eindeutige Antwort auf eine historische Frage. Stattdessen zielen sie auf eine bestimmte Leserfahrung ab. Sie wollen unseren Blick verändern. Jedes der Evangelien, wenn wir sie als Ganzes betrachten, führt die Leserinnen und Leser auf die Auferstehung hin. Der auferstandene Gekreuzigte ist von Anfang an in jedem Evangelium vorausgesetzt.

Was bedeutet diese Einsicht konkret für den Auferstehungsglauben?

URSULA ROTH: Die Herausforderung besteht darin, den Auferstehungsglauben an den christlichen Blick auf Gott und die Welt zurückzubinden und von dorther konkret werden zu lassen. Der Glaube an die Auferstehung lässt sich nicht unabhängig von der Vorstellung von Gott als Schöpfer fassen. Die Auferstehungsbotschaft gewinnt zudem an Plausibilität, wenn sich die Hoffnung darauf, dass die lebensfeindliche Macht des Todes überwunden ist, in das eigene Lebensgefühl einzeichnen lässt. Und letztlich lässt sich auch die Einsicht, dass die Welt – wir und alles in ihr – erlösungsbedürftig ist, weil nichts so ist, wie es sein sollte, die Auferstehungsverheißung in einem ganz anderen Licht erscheinen. […]

Was heißt das konkret?

URSULA ROTH: Diese Verheißung relativiert den Letztgültigkeitsanspruch bestimmter Erfahrungen, etwa die Erfahrung, dass Streit Beziehung unwiderruflich abbricht, oder die Erfahrung, dass der Tod uns endgültig definiert, weil er offensichtlich stärker ist als das Leben. Die Auferstehungsbotschaft zielt darauf ab, Leben als etwas zu verstehen, das vom Tod gerade nicht beschränkt ist, als etwas, über das der Tod keine letztgültige Definitionsmacht hat. So schmerzlich die Erfahrung des Todes, etwa beim Tod eines geliebten Anderen, ist: Es gilt die Verheißung, dass dieser Abbruch, dieser Verlust nicht von letzter Gültigkeit ist und die Bedeutung der abgebrochenen Beziehung in Frage stellt.

Wie geht das in der Praxis?

URSULA ROTH: In der religiösen Praxis – im Gottesdienst oder im Seelsorgegespräch – sind es religiöse Sprachformen, nicht so sehr theologische Texte, die zum Auferstehungsglauben anstiften. Ich denke dabei nicht nur an biblische Texte, sondern auch an religiöse Gedichte. Zum Beispiel […] „Entwurf für ein Osterlied“ von Rudolf Otto Wiemer, der in starken Bildern das Bild des himmlischen Friedens in die Gegenwart einzeichnet. […] Ganz generell scheint mir, dass wir beim Nachdenken über den Auferstehungsglauben gerade die emotionale Wirkung von Ostergeschichten, Osterliedern und Ostergedichten nicht vernachlässigen dürfen.

Rudolf Otto Wiemer 1

Entwurf für ein Osterlied

Die Erde ist schön, und es lebt sich leicht

75 im Tal der Hoffnung.

Gebete werden erhört.

Gott wohnt nah hinterm Zaun.

Die Zeitung weiß keine Zeile vom Turmbau 2.

Das Messer findet den Mörder nicht.

80 Er lacht mit Abel 3.

Das Gras ist unverwelklicher grün als der Lorbeer.

Im Rohr der Rakete nisten die Tauben.

Nicht irr surrt die Fliege an tödlicher Scheibe.

Alle Wege sind offen.

85 Im Atlas fehlen die Grenzen.

Das Wort ist verstehbar.

Wer Ja sagt, meint Ja, und „Ich liebe“ bedeutet:

jetzt und für ewig.

Der Zorn brennt langsam.

90 Die Hand des Armen ist nie ohne Brot.

Geschosse werden im Flug gestoppt.

Der Engel steht abends am Tor.

Er hat gebräuchliche Namen

und sagt, wenn ich sterbe: Steh auf.

(Rudolf Otto Wiemer: Ernstfall. Gedichte. Kiel 1963)

(Die vorgenommenen Kürzungen lassen den Gedankengang des Textes unberührt und betreffen lediglich ergänzende Aspekte.)

Ursula Roth ist evangelische Theologin.

1 Rudolf Otto Wiemer (1905 – 1998) war ein deutschsprachiger Lyriker und Autor christlich orientierter Literatur.

2 Turmbau: Anspielung auf den Turmbau zu Babel, Gen 11,1–9

3 Abel: Anspielung auf die Erzählung von Kain und Abel, Gen 4,1–16

3. Erörtern Sie unter Einbeziehung Ihrer bisherigen Ergebnisse und mithilfe konkreter Beispiele, inwiefern der christliche Auferstehungsglaube gegenwärtig noch das Selbst- und Weltverständnis beeinflussen kann, und nehmen Sie dazu begründet Stellung. (24 Punkte)

Aufgabe 4 - Teilaufgabe 1 (Texterschließung) · Texterschließung: Thema, Gedankengang und Position

Ulrich Körtner

Der Gott der Klimaschützer

Wir leben in glaubensarmer Zeit. Der Soziologe Rudolf Stichweh prophezeit, das System der Religion könne sich als eigentlicher Verlierer der Corona-Krise erweisen, weil religiöse Deu- tungsmuster von allgemeiner Überzeugungskraft fehlten. Der Glaube an das Paradies und an das ewige Leben ist durch die Hoffnung auf das irdische Leben als letzte Gelegenheit abge- 5 löst worden. [...]

Im Kern handelt es sich um eine „Gotteskrise“, von der bereits vor Jahrzehnten der 2019 ver- storbene katholische Theologe Johann Baptist Metz gesprochen und die offenkundig auch die Kirchen erfasst hat. Das ließ sich während des Lockdowns gut beobachten. Viele kirch- liche Wortmeldungen beeilten sich zu versichern, die Pandemie habe mit Gott nichts zu tun. 10 Das Virus als Strafe oder als Prüfung zu interpretieren verbiete sich, weil sich das moderne Christentum dank der neuzeitlichen Religionskritik vom Bild eines strafenden Gottes befreit habe.

Dennoch fragen sich Gläubige und Halbgläubige, ob uns Gott vielleicht doch durch das Virus etwas sagen will. Aber auch diese Frage wurde abgeschnitten, gern mit dem Hinweis, Gott 15 habe in Jesus Christus alles Entscheidende für alle Zeiten gesagt. Allerdings ist Jesus Chris- tus, wie es in der Barmer Theologischen Erklärung der Bekennenden Kirche aus dem Jahr 1934 heißt, „das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben“. Bedeutet das aber, dass Gott sich ansonsten in Schwei- gen hüllt?

20 Zu den theologischen Herausforderungen der Gegenwart gehört das Problem einer Geschichts- theologie 1. Damit verbunden sind die Themen des Handelns oder Wirkens Gottes, seiner Er- wählung und Vorsehung, seiner Erhaltung und Vollendung der Schöpfung. Selbst in kirchli- chen Stellungnahmen, beispielsweise zu Umwelt und Klimaschutz, gerät der Glaube an Gottes fortlaufendes Schöpfungshandeln und die Erhaltung der Welt durch ihn zunehmend aus dem 25 Blick. So wirkt der biblische Gott in kirchlichen Appellen zur Bewahrung der Schöpfung oft nur noch als Motivator für menschlichen Einsatz zum Schutz der Natur, gewissermaßen als religiöses Add-on, auf das man notfalls verzichten kann.

In der Corona-Krise trat übrigens der strafende Gott bisweilen doch wieder in subtiler Form auf den Plan, heutzutage aber als sanfter Pädagoge, der dem Konzept der Lernstationen an- 30 hängt. An der „Lernstation Corona“ könne man lernen, dass wir unseren Umgang mit der Natur „neu denken“ müssen: Entschleunigung, weniger fliegen, eine sanftere Globalisierung, nachhaltigeres Wirtschaften und ein achtsamerer Umgang mit Tieren, von denen das Virus möglicherweise auf den Menschen übergesprungen ist. So mündet dann die kirchliche Gottes- rede in moralische Appelle, das Klima zu schützen und die Welt zu retten, der Wissenschaft 35 zu vertrauen und auf die Entwicklung von Impfstoffen zu hoffen. [...]

„Der Geist der Zeit oder Zukunft“, notierte Ludwig Feuerbach 2 1842/43, „ist der des Realis- mus. Die neue Religion, die Religion der Zukunft ist die Politik.“ Echten Gottesglauben gebe es nicht einmal mehr in den fortbestehenden Kirchen. Die Gläubigen sprächen zwar weiter vom Segen Gottes, doch suchten sie echte Hilfe nur beim Menschen. Daher sei der Segen 40 Gottes „nur ein blauer Dunst von Religion, in dem der gläubige Unglaube seinen praktischen Atheismus verhüllt“. Wo solch praktischer Atheismus tatsächlich in den Kirchen anzutreffen ist, zeigt sich, wie sehr auch die Kirchen von der „Gotteskrise“ (Johann Baptist Metz) befallen sind.

[...] Hatte nicht schon Dietrich Bonhoeffer 3 gesagt, Gott selbst zwinge uns zu der Erkenntnis, 45 dass wir in der Welt ohne ihn zurechtkommen müssen? Bonhoeffers späte Aufzeichnungen aus der Haft sind freilich vielschichtiger. Sein Konzept einer christlichen Verantwortungs- ethik beruht auf der Gewissheit, dass Gott auf verantwortliche Taten und Gebet nicht nur war- tet, sondern auch antwortet, und dass sich in, mit und unter schicksalhaften Erfahrungen die Möglichkeit auftut, Gottes Wirken und Führung in der Welt zu erkennen. Aktive Lebensfüh- 50 rung und Weltgestaltung, die sich dialektisch zwischen dem Widerstand gegen das Schicksal und der Ergebung in dasselbe bewegt, schlägt um in die passive Erfahrung des Geführtwer- dens.

Schmal ist der Grat zwischen Bonhoeffers Gewissheit, dass Gott als Abwesender anwesend und wirksam ist, und der Idee eines seiner Allmacht entledigten ohnmächtigen Gottes, der die 55 Verantwortung für die Welt und damit sein eigenes Geschick ganz in die Hände des Menschen gelegt hat. Sie findet sich zum Beispiel in einem bekannten Gedicht: „Christus hat keine Hände, nur unsere Hände, um seine Arbeit heute zu tun.“ Zwar weiß sich der Glaube in der Christusnachfolge zum Tun gerufen. Aber ein Christus ohne eigene Hände bleibt letztlich nur ein ethisches Modell. Der Tod Christi und seine Angefochtenheit und Gottverlassenheit am 60 Kreuz waren dann freilich vergeblich. Mag man auch sagen, Gott leide in Christus solidarisch mit uns, rettet uns das nicht vor dem ewigen Nichts. Geteiltes Leid mag halbes Leid sein, aber es bringt für sich genommen keine Erlösung.

Auch das Zukunftspapier der EKD 4 spricht von Christus lediglich als Urbild und Vorbild des- sen, was die evangelische Kirche „für die vielen“ tue. In seinem Geist setze sich die Kirche 65 für die Schwachen, Ausgegrenzten, Verletzten und Bedrohten sowie für Frieden und Bewah- rung der Schöpfung ein. [...] Zwar heißt es, die Kirche der Zukunft müsse missionarisch sein. Gedacht ist aber nicht so sehr an Verkündigung und Seelsorge, sondern in erster Linie an ein „zeichenhaftes und exemplarisches“ gesellschaftsdiakonisches und politisches Handeln.

Allerdings gehört die Diakonie zum Wesen der Kirche. Doch bevor sie eine diakonische Kir- 70 che für andere sein kann, muss sie zunächst einmal Kirche sein, und das heißt: die Gemein- schaft derer, die beständig neu auf Gott und sein Wort hören, das erlösende Wort von der Ver- söhnung zwischen Gott und Mensch, das wir uns nicht selbst sagen können. Der Zuspruch der Vergebung aber geht nicht in ethischen Appellen auf.

Soll von Gott die Rede sein, ohne alle Theologie in Anthropologie und Ethik aufzulösen, wird 75 dies nur möglich sein, wenn an der Rede von der Allmacht Gottes festgehalten wird. Gott als die „alles bestimmende Wirklichkeit“ (Rudolf Bultmann) ist freilich nicht nach dem Modell eines despotischen Weltenherrschers zu denken, sondern als Allmacht der Liebe zu begreifen, die selbst den Tod überwindet. Auf diesen Gott seine Zuversicht zu setzen ist Ausdruck einer kontrafaktischen 5, widerständigen Hoffnung, die gerade darin zutiefst human ist, dass sie den 80 Menschen vom Zwang zur Selbst- und Welterlösung befreit.

(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus. Offenkundige Druckfehler wurden korrigiert, ohne dabei den Sinn zu verändern.)

Ulrich Körtner ist evangelischer Theologe.

1 Geschichtstheologie: Auseinandersetzung mit der Frage nach einem Zusammenhang zwischen geschichtlichen Ereignissen und göttlichem Handeln

2 Ludwig Feuerbach (1804 – 1872) war ein Philosoph des 19. Jahrhunderts und gilt als Begründer der neuzeitlichen Religionskritik.

3 Dietrich Bonhoeffer (1906 – 1945) war ein wichtiger Vertreter der Bekennenden Kirche und am deutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus beteiligt. Er wurde am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg hingerichtet.

4 Unter dem Motto „Kirche auf gutem Grund“ veröffentlichte die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) im Sommer 2020 elf Leitsätze zur zukünftigen Weiterentwicklung der evangelischen Kirche.

5 kontrafaktisch: den Fakten widersprechend

1. Stellen Sie dar, welches Thema der Text von Ulrich Körtner behandelt und wie er argumentativ aufgebaut ist, und arbeiten Sie das Gottesbild heraus, das der Autor vertritt. (24 Punkte)

Aufgabe 4 - Teilaufgaben 2 und 3 (Leid und Theodi… · Leid und Theodizee: angemessen von Gott sprechen

Ulrich Körtner

Der Gott der Klimaschützer

Wir leben in glaubensarmer Zeit. Der Soziologe Rudolf Stichweh prophezeit, das System der Religion könne sich als eigentlicher Verlierer der Corona-Krise erweisen, weil religiöse Deu- tungsmuster von allgemeiner Überzeugungskraft fehlten. Der Glaube an das Paradies und an das ewige Leben ist durch die Hoffnung auf das irdische Leben als letzte Gelegenheit abge- 5 löst worden. [...]

Im Kern handelt es sich um eine „Gotteskrise“, von der bereits vor Jahrzehnten der 2019 ver- storbene katholische Theologe Johann Baptist Metz gesprochen und die offenkundig auch die Kirchen erfasst hat. Das ließ sich während des Lockdowns gut beobachten. Viele kirch- liche Wortmeldungen beeilten sich zu versichern, die Pandemie habe mit Gott nichts zu tun. 10 Das Virus als Strafe oder als Prüfung zu interpretieren verbiete sich, weil sich das moderne Christentum dank der neuzeitlichen Religionskritik vom Bild eines strafenden Gottes befreit habe.

Dennoch fragen sich Gläubige und Halbgläubige, ob uns Gott vielleicht doch durch das Virus etwas sagen will. Aber auch diese Frage wurde abgeschnitten, gern mit dem Hinweis, Gott 15 habe in Jesus Christus alles Entscheidende für alle Zeiten gesagt. Allerdings ist Jesus Chris- tus, wie es in der Barmer Theologischen Erklärung der Bekennenden Kirche aus dem Jahr 1934 heißt, „das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben“. Bedeutet das aber, dass Gott sich ansonsten in Schwei- gen hüllt?

20 Zu den theologischen Herausforderungen der Gegenwart gehört das Problem einer Geschichts- theologie 1. Damit verbunden sind die Themen des Handelns oder Wirkens Gottes, seiner Er- wählung und Vorsehung, seiner Erhaltung und Vollendung der Schöpfung. Selbst in kirchli- chen Stellungnahmen, beispielsweise zu Umwelt und Klimaschutz, gerät der Glaube an Gottes fortlaufendes Schöpfungshandeln und die Erhaltung der Welt durch ihn zunehmend aus dem 25 Blick. So wirkt der biblische Gott in kirchlichen Appellen zur Bewahrung der Schöpfung oft nur noch als Motivator für menschlichen Einsatz zum Schutz der Natur, gewissermaßen als religiöses Add-on, auf das man notfalls verzichten kann.

In der Corona-Krise trat übrigens der strafende Gott bisweilen doch wieder in subtiler Form auf den Plan, heutzutage aber als sanfter Pädagoge, der dem Konzept der Lernstationen an- 30 hängt. An der „Lernstation Corona“ könne man lernen, dass wir unseren Umgang mit der Natur „neu denken“ müssen: Entschleunigung, weniger fliegen, eine sanftere Globalisierung, nachhaltigeres Wirtschaften und ein achtsamerer Umgang mit Tieren, von denen das Virus möglicherweise auf den Menschen übergesprungen ist. So mündet dann die kirchliche Gottes- rede in moralische Appelle, das Klima zu schützen und die Welt zu retten, der Wissenschaft 35 zu vertrauen und auf die Entwicklung von Impfstoffen zu hoffen. [...]

„Der Geist der Zeit oder Zukunft“, notierte Ludwig Feuerbach 2 1842/43, „ist der des Realis- mus. Die neue Religion, die Religion der Zukunft ist die Politik.“ Echten Gottesglauben gebe es nicht einmal mehr in den fortbestehenden Kirchen. Die Gläubigen sprächen zwar weiter vom Segen Gottes, doch suchten sie echte Hilfe nur beim Menschen. Daher sei der Segen 40 Gottes „nur ein blauer Dunst von Religion, in dem der gläubige Unglaube seinen praktischen Atheismus verhüllt“. Wo solch praktischer Atheismus tatsächlich in den Kirchen anzutreffen ist, zeigt sich, wie sehr auch die Kirchen von der „Gotteskrise“ (Johann Baptist Metz) befallen sind.

[...] Hatte nicht schon Dietrich Bonhoeffer 3 gesagt, Gott selbst zwinge uns zu der Erkenntnis, 45 dass wir in der Welt ohne ihn zurechtkommen müssen? Bonhoeffers späte Aufzeichnungen aus der Haft sind freilich vielschichtiger. Sein Konzept einer christlichen Verantwortungs- ethik beruht auf der Gewissheit, dass Gott auf verantwortliche Taten und Gebet nicht nur war- tet, sondern auch antwortet, und dass sich in, mit und unter schicksalhaften Erfahrungen die Möglichkeit auftut, Gottes Wirken und Führung in der Welt zu erkennen. Aktive Lebensfüh- 50 rung und Weltgestaltung, die sich dialektisch zwischen dem Widerstand gegen das Schicksal und der Ergebung in dasselbe bewegt, schlägt um in die passive Erfahrung des Geführtwer- dens.

Schmal ist der Grat zwischen Bonhoeffers Gewissheit, dass Gott als Abwesender anwesend und wirksam ist, und der Idee eines seiner Allmacht entledigten ohnmächtigen Gottes, der die 55 Verantwortung für die Welt und damit sein eigenes Geschick ganz in die Hände des Menschen gelegt hat. Sie findet sich zum Beispiel in einem bekannten Gedicht: „Christus hat keine Hände, nur unsere Hände, um seine Arbeit heute zu tun.“ Zwar weiß sich der Glaube in der Christusnachfolge zum Tun gerufen. Aber ein Christus ohne eigene Hände bleibt letztlich nur ein ethisches Modell. Der Tod Christi und seine Angefochtenheit und Gottverlassenheit am 60 Kreuz waren dann freilich vergeblich. Mag man auch sagen, Gott leide in Christus solidarisch mit uns, rettet uns das nicht vor dem ewigen Nichts. Geteiltes Leid mag halbes Leid sein, aber es bringt für sich genommen keine Erlösung.

Auch das Zukunftspapier der EKD 4 spricht von Christus lediglich als Urbild und Vorbild des- sen, was die evangelische Kirche „für die vielen“ tue. In seinem Geist setze sich die Kirche 65 für die Schwachen, Ausgegrenzten, Verletzten und Bedrohten sowie für Frieden und Bewah- rung der Schöpfung ein. [...] Zwar heißt es, die Kirche der Zukunft müsse missionarisch sein. Gedacht ist aber nicht so sehr an Verkündigung und Seelsorge, sondern in erster Linie an ein „zeichenhaftes und exemplarisches“ gesellschaftsdiakonisches und politisches Handeln.

Allerdings gehört die Diakonie zum Wesen der Kirche. Doch bevor sie eine diakonische Kir- 70 che für andere sein kann, muss sie zunächst einmal Kirche sein, und das heißt: die Gemein- schaft derer, die beständig neu auf Gott und sein Wort hören, das erlösende Wort von der Ver- söhnung zwischen Gott und Mensch, das wir uns nicht selbst sagen können. Der Zuspruch der Vergebung aber geht nicht in ethischen Appellen auf.

Soll von Gott die Rede sein, ohne alle Theologie in Anthropologie und Ethik aufzulösen, wird 75 dies nur möglich sein, wenn an der Rede von der Allmacht Gottes festgehalten wird. Gott als die „alles bestimmende Wirklichkeit“ (Rudolf Bultmann) ist freilich nicht nach dem Modell eines despotischen Weltenherrschers zu denken, sondern als Allmacht der Liebe zu begreifen, die selbst den Tod überwindet. Auf diesen Gott seine Zuversicht zu setzen ist Ausdruck einer kontrafaktischen 5, widerständigen Hoffnung, die gerade darin zutiefst human ist, dass sie den 80 Menschen vom Zwang zur Selbst- und Welterlösung befreit.

(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus. Offenkundige Druckfehler wurden korrigiert, ohne dabei den Sinn zu verändern.)

Ulrich Körtner ist evangelischer Theologe.

1 Geschichtstheologie: Auseinandersetzung mit der Frage nach einem Zusammenhang zwischen geschichtlichen Ereignissen und göttlichem Handeln

2 Ludwig Feuerbach (1804 – 1872) war ein Philosoph des 19. Jahrhunderts und gilt als Begründer der neuzeitlichen Religionskritik.

3 Dietrich Bonhoeffer (1906 – 1945) war ein wichtiger Vertreter der Bekennenden Kirche und am deutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus beteiligt. Er wurde am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg hingerichtet.

4 Unter dem Motto „Kirche auf gutem Grund“ veröffentlichte die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) im Sommer 2020 elf Leitsätze zur zukünftigen Weiterentwicklung der evangelischen Kirche.

5 kontrafaktisch: den Fakten widersprechend

2.

Entfalten Sie einen möglichen Lösungsansatz für die Theodizee-Frage, die sich aus dem Leid in der Schöpfung ergibt, und bringen Sie ihn mit dem Gottesbild in Verbindung, das Ulrich Körtner vertritt. (30 Punkte)

3.

Erörtern Sie unter Einbeziehung Ihrer bisherigen Ergebnisse und anhand von Beispielen aus Ihrem eigenen Erfahrungsbereich, inwiefern der Gottesglaube bei der Bewältigung von Leid helfen kann, und formulieren Sie zum Schluss ein eigenes, begründetes Urteil. (26 Punkte)

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