Aufgabe HT 1 - Aufgabe 1 · Abitur NRW Evangelische Religion LK · Haupttermin 2021

Thema: Texterschließung: Thema, Gedankengang und Position · Aus der Prüfung LK · Haupttermin (2021)

Aufgabenstellung

Ulrich H. J. Körtner

Fünf nach drei

Wie Kirche und Theologie über Klimapolitik streiten

„Der Geist der Zeit oder Zukunft“, notierte Ludwig Feuerbach 1842/43, „ist der des Realis-

mus. Die neue Religion, die Religion der Zukunft ist die Politik.“ Seine Prophezeiung scheint

sich in den gegenwärtigen Debatten und politischen Auseinandersetzungen um den Klima-

wandel zu erfüllen. Gegenwärtig wird viel darüber geschrieben und gestritten, ob die neue

5 Ökologiebewegung zum Schutz des Klimas eine Form von Ersatzreligion oder, theologisch-

dogmatisch gesprochen, gar eine neue Häresie 1 darstellt. […]

Was die These vom Klimaschutz als Ersatzreligion genau besagen soll, verdient allerdings

eine genauere Betrachtung, zumal ihre Vertreter theologisch wie politisch durchaus unter-

schiedliche Absichten verfolgen. Der evangelische Theologe Ralf Frisch zieht zwar mit schar-

10 fen Worten gegen die religiöse Überhöhung des Klimaschutzes zu Felde, hegt aber am Aus-

maß der von Menschen verursachten Faktoren für die derzeitige Klimaerwärmung und an der

Notwendigkeit klimapolitischer Maßnahmen grundsätzlich keinen Zweifel. Dagegen stellt die

Thüringer Landtagsfraktion der AfD die von Klimaforschern diagnostizierten anthropogenen

Faktoren des Klimawandels prinzipiell in Frage […].

15 Zweifel an den wissenschaftlichen Ergebnissen des Mainstreams der Klimaforschung äußern

auch konservative und evangelikale 2 Christen. […]

Nun muss Kritik an der Klimaapokalyptik, die durch die Bewegung „Fridays for Future“ und

ihre Galionsfigur Greta Thunberg neuen Schwung bekommen hat, nicht schon deshalb falsch

sein, weil sie auch unter AfD-Anhängern oder evangelikalen Christen Beifall findet. Man kann

20 das Ausmaß des Klimawandels und seine von Menschen zu verantwortenden Faktoren durch-

aus für eine ernstzunehmende Gefahr halten, ohne deshalb unbesehen apokalyptische Narra-

tive zu bemühen, wie dies bereits in den 1970er- und 1980er-Jahren geschehen ist. Schon

damals stellte der Literaturwissenschaftler Klaus Vondung zutreffend fest: „Die Bedrohung

unserer Lebenswelt ist eine Sache, eine andere die Angst vor dem Weltuntergang und noch

25 eine andere die Art und Weise, in der sich die Angst äußert, in der man über sie redet und sie

zu bewältigen sucht.“ Die unkritische Bemühung apokalyptischer Narrative ist theologisch

freilich nicht weniger problematisch wie die Abwehr jeder Form von Apokalyptik überhaupt.

Eine ernsthafte theologische Auseinandersetzung mit der These vom Klimaschutz als Ersatz-

religion kann nur zu ihrem Schaden ignorieren, dass die jüdische und frühchristliche Apoka-

30 lyptik, mit dem Neutestamentler Ernst Käsemann gesprochen, die Mutter aller christlichen

Theologien gewesen ist. So gesehen fällt die Religionskritik am klimapolitischen Engagement

von Bewegungen wie „Fridays for Future“, die durchaus eine sachliche Berechtigung hat, in

manchen Kreisen zu vordergründig aus. […]

Feuerbach hat den Realismus zum Geist der Zeit und der Zukunft erklärt. Für den Chef der

35 deutschen Grünen, Robert Habeck, ist Radikalität der neue Realismus im Zeichen des Klima-

wandels. Radikalität und kompromissloser Rigorismus, der religiöse Züge trägt, zeichnen

nun allerdings Teile der Klimaschutzbewegung aus. Dabei gehört es doch zum Wesen des

Politischen, im Bedingten und nicht im Unbedingten zu existieren, wie der österreichische

Schriftsteller Franz Blei 1932 notiert hat. Die Moralisierung von Politik vergiftet nicht nur

40 die Sphäre des Politischen, sondern läuft im Ergebnis auf ihre Zerstörung hinaus. […]

An der Bewegung „Fridays for Future“ fällt wiederum ihre Wissenschaftsgläubigkeit auf.

Nicht, dass ich die Seriosität der Klimaforschung und ihrer verschiedenen Szenarien in Abrede

stellen möchte, aber die ihr zugebilligte Rolle als Letztinstanz in politischen Fragen räumt ihr

eine quasireligiöse Stellung ein, die an den Positivismus 3 des 19. Jahrhunderts, aber auch an

45 den Marxismus-Leninismus erinnert, der doch ebenfalls der Überzeugung war, auf streng wis-

senschaftlicher Basis zu agieren, und sein revolutionäres Programm für alternativlos hielt.

Demokratiepolitisch und sozialpolitisch kann solche Wissenschaftsgläubigkeit, gepaart mit

moralischem Rigorismus, Gefahren für eine freiheitliche Gesellschaft und ihren sozialen

Zusammenhalt heraufbeschwören, auch weil die Kosten, die für rigorose umweltpolitische

50 Maßnahmen zu zahlen sind, in der Gesellschaft möglicherweise sehr unterschiedlich verteilt

werden.

Der Fortbestand der Kirchen war für Feuerbach übrigens kein Zeichen von verbliebenem

echtem Glauben. Die Gläubigen sprächen zwar weiter vom Segen Gottes, doch suchten sie

echte Hilfe nur beim Menschen. Daher sei der Segen Gottes „nur ein blauer Dunst von Reli-

55 gion, in dem der gläubige Unglaube seinen praktischen Atheismus verhüllt“.

Daran muss ich denken bei der Lektüre des EKD-Textes 130 „‚Geliehen ist der Stern, auf dem

wir leben‘. Die Agenda 2030 als Herausforderung für die Kirchen“ (2018). Zwar sprechen die

Autoren von Gott, ignorieren aber klassische Topoi 4 der christlichen Gotteslehre und Schöp-

fungslehre. Schon die Metapher der Schöpfung als Leihgabe, die aus einer Liedzeile von

60 Jochen Rieß übernommen wird, signalisiert die theologischen Defizite. Gott, so ist der Text

zu verstehen, hat die Welt ursprünglich erschaffen, dann aber in die ausschließliche Verant-

wortung der Menschen übergeben, die ihrem Schöpfer zwar für den Umgang mit der Leih-

gabe umfassend und unbegrenzt verantwortlich sind, von diesem aber kein aktives Handeln

und Eingreifen mehr erwarten dürfen. Das Bild der Leihgabe suggeriert auch die Vorstellung

65 eines statischen Naturzustands, der als Schöpfung identifiziert und in seinem jetzigen Zustand

geschützt werden soll. Das Verhältnis von Schöpfung und Evolution wird auf diese Weise

völlig unterkomplex bestimmt. Zugleich gerät die Lehre von Gottes fortlaufendem Schöp-

fungshandeln und seiner Erhaltung der Welt – in der Sprache der theologischen Tradition:

die creatio continua und die conservatio mundi – ganz aus dem Blick. Gott wirkt nur noch

70 als Motivator für menschliches Handeln durch seine Verheißungen und durch seine in Jesus

Christus bezeugte Liebe. Das Evangelium von dem, was allein Gott an der Welt und den Men-

schen getan hat und tut, wird zum ethischen Appell für den Klimaschutz umgedeutet.

Das halte ich keineswegs nur für ein ethisches, sondern auch für ein zutiefst dogmatisches

Problem. Im Grunde wird ein abwesender Gott verkündigt. Die Politik als Religion der Zu-

75 kunft: Werden lediglich Klimaschutzvorschläge, die man schon aus Strategiepapieren von

UNO und sonstigen Organisationen kennt, in leicht erhöhtem religiösen Ton wiederholt, ent-

steht der fatale Eindruck, die Kirchen seien klimapolitische Trittbrettfahrer, auch wenn sie für

sich in Anspruch nehmen können, schon vor Jahrzehnten den konziliaren Prozess für Frieden,

Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung 5 eingeleitet zu haben.

80 Ein Glaube, der nicht mehr mit dem Wirken Gottes in der Welt und in der Geschichte rechnet,

ist im Grunde ein praktischer Atheismus, wie Feuerbach sagt. Allerdings darf der Glaube an

Gott nicht mit einer Bestandsgarantie für diese Erde und die Menschheit verwechselt werden.

Christlicher Glaube ist nicht gleichbedeutend mit Hoffnung auf den Fortbestand der Welt. Er

besteht auch nicht in der apokalyptischen Hoffnung auf eine andere Welt jenseits der mög-

85 lichen Katastrophe. Christlicher Glaube ist Mut zum fraglichen Sein, der selbst am Zerbre-

chen einer heilsgeschichtlich-utopischen Perspektive nicht irre wird. Weder starrt er ängst-

lich gebannt auf das Weltende, noch gibt er sich der apokalyptischen Lust am Untergang hin,

sondern bejaht das von Gott bejahte Leben und die von ihm bejahte Welt durch seinen tätigen

Einsatz für beide im Hier und Jetzt.

90 In seiner Daseinshaltung ähnelt er weniger Prometheus als Sisyphos 6, der sich bei Albert

Camus dem Absurden stellt und gegen es revoltiert. Im Zeichen globaler Gefahren ist Camus

als Gesprächspartner der Theologie wiederzuentdecken. Sein Mythos von Sisyphos beschreibt

die Haltung des Mutes, sich angesichts des Absurden zu bejahen. Christlicher Glaube kommt

dieser Haltung denkbar nahe. Im Unterschied zum Mut Camus’ ist der christliche Glaube, um

95 mit Paul Tillich 7 zu sprechen, der Mut sich und die Welt zu bejahen als bejaht.

Letztlich geht es darum, mit der Perspektive christlicher Eschatologie ernst zu machen. Wer

die Welt so liebt, dass mit ihr alles verloren zu sein scheint, ohne sich verzweifelt an sie zu

klammern, spricht ihr einen unbedingten Sinn zu, den sie nicht von sich aus hat und der auch

nicht der heute bisweilen romantisch verklärten Natur eingeschrieben ist. Auch bleibt die-

100 ser Sinn menschlicher Verfügungsmacht entzogen. Er kann dem menschlichen Handeln nur

adventlich 8 zu-kommen. Christlicher Glaube produziert nicht, sondern proklamiert einen

Sinn des Lebens und der Welt, der beiden einzig von Gott her zukommen kann und selbst

noch angesichts der möglichen Selbstzerstörung der Menschheit Bestand haben wird.

Der Einsatz für eine konsequente Klimapolitik ist nötig und sinnvoll. Die ehrgeizigen Ziele

105 des Pariser Klimaschutzabkommens werden vermutlich dennoch nicht erreicht werden. Allein

schon das Wachstum der Weltbevölkerung und ihr steigender Energiehunger werden die sich

hoffentlich einstellenden Erfolge beim Klimaschutz wieder aufzehren. Wer das Wohl künf-

tiger Generationen im Blick hat, muss sich auch dieser Realität stellen.

Statt sich einseitig auf die Reduktion von CO 2 zu fixieren, brauchen wir globale Strategien

110 der Anpassung an den Klimawandel und seine langfristigen Folgen, die selbst unter größten

klimapolitischen Anstrengungen nicht aufzuhalten sind und über Jahrhunderte die künftige

Geschichte der Menschheit erheblich beeinflussen werden. Allerorten erschallt der apokalyp-

tische Weckruf, es sei fünf vor zwölf. Dabei ist es vielleicht schon längst fünf nach drei.

(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus.)

Ulrich H. J. Körtner ist evangelischer Theologe.

Anmerkungen

1 Häresie: dem christlichen Glauben nicht entsprechende Lehre

2 evangelikal: konservative christliche Richtung, die ein wörtliches Bibelverständnis unter Ablehnung wissenschaftlicher Methoden zur Grundlage hat

3 Positivismus: Philosophie, die sich auf Wahrnehmbares und Überprüfbares bezieht und Übernatürliches grundsätzlich ablehnt

4 klassische Topoi der christlichen Lehre: feststehende Glaubensaussagen und Formeln

5 Konziliarer Prozess: gegenseitige Verpflichtung christlicher Kirchen auf den Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung

6 Prometheus und Sisyphos: Gestalten der griechischen Mythologie; Prometheus schenkt den Menschen das Feuer und wird dafür von Zeus grausam bestraft, worüber er sich beklagt. Auch Sisyphos wird von den Göttern bestraft – er muss einen schweren Stein einen Berg hinauf wälzen, der immer wieder nach unten rollt. Nach Albert Camus ist Sisyphos dennoch ein glücklicher Mensch, wenn er den Berg hinunterläuft, um sich seinem Schicksal erneut zu stellen.

7 Paul Tillich: bedeutender evangelischer Theologe des 20. Jahrhunderts

8 adventlich: hier: Advent als Ankunft Gottes in der Welt

1. Stellen Sie dar, welches Thema Ulrich H. J. Körtner in seinem Text behandelt und wie er dabei gedanklich vorgeht, und arbeiten Sie heraus, welche Position er in der Diskussion über eine angemessene christliche Haltung zum Klimawandel einnimmt. [24 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe HT 1 - Aufgabe 1 · Abitur NRW Evangelische Religion LK · Haupttermin 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Stellen Sie dar, welches Thema Ulrich H. J. Körtner in seinem Text behandelt und wie er dabei gedanklich vorgeht, und arbeiten Sie heraus, welche Position er in der Diskussion über eine angemessene christliche Haltung zum Klimawandel einnimmt.

Lösung: Ausführliche Textanalyse und Rekonstruktion der Position von Ulrich H. J. Körtner gemäß den Kriterien der amtlichen Vorgaben.

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