Aufgabe 2 - Teilaufgaben 2 und 3 (Hoffnung auf Vo… · Abitur NRW Evangelische Religion GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021
Thema: Hoffnung auf Vollendung: Apokalyptik und Gericht · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2021)
Aufgabenstellung
Petra Bahr
Das große Verschwinden
Es gibt Dinge, die verschwinden einfach. Eben waren sie noch überall und prägten den All-
tag. Dann sind sie weg. Niemand hat sie abgeschafft. Sie wurden einfach verdrängt. Wie CD-
Recorder, Disketten, Wählscheibentelefone oder Handkaffeemühlen. Ein paar Liebhaber gibt
es noch, die diese Gegenstände sammeln oder pflegen. Für sie sind es Klassiker oder Erb-
5 stücke, die an die eigene Kindheit erinnern. Für die meisten ist es nur noch Trödel. Kinder
stehen voller Unverständnis vor vergilbten Plastikkisten und drücken ratlos Knöpfe. Manch-
mal reicht eine Generation für das Vergessen. Mit den Letzten Dingen scheint es auch so zu
sein. Ideen, Gedanken und Leitbilder können nämlich ebenfalls verschwinden.
Vor ein paar Generationen waren sie noch überall. Plötzlich sieht man sich um und sie fehlen.
10 Niemand hat ein Moratorium ausgerufen. Sie sind einfach verschwunden aus dem Alltag des
Christentums, in Predigten werden sie gemieden, und auch für die individuelle Deutung des
Glaubens spielen sie nur noch eine Nebenrolle. So geht es auch der Rede vom Jüngsten Ge-
richt. In der Bibel ist das Bild vom Richterstuhl Gottes allgegenwärtig. Das Überlesen dieser
Szenen ist schon eine eigene Kunst. In kaum einem der großen Gotteshäuser, die in den heißen
15 Sommermonaten überall in Europa von Touristen besucht werden, fehlt Christus, der Welten-
richter, als Standkino unter der Kuppel, voller Details, die die religiöse Einbildungskraft der
Künstler und der Gläubigen erahnen lassen. Mit dem Blick nach oben verschob sich der Blick
auf die eigene Wirklichkeit.
„Wer kann bestehen?“, fragt zweifelnd der Solist in einer Bachkantate. Die Frage ist wie ein
20 Echo des vergangenen Christentums. „Gottesvergiftung“, zischt dann und wann noch jemand,
wenn die Rede auf das Gericht Gottes am Ende aller Tage kommt. Das Buch des Psychoana-
lytikers Tilman Moser war eine Art Manual zum Ausstieg aus der falsch verstandenen Gottes-
furcht, einer Furcht, die Albträume bescherte und unter Umständen physische Gewalt, die
von Menschen im Namen des göttlichen „Richters Gnadenlos“ ausgeführt wurde. Bis Gott
25 die endzeitliche Strafe vollzog, übernahmen diese Aufgabe Pastoren und Erzieherinnen. „Pass
auf, kleines Auge, was du siehst, denn der Vater in dem Himmel schaut herab auf dich.“ Im
Kinderlied sollte die stete Überwachung durch den Richtergott für Gehorsam sorgen. Eine
zynische Verwechslung von Gottes Blick und Elternblick, die vielleicht auch dazu beitrug,
dass die Lehre von den Letzten Dingen, die im Gedanken vom Weltgericht Gottes ihr Zentrum
30 hat, so schnell in den Hintergrund treten konnte. Urteile wurden im Namen Gottes vollzogen,
das Gottesgericht in Menschenhand genommen. Dabei ist nicht das Bild selbst diskreditiert.
Die, die es gebraucht haben, haben es missbraucht und abgenutzt. Es ist an der Zeit, die Lehre
von den Letzten Dingen und ihre starken Bilder wieder hervorzuholen als eine heilsame Deu-
tung der Gegenwart.
35 In Zeiten von Autokraten und selbst ernannten Machtmenschen ist allein der Gedanke von
Gott als Richter, der sich an seine eigenen Gesetze hält, ja schon ein kritischer Kommentar
zur Zeit. Das Reich Gottes als Rechtsstaat der Freien und Gleichen, die nicht nach Willkür,
sondern nach der Gerechtigkeit beurteilt werden, diese Einsicht hat nichts Triviales mehr. Oft
hinterlassen verschwundene Dinge keine Lücke. Sie werden ersetzt. Wie der Kassettenrekor-
40 der durch die CD und die Handkaffeemühle durch das elektrische Mahlwerk oder vorgefer-
tigte Kaffeepads. Manche Ersetzung kann als Fortschritt gewertet werden, anderes verschwin-
det um der Bequemlichkeit willen.
So ergeht es auch großen geistigen und geistlichen Ideen. Die biblische Rede vom Urteils-
spruch Gottes am Ende aller Tage verschwand nicht nur, sie wurde unter der Hand einfach
45 säkularisiert. […] Es ist ja nicht so, als müssten Menschen nach der Abschaffung des Gottes-
gerichts nichts mehr fürchten. Die Macht der Urteile, die sich in Windeseile über Menschen
verbreiten, ist ja nicht geringer geworden. „Wer wird bestehen?“, fragen sich nun heimlich
Jugendliche, wenn sie sehen, wie Mitschüler über WhatsApp gemobbt werden. „Wer wird
bestehen?“, fragen sich Vertreter und Vertreterinnen von staatlichen und politischen Institu-
50 tionen. Geltungsansprüche werden mit Macht behauptet, öffentliche Pranger treten an die
Stelle von Gerichten. Die Tribunalisierung 1 der Gesellschaft zeigt, dass Menschen an die
Stelle Gottes getreten sind. Ihr Gerechtigkeitsgefühl ist leitend, ihr Anspruch, Weltgerichts-
verfahren vorzusitzen, fast schon selbstverständlich geworden. Eine Instanz, die von allen
akzeptiert und geachtet wird, gibt es kaum noch. Die Referenz auf das christliche Abendland
55 verfängt wieder, aber die kritischen Deutungspotenziale wendet man nur ungern auf sich sel-
ber an. Die Verfolgungsparanoia und die Selbstgerechtigkeit in der Anmaßung der Urteile
können vielleicht deshalb so rauschhaft erfahren werden, weil die Frage nur noch als Frage
an andere gestellt wird.
„Wer kann bestehen?“, das ist nicht die Anleitung einer kritischen Selbstprüfung, sondern die
60 Lizenz zum Endgerichtsurteil über andere. Gewachsen ist auch das Maß der Selbstgerichts-
barkeit. An die Stelle des zornigen Gottes ist ein trauriges oder wütendes Ich getreten, das um
Aufmerksamkeit buhlt. Gelikt oder nicht? Fünf Sterne oder nur drei? „Sehen Sie, wie andere
Sie beurteilt haben“, verspricht die App auf dem mobilen Handy. So kann man schon mor-
gens um sieben sehen, wie die eigene Anerkennungskurve verläuft. Wer sich der ursprüng-
65 lichen Bedeutung der Rede vom Gottesgericht am Ende aller Tage nähert, stellt fest, dass
dieses Bild ein großer Trost war.
Eine kleine, verfolgte Minderheit, der täglich Ungerechtigkeit widerfährt und die sich um die
Zukunft ihrer Kinder sorgt, tröstet sich mit dem Gedanken, dass Gott ihr Recht widerfahren
lässt, wenn nicht zu Lebzeiten, so doch „dermaleinst“. Das ist eine in die Zukunft verschobene
70 Hoffnungsaussage, die in der Gegenwart einen Unterschied ums Ganze macht. Der göttliche
Richter steht gegen die erfahrene Willkür, gegen gekaufte Justiz und Vorverurteilung, gegen
Verfolgung und innere Verunsicherung. Die „letzte Instanz“ hilft, angesichts der himmel-
schreienden Ungerechtigkeit nicht zu kapitulieren. Das „Buch des Lebens“, in das Gott in den
grell ausgemalten Gerichtsverfahren der Kunstgeschichte alle Namen schreiben lässt, ist das
75 Buch gegen das Vergessen, ein Archiv, das die Namen derer aufbewahrt, die namenlos ge-
blieben sind, vergessen, verschwunden, übersehen. Das Gericht Gottes wird im biblischen
Zusammenhang als die Instanz geglaubt, die die Kriterien für die göttliche Wohlordnung
immer wieder aktualisiert, auch wenn alle Ordnungen aus den Fugen sind.
„Wer wird bestehen?“ Die alte Frage hat Luther zu seiner grundstürzenden Einsicht geführt:
80 Gottes Gerechtigkeit ist keine, die an Zorn, Rache oder Genugtuung orientiert ist. Es ist die
Gerechtigkeit, die ihr Maß an der Liebe nimmt, am Gelingen der Beziehung zwischen Gott
und Mensch und Mensch und Mensch. Dieser Gedanke hat es in sich. Denn damit läge in den
Letzten Dingen eine Kriteriologie, eine Orientierung für das Leben heute, ein Trostbild, aber
auch eine Anleitung und eine Mahnung, sich selbst nicht auf den Richterstuhl Gottes zu set-
85 zen. Über allem Urteilen, allen Geltungsansprüchen, allen Mutmaßungen über andere steht
immer ein Vorbehalt. „Wir sollen Menschen sein und nicht Gott, das ist das ganze Evange-
lium“ (Martin Luther). Diese Orientierung wäre wie ein Horizont, eine feine Linie, die es im
Grunde nicht „gibt“, die man nicht abschreiten oder vermessen kann.
1 Tribunalisierung: von lat. tribunal = Gericht; hier: gesellschaftlicher Trend zur Aburteilung von Menschen
(Die vorgenommenen Kürzungen lassen den Gedankengang des Textes unberührt und betreffen lediglich ergänzende Aspekte.)
Petra Bahr ist evangelische Theologin.
Aufgabenstellung
2.
Entfalten Sie, welche christlichen Bilder von Angst und Hoffnung im Rahmen apokalyptischen Denkens vorkommen, und bringen Sie diese mit dem Gottesbild in Verbindung, das Petra Bahr in ihrem Text darlegt. (30 Punkte)
3.
Erörtern Sie anhand konkreter Beispiele und auf der Grundlage Ihrer bisherigen Ergebnisse, inwiefern der Glaube an Gottes Gericht dem gesellschaftlichen Zusammenleben positive Impulse geben kann, und nehmen Sie dazu begründet Stellung. (26 Punkte)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
2. Entfalten Sie, welche christlichen Bilder von Angst und Hoffnung im Rahmen apokalyptischen Denkens vorkommen, und bringen Sie diese mit dem Gottesbild in Verbindung, das Petra Bahr in ihrem Text darlegt.
Lösung: Eine gelungene Darstellung umfasst: - Merkmale apokalyptischen Denkens: Entstehung in historischen Krisen-/Unterdrückungssituationen; Motive wie kosmische Katastrophen, Bedrohung, Endgericht, Dualismus von Gut und Böse, aber auch Trost durch Gottes endgültigen Sieg und eine neue Schöpfung (Offenbarung). - Christliche Zukunftshoffnung: Jesu Verkündigung vom Reich Gottes als anbrechende Wirklichkeit („schon jetzt und noch nicht“); der eschatologische Vorbehalt (Vollendung liegt allein bei Gott, menschliches Wirken ist vorläufig). - Bezug zum Text von Bahr: - *Gemeinsamkeiten:* Gott als höchste und letzte Instanz; Gott als Garant überzeitlicher Gerechtigkeit; Entlastung und Relativierung menschlichen Handelns; Hoffnung für Leidende. - *Unterschiede/Akzentuierung:* Bahr grenzt sich deutlich von angstbesetzten, strafenden oder gar gewaltvollen Motiven der Apokalyptik ab; sie betont die Liebe als Maßstab des Gerichts (in Anlehnung an Luther) und den Schutz vor menschlicher Selbstgerechtigkeit.
3. Erörtern Sie anhand konkreter Beispiele und auf der Grundlage Ihrer bisherigen Ergebnisse, inwiefern der Glaube an Gottes Gericht dem gesellschaftlichen Zusammenleben positive Impulse geben kann, und nehmen Sie dazu begründet Stellung.
Lösung: Eine vollständige Erörterung beinhaltet: - Konkrete Beispiele: z. B. Social-Media-Shitstorms / Cybermobbing, gesellschaftliche Polarisierung, Umgang mit Tätern und Opfern, weltweite Ungerechtigkeit / Diktaturen. - Positive Impulse (Pro): - Befreiung von der Anmaßung, selbst endgültig Richter sein zu müssen („Tribunalisierung“ stoppen). - Schutz und Gehör für die Vergessenen und Opfer (Trost, „Buch des Lebens“). - Sensibilisierung für Ungerechtigkeit und Ansporn zu gelebter Nächstenliebe im Hier und Jetzt. - Befreiung von der Last der Letztverantwortung. - Kritische Aspekte / Grenzen (Contra): - Gefahr der Vertröstung auf das Jenseits anstelle aktiven Engagements gegen Missstände. - Historische Gefahr von Einschüchterung, Neurotisierung („Gottesvergiftung“) und kirchlicher Machtausübung. - Fragwürdigkeit für säkulare Gesellschaften ohne gemeinsamen transzendenten Bezugspunkt. - Eigenes begründetes Urteil: Synthese und Abwägung der Argumente mit klarer persönlicher Positionierung.
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