Aufgabe 3 - Teilaufgabe 2 (Reich-Gottes-Verkündig… · Abitur NRW Evangelische Religion GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021

Thema: Reich-Gottes-Verkündigung Jesu in Tat und Wort · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2021)

Aufgabenstellung

Interview von Reinhard Mawick

Ursula Roth

„Was geht mich das an?“

zeitzeichen: Frau Professorin Roth, welche Rolle spielt „Auferstehung“ in Ihrem persönlichen Glaubensleben?

URSULA ROTH: Großen Eindruck hinterlassen bei mir schon immer Osterlieder. Ich finde es erstaunlich, wie es Osterliedern gelingt, zu einem fröhlichen, hoffnungsvollen Auferstehungsglauben anzustiften. Der Einfluss religiöser Lieder darf hier nicht unterschätzt werden. Osterlieder tragen Auferstehungshoffnung weiter, jenseits des theologischen Arguments und jenseits der intellektuellen Auseinandersetzung, sie können uns gleichsam mit hineinnehmen in eine generationsübergreifende Gewissheit.

Wann werden Sie in Ihrem Alltag in besonderer Weise mit dem Auferstehungsglauben konfrontiert?

URSULA ROTH: Ganz häufig bei Beerdigungen. Leider erlebe ich immer wieder, dass die Auferstehungsbotschaft auf dem Friedhof als reine Behauptung präsentiert und dabei wie ein Faktum vorausgesetzt wird. Der Auferstehungsglaube erscheint dann wie eine Zulassungsvoraussetzung. Dass die Auferstehungsbotschaft eine Verheißung enthält und Hoffnung wecken will, kann dabei zu kurz kommen. Trost stiftet eine derart gesetzliche Rede von der Auferweckung wohl eher nicht. […]

Wie sollen wir die Ostergeschichten verstehen?

URSULA ROTH: …als literarische Texte. Lassen Sie uns die Erzählungen aus dem Neuen Testament als Literatur verstehen, die der Leserin im Vollzug des Lesens eine religiöse Erfahrung öffnen möchte. Um die Frage „Was geschah damals wirklich?“ geht es dabei jedenfalls nicht. […]

Trotzdem hat man den Eindruck, der historische Grund der Auferstehung ist die Frage, die den Menschen am meisten unter den Nägeln brennt …

URSULA ROTH: Das glaube ich nicht. Ich habe den Eindruck, dass religiös interessierten Menschen eine andere Frage nicht minder wichtig ist: „Was geht das mich an? Was hat das mit mir zu tun?“ Zwischen den immer wieder traktierten Fragen „Was war damals mit Jesus?“ und „Was wird einst mit uns nach unserem Tod sein?“ spannt sich doch ein ganz anderes Feld auf: Was hat der Auferstehungsglaube mit uns und unserem Leben zu tun, mit meinem Blick auf die Welt und mit meinem Umgang mit dem Tod? Wir müssen den Auferstehungsglauben auf das Leben hier und jetzt beziehen, im Sinn einer präsentischen Eschatologie nach der Relevanz für unser Selbst- und Weltverständnis fragen. […]

Dann gibt es also auf die Frage nach dem leeren Grab keine sinnvollere Antwort als eben die, dass es die falsche Frage ist?

URSULA ROTH: Zum einen ist die Frage nach dem leeren Grab sinnvoll, denn mit ihr steht in Frage, was für eine Art von Erfahrungswirklichkeit diesen Texten zugrunde liegt. Zum anderen ist sie missverständlich, da die Erzählungen von der Auferweckung Jesu dabei als historische Berichte Verwendung finden. Das sind die Texte aber nicht. Die biblischen Texte setzen den Auferstehungsglauben in Szene und plausibilisieren ihn im Kontext des christlichen Glaubens. Dabei setzen sie auch ganz unterschiedliche Reaktionsweisen in Szene. Es ist aufschlussreich, dass die Jüngerinnen und Jünger angesichts der Erscheinungen des Auferstandenen gerade nicht im Profil der Glaubenshelden gezeichnet werden – ganz im Gegenteil. Die biblischen Texte geben keine eindeutige Antwort auf eine historische Frage. Stattdessen zielen sie auf eine bestimmte Leserfahrung ab. Sie wollen unseren Blick verändern. Jedes der Evangelien, wenn wir sie als Ganzes betrachten, führt die Leserinnen und Leser auf die Auferstehung hin. Der auferstandene Gekreuzigte ist von Anfang an in jedem Evangelium vorausgesetzt.

Was bedeutet diese Einsicht konkret für den Auferstehungsglauben?

URSULA ROTH: Die Herausforderung besteht darin, den Auferstehungsglauben an den christlichen Blick auf Gott und die Welt zurückzubinden und von dorther konkret werden zu lassen. Der Glaube an die Auferstehung lässt sich nicht unabhängig von der Vorstellung von Gott als Schöpfer fassen. Die Auferstehungsbotschaft gewinnt zudem an Plausibilität, wenn sich die Hoffnung darauf, dass die lebensfeindliche Macht des Todes überwunden ist, in das eigene Lebensgefühl einzeichnen lässt. Und letztlich lässt sich auch die Einsicht, dass die Welt – wir und alles in ihr – erlösungsbedürftig ist, weil nichts so ist, wie es sein sollte, die Auferstehungsverheißung in einem ganz anderen Licht erscheinen. […]

Was heißt das konkret?

URSULA ROTH: Diese Verheißung relativiert den Letztgültigkeitsanspruch bestimmter Erfahrungen, etwa die Erfahrung, dass Streit Beziehung unwiderruflich abbricht, oder die Erfahrung, dass der Tod uns endgültig definiert, weil er offensichtlich stärker ist als das Leben. Die Auferstehungsbotschaft zielt darauf ab, Leben als etwas zu verstehen, das vom Tod gerade nicht beschränkt ist, als etwas, über das der Tod keine letztgültige Definitionsmacht hat. So schmerzlich die Erfahrung des Todes, etwa beim Tod eines geliebten Anderen, ist: Es gilt die Verheißung, dass dieser Abbruch, dieser Verlust nicht von letzter Gültigkeit ist und die Bedeutung der abgebrochenen Beziehung in Frage stellt.

Wie geht das in der Praxis?

URSULA ROTH: In der religiösen Praxis – im Gottesdienst oder im Seelsorgegespräch – sind es religiöse Sprachformen, nicht so sehr theologische Texte, die zum Auferstehungsglauben anstiften. Ich denke dabei nicht nur an biblische Texte, sondern auch an religiöse Gedichte. Zum Beispiel […] „Entwurf für ein Osterlied“ von Rudolf Otto Wiemer, der in starken Bildern das Bild des himmlischen Friedens in die Gegenwart einzeichnet. […] Ganz generell scheint mir, dass wir beim Nachdenken über den Auferstehungsglauben gerade die emotionale Wirkung von Ostergeschichten, Osterliedern und Ostergedichten nicht vernachlässigen dürfen.

Rudolf Otto Wiemer 1

Entwurf für ein Osterlied

Die Erde ist schön, und es lebt sich leicht

75 im Tal der Hoffnung.

Gebete werden erhört.

Gott wohnt nah hinterm Zaun.

Die Zeitung weiß keine Zeile vom Turmbau 2.

Das Messer findet den Mörder nicht.

80 Er lacht mit Abel 3.

Das Gras ist unverwelklicher grün als der Lorbeer.

Im Rohr der Rakete nisten die Tauben.

Nicht irr surrt die Fliege an tödlicher Scheibe.

Alle Wege sind offen.

85 Im Atlas fehlen die Grenzen.

Das Wort ist verstehbar.

Wer Ja sagt, meint Ja, und „Ich liebe“ bedeutet:

jetzt und für ewig.

Der Zorn brennt langsam.

90 Die Hand des Armen ist nie ohne Brot.

Geschosse werden im Flug gestoppt.

Der Engel steht abends am Tor.

Er hat gebräuchliche Namen

und sagt, wenn ich sterbe: Steh auf.

(Rudolf Otto Wiemer: Ernstfall. Gedichte. Kiel 1963)

(Die vorgenommenen Kürzungen lassen den Gedankengang des Textes unberührt und betreffen lediglich ergänzende Aspekte.)

Ursula Roth ist evangelische Theologin.

1 Rudolf Otto Wiemer (1905 – 1998) war ein deutschsprachiger Lyriker und Autor christlich orientierter Literatur.

2 Turmbau: Anspielung auf den Turmbau zu Babel, Gen 11,1–9

3 Abel: Anspielung auf die Erzählung von Kain und Abel, Gen 4,1–16

2. Entfalten Sie zentrale Aspekte sowie die Bedeutung der Verkündigung Jesu vom Reich Gottes und setzen Sie diese zu dem Verständnis des christlichen Auferstehungsglaubens in Beziehung, das Ursula Roth vertritt. (30 Punkte)

Aufgabenstellung: Aufgabe 3 - Teilaufgabe 2 (Reich-Gottes-Verkündig… · Abitur NRW Evangelische Religion GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

2. Entfalten Sie zentrale Aspekte sowie die Bedeutung der Verkündigung Jesu vom Reich Gottes und setzen Sie diese zu dem Verständnis des christlichen Auferstehungsglaubens in Beziehung, das Ursula Roth vertritt.

Lösung: Eine den Anforderungen entsprechende Ausarbeitung umfasst folgende Aspekte: 1. Wesentliche Aspekte der Reich-Gottes-Verkündigung (6 Punkte): - Das Reich Gottes ist in Worten und Taten Jesu bereits zeichenhaft sichtbar geworden, seine endgültige Vollendung steht noch aus („Schon jetzt und Noch-nicht“ / eschatologischer Vorbehalt). - Kontrast zur bestehenden gesellschaftlichen Realität. - Es bricht von außen durch Gott herein und fordert die Menschen zugleich zur Nachfolge und Entsprechung im Handeln auf. 2. Konkrete Belege aus Jesu Wirken (4 Punkte): Belege aus Wort und Tat, z. B. Gleichnisse (vom Senfkorn, vom Sauerteig, barmherziger Samariter) oder Bergpredigt (Seligpreisungen, Feindesliebe) sowie Zuwendung zu Ausgegrenzten. 3. Bedeutung als Orientierung und Hoffnungsperspektive (4 Punkte): Relevanz für Christinnen, Christen und Kirche bei der individuellen und gesellschaftlichen Lebens- und Zukunftsgestaltung. 4. Herstellung des Zusammenhangs zu Ursula Roth (3 Punkte): Verknüpfung der Reich-Gottes-Theologie mit Roths Deutung des Auferstehungsglaubens. 5. Gemeinsamkeiten / Verbindungslinien (5 Punkte): - Hoffnung auf neuschöpferisches Handeln Gottes bereits im Hier und Jetzt (präsentische Dimension). - Vermittlung von Orientierung und Hoffnung im Selbst- und Weltverständnis. - Überwindung entmutigender Verlusterfahrungen durch Gottvertrauen. - Theologische Verzahnung in den Evangelien. 6. Unterschiede / Differenzen (5 Punkte): - Gesellschaftlich-ethische und gemeinschaftsbezogene Dimension bei Jesus vs. emotional-individualistischer Fokus bei Roth. - Eschatologischer Vorbehalt (Zukunftsvollendung) bei Jesus vs. starke Diesseitsorientierung bei Roth. 7. Zusammenfassung / Fazit (3 Punkte): Beide Konzeptionen stiften Orientierung: Jesus mit Blick auf die Erneuerung der menschlichen Gemeinschaft und Gesellschaft, Roth primär zur individuellen Lebens- und Verlustbewältigung.

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