Aufgabe 4 - Teilaufgabe 1 (Texterschließung) · Abitur NRW Evangelische Religion GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021
Thema: Texterschließung: Thema, Gedankengang und Position · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2021)
Aufgabenstellung
Ulrich Körtner
Der Gott der Klimaschützer
Wir leben in glaubensarmer Zeit. Der Soziologe Rudolf Stichweh prophezeit, das System der Religion könne sich als eigentlicher Verlierer der Corona-Krise erweisen, weil religiöse Deu- tungsmuster von allgemeiner Überzeugungskraft fehlten. Der Glaube an das Paradies und an das ewige Leben ist durch die Hoffnung auf das irdische Leben als letzte Gelegenheit abge- 5 löst worden. [...]
Im Kern handelt es sich um eine „Gotteskrise“, von der bereits vor Jahrzehnten der 2019 ver- storbene katholische Theologe Johann Baptist Metz gesprochen und die offenkundig auch die Kirchen erfasst hat. Das ließ sich während des Lockdowns gut beobachten. Viele kirch- liche Wortmeldungen beeilten sich zu versichern, die Pandemie habe mit Gott nichts zu tun. 10 Das Virus als Strafe oder als Prüfung zu interpretieren verbiete sich, weil sich das moderne Christentum dank der neuzeitlichen Religionskritik vom Bild eines strafenden Gottes befreit habe.
Dennoch fragen sich Gläubige und Halbgläubige, ob uns Gott vielleicht doch durch das Virus etwas sagen will. Aber auch diese Frage wurde abgeschnitten, gern mit dem Hinweis, Gott 15 habe in Jesus Christus alles Entscheidende für alle Zeiten gesagt. Allerdings ist Jesus Chris- tus, wie es in der Barmer Theologischen Erklärung der Bekennenden Kirche aus dem Jahr 1934 heißt, „das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben“. Bedeutet das aber, dass Gott sich ansonsten in Schwei- gen hüllt?
20 Zu den theologischen Herausforderungen der Gegenwart gehört das Problem einer Geschichts- theologie 1. Damit verbunden sind die Themen des Handelns oder Wirkens Gottes, seiner Er- wählung und Vorsehung, seiner Erhaltung und Vollendung der Schöpfung. Selbst in kirchli- chen Stellungnahmen, beispielsweise zu Umwelt und Klimaschutz, gerät der Glaube an Gottes fortlaufendes Schöpfungshandeln und die Erhaltung der Welt durch ihn zunehmend aus dem 25 Blick. So wirkt der biblische Gott in kirchlichen Appellen zur Bewahrung der Schöpfung oft nur noch als Motivator für menschlichen Einsatz zum Schutz der Natur, gewissermaßen als religiöses Add-on, auf das man notfalls verzichten kann.
In der Corona-Krise trat übrigens der strafende Gott bisweilen doch wieder in subtiler Form auf den Plan, heutzutage aber als sanfter Pädagoge, der dem Konzept der Lernstationen an- 30 hängt. An der „Lernstation Corona“ könne man lernen, dass wir unseren Umgang mit der Natur „neu denken“ müssen: Entschleunigung, weniger fliegen, eine sanftere Globalisierung, nachhaltigeres Wirtschaften und ein achtsamerer Umgang mit Tieren, von denen das Virus möglicherweise auf den Menschen übergesprungen ist. So mündet dann die kirchliche Gottes- rede in moralische Appelle, das Klima zu schützen und die Welt zu retten, der Wissenschaft 35 zu vertrauen und auf die Entwicklung von Impfstoffen zu hoffen. [...]
„Der Geist der Zeit oder Zukunft“, notierte Ludwig Feuerbach 2 1842/43, „ist der des Realis- mus. Die neue Religion, die Religion der Zukunft ist die Politik.“ Echten Gottesglauben gebe es nicht einmal mehr in den fortbestehenden Kirchen. Die Gläubigen sprächen zwar weiter vom Segen Gottes, doch suchten sie echte Hilfe nur beim Menschen. Daher sei der Segen 40 Gottes „nur ein blauer Dunst von Religion, in dem der gläubige Unglaube seinen praktischen Atheismus verhüllt“. Wo solch praktischer Atheismus tatsächlich in den Kirchen anzutreffen ist, zeigt sich, wie sehr auch die Kirchen von der „Gotteskrise“ (Johann Baptist Metz) befallen sind.
[...] Hatte nicht schon Dietrich Bonhoeffer 3 gesagt, Gott selbst zwinge uns zu der Erkenntnis, 45 dass wir in der Welt ohne ihn zurechtkommen müssen? Bonhoeffers späte Aufzeichnungen aus der Haft sind freilich vielschichtiger. Sein Konzept einer christlichen Verantwortungs- ethik beruht auf der Gewissheit, dass Gott auf verantwortliche Taten und Gebet nicht nur war- tet, sondern auch antwortet, und dass sich in, mit und unter schicksalhaften Erfahrungen die Möglichkeit auftut, Gottes Wirken und Führung in der Welt zu erkennen. Aktive Lebensfüh- 50 rung und Weltgestaltung, die sich dialektisch zwischen dem Widerstand gegen das Schicksal und der Ergebung in dasselbe bewegt, schlägt um in die passive Erfahrung des Geführtwer- dens.
Schmal ist der Grat zwischen Bonhoeffers Gewissheit, dass Gott als Abwesender anwesend und wirksam ist, und der Idee eines seiner Allmacht entledigten ohnmächtigen Gottes, der die 55 Verantwortung für die Welt und damit sein eigenes Geschick ganz in die Hände des Menschen gelegt hat. Sie findet sich zum Beispiel in einem bekannten Gedicht: „Christus hat keine Hände, nur unsere Hände, um seine Arbeit heute zu tun.“ Zwar weiß sich der Glaube in der Christusnachfolge zum Tun gerufen. Aber ein Christus ohne eigene Hände bleibt letztlich nur ein ethisches Modell. Der Tod Christi und seine Angefochtenheit und Gottverlassenheit am 60 Kreuz waren dann freilich vergeblich. Mag man auch sagen, Gott leide in Christus solidarisch mit uns, rettet uns das nicht vor dem ewigen Nichts. Geteiltes Leid mag halbes Leid sein, aber es bringt für sich genommen keine Erlösung.
Auch das Zukunftspapier der EKD 4 spricht von Christus lediglich als Urbild und Vorbild des- sen, was die evangelische Kirche „für die vielen“ tue. In seinem Geist setze sich die Kirche 65 für die Schwachen, Ausgegrenzten, Verletzten und Bedrohten sowie für Frieden und Bewah- rung der Schöpfung ein. [...] Zwar heißt es, die Kirche der Zukunft müsse missionarisch sein. Gedacht ist aber nicht so sehr an Verkündigung und Seelsorge, sondern in erster Linie an ein „zeichenhaftes und exemplarisches“ gesellschaftsdiakonisches und politisches Handeln.
Allerdings gehört die Diakonie zum Wesen der Kirche. Doch bevor sie eine diakonische Kir- 70 che für andere sein kann, muss sie zunächst einmal Kirche sein, und das heißt: die Gemein- schaft derer, die beständig neu auf Gott und sein Wort hören, das erlösende Wort von der Ver- söhnung zwischen Gott und Mensch, das wir uns nicht selbst sagen können. Der Zuspruch der Vergebung aber geht nicht in ethischen Appellen auf.
Soll von Gott die Rede sein, ohne alle Theologie in Anthropologie und Ethik aufzulösen, wird 75 dies nur möglich sein, wenn an der Rede von der Allmacht Gottes festgehalten wird. Gott als die „alles bestimmende Wirklichkeit“ (Rudolf Bultmann) ist freilich nicht nach dem Modell eines despotischen Weltenherrschers zu denken, sondern als Allmacht der Liebe zu begreifen, die selbst den Tod überwindet. Auf diesen Gott seine Zuversicht zu setzen ist Ausdruck einer kontrafaktischen 5, widerständigen Hoffnung, die gerade darin zutiefst human ist, dass sie den 80 Menschen vom Zwang zur Selbst- und Welterlösung befreit.
(Die Kürzungen im Text unterbrechen den Gedankengang nicht, sondern nehmen nur ergänzende Aspekte heraus. Offenkundige Druckfehler wurden korrigiert, ohne dabei den Sinn zu verändern.)
Ulrich Körtner ist evangelischer Theologe.
1 Geschichtstheologie: Auseinandersetzung mit der Frage nach einem Zusammenhang zwischen geschichtlichen Ereignissen und göttlichem Handeln
2 Ludwig Feuerbach (1804 – 1872) war ein Philosoph des 19. Jahrhunderts und gilt als Begründer der neuzeitlichen Religionskritik.
3 Dietrich Bonhoeffer (1906 – 1945) war ein wichtiger Vertreter der Bekennenden Kirche und am deutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus beteiligt. Er wurde am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg hingerichtet.
4 Unter dem Motto „Kirche auf gutem Grund“ veröffentlichte die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) im Sommer 2020 elf Leitsätze zur zukünftigen Weiterentwicklung der evangelischen Kirche.
5 kontrafaktisch: den Fakten widersprechend
1. Stellen Sie dar, welches Thema der Text von Ulrich Körtner behandelt und wie er argumentativ aufgebaut ist, und arbeiten Sie das Gottesbild heraus, das der Autor vertritt. (24 Punkte)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Stellen Sie dar, welches Thema der Text von Ulrich Körtner behandelt und wie er argumentativ aufgebaut ist, und arbeiten Sie das Gottesbild heraus, das der Autor vertritt.
Lösung: Körtner fragt anlässlich der Corona-Pandemie nach einer heute noch vertretbaren Vorstellung göttlichen Handelns in der Welt. Er diagnostiziert eine ‚Gotteskrise‘ und einen ‚praktischen Atheismus‘, wenn Kirche Gott nur noch als ethisches Add-on versteht. Demgegenüber hält er an einem allmächtig liebenden Gott fest, der Leid und Tod überwindet und echtes Schöpfungs- und Erlösungshandeln verbürgt.
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