Abitur NRW Deutsch 2025 · GK · Kriegsmetaphorik im Wortschatz der deutschen Sprache

Aufgabe Deutsch aus dem IQB-Pool 2025, GK · Kriegsmetaphorik im Wortschatz der deutschen Sprache: 2 Teilaufgaben mit Lösungen. Mit automatischer Korrektur.

Themen der Prüfung: Analyse pragmatischer Texte · Erörterung pragmatischer Texte

Aufgabe 1 - Analyse · Analyse pragmatischer Texte

Material

Max Fellmann: Ein Wortschatz wie ein Waffenschrank (2022)

Alle Vögel sind schon da 1,

alle Vögel, alle.

Welch ein Singen, Musiziern,

Pfeifen, Zwitschern, Tiriliern!

5 Frühling will nun einmarschiern...

Schluck.

Einmarschieren. Plötzlich dieses Wort. Vom Tirili zur Ukraine in nur einer Zeile. Dass der

Frühling eigentlich noch „mit Sang und Schalle“ kommt, will man dann schon gar nicht mehr

singen. Alles falsch. Alles schrecklich.

10 Da draußen ist Krieg. Und die grausigen Nachrichten aus Kiew und Mariupol 2, die immer

neuen Bilder und Meldungen machen einem auf einmal übel bewusst, was man da eigentlich

gedankenlos für eine Sprache spricht, tagaus, tagein. Es bleiben einem jetzt ständig die Worte

im Hals stecken. Die Freundin, die nach einem arbeitsreichen Tag sagt, den Einkauf habe sie

im Eifer des Gefechts vergessen – und im selben Moment betreten schluckt. Der Kollege, der

15 in der Konferenz seufzt, er habe sein Pulver verschossen – und sich erschrocken den Mund

zuhält. Der Nachbar, der nicht mehr lächeln kann, wenn die Schwiegermutter sagt, bei euch

sieht’s ja aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen.

Reden wir wirklich so? Ist unsere Sprache voller Krieg und Gewalt und Blut? Tja: Ja. Aus

unseren Worten spricht der Krieg, selbst wenn wir gar nicht daran denken. Der eine hat eine

20 Hustenattacke, die andere steht mit der Gartenarbeit auf Kriegsfuß, der Dritte streckt wegen

zu viel Arbeit die Waffen, seine Kollegin hält die Fahne hoch. Wir kämpfen (Pandemie,

Inflation, Klima) gleichzeitig an allen Fronten. Und abends übergibt die Nachrichtensprecherin

an ihren Kollegen: Na, dann schieß mal los mit dem Wetter.

Bei vielen dieser Ausdrücke konnte man auch früher schon zusammenzucken, aber seit der

25 Krieg direkt vor der Tür steht, seit Menschen auf der Flucht an unseren Bahnhöfen ankommen,

seit täglich über Aufrüstung und Verteidigungsbereitschaft debattiert wird, ist die Sprache ein

noch viel heikleres Gelände geworden. (Gut möglich, dass man vor ein paar Wochen noch

gesagt hätte: ein Minenfeld.)

Und wie wir reden, erinnert ja nicht nur an den Krieg, es wirkt sich auch auf unsere Gedanken

30 und Gefühle aus. „Wenn das Denken die Sprache korrumpiert 3, korrumpiert die Sprache auch

das Denken“, hat George Orwell 4 schon 1946 notiert. Mit dieser Prämisse arbeitet auch die

Psychotherapie. Der Coach Sebastian Mauritz sagt: „Wenn wir ständig Kriegsmetaphern

benutzen, gewöhnen wir uns an die Denkweise. Das Leben wird damit zu einem dauerhaften

inneren Kampf. Und ständiges Kämpfen strengt den Geist und den Körper an. Wir reagieren

35 mit Stress, um die Bedrohung zu beseitigen oder ihr zu entgehen. Dabei verstärken wir diese

durch unsere Sprachwahl um ein Vielfaches.“ Wer im Beruf von Angriff, Verteidigung,

Frontlinien und Durchstößen redet, sitzt halt irgendwann auch mit emotionalem Stahlhelm in

der Konferenz.

Sprache formt Denken. Zum Beleg (und zur Erholung) kurz ein ganz unkriegerisches Beispiel:

40 An der Hochschule Harz gab es mal eine Testreihe mit Tees. Hieß ein Tee „Tropical Feeling“,

wurde er von Probanden als exotisch und erfrischend beschrieben. Stand auf der Verpackung

der Name „Vor dem Kamin“, fielen die Bewertungen gegenteilig aus. Die Pointe, man kann es

sich schon denken: In den Tassen war jedes Mal der gleiche Tee.

So, wie sich Tee mit entsprechenden Namen gezielter vermarkten lässt, wollen sich auch

45 Menschen durch die Wahl ihrer Worte verkaufen. Stichwort Angriffslust. Wer den „Krieg gegen

die Drogen“ ausruft (Richard Nixons 5 „War on Drugs“ in den frühen Siebzigerjahren), will härter

erscheinen als jemand, der bloß von einem „Drogenproblem“ redet. Wer einem Virus den Krieg

erklärt (Donald Trump 6), hofft, stärker zu wirken als jemand, der bloß von Heilung spricht. Als

Olaf Scholz im März 2020, damals noch Finanzminister unter Angela Merkel 7, die

50 milliardenschweren Corona-Hilfen der Bundesregierung vorstellte, sagte er: „Das ist die

Bazooka, mit der wir das Notwendige jetzt tun.“ Bei vielen kam das zwar tatsächlich an wie:

Guter Mann, der geht das energisch an. Aber zur Einordnung – eine Bazooka, offizieller Begriff

„Antitank Rocket Launcher“, ist eine Panzerabwehrwaffe, die Soldaten auf der Schulter

abfeuern. Ein brutal effizientes Tötungsgerät.

55 Kampfbereitschaft per Kampfmetaphorik, so funktioniert es nun mal. Vor allem im Deutschen.

Ein Wortschatz wie ein Waffenschrank. Dominik Hetjens, Linguist an der Technischen

Universität Dresden, befasst sich seit Jahren mit dem Thema Sprache und Krieg, er sagt:

„Wenn wir betrachten, wie sich der deutsche Wortschatz gewandelt hat, dann finden wir

besonders große Veränderungen im Kontext des Ersten und Zweiten Weltkriegs. Das lässt

60 sich in quantitativen Untersuchungen eindeutig nachvollziehen. Militär spielte außerdem

grundsätzlich eine wichtige Rolle in der deutschen Geschichte. Im alten Preußen war es

allgegenwärtig, man hat sogar Kinder auf Familienfotos in Uniformen abgelichtet.“ Und so war

die Soldatensprache nicht nur ein Einfluss unter vielen, sondern tatsächlich das eine prägende

Kulturparadigma.

65 Bis heute reden wir in Formulierungen, bei denen man mitunter kaum noch darauf kommt,

dass sie eigentlich vom Krieg erzählen. Reiß dich am Riemen? Bezog sich auf den

Uniformgürtel, der exakt zu sitzen hatte, als Zeichen der Einsatzbereitschaft.

Auf der Fahrt haben wir uns total verfranzt? Kommt nicht von „ausfransen“ – „Franz“ wurden

im Ersten Weltkrieg die Co-Piloten genannt, die für die Navigation zuständig waren. Wenn der

70 Franz sich bei der Routenplanung irrte, verfranzte er sich.

Wir müssten den Laden mal auf Vordermann bringen? Rekruten, die sich ordentlich

aufstellten, mussten exakt in einer Linie mit den Soldaten vor ihnen stehen – falls nicht, brachte

sie der Ausbilder auf Vordermann.

Das hat übrigens nicht nur mit der militärischen Vergangenheit zu tun, sondern auch mit einer

75 Sprachlücke. „Die Grundfrage ist: Wie sprechen wir über abstrakte Dinge?“, sagt der Linguist

Dominik Hetjens. Begriff kommt von begreifen, also anfassen. Bei Gefühlen, Stimmungen oder

dem Verhältnis zu unserer Umwelt fehlen die greifbaren Worte. „Für unkörperliche Themen

bleibt uns oft nur der Umweg über die Metapher“, sagt Hetjens. Und aus welcher konkreten

Welt nimmt man diese Metaphern? In Ländern wie Spanien und Italien wählen die Menschen

80 zum Beispiel gern Formulierungen aus dem Kirchenleben. In der Geschichte Deutschlands

aber war das stärkste Bezugsfeld eben jahrhundertelang der Krieg.

Preußen ist lange her, Ukraine ist jetzt. Sollen wir nun mit unserer Sprache anders umgehen?

Man muss ja nicht gleich so weit gehen wie im Golfkrieg 8 oder nach dem 11. September 2001 9,

als US-Radiosender reihenweise bestimmte Lieder aus ihren Programmlisten strichen. Das

85 größte Radionetzwerk der USA untersagte damals etwa das Abspielen von Shot Down In

Flames (AC/DC), Crash Into Me (Dave Matthews Band), Burning Down The House (Talking

Heads) und sogar Knockin’ On Heaven’s Door (Bob Dylan) 10.

„Man muss keine Liste von Unwörtern machen“, meint der Linguist Hetjens. „Aber wenn

Menschen jetzt über ihre Alltagssprache erschrecken, zeigt das ja, dass sich etwas verändert.“

90 Man könnte sich in einem Gespräch oder beim Schreiben einer Mail kurz überlegen: Was für

eine Stimmung erzeuge ich, wenn ich von „Waffen“ oder „Angriff“ rede? Was für ein Weltbild

schwingt da mit? Es kann nie schaden, sich Gedanken über aufgeladene Rhetorik zu machen.

Siehe auch andere Entwicklungen in den vergangenen Jahren: Menschen stolpern über das

generische Maskulinum, lassen „Bürgerinnen“ nicht mehr automatisch bei „Bürgern“ mitlaufen.

95 Und bei Formulierungen mit Rassismusgefahr wie „schwarzsehen“ gilt inzwischen ebenfalls

eine verstärkte Behutsamkeit.

Und wenn es nun im Kinderzimmer aussieht, als hätte eine Bombe eingeschlagen – dann

könnte man auch mal wieder die altväterliche Formulierung bemühen: Hier sieht’s ja aus wie

bei Hempels unterm Sofa. Wo das herkommt? Die Hempels waren angeblich eine

100 Schaustellerfamilie, die mit dem Circus Hagenbeck reiste und bei jedem Gastspiel ihren Müll

einfach unter den Wagen kehrte. Auch diese Redewendung ist 100 Jahre alt. Aber herrlich

weit weg vom Krieg.

Fellmann, Max (31.03.2022): Ein Wortschatz wie ein Waffenschrank.

<https://sz-magazin.sueddeutsche.de/sprache/kriegerische-sprache-deutsch-91384>. 10.02.2023

Max Fellmann (*1970) ist Journalist und Redakteur des Magazins der Süddeutschen Zeitung.

Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textquelle.

Anmerkungen: Alle Vögel sind schon da: bekanntes Frühlings- und Kinderlied (Text 1835, Vertonung 1837).

Kiew und Mariupol: Städte in der Ukraine.

Korrumpieren: hier: beeinflussen, manipulieren.

George Orwell (1903–1950) war ein Schriftsteller, Essayist und Journalist.

Richard Nixon (1913–1994) war von 1969 bis 1974 Präsident der USA. Der von Nixon geprägte und hier zitierte Begriff bezeichnete Maßnahmen im Rahmen der US-Anti-Drogenpolitik.

Donald Trump (*1946) war bereits von 2017 bis 2021 Präsident der USA. Im Kontext der Corona-Pandemie inszenierte er sich als eine Art Oberbefehlshaber in einem Krieg gegen das Virus.

Angela Merkel (*1954) war von 2005 bis 2021 Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland.

Golfkrieg: Bezeichnung für Kriege zwischen und in Anliegerstaaten des Persischen Golfes, z. B. Kriege zwischen einer US-geführten Militärkoalition und Irak in den Jahren 1990/91 und 2003.

11. September 2001: Tag der koordinierten Entführung von Flugzeugen durch islamistische Terroristen und deren Steuerung in das World Trade Center in New York und den Sitz des Verteidigungsministeriums in den USA.

Shot Down In Flames: Lied über die Verdrängung eines Freiers durch einen Konkurrenten; Crash Into Me: Lied, in dem zur Erwiderung einer leidenschaftlichen Liebe aufgefordert wird; Burning Down The House: Lied, das dazu aufruft, Veränderungen zu begrüßen, Risiken einzugehen und Grenzen zu überschreiten; Knockin’ On Heaven’s Door: Lied, in dem die Gefühle eines alternden Sheriffs dargestellt werden, der angeschossen wurde und den Tod erwartet.

Aufgabenstellung

1. Analysieren Sie den Text „Ein Wortschatz wie ein Waffenschrank“ von Max Fellmann. Berücksichtigen Sie dabei den Gedankengang, die sprachlich-stilistische Gestaltung sowie die Intention des Textes.

ca. 70 %

Aufgabe 2 - Erörterung · Erörterung pragmatischer Texte

Material

Max Fellmann: Ein Wortschatz wie ein Waffenschrank (2022)

Alle Vögel sind schon da 1,

alle Vögel, alle.

Welch ein Singen, Musiziern,

Pfeifen, Zwitschern, Tiriliern!

5 Frühling will nun einmarschiern...

Schluck.

Einmarschieren. Plötzlich dieses Wort. Vom Tirili zur Ukraine in nur einer Zeile. Dass der

Frühling eigentlich noch „mit Sang und Schalle“ kommt, will man dann schon gar nicht mehr

singen. Alles falsch. Alles schrecklich.

10 Da draußen ist Krieg. Und die grausigen Nachrichten aus Kiew und Mariupol 2, die immer

neuen Bilder und Meldungen machen einem auf einmal übel bewusst, was man da eigentlich

gedankenlos für eine Sprache spricht, tagaus, tagein. Es bleiben einem jetzt ständig die Worte

im Hals stecken. Die Freundin, die nach einem arbeitsreichen Tag sagt, den Einkauf habe sie

im Eifer des Gefechts vergessen – und im selben Moment betreten schluckt. Der Kollege, der

15 in der Konferenz seufzt, er habe sein Pulver verschossen – und sich erschrocken den Mund

zuhält. Der Nachbar, der nicht mehr lächeln kann, wenn die Schwiegermutter sagt, bei euch

sieht’s ja aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen.

Reden wir wirklich so? Ist unsere Sprache voller Krieg und Gewalt und Blut? Tja: Ja. Aus

unseren Worten spricht der Krieg, selbst wenn wir gar nicht daran denken. Der eine hat eine

20 Hustenattacke, die andere steht mit der Gartenarbeit auf Kriegsfuß, der Dritte streckt wegen

zu viel Arbeit die Waffen, seine Kollegin hält die Fahne hoch. Wir kämpfen (Pandemie,

Inflation, Klima) gleichzeitig an allen Fronten. Und abends übergibt die Nachrichtensprecherin

an ihren Kollegen: Na, dann schieß mal los mit dem Wetter.

Bei vielen dieser Ausdrücke konnte man auch früher schon zusammenzucken, aber seit der

25 Krieg direkt vor der Tür steht, seit Menschen auf der Flucht an unseren Bahnhöfen ankommen,

seit täglich über Aufrüstung und Verteidigungsbereitschaft debattiert wird, ist die Sprache ein

noch viel heikleres Gelände geworden. (Gut möglich, dass man vor ein paar Wochen noch

gesagt hätte: ein Minenfeld.)

Und wie wir reden, erinnert ja nicht nur an den Krieg, es wirkt sich auch auf unsere Gedanken

30 und Gefühle aus. „Wenn das Denken die Sprache korrumpiert 3, korrumpiert die Sprache auch

das Denken“, hat George Orwell 4 schon 1946 notiert. Mit dieser Prämisse arbeitet auch die

Psychotherapie. Der Coach Sebastian Mauritz sagt: „Wenn wir ständig Kriegsmetaphern

benutzen, gewöhnen wir uns an die Denkweise. Das Leben wird damit zu einem dauerhaften

inneren Kampf. Und ständiges Kämpfen strengt den Geist und den Körper an. Wir reagieren

35 mit Stress, um die Bedrohung zu beseitigen oder ihr zu entgehen. Dabei verstärken wir diese

durch unsere Sprachwahl um ein Vielfaches.“ Wer im Beruf von Angriff, Verteidigung,

Frontlinien und Durchstößen redet, sitzt halt irgendwann auch mit emotionalem Stahlhelm in

der Konferenz.

Sprache formt Denken. Zum Beleg (und zur Erholung) kurz ein ganz unkriegerisches Beispiel:

40 An der Hochschule Harz gab es mal eine Testreihe mit Tees. Hieß ein Tee „Tropical Feeling“,

wurde er von Probanden als exotisch und erfrischend beschrieben. Stand auf der Verpackung

der Name „Vor dem Kamin“, fielen die Bewertungen gegenteilig aus. Die Pointe, man kann es

sich schon denken: In den Tassen war jedes Mal der gleiche Tee.

So, wie sich Tee mit entsprechenden Namen gezielter vermarkten lässt, wollen sich auch

45 Menschen durch die Wahl ihrer Worte verkaufen. Stichwort Angriffslust. Wer den „Krieg gegen

die Drogen“ ausruft (Richard Nixons 5 „War on Drugs“ in den frühen Siebzigerjahren), will härter

erscheinen als jemand, der bloß von einem „Drogenproblem“ redet. Wer einem Virus den Krieg

erklärt (Donald Trump 6), hofft, stärker zu wirken als jemand, der bloß von Heilung spricht. Als

Olaf Scholz im März 2020, damals noch Finanzminister unter Angela Merkel 7, die

50 milliardenschweren Corona-Hilfen der Bundesregierung vorstellte, sagte er: „Das ist die

Bazooka, mit der wir das Notwendige jetzt tun.“ Bei vielen kam das zwar tatsächlich an wie:

Guter Mann, der geht das energisch an. Aber zur Einordnung – eine Bazooka, offizieller Begriff

„Antitank Rocket Launcher“, ist eine Panzerabwehrwaffe, die Soldaten auf der Schulter

abfeuern. Ein brutal effizientes Tötungsgerät.

55 Kampfbereitschaft per Kampfmetaphorik, so funktioniert es nun mal. Vor allem im Deutschen.

Ein Wortschatz wie ein Waffenschrank. Dominik Hetjens, Linguist an der Technischen

Universität Dresden, befasst sich seit Jahren mit dem Thema Sprache und Krieg, er sagt:

„Wenn wir betrachten, wie sich der deutsche Wortschatz gewandelt hat, dann finden wir

besonders große Veränderungen im Kontext des Ersten und Zweiten Weltkriegs. Das lässt

60 sich in quantitativen Untersuchungen eindeutig nachvollziehen. Militär spielte außerdem

grundsätzlich eine wichtige Rolle in der deutschen Geschichte. Im alten Preußen war es

allgegenwärtig, man hat sogar Kinder auf Familienfotos in Uniformen abgelichtet.“ Und so war

die Soldatensprache nicht nur ein Einfluss unter vielen, sondern tatsächlich das eine prägende

Kulturparadigma.

65 Bis heute reden wir in Formulierungen, bei denen man mitunter kaum noch darauf kommt,

dass sie eigentlich vom Krieg erzählen. Reiß dich am Riemen? Bezog sich auf den

Uniformgürtel, der exakt zu sitzen hatte, als Zeichen der Einsatzbereitschaft.

Auf der Fahrt haben wir uns total verfranzt? Kommt nicht von „ausfransen“ – „Franz“ wurden

im Ersten Weltkrieg die Co-Piloten genannt, die für die Navigation zuständig waren. Wenn der

70 Franz sich bei der Routenplanung irrte, verfranzte er sich.

Wir müssten den Laden mal auf Vordermann bringen? Rekruten, die sich ordentlich

aufstellten, mussten exakt in einer Linie mit den Soldaten vor ihnen stehen – falls nicht, brachte

sie der Ausbilder auf Vordermann.

Das hat übrigens nicht nur mit der militärischen Vergangenheit zu tun, sondern auch mit einer

75 Sprachlücke. „Die Grundfrage ist: Wie sprechen wir über abstrakte Dinge?“, sagt der Linguist

Dominik Hetjens. Begriff kommt von begreifen, also anfassen. Bei Gefühlen, Stimmungen oder

dem Verhältnis zu unserer Umwelt fehlen die greifbaren Worte. „Für unkörperliche Themen

bleibt uns oft nur der Umweg über die Metapher“, sagt Hetjens. Und aus welcher konkreten

Welt nimmt man diese Metaphern? In Ländern wie Spanien und Italien wählen die Menschen

80 zum Beispiel gern Formulierungen aus dem Kirchenleben. In der Geschichte Deutschlands

aber war das stärkste Bezugsfeld eben jahrhundertelang der Krieg.

Preußen ist lange her, Ukraine ist jetzt. Sollen wir nun mit unserer Sprache anders umgehen?

Man muss ja nicht gleich so weit gehen wie im Golfkrieg 8 oder nach dem 11. September 2001 9,

als US-Radiosender reihenweise bestimmte Lieder aus ihren Programmlisten strichen. Das

85 größte Radionetzwerk der USA untersagte damals etwa das Abspielen von Shot Down In

Flames (AC/DC), Crash Into Me (Dave Matthews Band), Burning Down The House (Talking

Heads) und sogar Knockin’ On Heaven’s Door (Bob Dylan) 10.

„Man muss keine Liste von Unwörtern machen“, meint der Linguist Hetjens. „Aber wenn

Menschen jetzt über ihre Alltagssprache erschrecken, zeigt das ja, dass sich etwas verändert.“

90 Man könnte sich in einem Gespräch oder beim Schreiben einer Mail kurz überlegen: Was für

eine Stimmung erzeuge ich, wenn ich von „Waffen“ oder „Angriff“ rede? Was für ein Weltbild

schwingt da mit? Es kann nie schaden, sich Gedanken über aufgeladene Rhetorik zu machen.

Siehe auch andere Entwicklungen in den vergangenen Jahren: Menschen stolpern über das

generische Maskulinum, lassen „Bürgerinnen“ nicht mehr automatisch bei „Bürgern“ mitlaufen.

95 Und bei Formulierungen mit Rassismusgefahr wie „schwarzsehen“ gilt inzwischen ebenfalls

eine verstärkte Behutsamkeit.

Und wenn es nun im Kinderzimmer aussieht, als hätte eine Bombe eingeschlagen – dann

könnte man auch mal wieder die altväterliche Formulierung bemühen: Hier sieht’s ja aus wie

bei Hempels unterm Sofa. Wo das herkommt? Die Hempels waren angeblich eine

100 Schaustellerfamilie, die mit dem Circus Hagenbeck reiste und bei jedem Gastspiel ihren Müll

einfach unter den Wagen kehrte. Auch diese Redewendung ist 100 Jahre alt. Aber herrlich

weit weg vom Krieg.

Fellmann, Max (31.03.2022): Ein Wortschatz wie ein Waffenschrank.

<https://sz-magazin.sueddeutsche.de/sprache/kriegerische-sprache-deutsch-91384>. 10.02.2023

Max Fellmann (*1970) ist Journalist und Redakteur des Magazins der Süddeutschen Zeitung.

Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textquelle.

Anmerkungen: Alle Vögel sind schon da: bekanntes Frühlings- und Kinderlied (Text 1835, Vertonung 1837).

Kiew und Mariupol: Städte in der Ukraine.

Korrumpieren: hier: beeinflussen, manipulieren.

George Orwell (1903–1950) war ein Schriftsteller, Essayist und Journalist.

Richard Nixon (1913–1994) war von 1969 bis 1974 Präsident der USA. Der von Nixon geprägte und hier zitierte Begriff bezeichnete Maßnahmen im Rahmen der US-Anti-Drogenpolitik.

Donald Trump (*1946) war bereits von 2017 bis 2021 Präsident der USA. Im Kontext der Corona-Pandemie inszenierte er sich als eine Art Oberbefehlshaber in einem Krieg gegen das Virus.

Angela Merkel (*1954) war von 2005 bis 2021 Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland.

Golfkrieg: Bezeichnung für Kriege zwischen und in Anliegerstaaten des Persischen Golfes, z. B. Kriege zwischen einer US-geführten Militärkoalition und Irak in den Jahren 1990/91 und 2003.

11. September 2001: Tag der koordinierten Entführung von Flugzeugen durch islamistische Terroristen und deren Steuerung in das World Trade Center in New York und den Sitz des Verteidigungsministeriums in den USA.

Shot Down In Flames: Lied über die Verdrängung eines Freiers durch einen Konkurrenten; Crash Into Me: Lied, in dem zur Erwiderung einer leidenschaftlichen Liebe aufgefordert wird; Burning Down The House: Lied, das dazu aufruft, Veränderungen zu begrüßen, Risiken einzugehen und Grenzen zu überschreiten; Knockin’ On Heaven’s Door: Lied, in dem die Gefühle eines alternden Sheriffs dargestellt werden, der angeschossen wurde und den Tod erwartet.

Aufgabenstellung

2. Setzen Sie sich mit der Position des Autors zum Umgang mit militärisch geprägten Ausdrücken im öffentlichen und privaten Sprachgebrauch auseinander.

ca. 30 %

Du kannst auch nach Themen lernen

Übe ein Thema mit gemischten Aufgaben aus den Prüfungen und dem IQB-Pool aller Jahre.

Alle 8 Themen ansehen

Andere Prüfungen und Aufgaben 2025

GK · Boldt/Morgenstern (2025) · GK · Holzer: Die rote Perücke (2025) · GK · Mörike/Krolow (2025) · GK · Rakusa: Durch Schnee (2025) · GK · Sprachverwendung in Unternehmen (2025) · GK · Verwendung von Emojis (2025) · LK · Deutung der Figur Woyzeck (2025) · LK · Entwicklungstendenzen in der deutschen Sprache (2025) · LK · Goethe/Trakl (2025) · LK · Holz: [Die Nacht verrinnt, der Morgen dämmert] (2025) · LK · Klabund: Die Briefmarke auf der Feldpostkarte (2025) · LK · Sprachgebrauch im gesellschaftspolitischen Kontext (2025) · LK · Sprachverwendung in Unternehmen (2025)