Aufgabe 1 - Sprachreflexion und Sprachtheorien · Abitur NRW Deutsch LK · Nachtermin · Weiterbildungskolleg 2023
Thema: Sprachreflexion und Sprachtheorien · Aus der Prüfung LK · Nachtermin · Weiterbildungskolleg (2023)
Aufgabenstellung
Abiturprüfung 2023 – Deutsch, Leistungskurs (Nachtermin)
Aufgabe 1 (Teilaufgabe 2)
Nele Pollatschek
Der Weg zur Gleichheit ist Gleichheit (2020; Textauszug)
[...]
Für ein diskriminierungsfreies Leben habe ich ein paar falsche Entscheidungen getroffen,
Frau und jüdisch sein hätte ich zum Beispiel einfach lassen sollen. Ich gendere nicht, ich
möchte nicht gegendert werden, gerade weil ich weiß, wie Diskriminierung sich anfühlt.
5 Und ich weiß, dass die allermeisten Argumente gegen das Gendern falsch sind. Falsch
ist es zum Beispiel, zu behaupten, dass sich Wörter wie Student*innen nicht aussprechen
ließen. Wer „Theater“ korrekt aussprechen kann, mit einem glottalen Verschlusslaut, also
„The-kurze Pause-ater“ und nicht von „Thejater“ spricht, kann auch „Student-kurze Pause-
innen“ aussprechen. Auch ist falsch, dass das Gendern nicht schön sei. Wer denkt, dass bei
10 der zwischenmenschlichen Kommunikation Schönheit wichtiger sei als Gerechtigkeit, der
rettet auch einen Ertrinkenden nicht, weil das ganz hässliche Wasserflecken auf dem Jacht-
deck gibt. Am falschesten, dass die deutsche Sprache irgendwie vor Wandel geschützt wer-
den müsse. Alle Argumente dieser Art bitte nur auf Althochdeutsch verfassen.
Im Grunde gibt es nur ein einzig wirklich gutes Argument gegen das Gendern: Es ist leider
15 sexistisch. Ich sage leider, denn Menschen, die Gendern sind grundsympathisch. Wer gendert,
tut das in der Regel, um auf sprachliche und gesellschaftliche Ungerechtigkeiten hinzuweisen.
Gendern ist eine sexistische Praxis, deren Ziel es ist, Sexismus zu bekämpfen.
Ich habe mich mit dem deutschen Gendern noch nie wohl gefühlt, dass es sich dabei aber
um ein logisches Problem des Genderns handelt, wurde mir erst klar, als ich in England pro-
20 movierte und dort einen anderen Feminismus kennenlernte. Das erste Mal fiel es mir auf, als
ein Professor mich fragte, ob wir in Deutschland Angela Merkel wirklich als „Bundeskanz-
lerin“ bezeichnen und ob denn die deutschen Feministen nichts dagegen täten. 1
Wer wie ich in Deutschland und mit dem deutschen Feminismus sozialisiert wurde, der
muss diese Feststellung befremdlich finden. Das Durchsetzen „geschlechtergerechter“ Sprache
25 scheint hierzulande manchmal als die eigentliche Kernaufgabe des Feminismus. Zumindest
verzeichnet der moderne deutsche Feminismus hier seine größten Erfolge: Mag sein, dass die
Gender-Pay-Gap 2 seit 25 Jahren ziemlich konstant bei rund 20 Prozent liegt – Deutschland
ist Europavizemeister im Frauenschlechterbezahlen, nur Estland ist schlimmer. Immerhin
wird im sächsischen Justizministerium jetzt gegendert.
30 Was der Professor meinte, war schlichtweg dies: Tun die deutschen Feministen denn nichts
dagegen, dass es unterschiedliche Wortformen für Männer und Frauen gibt, dass also Männer
und Frauen sprachlich unterschiedlich behandelt werden? Damals erklärte ich dem Professor,
dass es um Sichtbarmachung geht. Dass viele Menschen, wenn sie Berufsbezeichnungen
hören, das Bild eines Mannes im Kopf haben und dass wir in Deutschland weibliche Wort-
35 formen verwenden – gerade auch in Stellenausschreibungen oder offiziellen Texten – um zu
verdeutlichen, dass der Beruf auch von Frauen ausgeübt wird.
Es gibt bei dieser Erklärung nur ein Problem: Die Standardvorstellung der meisten Berufs-
bezeichnungen ist nicht nur die eines Mannes, sondern die eines weißen, christlichen, hetero-
sexuellen Mannes. Wenn es also eine Wortform für weibliche Berufsausübende braucht, bedarf
40 es dann nicht genauso einer Wortform für jüdische oder schwarze oder schwule Berufsaus-
übende mit Behinderung? Wenn es wichtig ist, ein Wort zu verwenden, das die beiden Infor-
mationen „Schriftsteller“ und „Frau“ oder „Schriftsteller“ und „Frau“ enthält, wäre es dann
nicht genauso richtig, auch die Information „jüdisch“ in das Wort aufzunehmen?
Warum fühlt sich Schriftstellerjude oder Schwarzgast so verdammt falsch an, wenn Schrift-
45 stellerin und Gästin im öffentlichen Diskurs nicht nur in Ordnung, sondern auch noch anti-
diskriminierend sein sollen. Der englische Professor sah im deutschen Gendern das, was wir
nur erkennen können, wenn wir die Analogie mit einer anderen Identitätsbeschreibung bilden:
Diskriminierung.
Wenn wir im Deutschen gendern, dann sagen wir damit: Diese Information ist so wichtig,
50 dass sie immer mitgesagt werden muss. Und wir sagen: Nur diese Information muss immer
mitgesagt werden. Es ist richtig, auf alle anderen Identitätskategorien nur dann zu verweisen,
wenn sie relevant sind, nur das Geschlecht wird immer angezeigt, damit machen wir es zur
wichtigsten Identitätskategorie.
Es ist (heute) selbstverständlich, dass beim Wort Lehrerzimmer oder Schriftstellerverband
55 auch jüdische Lehrer und schwule Schriftsteller gemeint sind, ohne dass wir vom Schrift-
steller*schwulen-Verband oder vom Lehrer*juden-Zimmer sprechen, nur weibliche Lehrer
und Schriftsteller sollen extra genannt werden. Wenn wir gendern, sagen wir damit, diese
Information darf niemals nicht gesagt werden.
Ein türkischer, ein behinderter, ein schwuler Autor, Lehrer oder Immobilienmakler kann
60 manchmal auch einfach nur ein Mensch sein, der Bücher schreibt, Kinder ausbildet oder schim-
meligen Baumarktstuck als Liebhaberstück verkauft. Nur eine Frau wird das Frausein niemals
los. [...]
Der einzige Weg heraus aus dem sprachlichen Dauerfrausein ist das Ausland, für mich
war es Großbritannien. Denn der britische Feminismus hat auf das Problem der weiblichen
65 Berufsbezeichnung das Gegenextrem gewählt. Der englische Gedanke ist schlichtweg dieser:
Der Weg zu Gleichheit ist Gleichheit. Wer will, dass Männer und Frauen gleich behandelt
werden, der muss sie gleich behandeln und das heißt, sie gleich zu benennen.
Zu dem Zeitpunkt, als deutsche Zeitschriften, vor allem die eher links-progressiven, anfin-
gen, anstatt von „Schauspielern“ von „Schauspielern und Schauspielerinnen“, Schauspielen-
70 den, SchauspielerInnen, Schauspieler_innen und Schauspieler*innen zu schreiben, beschloss
der „Guardian“ – die englische Zeitung der feministischen Linken – nur noch das Wort „Actor“
zuzulassen und „Actress“ zu streichen.
In ihren Stilrichtlinien erklären sie bis heute, sowie es viele andere Publikationen tun, dass
„actress“ genau wie authoress, comedienne, manageress, lady doctor, male nurse und ähnli-
75 che Termini aus einer Zeit kommen, in der Berufe größtenteils einem einzigen Geschlecht
offenstanden (meistens dem männlichen). Und dass diese gegenderten Berufsbezeichnungen
heute, wo die Berufe allen Geschlechtern offenstehen, nicht mehr verwendet werden sollten.
Um es anders zu sagen: Während die Deutschen sich für das permanente Benennen von
Geschlechterunterschieden entschieden haben, haben die Briten sich entschieden, das Anzei-
80 gen von Geschlechtlichkeit so weit wie möglich zu vermeiden. Dafür haben sie mit typisch
britischer Pragmatik, die Form gewählt, die ihre Sprache sowieso als generisch hergibt. Diese
Form ist im Englischen, genau wie im Deutschen, identisch mit der männlichen Form, im
Deutschen wird sie durchaus kritisch als „generisches Maskulinum“ bezeichnet.
Die scheinbare sprachliche Maskulinität von generischen Berufsbezeichnungen wirft ein
85 Henne-Ei-Problem auf: Sind die Berufsbezeichnungen inhärent 3 männlich und brauchen daher
eine parallele weibliche Form, oder sind sie inhärent generisch und wirken nur deswegen
männlich, weil sie historisch nur von Männern ausgeführt werden durften?
Aus englischer Perspektive ist Letzteres der Fall. Das Wort Prime Minister bezeichnet de
facto für den Großteil der englischen Geschichte einen Mann, einfach schon deshalb, weil
90 Frauen weder wählen noch gewählt werden durften. Das Wort war nicht deshalb männlich,
weil es sprachlich männlich ist, sondern weil es in der Realität männlich war.
Die englische Lösung für dieses Problem ist es nicht, eine weibliche Form einzuführen,
obwohl Prime Ministress durchaus ginge, sondern eine Frau zu wählen. [...]
Hätte Deutschland den angelsächsischen Weg der Geschlechtergerechtigkeit eingeschla-
95 gen, dann gäbe es im Jahr 2020 sechsjährige Kinder, für die das Wort Bundeskanzler in erster
Assoziation ein weibliches ist, weil sie es noch niemals erlebt haben, dass ein Mann Bundes-
kanzler ist. Durch die Verwendung der beiden unterschiedlichen Wörter „Bundeskanzler“
und „Bundeskanzlerin“ haben wir uns um diesen Sprachwandel gebracht.
Und das, obwohl wir durchaus an die Möglichkeit solchen Wandels glauben, weil wir sie
100 an anderer Stelle mit dem Ziel der größeren Gerechtigkeit bereits erfolgreich eingesetzt haben.
Als die Engländer aufhörten, einen sprachlichen Unterschied zwischen actor und actress zu
machen, hörten die Deutschen auf, zwischen „Frau“ und „Fräulein“ zu unterscheiden. Anstatt
unverheiratete weibliche Menschen als „Fräulein“ und nur verheiratete weibliche Menschen
als „Frau“ zu bezeichnen, wurde es üblich, alle weiblichen Menschen als „Frau“ zu bezeich-
105 nen. Auch hier hätte man argumentieren können, dass dies die verheiratete Frau zum Stan-
dard macht und die unverheiratete diskriminiert.
Knapp fünfzig Jahre später wissen wir, dass das Gegenteil passiert ist: Indem wir das Wort
Frau unabhängig vom Ehestatus einsetzen, haben wir es ziemlich erfolgreich von der Bedeu-
tungsebene „verheiratet“ getrennt. Unverheiratete Frauen gibt es trotzdem, und die werden
meistens überhaupt nicht gerne als Fräulein bezeichnet.
110 Natürlich gibt es Argumente gegen das generische Maskulinum. Das generische Masku-
linum ist historisch männlich, diese Geschichte der Sprache kann man nicht ändern. Genauso,
wie man nicht ändern kann, dass Frauen, bis 1918 nicht wählen durften. Aber man kann Bedeu-
tungen verschieben.
In einer Welt, in der innerhalb weniger Jahrzehnten aus „Fräuleins“ „Frauen“ wurden, kön-
115 nen aus Frauen noch immer Menschen werden.
[...]
1 Angela Merkel war von 2005 bis 2021 Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland.
2 Gender-Pay-Gap: Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen in einer Volkswirtschaft
3 inhärent: einer Sache innewohnend
Anmerkungen zur Autorin:
Nele Pollatschek (* 1988) ist eine deutsche Schriftstellerin.
2. Stellen Sie die Grundzüge der Theorie von Edward Sapir und Benjamin Lee Whorf über den Zusammenhang von Sprache, Denken und Wirklichkeit dar und vergleichen Sie diese mit den Darlegungen von Nele Pollatschek. Beurteilen Sie zum Schluss, wie überzeugend Pollatscheks Artikel ist. [32 Punkte]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
2. Stellen Sie die Grundzüge der Theorie von Edward Sapir und Benjamin Lee Whorf über den Zusammenhang von Sprache, Denken und Wirklichkeit dar und vergleichen Sie diese mit den Darlegungen von Nele Pollatschek. Beurteilen Sie zum Schluss, wie überzeugend Pollatscheks Artikel ist.
Lösung: Individuelle Ausarbeitung auf der Grundlage sprachtheoretischer Fachkenntnisse und differenzierter Textreflexion gemäß amtlichem Kriterienkatalog.
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