Aufgabe · Abitur NRW Deutsch LK · Landau/Althaus 2023

Thema: Interpretation lyrischer Texte · Aus der Prüfung LK · Landau/Althaus (2023)

Aufgabenstellung

Aufgabenstellung

1. Interpretieren Sie das Gedicht „Mein sehnsüchtig Haar hast du nicht belaubt“ von Lola Landau. ca. 60 %

2. Vergleichen Sie Lola Landaus Gedicht „Mein sehnsüchtig Haar hast du nicht belaubt“ mit dem Gedicht „Erinnerungsklang“ von Theodor Althaus unter besonderer Berücksichtigung des Liebesmotivs sowie der sprachlich-formalen Gestaltung. ca. 40 %

Material

Lola Landau (1892–1990): Mein sehnsüchtig Haar hast du nicht belaubt (1922)

Frühling, aufgebrochnes Blätterlicht,

Mein sehnsüchtig Haar hast du nicht belaubt.

Strohkranz toter Sommer dorrt auf meinem Haupt.

Weinen rieselt grau in mein Gesicht.

5 Als ich noch durch Glitzerwiesen lief,

Wie Gewässer blank, seichte Teiche grün, –

Aus den Fingerknospen sprang ein rosa Blühn,

Und die nackten Füße plätscherten im Grase tief.

Wuchs der Lockwald mit den bunten Schreien.

10 Rascher Liebesblick, wildernd in dem Busch!

Bäume spreizten goldblau sich wie Papageien.

Durch Gefunkel sausten wir im Vogelhusch.

Aufgesprossen war mein Fliederhaar,

Und mit Gliederzweigen, sanftem Zeh

15 Stieg ich auf zum Schaum der Blütensee,

Stürmisch wogend mit der Äste Schaar.

Nun liegt mein Gesicht, ein vergessen Beet,

Wo der Tau in schwarze Gruben weint.

Lichtstrahl, spitzes Schwert, mich mit Schmerz bescheint.

20 Auge kahl in öde Bläue fleht.

Vollmer, Hartmut (Hg.): In roten Schuhen tanzt die Sonne sich zu Tod. Lyrik expressionistischer Dichterinnen. Hamburg: Igel Verlag 2012, S. 178.

Lola Landau, eigentlich Leonore Landau, war eine deutsch-israelische Schriftstellerin.

Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textquelle.

Theodor Althaus (1822–1852): Erinnerungsklang. (um 1848)

Nur einmal ließest du mich hören

Die süße Stimme im Gesang,

Doch in des Lebens schönsten Chören

Blieb mir seitdem von dir ein Klang.

5 Als wir an jenem Abend gingen

Im Garten, fern von Tanz und Chor,

Da wagt' ein himmlisch leises Singen

Sich scheu aus deiner Brust hervor,

Wortlos, wie Lerchen nur ergießen

10 Aus Lust den Liederstrom so hell,

In dem wir ewig doch genießen

Des Frühlings ganzen Geistesquell!

Ach allzurasch, wie Abendwehen,

Verhallte der geliebte Ton;

15 Der Morgen sah mich von dir gehen –

Nun sind wir fern seit Jahren schon.

Doch wenn des Frühlings Lerchen singen:

Dann fühl' ich selig, neubelebt,

Durch alle Lebenssaiten schwingen

20 Den Ton, dem einst mein Herz erbebt.

Stern, Adolf (Hg.): Fünfzig Jahre Deutscher Dichtung. Leipzig: Verlag von Ed. Wartig 1877, S. 442.

Theodor Althaus war ein deutscher Theologe und Schriftsteller.

Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textquelle.

1.

2.

Aufgabenstellung: Aufgabe · Abitur NRW Deutsch LK · Landau/Althaus 2023

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Interpretieren Sie das Gedicht „Mein sehnsüchtig Haar hast du nicht belaubt“ von Lola Landau.

Lösung: Thema: unstillbare Sehnsucht nach einer vergangenen Liebe / positive Erinnerung an Liebe und Leidenschaft / Schmerz aufgrund der nicht überwindbaren Einsamkeit. Aufbau: Strophe 1 – Klage des lyrischen Ichs über den gegenwärtigen, negativen Gemütszustand, gerichtet an den (personifizierten) Frühling, Trauer wegen ungestillter Sehnsucht. Strophe 2 – Erinnerung an Verliebtheit und Leichtigkeit der Gefühle in der Vergangenheit. Strophen 3 und 4 – Erinnerung an Verführung, leidenschaftliche Vereinigung und Steigerung der Empfindungsintensität des lyrischen Ichs im Liebesspiel. Strophe 5 – Verzweiflung über den gegenwärtigen Schmerz der Einsamkeit und den Verlust der Lebendigkeit. Rahmenstruktur: Strophen 1 und 5 – Klage über den gegenwärtigen Zustand seelischen Unglücks aufgrund unerfüllter Sehnsucht nach Lebendigkeit; Strophen 2 bis 4 – Erinnerung an Empfindungen des Liebesglücks, des intensiven Erlebens und der sinnlichen Erfüllung in der Vergangenheit. Sprachlich-formale Gestaltung (funktional erläutert): kontrastive Rahmung durch Einbettung positiver Erinnerungen (Str. 2–4) in eine negative Zustandsbeschreibung der Gegenwart (Str. 1, Str. 5), mit Tempuswechsel (vgl. V. 5, V. 17); expressive Darstellung der Empfindungen des lyrischen Ichs (Innensicht) in Gegenwart (V. 3 f., 17–20) und Vergangenheit (V. 5–16); Hervorhebung und Intensivierung einzelner Empfindungen insbesondere in Bezug auf das erinnerte Liebesglück (V. 6, V. 10) durch gezieltes Aufbrechen regelmäßiger metrisch-rhythmischer Strukturen (Trochäus) anhand von Zäsuren (V. 3, V. 6, V. 10) und Inversion (V. 2); Darstellung des Liebesglücks und der Vereinigung zweier Personen im sinnlichen Erleben durch Wechsel zum lyrischen „Wir“ (V. 12) sowie mittels Einbettung der Mittelstrophe (Kreuzreim, vgl. V. 9–12) durch umarmende Reime (vgl. V. 1–8, V. 13–20); Vermittlung von Leidenschaft und Erregung durch Synästhesien („mit den bunten Schreien“, V. 9; „Bäume spreizten goldblau sich“, V. 11) und Exclamatio (V. 10); Kontrastierung der Gefühle in Gegenwart und Vergangenheit durch Metaphorik des Fühlens und Sehens: „sehnsüchtig Haar“ (V. 2), „aufgesprossen[es] Fliederhaar“ (V. 13), „Auge kahl in öde Bläue fleht“ (V. 20), „Rascher Liebesblick“ (V. 10); Naturmetaphorik als Spiegel der Gefühle, intensiviert durch sprachliche Verschmelzung von Naturmotiven mit Empfindungen, v. a. in Neologismen (vgl. V. 7, V. 9, V. 12); Hervorhebung der Vergangenheit des Glücks und der Gegenwart der Sehnsucht durch Klage an den personifizierten Frühling (vgl. V. 1 f.), die keinen Raum zur Überwindung der Einsamkeit bzw. für einen Neubeginn lässt; Kontrastierung des neuen Erwachens der Natur im Frühling (vgl. V. 1) mit toter Natur als Metapher für Verlust (vgl. V. 3 f.); Vielfalt und Intensität der Empfindungen durch metaphorische Fusion von Naturmetaphern und frühlingshaften bzw. sommerlichen Farbmotiven (vgl. V. 9, V. 11); Darstellung der sich entfaltenden und steigernden Dynamik der Liebesempfindung durch Übergang von Frühlings- zu Sommermotiven (ab V. 9), Engführung von Körperdetails mit lebendiger Natur, Gestaltung einer Aufwärtsbewegung von der Tiefe (V. 8) bis zum Höhepunkt (V. 15 f.) durch Verben der Bewegung in steigernder Abfolge sowie Partizipien der Enthemmung; Hervorhebung der Sehnsucht durch herbstliche bzw. winterliche Naturmetaphern sowie Todesmetaphorik (vgl. V. 3, V. 4, V. 17 f.); Betonung des trisen Gegenwartsempfindens der Leblosigkeit und Vergänglichkeit durch Verwendung von Trauerfarben (vgl. V. 4, V. 18); Verdeutlichung des gegenwärtigen Zustands der Niedergeschlagenheit und Trauer durch Fokus auf das Motiv des Kopfes („Haar“ V. 2, „Haupt“ V. 3, „Gesicht“ V. 4, „Auge“ V. 20) in Verbindung mit Verben des Leidens und Attributen des Erlöschens; Steigerung des Leidens am gegenwärtigen Zustand durch den durch Alliterationen verstärkten Vergleich des „Lichtstrahl[s]“ mit einem schmerzbringenden „Schwert“ (V. 19); Hervorhebung der Präsenz der schmerzhaften Einsamkeit durch Verwendung unmittelbar kontrastierender Raummetaphorik: Hochgefühl am Höhepunkt (V. 15 f.) vs. Tiefpunkt des Trauerns (V. 17 f.); Andeutung einer Grundhaltung des Sehnens durch das Farbsymbol 'blau' („öde Bläue“, V. 20). Deutung z. B.: Vergänglichkeit des Liebesglücks, Hoffnungslosigkeit in Bezug auf das Neuerleben des Glücks; Einsamkeit als unaufhebbarer Normalzustand, Zweisamkeit als temporäre Erfahrung der Erfüllung; Einsamkeit als fortwährender, schwer erreichbarer Wunsch nach Entfaltung und Lebensfülle.

2. Vergleichen Sie Lola Landaus Gedicht „Mein sehnsüchtig Haar hast du nicht belaubt“ mit dem Gedicht „Erinnerungsklang“ von Theodor Althaus unter besonderer Berücksichtigung des Liebesmotivs sowie der sprachlich-formalen Gestaltung.

Lösung: Gemeinsamkeiten der inhaltlichen Gestaltung: Sehnsucht nach vergangenem Liebesglück als gegenwärtiger Gemütszustand; Momentaufnahme des vergangenen Glücks (Liebesnacht); prägende Kraft einer temporären Liebeserfahrung für das Leben des Einzelnen; Präsenz der Erinnerung; Gegenüberstellung von Gegenwart und Vergangenheit der Empfindungen; symbolische Bedeutung des Frühlings als Bedürfnis nach Liebe, Leidenschaft, Neubeginn. Unterschiede der inhaltlichen Gestaltung (Landau vs. Althaus): Einsamkeit als schmerzhafter, vorerst nicht auflösbarer Zustand der Leere und des Verlustes vs. überdauerndes Gefühl der emotionalen Verbindung zwischen lyrischem Ich und Du durch eine erfüllende Erinnerung an die Liebe; starker Kontrast zwischen vergangener, leidenschaftlicher Liebe und gegenwärtiger Trauer vs. harmonische Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart trotz Trennung; Hadern mit dem Zustand der Verlassenheit, mit der Vergänglichkeit der Liebe vs. aktives Verlassen, Neubeginn und Integration der Erinnerung in das gegenwärtige Dasein; expressive Darstellung der körperlichen Empfindungen und sich steigernde Leidenschaft vs. emphatische Darstellung des Genießens der Zweisamkeit, Andeutung physischer Leidenschaft; Entfaltung von sinnlicher Leidenschaft im Zustand des Verliebtseins vs. religiös konnotierte Liebe in überhöhender Darstellung; innere Unruhe in der Klage, tiefer Schmerz, Einsamkeit, Todesmetaphorik als Ausdruck übersteigerter Emotionalität vs. freundliche Ansprache des „Du“, Melancholie und Erneuerung des Gefühls als Ausdruck der inneren Ausgeglichenheit; Sehnsucht als unerträglicher Zustand vs. Sehnsucht als Schwelgen in Erinnerungen und positiven Gefühlen. Unterschiede der sprachlichen und formalen Gestaltung (Landau vs. Althaus): Hervorhebung von unterschiedlich intensiven Empfindungen durch gezielt durchbrochenes formales Gleichmaß (Trochäus, umarmender Reim) vs. Harmonie durch regelmäßigen, vierhebigen Jambus und durchgängigen Kreuzreim; Betonung des sinnlichen Erlebens durch vielfältige und häufig wechselnde Natur- und Körpermotive vs. Betonung des seelischen Empfindens mittels durchgängiger unkörperlicher Motive des Singens, der Musik und des Frühlings; Mehrdeutigkeit durch abundante, abwechslungsreiche Metaphorik und zahlreiche Neologismen vs. eindeutige Aussagestruktur durch einfach gehaltene Metaphorik, Darstellung von Tageszeiten und Orten; Verdeutlichung intensiver Empfindung zwischen Hochgefühl und tiefer Trauer durch sprachliche Expressivität vs. Darstellung sanfter, gemäßigter Gefühlsschwingungen zwischen Anstieg, Verklingen und Wiederbelebung; Klage an den Frühling als Ausdruck der Beklemmung und Enttäuschung vs. Aufrufen des Frühlings als Anlass zur Aufbruchsstimmung und Belebung der Gefühle. Mögliche Resümierung: unterschiedliches Verständnis (und unterschiedliche Ausgestaltung) des zentralen Motivs Sehnsucht, besonders im Hinblick auf die Reaktionen des lyrischen Ichs – Schmerzhaftigkeit der unstillbaren Sehnsucht nach sinnlichem Glück bei Landau; Sehnsucht als Schwelgen in positiven Erinnerungen und harmonische, melancholische Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart bei Althaus; Erinnerung an temporäres Glücksempfinden in der Liebe als Anlass für Verlusterfahrung bzw. als Bereicherung; persönliche Vergangenheit und Umgang damit als Spiegel der Persönlichkeit.

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