Aufgabe 1 · Abitur NRW Deutsch LK · Mörike/Krüger 2023

Thema: Interpretation lyrischer Texte · Aus der Prüfung LK · Mörike/Krüger (2023)

Aufgabenstellung

Aufgabenstellung

1. Interpretieren Sie das Gedicht „An die Geliebte“ von Eduard Mörike. ca. 60 %

2. Vergleichen Sie die Gestaltung der Liebesbeziehung in den Gedichten „An die Geliebte“ von Eduard Mörike und „Liebesgedicht 3“ von Michael Krüger. Berücksichtigen Sie sowohl inhaltliche als auch sprachlich-formale Aspekte. ca. 40 %

Material

Eduard Mörike (1804–1875): An die Geliebte (1830)

Wenn ich, von deinem Anschaun tief gestillt,

Mich stumm an deinem heilgen Wert vergnüge,

Dann hör ich recht die leisen Atemzüge

Des Engels, welcher sich in dir verhüllt.

5 Und ein erstaunt, ein fragend Lächeln quillt

Auf meinem Mund, ob mich kein Traum betrüge,

Daß nun in dir, zu ewiger Genüge,

Mein kühnster Wunsch, mein einzger, sich erfüllt?

Von Tiefe dann zu Tiefen stürzt mein Sinn,

10 Ich höre aus der Gottheit nächtger Ferne

Die Quellen des Geschicks melodisch rauschen.

Betäubt kehr ich den Blick nach oben hin,

Zum Himmel auf – da lächeln alle Sterne;

Ich kniee, ihrem Lichtgesang zu lauschen.

Mörike, Eduard: Werke in einem Band. München und Wien: Hanser 6 2004, S. 124.

Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textquelle.

Michael Krüger (geb. 1943): Liebesgedicht 3 (1978)

Wir sehen uns

das Treppenhaus hinuntergehn,

du zählst die graden,

ich die andern Stufen.

5 Nach Wachs riecht's hier,

leicht geht es sich nach unten,

der Tee wird schal,

die Öfen kühlen aus.

Die Leere hier zieht an,

10 das Licht verlöscht

mit einem dumpfen Plop,

geht wieder an:

Die letzte Schicht der Fremdheit

ist wie weggeblasen,

15 die Spur des Denkens führt

geradenwegs ins Herz.

Im Freien wächst

der Seele ein Gefieder;

und aus der Traum,

20 der Kopf, er hat uns wieder.

Krüger, Michael: Diderots Katze. Gedichte. München und Wien: Hanser 2 1978, S. 50.

Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textquelle.

1.

2.

Aufgabenstellung: Aufgabe 1 · Abitur NRW Deutsch LK · Mörike/Krüger 2023

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Interpretieren Sie das Gedicht „An die Geliebte“ von Eduard Mörike.

Lösung: Thema: Empfindung tiefsten Glücks bei der Betrachtung der Geliebten. Sprechsituation: augenblickhafte Glücksempfindung am Bett der Geliebten in einer (imaginierten) Ansprache. Aufbau: 1. Strophe – sinnlich-andächtige Betrachtung der schlafenden Geliebten, Verklärung zu einem überirdischen Wesen; 2. Strophe – flüchtiger Zweifel an der Realität der Liebeserfüllung, Glücksempfinden als Erfüllung einer Sehnsucht nach ewiger Liebe; 3. Strophe – tiefes In-sich-Gehen, Kontakt zur Sphäre der Transzendenz, Bewusstwerden der Schicksalhaftigkeit des Moments; 4. Strophe – Deutung der leuchtenden Sterne als visuelles Zeichen des Göttlichen, Gefühl des Aufgehobenseins im Kosmos durch die Liebe.

2. Vergleichen Sie die Gestaltung der Liebesbeziehung in den Gedichten „An die Geliebte“ von Eduard Mörike und „Liebesgedicht 3“ von Michael Krüger. Berücksichtigen Sie sowohl inhaltliche als auch sprachlich-formale Aspekte.

Lösung: Gemeinsamkeiten (inhaltlich): Thematik Liebe und Liebesbeziehung; Reflexion über die Intensität des Liebesempfindens; Liebe als Möglichkeit für Transzendenzerfahrungen (Mörike: „Gottheit“, V. 10, „Himmel“, V. 13, „Lichtgesang der Sterne“, V. 13 f.; Krüger: „wächst / der Seele ein Gefieder“, V. 17 f.); Ästhetisierung und Veranschaulichung der Empfindungen durch metaphorische Wendungen (Mörike: „stürzt mein Sinn“, V. 9, „Quellen des Geschicks“, V. 11, „lächeln alle Sterne“, V. 13, „Lichtgesang“, V. 14; Krüger: „die Öfen kühlen aus“, V. 8, „die Spur des Denkens“, V. 15, „wächst / der Seele ein Gefieder“, V. 17 f.); äußere Beobachtungen und innere Wahrnehmungen von Phänomenen der Liebe im Wechsel. Unterschiede (inhaltlich): ganzheitliches Erleben (Mörike) vs. Dominanz des Verstands (Krüger); Augenblicksempfinden und Unmittelbarkeit (Mörike) vs. Bilanzierung eines längeren Veränderungsprozesses, der durch nachlassende Gefühle zu Distanzierung und Entzauberung geführt hat (Krüger); enge Verschränkung von verehrender Betrachtung der Geliebten und religiöser Überhöhung des eigenen Schicksals (Mörike) vs. additive, unverbundene Reihung von inneren und äußeren Wahrnehmungen (Krüger). Unterschiede (sprachlich-formal): klassische Sonettform als ästhetische Entsprechung zur 'schönen' Empfindung (Mörike) vs. freie Form (zwei Versgruppen mit mehreren Sinneinheiten) als Darstellungsform des sachlichen Konstatierens einer im Alltag vergehenden Liebe (Krüger); dementsprechend vorhandenes Reimschema (Mörike) vs. weitestgehende Reimlosigkeit mit Ausnahme in V. 18 und 20 (Krüger); Unterschiedlichkeit der Perspektive: Schilderung starker Empfindungen des lyrischen Sprechers (Mörike) vs. nüchtern-sachliche Darstellung der Empfindungen und Beobachtungen beider Partner durch den lyrischen Sprecher (Krüger); selbstbezügliches Sprechen (Mörike) vs. 'Wir'-Bezogenheit im Ausdruck (Krüger); sakraler Duktus zur Darstellung eines religiös überhöhten Liebesempfindens (Mörike) vs. unprätentiöse Beschreibung des allmählichen Verblassens der Liebe durch Alltag und Gewohnheiten (Krüger). Resümee unter folgenden Aspekten: Subjektivität und Situationsbedingtheit des Liebesempfindens; Unterschiedlichkeit von Liebesmoment und Liebesbeziehung; idealistische vs. realistische Behandlung des Themas.

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