Aufgabe · Abitur NRW Deutsch LK · Domin/Kunert 2021
Thema: Interpretation lyrischer Texte · Aus der Prüfung LK · Domin/Kunert (2021)
Aufgabenstellung
Aufgabenstellung
1. Interpretieren Sie das Gedicht „Vorsichtige Hoffnung“ von Hilde Domin. ca. 70 %
2. Vergleichen Sie die Gestaltung des Motivs der Erneuerung in Hilde Domins Gedicht „Vorsichtige Hoffnung“ mit derjenigen in Günter Kunerts Kurzprosatext „Häuser an der Spree“. Berücksichtigen Sie dabei neben inhaltlichen auch ausgewählte sprachliche und formale Aspekte. ca. 30 %
Material 1
Hilde Domin (1909–2006): Vorsichtige Hoffnung (1959)
Weiße Tauben
im Blau
verbrannter Fensterhöhlen,
werden die Kriege für euch geführt?
5 Weiße Taubenschnur
durch die leeren Fenster
über die Breitengrade hinweg.
Wie Rosensträucher auf Gräbern
achtlos nehmt ihr das Unsre.
10 Auf den mit Tränen gewaschenen Stein
setzt ihr das kleine Nest.
Wir bauen neue Häuser,
Tauben,
die Schnäbel der Krane ragen
15 über unseren Städten,
eiserne Störche, die Nester für Menschen richten.
Wir bauen Häuser
mit Wänden aus Zement und Glas
an denen euer rosa Fuß
20 nicht haftet.
Wir räumen die Ruinen ab
und vergessen die äußerste Stunde
im toten Auge der Uhr.
Tauben, wir bauen für euch:
25 ihr werdet
in den glatten Wänden nisten,
ihr werdet
durch unsere Fenster fliegen
ins Blau.
30 Und vielleicht sind dann ein paar Kinder da
– und das wäre sehr viel –,
die unter euch
in den Ruinen
unserer neuen Häuser,
35 der Häuser, die wir mit den hohen Kranen
den Tag und die Nacht durch bauen,
Verstecken spielen.
Und das wäre sehr viel.
Domin, Hilde: Sämtliche Gedichte. Frankfurt am Main: © S. Fischer Verlag GmbH 2009.
Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textquelle.
Material 2
Günter Kunert (1929–2019): Häuser an der Spree (1972)
Zu mir sprechen die Steine. Wenn auch nicht alle. Aber es sind auch nicht alle Menschen befähigt, sich auszudrücken. Die grauen Großblöcke, die frischen jungen Ziegel sagen mir gar nichts, nur die von Erfahrung brüchigen, die vom Dasein lädierten, die von neuem und anderem Leben bereits befallenen, bemoosten, überwucherten. So stehe ich vorm Gemäuer alter Berliner Häuser, vor den Altersflecken fehlenden Putzes, streifig von herabrinnendem Wasser, von Granatsplittern noch immer versehrt und von Kugeleinschlägen, innen geräumt und abrißbereit, da auch an ihrerstatt der viereckige Beton ersetzen soll, was unersetzlich ist: die Zeichen gelebten Lebens. Große Anteilnahme befällt mich vor solchem Gestein, und weil man mit ihm nicht anders umspringt, als mit den Städtebewohnern aus Fleisch und Blut. Was wir uns zu sagen haben, ist nicht viel; wir verstehen einander mit wenigen Worten, die nichts Wichtiges besagen, sondern nur – da wir beide nicht wissen, ob wir einander je wiedersehen, Umbau und Verschleiß der Welt beschleunigen sich stetig – daß wir voneinander Abschied nehmen.
Kunert, Günter: Tagträume in Berlin und andernorts. Kleine Prosa, Erzählungen, Aufsätze. München: Carl Hanser Verlag 1972, S. 147.
Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textquelle.

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Interpretieren Sie das Gedicht „Vorsichtige Hoffnung“ von Hilde Domin.
Lösung: Eine gute Interpretation formuliert als Deutungsthese den Ausdruck der trotz der Kriegszerstörung bestehenden zaghaften Hoffnung auf Frieden und Neubeginn bzw. das Wissen um den Kreislauf von Zerstörung und Wiederaufbau, Leben und Tod. Sie stellt den Aufbau dar (1. Strophe: unvermittelte Konfrontation mit dem Bild weißer Tauben in zerstörter Lebenswelt, Infragestellen des Sinns von Kriegen; 2. Strophe: Ausweitung des Taubenbildes als Friedensbotschaft über Ländergrenzen hinweg; 3. Strophe: Entwicklung vom pragmatischen Zukunftsentwurf zur Prophezeiung der Wiederholung der Katastrophe; 4. Strophe: Beschreibung des Neuanfangs als Verdrängen der Tauben/Friedensbotschaft, Ausblenden der Zerstörungsursachen, Erwartung der Rückkehr der Tauben; 5. Strophe: resümierender Ausdruck verhaltener Hoffnung bei gleichzeitiger Skepsis). Sie erläutert sprachlich-formale Mittel funktional (unregelmäßiges Versmaß, reimlose Verse, Enjambements, Pronomen der 1. Person Plural als Gemeinschaft, Anrede der Tauben mit „ihr“, Farbsymbolik weiß/blau, Neologismus „Taubenschnur“, Wiederaufnahme von Begriffen wie „Fenster“, „Häuser“, „Nest(er)“, „Ruinen“, Wiederholung von „wir bauen“) und deutet den Text abschließend (Krieg und Zerstörung als existenzielle Grenzerfahrung, Neuanfang als Urtrieb, Hoffnung bei gleichzeitiger Skepsis gegenüber der Einsichtsfähigkeit des Menschen).
2. Vergleichen Sie die Gestaltung des Motivs der Erneuerung in Hilde Domins Gedicht „Vorsichtige Hoffnung“ mit derjenigen in Günter Kunerts Kurzprosatext „Häuser an der Spree“. Berücksichtigen Sie dabei neben inhaltlichen auch ausgewählte sprachliche und formale Aspekte.
Lösung: Ein gelungener Vergleich arbeitet Gemeinsamkeiten heraus (Kommunikation mit einem nicht-menschlichen Gegenüber als Anlass zur Reflexion vor dem Hintergrund von Zerstörung und Verfall; Detailbeobachtung realer Gegebenheiten in urbanem Szenario, die die Befindlichkeit des Betrachters spiegelt; Veranschaulichung von Vergänglichkeit bzw. des Prozesses von Erbauen und Zerstören; Rekurrieren auf Kriegs- und Zerstörungserfahrungen; Darstellung von Steinen/Gemäuern/Häusern als Lebensraum und zugleich Zeitzeugen; Skepsis bezüglich einer positiven Zukunftsprognose; eindrückliche variantenreiche, expressive Bildsprache mit Metaphern) sowie Unterschiede (pluralisierter lyrischer Sprecher bei Domin vs. Ich-Erzähler bei Kunert; nüchterne Sicht auf Neuanfang und Wiederaufbau bei Domin vs. Verbundenheit mit dem Alten und Wunsch nach dessen Erhalt bei Kunert; Bedürfnis der Menschen nach Beseitigung der Ruinen und Vergessen der Kriegserlebnisse bei Domin vs. Wunsch des Ich-Erzählers nach Bewahrung der mit Erfahrungen behafteten alten Gebäude bei Kunert; Errichtung neuer Gebäude als Zeichen des Neuanfangs und zunehmender Auslöschung/Anonymität bei Domin vs. Verdrängung bei Kunert; Stimmung der verhaltenen Hoffnung bei Domin vs. Stimmung der Anteilnahme/Trauer bei Kunert; Fokussierung des Zukünftigen bei Domin vs. Fokussierung des Geschichtsbewusstseins bei Kunert) und resümiert, z. B. Zerstörung und Erneuerung als typisches Muster menschlichen Handelns, Skepsis bezüglich einer positiven Zukunftserwartung, Wahrnehmung der Umwelt als Auslöser existenzieller Reflexion, Verwendung ähnlicher, nicht gattungsspezifisch definierbarer sprachlicher Mittel zur Motivgestaltung.
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