Aufgabe 3 - Farbstoffe und Fotometrie · Abitur NRW Chemie LK · Haupttermin 2023
Thema: Farbstoffe und Fotometrie · Aus der Prüfung LK · Haupttermin (2023)
Aufgabenstellung
Fachspezifische Vorgaben:
Carmoisin (E 122) ist ein synthetischer, in Europa zugelassener Lebensmittelfarbstoff. Das feste Natriumsalz ist gut wasserlöslich und beständig gegen Licht und Hitze. Das Extinktionsmaximum von Carmoisin liegt bei 516 nm. Carmoisin wird aufgrund seiner intensiven Farbe u. a. für Getränke, Süß- und Zuckerwaren, Marzipan, Puddingpulver, Kunstspeiseeis, Fruchtkonserven, Fertigsuppen und Paniermehl verwendet.
Carmoisin kann aus bicyclischen Kohlenwasserstoffverbindungen hergestellt werden, die ein Naphthalin-Grundgerüst tragen. Naphthalin (Stoff A) ist ein weißer Feststoff, der in unpolaren Lösemitteln gut löslich ist. Gibt man elementares Brom () zu einer Naphthalinlösung, entfärbt sich die Lösung nicht. Im Vergleich dazu entfärbt sich eine Lösung aus 1,2,3,4,5,8-Hexahydronaphthalin (Stoff B) und elementarem Brom schnell.
Für die Carmoisin-Synthese können die beiden Naphthalin-Derivate 1-Hydroxynaphthalin (1-Naphthol) und 1-Aminonaphthalin eingesetzt werden (Abbildung 1). Beide Verbindungen werden zunächst sulfoniert, indem sie mit konzentrierter Schwefelsäure () versetzt werden. Dabei dienen Schwefeltrioxid-Moleküle () als Reaktionspartner, die in der konzentrierten Schwefelsäure gelöst vorliegen. Bei der Sulfonierung (Schritte Ia und Ib) entstehen 4-Hydroxynaphthalin-1-sulfonsäure und 4-Aminonaphthalin-1-sulfonsäure. Beide Verbindungen lassen sich in verdünnter Natronlauge lösen und reagieren unter bestimmten Bedingungen zum gewünschten Farbstoff Carmoisin. Dabei wird 4-Aminonaphthalin-1-sulfonsäure zunächst in ein Zwischenprodukt überführt (Schritt II) und der Reaktionsansatz anschließend mit 4-Hydroxynaphthalin-1-sulfonsäure versetzt (Schritt III).
Konzentrationsbestimmung
Lebensmittel mit Farbstoffen aus der Farbstoffklasse, der auch Carmoisin angehört, tragen seit 2010 verpflichtend den Warnhinweis „Kann Aktivität und Aufmerksamkeit bei Kindern beeinträchtigen“. Ob die für die einzelnen Lebensmittel festgelegten Höchstmengen an Farbstoffen eingehalten werden, wird durch Konzentrationsbestimmungen kontrolliert. Enthält eine Limonade Carmoisin als einzigen zugesetzten Farbstoff, kann dessen Konzentration gut fotometrisch bestimmt werden.
Zusatzinformationen:
Als ein Derivat (von lateinisch derivare ‚ableiten‘) wird in der Chemie ein Stoff ähnlicher Struktur bezeichnet. Derivate sind z. B. Stoffe, die an Stelle eines Wasserstoff-Atoms ein anderes Atom oder eine ganze Atomgruppe besitzen bzw. bei denen ein oder mehrere Atome/Atomgruppen entfernt wurden.
Schwefeltrioxid-Moleküle sind planar gebaut und enthalten drei gleichlange Bindungen zwischen dem Schwefel-Atom und den Sauerstoff-Atomen.
Tabelle 1: Zusammenhang von absorbierter Strahlung, zugehöriger Spektralfarbe und beobachteter Komplementärfarbe.
Wellenlänge in nm · Spektralfarbe · Komplementärfarbe
< 400 · ultraviolett · farblos
400 – 435 · violett · gelbgrün
435 – 480 · blau · gelb
480 – 490 · grünblau · orange
490 – 500 · blaugrün · rot
500 – 560 · grün · purpur
560 – 580 · gelbgrün · violett
580 – 595 · gelb · blau
595 – 605 · orange · grünblau
605 – 770 · rot · blaugrün
4. Erklären Sie anhand von Carmoisin, wie Lichtabsorption und Farbigkeit zusammenhängen, und beziehen Sie dabei Tabelle 1 sowie das genannte Extinktionsmaximum ein. Begründen Sie die Farbigkeit von Carmoisin mithilfe seiner Molekülstruktur. Erläutern Sie die Grundlagen und die Durchführung des fotometrischen Messverfahrens am Beispiel der Konzentrationsbestimmung von Carmoisin in Limonade. (20 Punkte)
a)
b)
c)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
Erklären Sie anhand von Carmoisin, wie Lichtabsorption und Farbigkeit zusammenhängen, und beziehen Sie dabei Tabelle 1 sowie das genannte Extinktionsmaximum ein.
Lösung: Weißes Licht setzt sich aus verschiedenen Spektralfarben zusammen. Durch Absorption von Lichtquanten bestimmter Energie/Wellenlänge werden Elektronen aus dem Grundzustand in einen angeregten Zustand angehoben (Energiestufenmodell). Das Extinktionsmaximum von Carmoisin liegt bei 516 nm, was laut Tabelle 1 der Spektralfarbe Grün entspricht. Das nicht absorbierte Licht wird transmittiert bzw. reflektiert, sodass das menschliche Auge die Komplementärfarbe wahrnimmt. Die Komplementärfarbe zu Grün ist Purpur (bzw. Rot), weshalb Carmoisin intensiv rot/purpurfarben erscheint.
Begründen Sie die Farbigkeit von Carmoisin mithilfe seiner Molekülstruktur.
Lösung: Carmoisin besitzt ein ausgedehntes System konjugierter Doppelbindungen (Chromophor), bestehend aus den aromatischen Naphthalinringen und der verbindenden Azo-Gruppe (). In diesem System sind die -Elektronen über das gesamte Molekül delokalisiert, was durch mesomere Grenzstrukturen beschrieben werden kann. Dadurch verringert sich der Energieabstand zwischen dem höchsten besetzten (HOMO) und dem niedrigsten unbesetzten Molekülorbital (LUMO), sodass bereits energieärmeres Licht aus dem sichtbaren Bereich zur Elektronenanregung ausreicht. Zudem wirkt die Hydroxygruppe () als auxochrome Gruppe (Elektronendonator mit -Effekt), deren freie Elektronenpaare in das konjugierte -Elektronensystem einbezogen werden und die Absorption weiter in den längerwelligen Bereich verschieben.
Erläutern Sie die Grundlagen und die Durchführung des fotometrischen Messverfahrens am Beispiel der Konzentrationsbestimmung von Carmoisin in Limonade.
Lösung: Grundlage des Verfahrens ist das Lambert-Beer-Gesetz: Die Extinktion ist direkt proportional zur Konzentration des Farbstoffs (bei konstanter Schichtdicke der Küvette und konstantem molaren Extinktionskoeffizienten ). Durchführung: 1. Es wird eine Verdünnungsreihe von Carmoisinlösungen bekannter Konzentrationen hergestellt. 2. Die Extinktion dieser Standardlösungen wird bei der Wellenlänge des Extinktionsmaximums ($ \lambda = 516\ \mathrm{nm}$) in Küvetten gleicher Schichtdicke gemessen (vorheriger Nullabgleich mit dem reinen Lösemittel). 3. Die gemessenen Extinktionswerte werden gegen die Konzentrationen aufgetragen, um eine Kalibriergerade zu erstellen (bzw. zur Ermittlung des molaren Extinktionskoeffizienten ). 4. Die Limonadenprobe wird unter identischen Bedingungen (gleiche Wellenlänge 516 nm, gleiche Küvette) fotometrisch vermessen. 5. Aus der gemessenen Extinktion der Limonadenprobe kann die gesuchte Farbstoffkonzentration direkt an der Kalibriergeraden abgelesen oder rechnerisch über das Lambert-Beer-Gesetz bestimmt werden (ggf. unter Berücksichtigung eines Verdünnungsfaktors).
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