Aufgabe 3 · Abitur NRW Chemie GK · Haupttermin 2022

Thema: Farbstoffe und Fotometrie · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2022)

Aufgabenstellung

Gelbe Farbstoffe in Safran und Kurkuma

Safran wird aus einer u. a. in Südeuropa verbreiteten Krokusart ( Crocus sativus) gewonnen und ist wegen seines unvergleichlichen Aromas und seiner leuchtend gelben Farbe als Gewürz berühmt. Für das Gewürz werden nur die getrockneten Stempelfäden der Krokusblüte verwendet. Schon wenige Safranfäden genügen, um einem Gericht den typischen Geschmack und die intensiv gelbe Farbe zu verleihen. Um ein Kilogramm von ihnen zu gewinnen, benötigt man etwa 120.000 Blüten und damit eine Anbaufläche von ungefähr 1000 m². Die Ernte ist reine Handarbeit. Somit zählt Safran zu den teuersten Gewürzen der Welt. Im Handel zahlt man 4 bis 14 € pro Gramm Safran, allein aus diesem Grunde ist die Geschichte der Safran-Fälschungen lang.

Für die färbende Wirkung des Safrans ist der Farbstoff Crocin (Abbildungen 1a und 1b) verantwortlich. Er zeigt folgende typische Reaktionen:

Bei Zugabe von Bromwasser (Br2(aq)\text{Br}_2\text{(aq)}) zu einer Crocinlösung verändert sich die Farbe der Crocinlösung sukzessive, bis sie farblos wird.

Beim Erwärmen einer Crocinlösung mit verdünnter Salzsäure (HCl(aq)\text{HCl(aq)}) werden die Zuckerreste (R) abgespalten. Es fällt ein farbiger Niederschlag (Feststoff) aus und die überstehende Lösung ist farblos.

Kurkuma, auch Gelbwurz genannt, ist ein Gewürz aus dem südostasiatischen Raum, das durch seine auffällige gelbe Farbe sofort ins Auge sticht. Es wird aus den Wurzeln von Gelbwurzgewächsen (z. B. Curcuma xanthorrhiza) gewonnen und bildet als gemahlenes Pulver einen wesentlichen Bestandteil von Currypulver. Kurkuma wird häufig nicht nur zum Würzen, sondern auch aus optischen Gründen zum Färben von Gerichten verwendet. Kurkuma-Pulver ist ein beliebtes und günstiges Mittel, den teuren Safran als Gewürz zu strecken.

Für die färbende Wirkung des Kurkuma ist der Farbstoff Curcumin (E 100) verantwortlich. In sauren und neutralen Medien liegen Curcumin-Moleküle in der in Abbildung 2 dargestellten Form A vor und weisen zwei unabhängige mesomere Systeme in ihren Molekülen auf.

In alkalischem Medium liegen die Curcumin-Moleküle in der in Abbildung 3 dargestellten Form B vor, die Lösung erscheint rot:

Ein einfacher Unterscheidungstest zwischen Safran und Kurkuma beruht auf der Zugabe von Natronlauge. Während sich die Farbe eines Safranextraktes bei Zugabe von Natronlauge nicht ändert, färbt sich ein Kurkumaextrakt sofort rot.

Zusatzinformationen

Tabelle: Zusammenhang von absorbierter Strahlung, zugehöriger Spektralfarbe und beobachteter Komplementärfarbe

Wellenlänge λ\lambda in nm · Spektralfarbe · Komplementärfarbe

< 400 · ultraviolett · farblos

400 – 435 · violett · gelbgrün

435 – 480 · blau · gelb

480 – 490 · grünblau · orange

490 – 500 · blaugrün · rot

500 – 560 · grün · purpur

560 – 580 · gelbgrün · violett

580 – 595 · gelb · blau

595 – 605 · orange · grünblau

605 – 770 · rot · blaugrün

1.

Erklären Sie unter Heranziehung der Tabelle und am Beispiel des Farbstoffs Crocin, wie Lichtabsorption und Farbigkeit zusammenhängen. Begründen Sie die Farbigkeit von Crocin mithilfe seiner Molekülstruktur. Geben Sie für die Reaktion, die beim Erwärmen einer Crocinlösung mit verdünnter Salzsäure stattfindet, die Reaktionsgleichung und den Reaktionstyp an. [20 Punkte]

2.

Geben Sie an, um welchen Reaktionstyp es sich bei der Reaktion handelt, die abläuft, wenn man Bromwasser zu einer Crocinlösung gibt. Erläutern Sie den Reaktionsablauf in einzelnen Schritten. Begründen Sie mithilfe dieser Reaktion, warum sich die Crocinlösung bei Zugabe von Bromwasser sichtbar verfärbt. [16 Punkte]

3.

Begründen Sie, warum die beiden mesomeren Systeme im Curcumin-Molekül (Form A) voneinander unabhängig sind. Erläutern Sie anhand der Molekülstrukturen der Formen A und B (Abbildungen 2 und 3), weshalb neutrale und alkalische Kurkumalösungen verschieden gefärbt sind. Stellen Sie eine begründete Hypothese auf, ob sich auch mit Bromwasser reiner von gefälschtem Safran unterscheiden lässt. [24 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe 3 · Abitur NRW Chemie GK · Haupttermin 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Erklären Sie unter Heranziehung der Tabelle und am Beispiel des Farbstoffs Crocin, wie Lichtabsorption und Farbigkeit zusammenhängen. Begründen Sie die Farbigkeit von Crocin mithilfe seiner Molekülstruktur. Geben Sie für die Reaktion, die beim Erwärmen einer Crocinlösung mit verdünnter Salzsäure stattfindet, die Reaktionsgleichung und den Reaktionstyp an.

Lösung: • Lichtabsorption und Farbigkeit: Weißes Licht besteht aus allen Spektralfarben. Wenn Moleküle Photonen bestimmter Wellenlänge absorbieren, werden Valenzelektronen aus dem Grundzustand auf ein höheres Energieniveau angeregt. Das für das menschliche Auge sichtbare Restlicht entspricht der Komplementärfarbe des absorbierten Lichts. Crocin absorbiert blaues Licht im Wellenlängenbereich von 435 bis 480 nm, weshalb es in der Komplementärfarbe Gelb erscheint. • Molekülstruktur von Crocin: Crocin besitzt eine ausgedehnte Polyenstruktur mit einem System aus alternierenden Einfach- und Doppelbindungen (konjugierte Doppelbindungen / Chromophor). Die π\pi-Elektronen sind über das gesamte konjugierte System delokalisiert, was nach dem Modell der mesomeren Grenzstrukturen den Energieabstand ΔE\Delta E zwischen dem höchsten besetzten (HOMO) und dem niedrigsten unbesetzten Molekülorbital (LUMO) so weit verringert, dass bereits energiearmes sichtbares Licht (blaues Licht) für eine Elektronenanregung ausreicht. • Reaktionstyp: säurekatalysierte Esterspaltung (bzw. säurekatalysierte Hydrolyse). • Reaktionsgleichung:

2. Geben Sie an, um welchen Reaktionstyp es sich bei der Reaktion handelt, die abläuft, wenn man Bromwasser zu einer Crocinlösung gibt. Erläutern Sie den Reaktionsablauf in einzelnen Schritten. Begründen Sie mithilfe dieser Reaktion, warum sich die Crocinlösung bei Zugabe von Bromwasser sichtbar verfärbt.

Lösung: • Reaktionstyp: Elektrophile Addition (AE\text{A}_\text{E}). • Ablauf in Einzelschritten: 1. *Schritt 1 (Angriff und Zwischenstufe):* Ein Brom-Molekül (Br2\text{Br}_2) nähert sich einer elektronenreichen C=C\text{C=C}-Doppelbindung des Crocins. Durch die π\pi-Elektronen wird das Brom-Molekül temporär polarisiert (Brδ+−Brδ−\text{Br}^{\delta+}-\text{Br}^{\delta-}). Nach Bildung eines π\pi-Komplexes erfolgt die heterolytische Bindungsspaltung des Brom-Moleküls; es bildet sich ein cyclisches Bromonium-Ion als kationisches Interdukt sowie ein Bromid-Ion (Br−\text{Br}^-). 2. *Schritt 2 (Rückseitenangriff):* Ein Nukleophil greift das Bromonium-Ion nucleophil von der Rückseite an einem Kohlenstoffatom des Dreirings an. In wässriger Lösung (Bromwasser) kann dies entweder ein Bromid-Ion sein (Bildung einer vicinalen Dibromverbindung) oder ein Wasser-Molekül (unter anschließender Protonenabspaltung zur Bildung eines Bromhydrins/Bromalkohols). • Begründung der Farbänderung: Durch die elektrophile Addition an die Doppelbindungen werden C=C\text{C=C}-Doppelbindungen in C−C\text{C}-\text{C}-Einfachbindungen umgewandelt. Dadurch wird das System konjugierter Doppelbindungen sukzessive verkleinert bzw. unterbrochen. Mit schrumpfendem delokalisiertem System steigt die erforderliche Anregungsenergie ΔE\Delta E, wodurch die absorbierte Wellenlänge λ\lambda ins kurzwellige UV-Licht (&lt; 400 nm) verschoben wird. Sobald sichtbares Licht nicht mehr absorbiert wird, erscheint die Lösung farblos.

3. Begründen Sie, warum die beiden mesomeren Systeme im Curcumin-Molekül (Form A) voneinander unabhängig sind. Erläutern Sie anhand der Molekülstrukturen der Formen A und B (Abbildungen 2 und 3), weshalb neutrale und alkalische Kurkumalösungen verschieden gefärbt sind. Stellen Sie eine begründete Hypothese auf, ob sich auch mit Bromwasser reiner von gefälschtem Safran unterscheiden lässt.

Lösung: • Unabhängigkeit der mesomeren Systeme (Form A): Zwischen den beiden Carbonyl-Gruppen des Curcumin-Moleküls (Form A) befindet sich eine CH2\text{CH}_2-Gruppe (Methylengruppe). Das Kohlenstoffatom dieser CH2\text{CH}_2-Gruppe ist sp3\text{sp}^3-hybridisiert, besitzt keine freien p-Orbitale und kann keine Doppelbindung eingehen. Es unterbricht somit die Konjugation zwischen den beiden Molekülhälften, weshalb zwei voneinander getrennte mesomere Systeme vorliegen. • Farbe neutraler vs. alkalischer Kurkumalösungen: - In *neutralem/saurem Medium (Form A)* liegen zwei voneinander getrennte, kleinere mesomere Systeme vor. Diese absorbieren blaues Licht (435−480435-480 nm); die Komplementärfarbe ist Gelb. - In *alkalischem Medium (Form B)* liegt durch Keto-Enol-Tautomerie und Deprotonierung eine Enolat-Struktur vor: Anstelle der CH2\text{CH}_2-Gruppe existiert eine konjugierte C=C\text{C=C}-Doppelbindung. Zudem deprotoniert die phenolische Hydroxy-Gruppe zu einer Phenolat-Gruppe (O−\text{O}^-), die einen starken +M+\text{M}-Effekt ausübt. Dadurch entsteht ein durchgehendes, großes delokalisiertes π\pi-Elektronensystem über das gesamte Molekül. Dies verringert den HOMO-LUMO-Abstand (bathochrome Verschiebung): Das Absorptionsmaximum verschiebt sich in den längerwelligen Bereich von 490 bis 500 nm (Blaugrün), sodass die wahrgenommene Komplementärfarbe Rot ist. • Hypothese zur Unterscheidung mit Bromwasser: Bromwasser eignet sich nicht (oder nur sehr schlecht) zur Unterscheidung von reinem und mit Kurkuma gefälschtem Safran. Denn auch das Curcumin-Molekül verfügt über C=C\text{C=C}-Doppelbindungen, die mit Brom elektrophil reagieren können. Dadurch würde auch eine Kurkumalösung durch Bromzugabe entfärbt. Da beide Farbstoffe durch Bromwasser entfärbt werden, zeigt die Reaktion keinen eindeutigen Unterschied zwischen den beiden Substanzen (zudem ist Bromwasser giftig und besitzt eine störende bräunliche Eigenfarbe).

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