Aufgabe 3 - Neurobiologie · Abitur NRW Biologie LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021
Thema: Nervenzelle: Membranpotenziale und Erregungsleitung · Aus der Prüfung LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2021)
Aufgabenstellung
Material A: Vererbung der Leberschen kongenitalen Amaurose
Die Lebersche kongenitale Amaurose (LCA) ist eine vererbbare, schwere Form einer Netzhauterkrankung, bei der es zu einer fortschreitenden Zerstörung von Zellen der Netzhaut kommt. Dies ist mit einer starken Verminderung der Sehschärfe und einer Einschränkung des Gesichtsfeldes verbunden. Die Erkrankung schreitet chronisch fort und führt letztlich zur vollständigen Erblindung. Betroffene werden häufig bereits mit schweren Sehbehinderungen oder sogar blind geboren. In anderen Fällen treten die Symptome der Krankheit in den ersten Lebensjahren auf.
Material B: Aufgaben der Pigmentschicht
Die Pigmentschicht ist eine dunkel gefärbte Zellschicht im Auge. Sie liegt innen auf der Aderhaut und steht mit den Außensegmenten der Lichtsinneszellen in direkter Verbindung. Die Pigmentschicht absorbiert Streulicht im Auge und transportiert die beim Aufnehmen des Lichtes anfallende Wärme ab. Sie versorgt die Lichtsinneszellen mit Wasser, Ionen und Nährstoffen, baut abgestorbene Lichtsinneszellen ab und ist am Retinal-Zyklus beteiligt (Abbildung 2). Das bei der Fototransduktion gebildete trans -Retinal ist ein Zellgift und kann Schäden an den Proteinen der Außensegmente der Lichtsinneszellen verursachen. Störungen im Stoffwechsel der Pigmentschicht führen zur fortschreitenden Zerstörung ihrer Zellen. Mutationen im RPE65 -Gen können sich auf den Stoffwechsel der Zellen in der Pigmentschicht auswirken und letztlich LCA verursachen.
Material C: Molekulare Ursachen der LCA
Bisher sind mehr als 17 verschiedene Gene bekannt, deren Mutationen LCA auslösen können. Mutationen im RPE65 -Gen sind besonders häufig die Ursache der Krankheit. Es wurden in diesem Gen mehr als 65 verschiedene Mutationen nachgewiesen, die zu LCA führen können. Das RPE65 -Gen besteht aus 14 Exons und 13 Introns und codiert für das 533 Aminosäuren umfassende RPE65-Protein (Abbildung 3).
In einer Studie wurde eine weitere von LCA betroffene Familie, Familie B, untersucht. Die Eltern waren phänotypisch gesund. Die Tochter war an LCA erkrankt und litt unter zunehmend starken Sehbeeinträchtigungen. Im Rahmen der Studie wurden die RPE65 -Allele der Eltern und ihrer Tochter sequenziert und mit der Nukleotidsequenz des Normal-Allels verglichen (Tabelle 1).
Material D: Analyse von Mutation 2 mittels RT-PCR
Die Reverse-Transkriptase-Polymerase-Kettenreaktion (RT-PCR) ist eine molekularbiologische Methode zur Untersuchung von RNA (Abbildung 4). Die Reverse Transkriptase ist ein Enzym, das zu einer RNA den komplementären DNA-Strang, die cDNA, herstellt.
Die Auswirkung der in Tabelle 1 gezeigten Mutation 2 auf die Expression des RPE65 -Gens wurde mithilfe einer RT-PCR untersucht (Abbildung 5A). Dazu wurde sowohl die RNA aus Zellen mit dem Normal-Allel als auch die RNA aus Zellen mit dem Allel mit Mutation 2 isoliert und mithilfe der RT-PCR analysiert. Die erhaltenen RT-PCR-Produkte wurden mittels Gelelektrophorese aufgetrennt und sichtbar gemacht (Abbildung 5B).
Material E: Codesonne und Tabelle zum genetischen Code
2. Fassen Sie den Ablauf des Retinal-Zyklus zusammen (Material B). Erläutern Sie unter Heranziehung der Materialien A und B, wodurch die Symptome der Leberschen kongenitalen Amaurose zustande kommen. [18 Punkte]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
Fassen Sie den Ablauf des Retinal-Zyklus zusammen (Material B).
Lösung: - Im Außensegment der Lichtsinneszellen verändert cis-Retinal durch Lichtabsorption seine Raumstruktur zu trans-Retinal. Rhodopsin wird dadurch aktiviert. - Das aktivierte Rhodopsin zerfällt zu Opsin und trans-Retinal. Durch den Retinal-Zyklus wird cis-Retinal und somit Rhodopsin recycelt. - Dazu wird trans-Retinal enzymatisch zu trans-Retinol umgesetzt und dieses in die Pigmentschicht transportiert. Dort wird trans-Retinol über mehrere Zwischenprodukte unter Beteiligung des Enzyms RPE65 zu cis-Retinal recycelt. - Das cis-Retinal wird wieder in das Außensegment der Lichtsinneszellen transportiert und bildet dort mit Opsin Rhodopsin, welches dann wieder für die Fototransduktion zur Verfügung steht.
Erläutern Sie unter Heranziehung der Materialien A und B, wodurch die Symptome der Leberschen kongenitalen Amaurose zustande kommen (Teil 1: Funktion von RPE65 und Sehstörungen).
Lösung: - Das Enzym RPE65 ist notwendig für den Sehprozess, weil es als Teil des Retinal-Zyklus am Recycling von cis-Retinal aus trans-Retinal beteiligt ist. - Wenn das Enzym RPE65 nicht oder unzureichend funktioniert, kann der Retinal-Zyklus nicht ablaufen. Dadurch kann cis-Retinal nicht in ausreichender Menge hergestellt werden. Der daraus resultierende Mangel an Rhodopsin und die dadurch verursachte Einschränkung der Fototransduktion führen vermutlich zu einer Abnahme der Sehschärfe. - Die Pigmentschicht ist verantwortlich für den Abtransport von Wärme. Wenn sie zerstört ist, werden möglicherweise die Lichtsinneszellen durch Überhitzung beschädigt, wodurch ebenfalls das Sehvermögen stark beeinträchtigt werden kann.
Erläutern Sie unter Heranziehung der Materialien A und B, wodurch die Symptome der Leberschen kongenitalen Amaurose zustande kommen (Teil 2: Zellschädigung und Erblindung).
Lösung: - Trans-Retinal ist toxisch für Zellen. Wenn der Retinal-Zyklus gehemmt ist, kann es sich möglicherweise in Lichtsinneszellen anreichern und diese können mit der Zeit absterben. - Störungen im Stoffwechsel der Pigmentschicht führen zur fortschreitenden Zerstörung ihrer Zellen. Die Pigmentschicht ist notwendig für die Versorgung der Lichtsinneszellen. Ohne diese Versorgung sterben die Lichtsinneszellen ab. - Dadurch entstehen mit der Zeit zunehmend größere, funktionslose Netzhautbereiche. Hierdurch kommt es vermutlich zur Abnahme der Sehschärfe, des Gesichtsfeldes und letztlich zur Erblindung.
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