Aufgabe 2 - Nervenzelle: Membranpotenziale und Er… · Abitur NRW Biologie GK · Nachtermin 2021
Thema: Nervenzelle: Membranpotenziale und Erregungsleitung · Aus der Prüfung GK · Nachtermin (2021)
Aufgabenstellung
Material A: Lebensweise der Östlichen Mausspinne
Die Östliche Mausspinne ( Missulena bradleyi) ist eine Giftspinne, die nur an der australischen Ostküste vorkommt. Diese Spinnen bauen etwa 30 Zentimeter tiefe, gangartige Höhlen in einem sandig-lehmigen Boden. Jeder Bau hat zwei Eingänge, die jeweils mit einer Falltür aus Spinnenseide versehen sind und den Beutefang erleichtern. Männliche und weibliche Spinnen fangen mithilfe der Falltür bodenbewohnende Wirbellose wie zum Beispiel Insekten und Schnecken, die sie mit ihrer Giftmischung lähmen, verflüssigen und aussaugen.
Ein weiterer Gang innerhalb des Baus führt zu einer Brutkammer, in die die Weibchen ihre unterschiedlich großen Gelege ablegen. Die Spinnenweibchen verlassen ihren Bau im Lauf ihres Lebens fast nie. Sobald die Spinnenmännchen fortpflanzungsfähig sind, verlassen sie vor allem im Herbst und Winter den Bau, gehen auf Beutefang und begeben sich auf die Suche nach einem paarungsbereiten Weibchen. Das Gift fortpflanzungsfähiger Männchen auf Wanderschaft ist toxischer als das von Weibchen und noch nicht fortpflanzungsfähigen Männchen. Nach der Paarung überwintern die Spinnen mit der sich entwickelnden Brut geschützt in den Bauten.
Material B: Wirkung von Delta-Missulenatoxin-Mb1a
Die Östliche Mausspinne verfügt über eine Giftmischung, die aus mehreren Komponenten besteht. Beim Menschen kann ein Biss der Spinne unbehandelt schnell zur Bewusstlosigkeit führen. Es treten Muskelkrämpfe sowie ein Kreislaufzusammenbruch auf. Der bei Wirbeltieren wie Ratten oder Menschen wirksame Bestandteil des Giftes der Mausspinnen-Männchen ist das Delta-Missulenatoxin-Mb1a. Die Auswirkungen von Delta-Missulenatoxin-Mb1a auf spannungsgesteuerte Natriumionen-Kanäle von Neuronen der Ratte wurden genauer analysiert. Dazu wurde der Natriumionen-Strom nach einer künstlichen Depolarisation über den Schwellenwert ermittelt (Abbildung 1). Ähnliche Ergebnisse sind auch für den Menschen anzunehmen.
Material C: Verwandtschaft der Vogelspinnenartigen
Anhand eines Vergleichs von morphologischen Merkmalen unterschiedlicher Spinnenarten wurde ein phylogenetischer Stammbaum erstellt (Abbildung 2). Die Östliche Mausspinne ( Missulena bradleyi) ist eine Spinnenart, die nach morphologischen Kriterien zur Familie der Actinopodidae gehört. Die stark giftige Sydney-Trichternetzspinne ( Atrax robustus) gehört zur Familie der Hexathelidae. Ähnlich wie bei der Östlichen Mausspinne sind bei der Sydney-Trichternetzspinne die fortpflanzungsfähigen Männchen toxischer als die Weibchen. In die Familie der Hexathelidae werden auch Spinnen der Gattungen Illawarra und Hadronyche eingeordnet. Diese Spinnen verfügen jeweils über Toxine, die dem Delta-Missulenatoxin-Mb1a der Östlichen Mausspinne ähneln. Ein Vergleich der vollständigen Aminosäuresequenzen der Toxine dieser Spinnenarten ist in Tabelle 1 dargestellt. Bei den anderen im Stammbaum in Abbildung 2 berücksichtigten Spinnenfamilien konnten ähnliche Toxine bislang nicht nachgewiesen werden.
Vergiftungen nach Bissen durch die Östliche Mausspinne können erfolgreich mit einem Gegengift gegen das Toxin der Sydney-Trichternetzspinne behandelt werden.
Material D: Tabelle der Aminosäuren
A · Ala · Alanin
C · Cys · Cystein
D · Asp · Asparaginsäure
E · Glu · Glutaminsäure
F · Phe · Phenylalanin
G · Gly · Glycin
H · His · Histidin
I · Ile · Isoleucin
K · Lys · Lysin
L · Leu · Leucin
M · Met · Methionin
N · Asn · Asparagin
P · Pro · Prolin
Q · Gln · Glutamin
R · Arg · Arginin
S · Ser · Serin
T · Thr · Threonin
V · Val · Valin
W · Trp · Tryptophan
Y · Tyr · Tyrosin
Thema: Das Gift der Östlichen Mausspinne
2. Erklären Sie, wie ein Aktionspotenzial abläuft. Beschreiben Sie die Befunde, die Abbildung 1 zeigt, und leiten Sie unter Berücksichtigung des vollständigen Materials B ab, wie das Toxin der Östlichen Mausspinne neurophysiologisch wirkt (Material B). Begründen Sie darauf aufbauend, welche Symptome das Gift beim Menschen hervorrufen kann (Material B). (22 Punkte)
a)
b)
c)
d)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
Erklären Sie, wie ein Aktionspotenzial abläuft
Lösung: Ausgehend vom Ruhepotenzial bewirkt das Erreichen des Schwellenwerts, dass sich schlagartig spannungsgesteuerte Natriumionen-Kanäle öffnen; Natriumionen strömen entlang ihres elektrochemischen Gradienten ein (Depolarisation). Nach kurzem Peak schließen (inaktivieren) sich die Natriumkanäle wieder. Zeitverzögert öffnen sich spannungsgesteuerte Kaliumionen-Kanäle, wodurch Kaliumionen ausströmen (Repolarisation). Das verzögerte Schließen der Kaliumkanäle führt zu einer Hyperpolarisation, bevor die Natrium-Kalium-Pumpe bzw. das Schließen aller spannungsgesteuerten Kanäle das Ruhepotenzial wiederherstellt.
Beschreiben Sie die Befunde, die Abbildung 1 zeigt
Lösung: Ohne Delta-Missulenatoxin-Mb1a sinkt der Natriumionen-Strom nach Depolarisation rasch von etwa 5 relativen Einheiten innerhalb von 10 ms auf ca. 1 relative Einheit und nimmt in den folgenden 40 ms kontinuierlich bis nahezu Null ab. Mit Delta-Missulenatoxin-Mb1a sinkt der Natriumionen-Strom von etwa 5 Einheiten innerhalb von 10 ms nur auf ca. 3 Einheiten und verbleibt über 40 ms auf einem Niveau von ca. 2 relativen Einheiten (kein vollständiger Verschluss).
leiten Sie unter Berücksichtigung des vollständigen Materials B ab, wie das Toxin der Östlichen Mausspinne neurophysiologisch wirkt (Material B)
Lösung: Das Toxin bindet an spannungsgesteuerte Natriumionen-Kanäle und verhindert deren vollständiges Schließen während der Repolarisation bzw. Refraktärzeit. Dadurch kommt es zu einem dauerhaften Einstrom von Natriumionen. Infolgedessen kann das Ruhepotenzial nicht vollständig wiederhergestellt werden (Dauerdepolarisation / erniedrigte Reizschwelle), wodurch nachfolgende Erregungen viel leichter ausgelöst werden und die Aktionspotenzialfrequenz drastisch ansteigt.
Begründen Sie darauf aufbauend, welche Symptome das Gift beim Menschen hervorrufen kann (Material B)
Lösung: Die erhöhte Aktionspotenzialfrequenz führt zu einer massiven Übererregung des Nervensystems. An motorischen Nerven bzw. den neuromuskulären Synapsen bewirkt dies eine dauerhafte Aktivierung der Muskeln, was sich in schweren Muskelkrämpfen äußert. Durch die Dauererregung und die unzureichende Repolarisation kommt es zu Erschöpfungszuständen der Zellen sowie zur Überlastung des Herz-Kreislauf-Systems, was letztlich Bewusstlosigkeit und einen Kreislaufzusammenbruch verursacht.
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