Aufgabe 2 - Teilaufgabe 2 · Abitur NRW Biologie LK · Nachtermin · Weiterbildungskolleg 2021

Thema: Nervenzelle: Membranpotenziale und Erregungsleitung · Aus der Prüfung LK · Nachtermin · Weiterbildungskolleg (2021)

Aufgabenstellung

Material A: Infrarot-empfindliche Sinnesorgane bei Schlangen

Schlangen sind Jäger, die ihre Beutetiere im Regelfall tagsüber, aber auch nachts aufspüren können. Alle Schlangen sind dabei in der Lage, Duftstoffe durch Züngeln wahrzunehmen. Neben der Wahrnehmung chemischer Reize kann zum Beispiel die Erdnatter ( Pantherophis obsoletus) als tagaktive Schlange zusätzlich visuelle Reize nutzen und so ihre Beutetiere wie etwa Amphibien, Vögel oder Säugetiere identifizieren und lokalisieren. Die Erdnatter besitzt keine Infrarot-empfindlichen Sinnesorgane.

Bei einigen nachtaktiven Schlangen wurden Infrarot-empfindliche Sinnesorgane nachgewiesen, die auf die Wahrnehmung von Infrarot-Strahlung, also Wärmestrahlung, spezialisiert sind. Dazu haben Grubenottern am Vorderkopf ein paariges Grubenorgan. Ein Beispiel dafür ist die Texas-Klapperschlange ( Crotalus atrox), die vorwiegend nachts gleichwarme Tiere wie Kleinsäuger und Vögel durch einen Giftbiss tötet und so erbeutet.

Auch bei Vertretern der Boas und bei Pythonschlangen findet man Sinnesorgane, die empfindlich für Infrarot-Strahlung sind. Dies sind zum Beispiel beim Königspython ( Python regius) an jeder Kopfseite mehrere Labialorgane, die einen anderen morphologischen Aufbau als das Grubenorgan aufweisen. Der Königspython jagt nachts und in der Dämmerung Kleinsäuger und Vögel, die erwürgt und anschließend verschluckt werden.

Material B: Genexpression in Infrarot-empfindlichen Sinneszellen

Temperaturreize werden mithilfe von temperaturempfindlichen Sinneszellen, den Thermorezeptoren, erfasst. Ihre verzweigten Dendriten liegen in der Haut und ebenso in Gruben- oder Labialorgan. Thermorezeptoren enthalten in ihrer Membran verschiedene temperaturempfindliche Ionenkanäle, wie etwa den TRPA1-Ionenkanal oder den TRPV1-Ionenkanal.

Um die zellspezifische Genexpression in den Infrarot-empfindlichen Sinneszellen zu untersuchen, wurden vergleichende RNA-Analysen durchgeführt. Dazu hat man die gesamte mRNA aus unterschiedlichen Sinneszellen-Gruppen der jeweiligen Schlange isoliert (Tabelle 1) und sequenziert. Durch die Sequenzierung der gesamten mRNA konnten verschiedene mRNA-Typen identifiziert werden, unter anderem mRNAs, die temperaturempfindliche Ionenkanäle codieren, wie die TRPA1 -mRNA und die TRPV1 -mRNA.

Das Auszählen der einzelnen mRNAs und die Zuordnung zu mRNA-Typen ermöglichte dann die Bestimmung von spezifischen mRNA-Häufigkeiten. Wird ein mRNA-Typ bei der jeweiligen Schlange in den beiden verglichenen Sinneszellen-Gruppen gleich häufig gefunden, so liegt dessen relative Häufigkeit bei 1. Die relativen Häufigkeiten der TRPA1 -mRNA und der TRPV1 -mRNA zeigt Abbildung 1.

Tabelle 1 Übersicht zu den analysierten Sinneszell-Gruppen Herkunft der analysierten RNA von · Texas-Klapperschlange · Königspython · Erdnatter

aus Sinneszellen… · des Grubenorgans · des Labialorgans · der Kopfhaut

verglichen mit Sinneszellen… · der Rumpfhaut · der Rumpfhaut · der Rumpfhaut

Material C: Analysen von TRPA1-Ionenkanälen

Bei einer Aktivierung temperaturempfindlicher Ionenkanäle kommt es zu einer veränderten Raumstruktur und daher zur Öffnung des jeweiligen Ionenkanals. Dies ermöglicht den Einstrom von Natrium- und Calciumionen in die Dendriten der Sinneszelle. Thermorezeptoren sind primäre Sinneszellen, die ein Axon besitzen. Der Ionenstrom durch TRPA1-Ionenkanäle verschiedener Schlangen wurde in Abhängigkeit von der Temperatur elektrophysiologisch untersucht (Abbildung 2).

Material D: Aminosäuresequenzen von TRPA1-Ionenkanälen

Ein Vergleich der Aminosäuresequenzen von TRPA1-Ionenkanälen mit etwa 1000 Aminosäuren Länge führte zur Identifizierung von Aminosäurebereichen, die einen Einfluss auf die Temperaturempfindlichkeit ausüben können (Tabelle 2). In den in Tabelle 2 dargestellten Bereichen des TRPA1-Ionenkanals ist die Aminosäuresequenz von Haushuhn und vielen anderen Wirbeltieren untereinander vollständig gleich, also im Lauf der Evolution nahezu unverändert geblieben.

Tabelle 2 Ausschnitte aus der Aminosäuresequenz der TRPA1-Ionenkanäle bei ausgewählten Schlangen und dem Haushuhn als Außengruppe. Die Position der betreffenden Aminosäure im TRPA1-Ionenkanal der Texas-Klapperschlange ist durch Zahlen angegeben.

Material E: Verwandtschaftsbeziehungen bei Schlangen

Auf der Basis von Sequenzdaten verschiedener homologer Gene wurde ein phylogenetischer Stammbaum der Schlangen erstellt. Ein Ausschnitt davon ist in Abbildung 3 dargestellt.

Material F: Codesonne und Tabelle zum genetischen Code

Aufgabe 2 - Teilaufgabe 2

2. Erklären Sie anhand der Aktivierung des TRPA1-Ionenkanals, wie in Thermorezeptoren die Signaltransduktion abläuft (Material C). Beschreiben Sie die Ergebnisse aus Abbildung 2 und leiten Sie daraus ab, welche Funktion der TRPA1-Ionenkanal für die Infrarot-Wahrnehmung bei unterschiedlichen Schlangen hat (Materialien A bis C).

[14 Punkte]

a)

b)

c)

Aufgabenstellung: Aufgabe 2 - Teilaufgabe 2 · Abitur NRW Biologie LK · Nachtermin · Weiterbildungskolleg 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

Erklären Sie die Signaltransduktion in Thermorezeptoren anhand der Aktivierung des TRPA1-Ionenkanals (Material C).

Lösung: Signaltransduktion in Thermorezeptoren: • Bei einer Temperaturveränderung wird der TRPA1-Ionenkanal aktiviert, öffnet sich und ermöglicht den Einstrom von Natrium- und Calciumionen in die Dendriten der Sinneszelle. • Die Dendriten werden depolarisiert, wodurch ein Rezeptorpotential entsteht. • Wird am Axonhügel der primären Sinneszelle der Schwellenwert erreicht, so werden Aktionspotentiale erzeugt und über das Axon weitergeleitet.

Beschreiben Sie die in Abbildung 2 gezeigten Messergebnisse (Materialien A und C).

Lösung: Beschreibung der Messergebnisse aus Abbildung 2: • Alle vier untersuchten TRPA1-Ionenkanäle werden durch Erwärmung aktiviert, sodass eine messbare Erhöhung des Ionenstroms registriert wird. • Bei den TRPA1-Ionenkanälen der Erdnatter erfolgt eine geringe Kanalöffnung erst bei Temperaturen über 34 °C. • Die TRPA1-Kanäle der Texas-Klapperschlange reagieren hingegen schon bei etwa 30 °C mit einer Kanalöffnung, die zu einer schnellen Erhöhung des Ionenstroms führt; bei 36 °C ist der Ionenstrom bereits auf fast 60 % (relativer Wert ca. 0,6) angestiegen. • Die TRPA1-Ionenkanäle des Königspythons und der Hundskopfboa reagieren auf Temperaturen über 32 °C mit einer Öffnung; bei 36 °C steigt der Ionenstrom auf etwa 20 %, bei 39 °C auf knapp 40 % an. • Königspython und Hundskopfboa sind somit gegenüber Temperaturerhöhungen empfindlicher als die Erdnatter, aber weniger empfindlich als die Texas-Klapperschlange.

Leiten Sie ab, welche Funktion der TRPA1-Ionenkanal bei verschiedenen Schlangen für die Wahrnehmung von Infrarot hat (Materialien A bis C).

Lösung: Ableitung der Funktion des TRPA1-Ionenkanals: • Die TRPA1-Ionenkanäle in den Thermorezeptoren der Texas-Klapperschlange sind besonders empfindlich für Erwärmungen ab 30 °C. Sie reagieren daher schon auf eine leichte Erwärmung des Grubenorgans, die durch Infrarot-Strahlung ausgehend von gleichwarmen Beutetieren verursacht wird. Die Funktion des Grubenorgans ist daher von der hohen Empfindlichkeit des TRPA1-Ionenkanals abhängig. • Für die Funktion der Labialorgane des Königspythons und der Hundskopfboa ist die erhöhte Temperaturempfindlichkeit der TRPA1-Ionenkanäle (ab 32 °C) ebenfalls wichtig, da so die von gleichwarmen Tieren ausgehende Infrarot-Strahlung über die Erwärmung des Labialorgans erfasst werden kann. • Bei der Erdnatter reagieren die Kanäle erst bei deutlich höheren Temperaturen (> 34 °C) und sind in normalen Sinneszellen nicht hochreguliert; sie dienen dem allgemeinen Temperatursinn, eignen sich jedoch nicht zur Ortung gleichwarmer Beute auf Distanz.

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