Aufgabe 1 - Teilaufgabe 4: Proteinbiosynthese und… · Abitur NRW Biologie LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2022
Thema: DNA, Proteinbiosynthese und Mutationen · Aus der Prüfung LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (Kolleg) (2022)
Aufgabenstellung
Material A: Die Funktion des Geweihs
Die Familie der Geweihträger (Cervidae) umfasst mehr als 80 Arten, von denen unter anderem Rothirsch, Reh, Rentier und Elch in Europa verbreitet sind. Markantestes Kennzeichen der Cervidae sind die meist nur von den Männchen getragenen Geweihe, die jährlich abgeworfen und erneuert werden.
Häufig leben männliche Cervidae einer Art in Gruppen, deren Größe abhängig vom Lebensraum variiert. Gemischte Verbände entstehen in der Regel nur während der Paarungszeit. Dann suchen die Männchen die weiblichen Rudel auf. Durch Drohen, Imponieren und Kämpfen wird das ranghöchste Männchen ermittelt. Dieses Männchen sammelt etwa zehn Weibchen um sich, verteidigt sie gegen Konkurrenten und paart sich in den folgenden Wochen mehrfach mit diesen Weibchen.
In einem Experiment wurde das Wahlverhalten von weiblichen Weißwedelhirschen ( Odocoileus virginianus) untersucht. Dazu wurden Geweihe von männlichen Weißwedelhirschen künstlich vergrößert. Den paarungsbereiten Weibchen wurden dann für 36 Stunden sowohl Männchen mit normal entwickelten Geweihen als auch Männchen mit vergrößertem Geweih präsentiert. Als Kriterien für das Wahlverhalten wurden jeweils die durchschnittliche Dauer von typischen Verhaltensweisen der paarungswilligen Weibchen wie unruhiges Laufen sowie Niederlegen in Nähe des Männchens ermittelt.
Material B: Regulation der Geweihbildung durch Testosteron
Die Geweihbildung bei den Männchen der Cervidae wird durch das Geschlechtshormon Testosteron im Frühjahr initiiert. Dieses Hormon findet sich in geringen Konzentrationen auch bei den weiblichen Tieren. An der Ausbildung des Geweihs ist unter anderem das CCND1 -Gen beteiligt. Das Genprodukt dieses Gens fördert die Geweihbildung in den Geweihspitzen.
Material C: Genetische Ursachen für die Geweihbildung bei Rentieren
Rentiere ( Rangifer tarandus) sind die einzigen Vertreter der Cervidae, bei denen beide Geschlechter ein Geweih tragen. Bezogen auf die Körpergröße erreicht das männliche Rentier das größte Geweihgewicht innerhalb der Cervidae. Rentierweibchen nutzen ihr Geweih unter anderem, um im Winter die wenigen Futterstellen gegenüber anderen Weibchen zu verteidigen und so ausreichend Nahrung für sich und ihr Kalb zu sichern.
Eine wichtige Funktion bei der Geweihausprägung spielen die Androgen-Rezeptoren (Abbildung 2, Material B). Sie binden an eine spezifische Erkennungssequenz der DNA. Diese Androgen-Rezeptor-Erkennungssequenz 5'…TGTTCT…3' tritt in der Promotorregion des CCND1 -Gens 1094 Basenpaare vor dem Transkriptionsstart auf. Mithilfe einer Sequenzanalyse verglich man die Promotorregion des CCND1 -Gens verschiedener Vertreter der Cervidae (Tabelle 1).
In einer weiteren Studie wurde die relative Bindungsaffinität der Androgen-Rezeptoren an die Erkennungssequenz im Promotorbereich des CCND1 -Gens sowohl bei Rentieren als auch Rehen untersucht (Abbildung 3).
Material D: Der Calciumionen-Haushalt bei Rentieren
Die Geweihe erhalten bei allen Vertretern der Cervidae im Laufe des Wachstums ihre Festigkeit durch die Einlagerung von Calcium- und Phosphationen. Die für die Ausbildung des Geweihs nötigen Calciumionen müssen mit der Nahrung aufgenommen werden oder sie werden zum Teil auch den Knochen entzogen. Rentiere sind große Pflanzenfresser im arktischen und subarktischen Lebensraum. Die kurzen Vegetationszeiten sowie die geringen Temperaturen begrenzen das Pflanzenwachstum und damit auch die Calciumionen-Aufnahme durch die Nahrung.
In einer Studie wurde bei mehreren Arten der Geweihträger die Aminosäuresequenz des Enzyms CYP27B1 untersucht, das einen wichtigen Schritt im Vitamin-D-Stoffwechsel katalysiert (Tabelle 2). Zusätzlich wurde die Aktivität des Enzyms CYP27B1 bei Rentieren und Rehen verglichen (Abbildung 4). Vitamin D fördert die Calciumionen-Aufnahme aus der Nahrung sowie die Rückgewinnung von Calciumionen aus dem Harn.
Material E: Codesonne und Tabelle zum genetischen Code
Aufgabe 1 – Teilaufgabe 4
Geben Sie an, welche mRNA-Codons für die Aminosäuren an Position 283 in Frage kommen, und leiten Sie daraus den vorliegenden Mutationstyp ab (Tabelle 2, Materialien D und E). Erklären Sie zudem mithilfe von Abbildung 4, wie sich die Mutation auf den Calciumionen-Haushalt der Rentiere auswirkt (Material D). Vergleichen Sie die beiden Mutationen (Materialien C und D) und erläutern Sie, welche Bedeutung sie unter evolutiven Gesichtspunkten für Rentiere haben (Materialien A bis E). [22 Punkte]
a)
b)
c)
d)
e)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
Geben Sie an, welche mRNA-Codons für die Aminosäure Lysin an Position 283 in Frage kommen:
Lösung: AAA, AAG / 5'-AAA-3', 5'-AAG-3'
Geben Sie an, welche mRNA-Codons für die Aminosäure Asparagin an Position 283 in Frage kommen:
Lösung: AAC, AAU / 5'-AAC-3', 5'-AAU-3'
Leiten Sie daraus den vorliegenden Mutationstyp ab (Tabelle 2, Materialien D und E):
Lösung: Punktmutation an dritter Stelle des Tripletts (Austausch eines Nukleotids / Missense-Mutation), die zum Einbau einer anderen Aminosäure (Asparagin statt Lysin) führt.
Erklären Sie mithilfe von Abbildung 4, wie sich die Mutation auf den Calciumionen-Haushalt der Rentiere auswirkt (Material D):
Lösung: Das Enzym CYP27B1 der Rentiere weist eine höhere spezifische Aktivität auf als das des Rehs (ca. 12 gegenüber ca. 8,5 nmol/min/mg Protein). Dadurch wird mehr Substrat pro Minute umgesetzt, was den Vitamin-D-Spiegel erhöht. Dies fördert die Calciumaufnahme aus der Nahrung sowie die Rückgewinnung von Calciumionen aus dem Harn, sodass die in der kargen arktischen Nahrung enthaltenen Calciumionen effizienter genutzt werden.
Vergleichen Sie die beiden Mutationen (Materialien C und D) und erläutern Sie, welche Bedeutung sie unter evolutiven Gesichtspunkten für Rentiere haben (Materialien A bis E):
Lösung: Vergleich: Bei beiden handelt es sich um Punktmutationen (Austausch eines Nukleotids). Die Mutation in Material C liegt im Promotorbereich (nicht translatiert), verändert das Protein nicht direkt, führt aber zu einer zweiten Bindestelle für den Androgen-Rezeptor und erhöht vermutlich die Transkriptionsrate des CCND1-Gens. Die Mutation in Material D liegt im codierenden Bereich, wird translatiert und führt zu einem veränderten Enzym mit höherer Aktivität. Evolutive Bedeutung: Beide Mutationen stellen Selektionsvorteile dar: Die Mutation im Promotor ermöglicht eine gesteigerte Geweihbildung (bei Männchen für die sexuelle Selektion/Paarungserfolg, bei Weibchen zur Verteidigung von Futterstellen im Winter). Die Mutation im CYP27B1-Gen ermöglicht eine effiziente Nutzung knapper Calciumressourcen im arktischen Lebensraum für den massiven Geweihaufbau. Träger dieser Mutationen hatten eine höhere reproduktive Fitness, sodass sich die Allele in der Population durchsetzten.
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