Aufgabe 3 - DNA, Proteinbiosynthese und Mutationen · Abitur NRW Biologie GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2022
Thema: DNA, Proteinbiosynthese und Mutationen · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (Kolleg) (2022)
Aufgabenstellung
Thema: Schwefelwasserstofftoleranz bei Zahnkärpflingen
Material A: Atlantik-Kärpflinge in schwefelwasserstoffhaltigen Flussabschnitten
Der Atlantik-Kärpfling ( Poecilia mexicana), der zur Familie der Zahnkärpflinge gehört, lebt in küstennahen Flussabschnitten entlang der Atlantikküste von Nordmexiko bis in die nördlichen Gebiete Costa Ricas. Poecilia mexicana ist eine sehr variable Art, sodass sich die einzelnen Populationen in ihren Merkmalen leicht voneinander unterscheiden.
Einige Populationen des Atlantik-Kärpflings können in schwefelwasserstoffhaltigen und sauerstoffarmen Flussabschnitten im Süden Mexikos überleben. Schwefelwasserstoff (H 2 S) ist ein farbloses und wasserlösliches Gas. Es stammt aus vulkanischen Quellen und kann außerdem unter Sauerstoffmangel bei der Zersetzung organischen Materials gebildet werden. Schwefelwasserstoff ist für die meisten Organismen giftig oder sogar tödlich. Atlantik-Kärpflinge, die in schwefelwasserstoffhaltigen Flussabschnitten überlebensfähig sind, geben den Schwefelwasserstoff über ihr Körpergewebe ab. Die Atlantik-Kärpflinge in schwefelwasserstoffhaltigen Flussabschnitten ernähren sich von den Larven einer bestimmten Zuckmückenart, die ebenfalls schwefelwasserstofftolerant ist. Die Angepasstheiten der schwefelwasserstofftoleranten Fische beruhen auf genetischen Veränderungen in den Populationen.
Material B: COX-Aktivität bei Zahnkärpflingen
Schwefelwasserstoff bindet im aktiven Zentrum der Cytochrom-c-Oxidase (COX), einem zentralen Enzym der Zellatmung. Schwefelwasserstoff blockiert die Bindungsstelle des Enzyms für Sauerstoff und vermindert so die Aktivität der Cytochrom-c-Oxidase. Dadurch kommt es zur Hemmung der gesamten Zellatmung, sodass letztlich die ATP-Gewinnung beeinträchtigt wird.
Die COX-Aktivität unterschiedlicher Populationen von Poecilia mexicana aus zwei verschiedenen Flüssen Mexikos, dem Pichucalco (Pich) und dem Puycatengo (Puy) wurde untersucht (Tabelle 1). Diese Flüsse weisen sowohl nicht-schwefelwasserstoffhaltige als auch schwefelwasserstoffhaltige Abschnitte auf. Neben den Atlantik-Kärpflingen kommen in Mexiko auch Schwefel-Kärpflinge ( Poecilia sulphuraria) vor. Diese leben ausschließlich im schwefelwasserstoffhaltigen Quellbereich des Flusses Pichucalco isoliert von den anderen Zahnkärpflingen. Die Population P. mexicana limantouri stammt aus einem 500 Kilometer entfernten, geografisch getrennten Flusslauf.
Tabelle 1: COX-Aktivität bei Populationen von Zahnkärpflingen mit unterschiedlichem Lebensraum H 2 S-Gehalt · Lebensraum · Art
[Population] · relative COX-Aktivität
ohne H 2 S · bei 0,5 µM H 2 S
H 2 S-frei · Flüsse Mittelamerikas · Poecilia mexicana limantouri · 100 % · 52 %
Puycatengo · Poecilia mexicana mexicana
[Puy –H 2 S] · 100 % · 65 %
Pichucalco · Poecilia mexicana mexicana
[Pich –H 2 S] · 100 % · 27 %
H 2 S-haltig · Puycatengo · Poecilia mexicana mexicana
[Puy +H 2 S] · 100 % · 109 %
Pichucalco · Poecilia sulphuraria · 100 % · 108 %
Material C: Molekulare Veränderungen im cox1 -Gen
Die molekularen Veränderungen der Cytochrom-c-Oxidase wurden genauer untersucht. Dabei wurde das cox1 -Gen bei Zahnkärpflingen analysiert, das für die Untereinheit I der Cytochrom-c-Oxidase codiert. Es handelt sich um ein Gen der mitochondrialen DNA.
Material D: Evolution der Zahnkärpflinge
Um die Verwandtschaftsverhältnisse der verschiedenen Populationen schwefelwasserstofftoleranter und nicht-schwefelwasserstofftoleranter Fische der Gattung Poecilia zu untersuchen, wurde ein phylogenetischer Stammbaum berechnet (Abbildung 1). Dazu wurden mitochondriale DNA-Sequenzen der Fische verwendet. Der letzte gemeinsame Vorfahre aller dargestellten Populationen lebte wahrscheinlich in schwefelwasserstoffarmen Gewässern.
Material E: Codesonne und Tabelle zum mitochondrialen genetischen Code
2. Werten Sie Tabelle 1 unter dem Aspekt der Schwefelwasserstofftoleranz der Zahnkärpflinge aus (Material B). Ermitteln Sie mithilfe von Tabelle 2 die Aminosäuresequenz und den Mutationstyp der schwefelwasserstofftoleranten Zahnkärpflinge (Materialien B, C und E). Entwickeln Sie eine Hypothese, die die veränderte COX-Aktivität der schwefelwasserstofftoleranten Populationen erklärt (Materialien B und C). [20 Punkte]
a)
b)
c)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
Werten Sie Tabelle 1 unter dem Aspekt der Schwefelwasserstofftoleranz der Zahnkärpflinge aus (Material B).
Lösung: Auswertung von Tabelle 1: - Bei P. sulphuraria steigt die COX-Aktivität unter Einfluss von Schwefelwasserstoff auf etwa 108 % an. In schwefelwasserstoffhaltigen Gewässern ist daher die Zellatmung nicht gehemmt, sondern sollte sogar besser ablaufen. Dies entspricht der Schwefelwasserstofftoleranz der Schwefel-Kärpflinge. - Bei den schwefelwasserstofftoleranten P. mexicana [Puy +H2S] ist der gleiche Effekt von Schwefelwasserstoff zu beobachten. Auch hier steigt die COX-Aktivität auf etwa 109 % an, sodass die Zellatmung besser als ohne H2S ablaufen sollte. - Bei den anderen Zahnkärpflingen wird die COX-Aktivität durch die Anwesenheit von H2S mehr oder weniger stark gesenkt (auf 52 %, 65 % bzw. 27 %). Diese Populationen sind nicht tolerant gegenüber Schwefelwasserstoff.
Ermitteln Sie mithilfe von Tabelle 2 die Aminosäuresequenz und den Mutationstyp der schwefelwasserstofftoleranten Zahnkärpflinge (Materialien B, C und E).
Lösung: Aminosäuresequenzen und Mutationen: 1. Stumme Mutationen bei P. sulphuraria: - Im Vergleich mit den Atlantik-Kärpflingen weisen die Schwefel-Kärpflinge Punktmutationen an den Triplett-Nummern 64 (GTA zu GTC) und 70 (GTT zu GTC) auf. Da beide für Valin codieren (Aminosäuresequenz unverändert), handelt es sich um stumme Mutationen. 2. Mutation an Triplett 75: - Bei schwefelwasserstofftoleranten Atlantik-Kärpflingen (Puy +H2S: ATA) und den Schwefel-Kärpflingen (ATG) liegt im Vergleich zu den nicht-toleranten Kärpflingen (ATT) bei Triplett-Nummer 75 eine Punktmutation vor. - Im nicht-codogenen Strang wurde Thymin an dritter Stelle durch Adenin bzw. Guanin ersetzt. - Auf Ebene des Proteins (unter Beachtung des mitochondrialen Codes: AUA = Met, AUG = Met; AUU = Ile) führen beide Substitutionen dazu, dass statt Isoleucin Methionin eingebaut wird (Missense-Mutation). 3. Mutation an Triplett 453: - Bei den schwefelwasserstofftoleranten Fischen (Puy +H2S und P. sulphuraria: ATT) liegt an Triplett 453 eine Punktmutation vor (GTT zu ATT: Adenin statt Guanin im nicht-codogenen Strang). - Statt Valin wird Isoleucin eingebaut (Missense-Mutation). Aminosäuresequenzen: - Triplett 64–79: * nicht-tolerant: Val Met ... Met Val Met ... Met Ile Gly Gly Phe Gly * tolerant: Val Met ... Met Val Met ... Met Met Gly Gly Phe Gly - Triplett 451–456: * nicht-tolerant: Asn Thr Val Ser Ser Ile * tolerant: Asn Thr Ile Ser Ser Ile
Entwickeln Sie eine Hypothese, die die veränderte COX-Aktivität der schwefelwasserstofftoleranten Populationen erklärt (Materialien B und C).
Lösung: Hypothesen zur veränderten COX-Aktivität: - Die Missense-Mutationen (Triplett 75 und 453) führen vermutlich zu einer Konformationsänderung / Veränderung der räumlichen Struktur der Untereinheit I der Cytochrom-c-Oxidase, wodurch möglicherweise das aktive Zentrum des gesamten Enzyms modifiziert wird. - Dies bewirkt, dass Schwefelwasserstoff nicht mehr (oder deutlich schlechter) im aktiven Zentrum binden und somit das Enzym nicht mehr hemmen kann, während Sauerstoff weiterhin gebunden und verarbeitet werden kann. - Zudem kann aufgrund der veränderten Raumstruktur Sauerstoff möglicherweise sogar effizienter gebunden werden. Dies stellt eine Anpassung an den geringen Sauerstoffgehalt der schwefelwasserstoffhaltigen Gewässer dar und erklärt die über 100 % gesteigerte COX-Aktivität unter H2S-Einfluss.
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