Abitur Hessen Politik und Wirtschaft 2021 · LK

Abiturprüfung Politik und Wirtschaft in Hessen 2021, LK: 9 Aufgaben mit Lösungen. Themen: Medien, Öffentlichkeit und Zivilgesellschaft. Kostenlos.

Themen der Prüfung: Medien, Öffentlichkeit und Zivilgesellschaft · Konjunktur und wirtschaftspolitische Konzeptionen · Wachstum, Wettbewerb und europäischer Binnenmarkt · Internationale Konflikte und Friedenssicherung · Globalisierung, Welthandel und Standort Deutschland

Aufgabe Vorschlag A - Medien, Öffentlichkeit und Zivilges… · Medien, Öffentlichkeit und Zivilgesellschaft

Material

Bernhard Pörksen: Arroganz statt Inhalte (2019)

Jetzt, da die hektisch pulsierenden Tweets unter den Hashtags #AKKGate und #NieWiederCDU

weniger werden, die Talkshows schon wieder neue Themen suchen und sich die Öffentlichkeit wie

von einem Fieberschub erholt, ist der Moment gekommen, einmal genauer hinzuschauen. Was hat der

Streit um das inzwischen mehr als 14 Millionen Mal aufgerufene Rezo-Video („Die Zerstörung der

5 CDU“) gezeigt? Wie lassen sich die konfusen Reaktionen erklären, wenn man für einen Moment das

Stakkato der Schlagzeilen ausblendet, das das eigentliche Geschehen eher verdeckt?

Hier offenbaren sich, so die These, Tiefeneffekte der vernetzten Welt und eine tektonische 1

Verschiebung unserer Informationsarchitektur, die nach anderen Formen der Konfliktbeschreibung

und Konfliktlösung verlangen. Man sieht, was passiert, wenn Politiker eine Medienrevolution nicht

10 verstehen, Inszenierung mit Inhalt verwechseln und ihre Protagonisten pauschal diffamieren. Und man

erlebt das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Welten wie eine Drift in Richtung des Neuen.

Es ist eine Art Zwischenreich, das hier erkennbar wird, ein Interregnum 2 der Kommunikation, geprägt

von kollidierenden Normen, konträren Organisationsformen und einer untergründigen Neusortierung

der Kommunikations- und Machtverhältnisse. Welche Lehren könnten Politik und Gesellschaft aus der

15 Aufregung der vergangenen Tage ziehen? Hier seien […] Diagnosen im Verbund mit ein paar Vor-

schlägen angeboten. Es sind Notizen auf schwankendem Grund. Denn die Welt befindet sich im Über-

gang. Sie driftet weg von der Mediendemokratie alten Typs, die sich orientierte an publizistischen

Machtzentren in Gestalt von einzelnen Zeitungen, Radio- und Fernsehsendern. Und sie bewegt sich in

Richtung auf eine Empörungsdemokratie des digitalen Zeitalters. Jeder kann sich jetzt zuschalten,

20 jeder kann mitmachen. Eine Transparenz der Heuchelei scheint erkennbar. Es lohnt sich, Rezos Video

immer wieder anzuschauen, langsam, wie in Zeitlupe, um dann, wenn die Augenblickseffekte ihren

Reiz verlieren, das Muster zu erkennen, das diesen riesenhaften Leitartikel organisiert. Es ist ein

einziger, laut in die Welt gebrüllter Vorwurf der Heuchelei und des Sich-in-die-Tasche-Lügens, der

hier formuliert wird.

25 Wie könnt ihr, so fragt Rezo in Richtung der Regierenden, wissend, dass die Klimaschäden längst

fühlbar und fassbar sind und die Zeit knapp wird, einfach so weitermachen? Man kann diese Frage

ignorieren und so tun, als ginge es hier um jugendliche Naivität, fehlende Sachkompetenz und

postfaktische 3 Meinungsmache. Doch es gibt da ein Problem. Rezo greift in seinem Video auf die

Statements von Wissenschaftlern zurück, er benützt Artikel aus klassischen Medien, Material aus

30 Pressekonferenzen. Er führt vor, was er behauptet, nicht immer fehlerfrei, aber in der Summe korrekt.

Was also macht man nun da? Man kann, wie der Generalsekretär der CDU, Paul Ziemiak, erst Greta

Thunberg als Ideologin attackieren, dann Rezo als Schwätzer abstempeln, ihn dann, wenn die Sache

zu entgleiten droht, als sorgenvoll-empathischer Therapie-Onkel („dein Paul“) zum Gespräch

einladen. Geht alles. Aber wer glaubt, dass sich die eigenen Ausweichmanöver nicht durch ein paar

35 Twitter-Screenshots dokumentieren ließen, der versteht nicht, welche Entlarvungseffekte heute

möglich sind. Allgemeiner formuliert: Unter digitalen Medienbedingungen sind die offensichtliche

Widersprüchlichkeit und programmatische Hilflosigkeit bereits mit Hilfe von ein paar gut gesetzten

Links dokumentierbar. Der Vorwurf der Heuchelei rückt damit ins Zentrum politischer Debatten.

Inhaltliche Konsistenz und das Denken in langen, ausbuchstabierten Linien wird unter solchen

40 Bedingungen zum Erfolgsprinzip.

Man gibt sich einer Illusion der Ignoranz hin. In der Welt der klassischen Leitmedien und der

mächtigen Gatekeeper 4 entschieden Journalistinnen und Journalisten darüber, was als interessant und

relevant gelten konnte. Es war ohne allzu großen Aufwand möglich, die Grenzen des Sagbaren zu

bestimmen und schon durch die Art und Weise der Äußerung eine paternalistische 5 Stilkunde zu

45 praktizieren: „Nur so darf man reden! Und das sind die Themen, die man überhaupt be- und

verhandeln sollte!“ Diese Zeiten sind vorbei.

Die unumschränkte Deutungsautorität der Gatekeeper existiert nicht mehr. Die vierte Gewalt des

klassischen Journalisten wird durch die fünfte Gewalt der vernetzten Vielen ergänzt. Längst kann

jeder, ein Smartphone in der Hand, Aufmerksamkeit für ein Thema organisieren, wenn es ihm gelingt,

50 ein Publikum dafür zu finden. Die Taktiken im Umgang mit Rezo – sie reichen von draufhauen,

Regeln fordern bis zur ungefragten Umarmung – stammen, aus der Vergangenheit des Gatekeeper-

Zeitalters. Es sind die Reaktionsformen einer Macht, die im Interregnum der digitalen Gegenwart so

angreifbar geworden ist wie nie zuvor. Und heute lässt sich eine erlebte Repräsentationskrise, ganz

gleich, ob es um das Klima- oder das Flüchtlingsthema geht, nicht mehr tabuisieren, weil unabweisbar

55 geworden ist, was andere darüber glauben und denken. Und wenn man eine Tabuisierung dennoch

versucht, dann bilden sich sehr schnell über Nacht mediale Gegenöffentlichkeiten. […]

Die Sofort-Skandalisierung scheint übrigens die vorrangige Reaktion zu sein. Die arrogante Abfuhr,

die verklemmte Relativierung, die pauschale Abwertung, der Start einer Gegenkampagne, der Versuch

von Einschüchterung und Zensur – all das kann das Entrüstungsfeuer noch einmal kräftig anheizen.

60 Und genau das ist in den letzten Tagen passiert. Was folgt daraus? Der Umgang mit Fehlern

verwandelt sich irgendwann in den einen großen, entscheidenden Fehler, der neue Autoritäts- und

Reputationskrisen produziert. […] Dann lädt man […] eben Rezo ein. Das Problem: Eine derartige

Form der Konfliktbesänftigung, die letztlich auf einer irreführenden Personalisierung von

Netzwerkeffekten basiert, klappt, wenn überhaupt, nur in der Binnenlogik der eigenen Organisation.

65 Ein Rezo kann nicht – nach erfolgtem Appeasement 6 im Konrad-Adenauer-Haus 7 – eine versammelte

Mannschaft wieder auf Linie bringen.

Denn Digitalisierung heißt Dialogisierung. Wie lässt sich Kommunikation organisieren und befrieden,

wenn zentralistische Strukturen vernetzten Individuen gegenüberstehen, die alle ihre eigenen

Auffassungen haben? Das ist tatsächlich eine noch offene Frage. Wahrscheinlich hilft hier nur ein

70 Maximum an Dialogbereitschaft in der Breite der Gesellschaft. Es gilt, mit wirklicher Empathie (und

nicht mit gespielter Sympathie) zuzuhören und zu verstehen, was diese Fremdlinge, die jetzt mit ihren

blauen Haaren aus dem fremden YouTube-Universum in das Grillfest des Ortsvereins hineingeplatzt

sind, eigentlich zu sagen haben. Man muss kein Prophet sein, um zu erkennen: Die digitale Moderne

wird entweder das Zeitalter des Dialogs sein oder in der Rückschau als eine Epoche des

75 Aufeinandereinbrüllens erscheinen, die ganze Gesellschaften im Inneren zerrissen und die Rückkehr

der Stammesfehden unter modernen Medienbedingungen hervorgebracht hat.

Bernhard Pörksen: Arroganz statt Inhalte, in: Süddeutsche Zeitung, 03.06.2019, URL: https://www.sueddeutsche.de/kultur/rezo-cdu-youtube-video-social-media-1.4471242-0 (abgerufen am 27.04.2020).

Hinweis

Der Autor ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen.

1 tektonisch – hier: grundlegend, fundamental

2 Interregnum – Bezeichnet eine Übergangsregierung oder den Zeitraum, in dem eine solche herrscht.

3 postfaktisch – Denken und Handeln, bei dem Fakten nicht im Mittelpunkt stehen. Die Wahrheit einer Aussage tritt dabei hinter den emotionalen Effekt der Aussage vor allem auf die eigene Interessengruppe zurück.

4 Gatekeeper – Torwächter, Türsteher

5 paternalistisch – bevormundend

6 Appeasement – bezeichnet eine Politik, die auf Aggressionen mit Zugeständnissen, Zurückhaltung, Beschwichtigung und Entgegenkommen reagiert, um einen Krieg zu vermeiden.

7 Konrad-Adenauer-Haus – Dort ist u.a. die CDU-Bundesgeschäftsstelle untergebracht.

1

Fassen Sie den vorliegenden Text zusammen. (Material)

(25 BE)

2

„Die vierte Gewalt des klassischen Journalisten wird durch die fünfte Gewalt der vernetzten Vielen ergänzt.“ (Material)

Untersuchen Sie ausgehend vom Zitat, inwiefern Soziale Medien die Funktionen der klassischen Medien erfüllen.

(25 BE)

4

Diskutieren Sie die Behauptung des Autors, dass sich die Mediendemokratie alten Typs „in Richtung auf eine Empörungsdemokratie des digitalen Zeitalters“ bewege. (Material)

(30 BE)

Aufgabe Vorschlag A - Wachstum, Wettbewerb und europäisch… · Wachstum, Wettbewerb und europäischer Binnenmarkt

Material

Bernhard Pörksen: Arroganz statt Inhalte (2019)

Jetzt, da die hektisch pulsierenden Tweets unter den Hashtags #AKKGate und #NieWiederCDU

weniger werden, die Talkshows schon wieder neue Themen suchen und sich die Öffentlichkeit wie

von einem Fieberschub erholt, ist der Moment gekommen, einmal genauer hinzuschauen. Was hat der

Streit um das inzwischen mehr als 14 Millionen Mal aufgerufene Rezo-Video („Die Zerstörung der

5 CDU“) gezeigt? Wie lassen sich die konfusen Reaktionen erklären, wenn man für einen Moment das

Stakkato der Schlagzeilen ausblendet, das das eigentliche Geschehen eher verdeckt?

Hier offenbaren sich, so die These, Tiefeneffekte der vernetzten Welt und eine tektonische 1

Verschiebung unserer Informationsarchitektur, die nach anderen Formen der Konfliktbeschreibung

und Konfliktlösung verlangen. Man sieht, was passiert, wenn Politiker eine Medienrevolution nicht

10 verstehen, Inszenierung mit Inhalt verwechseln und ihre Protagonisten pauschal diffamieren. Und man

erlebt das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Welten wie eine Drift in Richtung des Neuen.

Es ist eine Art Zwischenreich, das hier erkennbar wird, ein Interregnum 2 der Kommunikation, geprägt

von kollidierenden Normen, konträren Organisationsformen und einer untergründigen Neusortierung

der Kommunikations- und Machtverhältnisse. Welche Lehren könnten Politik und Gesellschaft aus der

15 Aufregung der vergangenen Tage ziehen? Hier seien […] Diagnosen im Verbund mit ein paar Vor-

schlägen angeboten. Es sind Notizen auf schwankendem Grund. Denn die Welt befindet sich im Über-

gang. Sie driftet weg von der Mediendemokratie alten Typs, die sich orientierte an publizistischen

Machtzentren in Gestalt von einzelnen Zeitungen, Radio- und Fernsehsendern. Und sie bewegt sich in

Richtung auf eine Empörungsdemokratie des digitalen Zeitalters. Jeder kann sich jetzt zuschalten,

20 jeder kann mitmachen. Eine Transparenz der Heuchelei scheint erkennbar. Es lohnt sich, Rezos Video

immer wieder anzuschauen, langsam, wie in Zeitlupe, um dann, wenn die Augenblickseffekte ihren

Reiz verlieren, das Muster zu erkennen, das diesen riesenhaften Leitartikel organisiert. Es ist ein

einziger, laut in die Welt gebrüllter Vorwurf der Heuchelei und des Sich-in-die-Tasche-Lügens, der

hier formuliert wird.

25 Wie könnt ihr, so fragt Rezo in Richtung der Regierenden, wissend, dass die Klimaschäden längst

fühlbar und fassbar sind und die Zeit knapp wird, einfach so weitermachen? Man kann diese Frage

ignorieren und so tun, als ginge es hier um jugendliche Naivität, fehlende Sachkompetenz und

postfaktische 3 Meinungsmache. Doch es gibt da ein Problem. Rezo greift in seinem Video auf die

Statements von Wissenschaftlern zurück, er benützt Artikel aus klassischen Medien, Material aus

30 Pressekonferenzen. Er führt vor, was er behauptet, nicht immer fehlerfrei, aber in der Summe korrekt.

Was also macht man nun da? Man kann, wie der Generalsekretär der CDU, Paul Ziemiak, erst Greta

Thunberg als Ideologin attackieren, dann Rezo als Schwätzer abstempeln, ihn dann, wenn die Sache

zu entgleiten droht, als sorgenvoll-empathischer Therapie-Onkel („dein Paul“) zum Gespräch

einladen. Geht alles. Aber wer glaubt, dass sich die eigenen Ausweichmanöver nicht durch ein paar

35 Twitter-Screenshots dokumentieren ließen, der versteht nicht, welche Entlarvungseffekte heute

möglich sind. Allgemeiner formuliert: Unter digitalen Medienbedingungen sind die offensichtliche

Widersprüchlichkeit und programmatische Hilflosigkeit bereits mit Hilfe von ein paar gut gesetzten

Links dokumentierbar. Der Vorwurf der Heuchelei rückt damit ins Zentrum politischer Debatten.

Inhaltliche Konsistenz und das Denken in langen, ausbuchstabierten Linien wird unter solchen

40 Bedingungen zum Erfolgsprinzip.

Man gibt sich einer Illusion der Ignoranz hin. In der Welt der klassischen Leitmedien und der

mächtigen Gatekeeper 4 entschieden Journalistinnen und Journalisten darüber, was als interessant und

relevant gelten konnte. Es war ohne allzu großen Aufwand möglich, die Grenzen des Sagbaren zu

bestimmen und schon durch die Art und Weise der Äußerung eine paternalistische 5 Stilkunde zu

45 praktizieren: „Nur so darf man reden! Und das sind die Themen, die man überhaupt be- und

verhandeln sollte!“ Diese Zeiten sind vorbei.

Die unumschränkte Deutungsautorität der Gatekeeper existiert nicht mehr. Die vierte Gewalt des

klassischen Journalisten wird durch die fünfte Gewalt der vernetzten Vielen ergänzt. Längst kann

jeder, ein Smartphone in der Hand, Aufmerksamkeit für ein Thema organisieren, wenn es ihm gelingt,

50 ein Publikum dafür zu finden. Die Taktiken im Umgang mit Rezo – sie reichen von draufhauen,

Regeln fordern bis zur ungefragten Umarmung – stammen, aus der Vergangenheit des Gatekeeper-

Zeitalters. Es sind die Reaktionsformen einer Macht, die im Interregnum der digitalen Gegenwart so

angreifbar geworden ist wie nie zuvor. Und heute lässt sich eine erlebte Repräsentationskrise, ganz

gleich, ob es um das Klima- oder das Flüchtlingsthema geht, nicht mehr tabuisieren, weil unabweisbar

55 geworden ist, was andere darüber glauben und denken. Und wenn man eine Tabuisierung dennoch

versucht, dann bilden sich sehr schnell über Nacht mediale Gegenöffentlichkeiten. […]

Die Sofort-Skandalisierung scheint übrigens die vorrangige Reaktion zu sein. Die arrogante Abfuhr,

die verklemmte Relativierung, die pauschale Abwertung, der Start einer Gegenkampagne, der Versuch

von Einschüchterung und Zensur – all das kann das Entrüstungsfeuer noch einmal kräftig anheizen.

60 Und genau das ist in den letzten Tagen passiert. Was folgt daraus? Der Umgang mit Fehlern

verwandelt sich irgendwann in den einen großen, entscheidenden Fehler, der neue Autoritäts- und

Reputationskrisen produziert. […] Dann lädt man […] eben Rezo ein. Das Problem: Eine derartige

Form der Konfliktbesänftigung, die letztlich auf einer irreführenden Personalisierung von

Netzwerkeffekten basiert, klappt, wenn überhaupt, nur in der Binnenlogik der eigenen Organisation.

65 Ein Rezo kann nicht – nach erfolgtem Appeasement 6 im Konrad-Adenauer-Haus 7 – eine versammelte

Mannschaft wieder auf Linie bringen.

Denn Digitalisierung heißt Dialogisierung. Wie lässt sich Kommunikation organisieren und befrieden,

wenn zentralistische Strukturen vernetzten Individuen gegenüberstehen, die alle ihre eigenen

Auffassungen haben? Das ist tatsächlich eine noch offene Frage. Wahrscheinlich hilft hier nur ein

70 Maximum an Dialogbereitschaft in der Breite der Gesellschaft. Es gilt, mit wirklicher Empathie (und

nicht mit gespielter Sympathie) zuzuhören und zu verstehen, was diese Fremdlinge, die jetzt mit ihren

blauen Haaren aus dem fremden YouTube-Universum in das Grillfest des Ortsvereins hineingeplatzt

sind, eigentlich zu sagen haben. Man muss kein Prophet sein, um zu erkennen: Die digitale Moderne

wird entweder das Zeitalter des Dialogs sein oder in der Rückschau als eine Epoche des

75 Aufeinandereinbrüllens erscheinen, die ganze Gesellschaften im Inneren zerrissen und die Rückkehr

der Stammesfehden unter modernen Medienbedingungen hervorgebracht hat.

Bernhard Pörksen: Arroganz statt Inhalte, in: Süddeutsche Zeitung, 03.06.2019, URL: https://www.sueddeutsche.de/kultur/rezo-cdu-youtube-video-social-media-1.4471242-0 (abgerufen am 27.04.2020).

Hinweis

Der Autor ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen.

1 tektonisch – hier: grundlegend, fundamental

2 Interregnum – Bezeichnet eine Übergangsregierung oder den Zeitraum, in dem eine solche herrscht.

3 postfaktisch – Denken und Handeln, bei dem Fakten nicht im Mittelpunkt stehen. Die Wahrheit einer Aussage tritt dabei hinter den emotionalen Effekt der Aussage vor allem auf die eigene Interessengruppe zurück.

4 Gatekeeper – Torwächter, Türsteher

5 paternalistisch – bevormundend

6 Appeasement – bezeichnet eine Politik, die auf Aggressionen mit Zugeständnissen, Zurückhaltung, Beschwichtigung und Entgegenkommen reagiert, um einen Krieg zu vermeiden.

7 Konrad-Adenauer-Haus – Dort ist u.a. die CDU-Bundesgeschäftsstelle untergebracht.

3

Analysieren Sie vor dem Hintergrund der ökonomischen Globalisierung die möglichen Risiken von Konzentrationsprozessen transnationaler Unternehmen allgemein sowie speziell im Bereich der Medien.

(20 BE)

Aufgabe Vorschlag B - Wachstum, Wettbewerb und europäisch… · Wachstum, Wettbewerb und europäischer Binnenmarkt

Material

Interview von Christian Schubert für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) mit Patrick Artus: Deutschland setzt auf die Industrien von gestern (2019)

FAZ: Herr Artus, Sie sind einer der Ökonomen, die Deutschlands wirtschaftliche Lage als

besonders bedrohlich ansehen. Warum ist das so?

Artus: Deutschland befindet sich in einer strukturellen, nicht konjunkturellen Krise. Denn die Spezia-

lisierung seiner Industrie ist sehr ungünstig: Auto, Chemie und Maschinenbau stehen für 7,2 Prozent

5 der Beschäftigung. In Frankreich sind es nur 1,8 Prozent. Diesen Industriebereichen geht es sehr

schlecht, denn sie setzen auf die Produkte von gestern.

FAZ: Kann sich die Lage nicht bald schon wieder drehen?

Artus: Wir erleben einen strukturellen Umbruch weg von einer Welt der Industrie zu einer Welt der

Dienstleistungen. Hinzu kommen die neuen Anforderungen an Umwelt- und Klimaschutz. Dieselau-

10 tos, von denen die deutschen Hersteller noch stark abhängen, will heute niemand mehr kaufen. Für

Plastik, auf das die deutsche Chemieindustrie noch stark setzt, gilt jetzt das Ziel, 90 Prozent zu

recyceln. Dann braucht man praktisch kein neues Plastik mehr. Auch die Landwirtschaft, die künftig

biologischer sein wird, braucht weniger Agrarchemie.

FAZ: Und der Maschinenbau? Man braucht doch weiter Maschinen, um Dinge herzustellen?

15 Artus: Deutlich weniger als bisher. Die Entwicklung in China ist symptomatisch, auch China wird zur

Dienstleistungsgesellschaft. Die Menschen kaufen sich weniger Autos, denn bei der zunehmenden Ur-

banisierung sind sie in den Städten unpraktisch. Was machen die Leute mit ihrem Geld? Sie fahren am

Wochenende weg, und wenn in einem Auto, dann mit einem Leihwagen. Man verreist häufiger, geht

ins Restaurant, und währenddessen passt ein Babysitter auf die Kinder auf. Alle diese Entwicklungen,

20 die wir überall verfolgen, kommen den Dienstleistungen zugute, nicht der Industrie. Daher erhöht die

Industrie weltweit gesehen nicht mehr ihre Kapazitäten.

FAZ: Was ist etwa mit dem Wohnen oder dem Bausektor?

Artus: Auch da greift das „Teilen“ um sich, schauen Sie sich Airbnb 1 an. Und die Alterung der

Bevölkerung verhindert, dass der Bau ein Wachstumssektor ist. Durch das Internet verliert die Logik

25 des Eigentums an Bedeutung. Es ist idiotisch, einen Rasenmäher in der Garage zu haben, den man

höchstens eine Stunde in der Woche benutzt; also teilt man ihn sich. Es gibt auch keinen Stolz mehr,

ein Auto zu besitzen; vom Statussymbol wird es zum reinen Transportmittel. Man leiht sich, was man

vorher gekauft hat. Daher wird in der Welt künftig viel weniger Kapital gebraucht. Und die deutsche

Wirtschaft hat da ein Problem, weil sie noch viele Kapitalgüter produziert.

[...]

30 FAZ: Wenn China kein Wachstumsmotor der Industrie ist, kann es künftig Indien sein?

Artus: Ja, es stimmt, in Indien steigt der Bedarf an Industriegütern noch, in Afrika auch. Doch das

gleicht nicht den Rückgang in China aus. Die Industrie wächst heute noch in Ländern mit niedrigen

Löhnen wie in Südasien, etwa Vietnam, Indonesien und den Philippinen oder in Zentraleuropa. Doch

selbst in Ländern wie Polen greift man jetzt auf billige Arbeiter aus der Ukraine zurück. Südkorea ist

35 in der gleichen Lage wie Deutschland; als Hochkostenland leidet es unter dem strukturellen Umbruch.

FAZ: Sie meinen, Deutschland ist heute nicht mehr wettbewerbsfähig?

Artus: Auf der Kostenseite hat sich die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands stark verschlechtert. Bei

den Lohnstückkosten lagen Deutschland, Frankreich, Spanien und Italien 2007 ungefähr gleichauf.

Heute ist Deutschland 16 Prozent teurer als Frankreich oder Italien und 30 Prozent teurer als Spanien.

40 Seit Jahren steigen die Löhne in Deutschland durchschnittlich ungefähr um 3 Prozent – gegenüber

1 Prozent in Spanien und 2 Prozent in Frankreich. Daher verliert die deutsche Wirtschaft im Export

erstmals seit der Wiedervereinigung Marktanteile. Seit Anfang 2017 sind die deutschen Ausfuhren um

zwei Prozentpunkte weniger gestiegen als der Welthandel. Die Löhne wachsen auch stärker als die

Produktivität. Das führt dazu, dass von den Einkommen der Unternehmen jetzt wieder mehr auf die

45 Beschäftigten abfällt als auf die Anteilseigner; das war das letzte Mal beim Amtsantritt von Bundes-

kanzler Schröder so, also vor der Agenda 2010 2. Immerhin sind die Gewinne der Unternehmen noch

hoch. Das verdanken sie weitgehend den niedrigen Zinsen. Es wird in Deutschland zu wenig hervorge-

hoben, dass die Nullzinsen nicht nur die Sparer bestrafen, sondern auch ein enormer Vorteil für die

Unternehmen sind.

50 FAZ: Was folgt aus den hohen Kosten?

Artus: Die deutsche Industrie wird noch stärker Standorte in die billigen Länder Osteuropas verlegen.

Die Arbeitslosigkeit wird steigen. Bisher behalten die meisten Unternehmen noch ihre Beschäftigten,

das ist wegen der Sicherung des Humankapitals der richtige Weg für einen vorübergehenden Konjunk-

turabschwung, nicht aber für eine Strukturkrise. Die Kurzarbeit steigt wieder an. Daher geht auch die

55 Produktivität zurück. Ich schätze, die Arbeitslosigkeit wäre heute 4 Prozentpunkte höher, wenn die

Unternehmen ihre Belegschaften an die Nachfrage angepasst hätten.

FAZ: Also sollen wir künftig alle unser Heil in Dienstleistungen suchen?

Artus: Auch da hat Deutschland ein Problem. Die Deutschen sind keine großen Konsumenten von

Dienstleistungen. In Frankreich, Spanien oder in den Vereinigten Staaten wachsen sie schneller, etwa

60 im Bereich der Freizeitgestaltung, der Gastronomie, des Einzelhandels, der Haushaltshilfen oder des

Flugverkehrs. Die Schaffung neuer Stellen im Dienstleistungssektor hat sich in Deutschland verlang-

samt, anderswo wächst sie noch deutlich.

FAZ: Was also kann Deutschland tun?

Artus: Aus meiner Sicht sollten die Unternehmen die Produktion umstellen und auf die Produkte von

65 morgen konzentrieren, etwa wasserstoffgetriebene Autos.

FAZ: Deutschland und Frankreich ziehen, staatlich gefördert, aber gerade eine Batterieproduk-

tion für Elektroautos auf.

Artus: Das ist eine Sackgasse. Da steckt man 1,7 Milliarden Euro in eine Technologie, die heute

schon veraltet ist. Die Autohersteller brauchen billige Batterien, die kann man nicht in Deutschland

70 oder Frankreich bauen. Der französische Batteriehersteller Saft, der auch bei dem deutsch-französi-

schen Projekt mitmacht, zieht derzeit eine große Produktion in China auf. Dort werden die Hersteller

die Batterien kaufen. Man sollte den deutsch-französischen Batterieplan sofort einstellen. Wasserstoff

und die Brennstoffzellen haben dagegen Zukunft. Das französische Kommissariat für Atomenergie

(CAE) ist auf diesem Gebiet beispielsweise ein führender Akteur.

75 FAZ: Wie sollen und können Regierungen Technologie fördern?

Artus: Das ist eine schwierige Frage. Auf jeden Fall können Regierungen nicht die Technologien von

morgen vorschreiben, weil sie diese nicht kennen. Der amerikanische Ansatz, über die staatliche

Förderagentur Darpa den Unternehmen ohne Einmischung Geld zur Verfügung zu stellen, scheint mir

sinnvoll. Wir brauchen ein europäisches Darpa. In Europa sollten wir auch das Wettbewerbsrecht

80 überdenken. In Branchen mit zunehmenden Skalen 3 - und Netzwerkerträgen 4 bei wachsender Unter-

nehmensgröße ist die Frage zu stellen, ob wir nicht monopolähnliche Situationen in Europa akzeptie-

ren sollen, damit europäische Unternehmen im weltweiten Wettbewerb mithalten können. Und der eu-

ropäische Markt darf kein Flickenteppich mehr sein, etwa bei öffentlichen Ausschreibungen. Deutsch-

land ist bei öffentlichen Ausschreibungen ein geschlossener Markt. Haben Sie schon mal einen Zug in

85 Deutschland gesehen, der nicht in Deutschland gebaut wurde?

Interview von Christian Schubert mit Patrick Artus: Deutschland setzt auf die Industrien von gestern, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.10.2019, URL: https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/oekonom-patrick-artus-deutschland-laeuft-hinterher-16456104.html (abgerufen am 29.02.2020).

Hinweis: Patrick Artus ist Chefvolkswirt der französischen Investmentbank Natixis und hat unter anderem einen Lehrauftrag an der Universität Paris Panthéon-Sorbonne.

1 Airbnb – eine Online-Plattform für Buchung und Vermietung von Unterkünften

2 Agenda 2010 – wirtschafts- und arbeitsmarktpolitisches Reformpaket der rot-grünen Regierung aus dem Jahr 2003

3 Skalenertrag – Ertrag, der sich aus der Erhöhung der Produktionsfaktoren ergibt

4 Netzwerkertrag – Ertrag, der sich aus der Kooperation verschiedener Unternehmensteile ergibt

1

Fassen Sie die Aussagen von Patrick Artus zur strukturellen Krise der deutschen Wirtschaft zusammen. (Material) [25 BE]

4

Nach Meinung von Patrick Artus soll überdacht werden, ob nicht monopolähnliche Situationen in Europa akzeptiert werden sollten, damit europäische Unternehmen im weltweiten Wettbewerb mithalten können.

Erörtern Sie diese Position. [30 BE]

Aufgabe Vorschlag B - Globalisierung, Welthandel und Stan… · Globalisierung, Welthandel und Standort Deutschland

Material

Interview von Christian Schubert für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) mit Patrick Artus: Deutschland setzt auf die Industrien von gestern (2019)

FAZ: Herr Artus, Sie sind einer der Ökonomen, die Deutschlands wirtschaftliche Lage als

besonders bedrohlich ansehen. Warum ist das so?

Artus: Deutschland befindet sich in einer strukturellen, nicht konjunkturellen Krise. Denn die Spezia-

lisierung seiner Industrie ist sehr ungünstig: Auto, Chemie und Maschinenbau stehen für 7,2 Prozent

5 der Beschäftigung. In Frankreich sind es nur 1,8 Prozent. Diesen Industriebereichen geht es sehr

schlecht, denn sie setzen auf die Produkte von gestern.

FAZ: Kann sich die Lage nicht bald schon wieder drehen?

Artus: Wir erleben einen strukturellen Umbruch weg von einer Welt der Industrie zu einer Welt der

Dienstleistungen. Hinzu kommen die neuen Anforderungen an Umwelt- und Klimaschutz. Dieselau-

10 tos, von denen die deutschen Hersteller noch stark abhängen, will heute niemand mehr kaufen. Für

Plastik, auf das die deutsche Chemieindustrie noch stark setzt, gilt jetzt das Ziel, 90 Prozent zu

recyceln. Dann braucht man praktisch kein neues Plastik mehr. Auch die Landwirtschaft, die künftig

biologischer sein wird, braucht weniger Agrarchemie.

FAZ: Und der Maschinenbau? Man braucht doch weiter Maschinen, um Dinge herzustellen?

15 Artus: Deutlich weniger als bisher. Die Entwicklung in China ist symptomatisch, auch China wird zur

Dienstleistungsgesellschaft. Die Menschen kaufen sich weniger Autos, denn bei der zunehmenden Ur-

banisierung sind sie in den Städten unpraktisch. Was machen die Leute mit ihrem Geld? Sie fahren am

Wochenende weg, und wenn in einem Auto, dann mit einem Leihwagen. Man verreist häufiger, geht

ins Restaurant, und währenddessen passt ein Babysitter auf die Kinder auf. Alle diese Entwicklungen,

20 die wir überall verfolgen, kommen den Dienstleistungen zugute, nicht der Industrie. Daher erhöht die

Industrie weltweit gesehen nicht mehr ihre Kapazitäten.

FAZ: Was ist etwa mit dem Wohnen oder dem Bausektor?

Artus: Auch da greift das „Teilen“ um sich, schauen Sie sich Airbnb 1 an. Und die Alterung der

Bevölkerung verhindert, dass der Bau ein Wachstumssektor ist. Durch das Internet verliert die Logik

25 des Eigentums an Bedeutung. Es ist idiotisch, einen Rasenmäher in der Garage zu haben, den man

höchstens eine Stunde in der Woche benutzt; also teilt man ihn sich. Es gibt auch keinen Stolz mehr,

ein Auto zu besitzen; vom Statussymbol wird es zum reinen Transportmittel. Man leiht sich, was man

vorher gekauft hat. Daher wird in der Welt künftig viel weniger Kapital gebraucht. Und die deutsche

Wirtschaft hat da ein Problem, weil sie noch viele Kapitalgüter produziert.

[...]

30 FAZ: Wenn China kein Wachstumsmotor der Industrie ist, kann es künftig Indien sein?

Artus: Ja, es stimmt, in Indien steigt der Bedarf an Industriegütern noch, in Afrika auch. Doch das

gleicht nicht den Rückgang in China aus. Die Industrie wächst heute noch in Ländern mit niedrigen

Löhnen wie in Südasien, etwa Vietnam, Indonesien und den Philippinen oder in Zentraleuropa. Doch

selbst in Ländern wie Polen greift man jetzt auf billige Arbeiter aus der Ukraine zurück. Südkorea ist

35 in der gleichen Lage wie Deutschland; als Hochkostenland leidet es unter dem strukturellen Umbruch.

FAZ: Sie meinen, Deutschland ist heute nicht mehr wettbewerbsfähig?

Artus: Auf der Kostenseite hat sich die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands stark verschlechtert. Bei

den Lohnstückkosten lagen Deutschland, Frankreich, Spanien und Italien 2007 ungefähr gleichauf.

Heute ist Deutschland 16 Prozent teurer als Frankreich oder Italien und 30 Prozent teurer als Spanien.

40 Seit Jahren steigen die Löhne in Deutschland durchschnittlich ungefähr um 3 Prozent – gegenüber

1 Prozent in Spanien und 2 Prozent in Frankreich. Daher verliert die deutsche Wirtschaft im Export

erstmals seit der Wiedervereinigung Marktanteile. Seit Anfang 2017 sind die deutschen Ausfuhren um

zwei Prozentpunkte weniger gestiegen als der Welthandel. Die Löhne wachsen auch stärker als die

Produktivität. Das führt dazu, dass von den Einkommen der Unternehmen jetzt wieder mehr auf die

45 Beschäftigten abfällt als auf die Anteilseigner; das war das letzte Mal beim Amtsantritt von Bundes-

kanzler Schröder so, also vor der Agenda 2010 2. Immerhin sind die Gewinne der Unternehmen noch

hoch. Das verdanken sie weitgehend den niedrigen Zinsen. Es wird in Deutschland zu wenig hervorge-

hoben, dass die Nullzinsen nicht nur die Sparer bestrafen, sondern auch ein enormer Vorteil für die

Unternehmen sind.

50 FAZ: Was folgt aus den hohen Kosten?

Artus: Die deutsche Industrie wird noch stärker Standorte in die billigen Länder Osteuropas verlegen.

Die Arbeitslosigkeit wird steigen. Bisher behalten die meisten Unternehmen noch ihre Beschäftigten,

das ist wegen der Sicherung des Humankapitals der richtige Weg für einen vorübergehenden Konjunk-

turabschwung, nicht aber für eine Strukturkrise. Die Kurzarbeit steigt wieder an. Daher geht auch die

55 Produktivität zurück. Ich schätze, die Arbeitslosigkeit wäre heute 4 Prozentpunkte höher, wenn die

Unternehmen ihre Belegschaften an die Nachfrage angepasst hätten.

FAZ: Also sollen wir künftig alle unser Heil in Dienstleistungen suchen?

Artus: Auch da hat Deutschland ein Problem. Die Deutschen sind keine großen Konsumenten von

Dienstleistungen. In Frankreich, Spanien oder in den Vereinigten Staaten wachsen sie schneller, etwa

60 im Bereich der Freizeitgestaltung, der Gastronomie, des Einzelhandels, der Haushaltshilfen oder des

Flugverkehrs. Die Schaffung neuer Stellen im Dienstleistungssektor hat sich in Deutschland verlang-

samt, anderswo wächst sie noch deutlich.

FAZ: Was also kann Deutschland tun?

Artus: Aus meiner Sicht sollten die Unternehmen die Produktion umstellen und auf die Produkte von

65 morgen konzentrieren, etwa wasserstoffgetriebene Autos.

FAZ: Deutschland und Frankreich ziehen, staatlich gefördert, aber gerade eine Batterieproduk-

tion für Elektroautos auf.

Artus: Das ist eine Sackgasse. Da steckt man 1,7 Milliarden Euro in eine Technologie, die heute

schon veraltet ist. Die Autohersteller brauchen billige Batterien, die kann man nicht in Deutschland

70 oder Frankreich bauen. Der französische Batteriehersteller Saft, der auch bei dem deutsch-französi-

schen Projekt mitmacht, zieht derzeit eine große Produktion in China auf. Dort werden die Hersteller

die Batterien kaufen. Man sollte den deutsch-französischen Batterieplan sofort einstellen. Wasserstoff

und die Brennstoffzellen haben dagegen Zukunft. Das französische Kommissariat für Atomenergie

(CAE) ist auf diesem Gebiet beispielsweise ein führender Akteur.

75 FAZ: Wie sollen und können Regierungen Technologie fördern?

Artus: Das ist eine schwierige Frage. Auf jeden Fall können Regierungen nicht die Technologien von

morgen vorschreiben, weil sie diese nicht kennen. Der amerikanische Ansatz, über die staatliche

Förderagentur Darpa den Unternehmen ohne Einmischung Geld zur Verfügung zu stellen, scheint mir

sinnvoll. Wir brauchen ein europäisches Darpa. In Europa sollten wir auch das Wettbewerbsrecht

80 überdenken. In Branchen mit zunehmenden Skalen 3 - und Netzwerkerträgen 4 bei wachsender Unter-

nehmensgröße ist die Frage zu stellen, ob wir nicht monopolähnliche Situationen in Europa akzeptie-

ren sollen, damit europäische Unternehmen im weltweiten Wettbewerb mithalten können. Und der eu-

ropäische Markt darf kein Flickenteppich mehr sein, etwa bei öffentlichen Ausschreibungen. Deutsch-

land ist bei öffentlichen Ausschreibungen ein geschlossener Markt. Haben Sie schon mal einen Zug in

85 Deutschland gesehen, der nicht in Deutschland gebaut wurde?

Interview von Christian Schubert mit Patrick Artus: Deutschland setzt auf die Industrien von gestern, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.10.2019, URL: https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/oekonom-patrick-artus-deutschland-laeuft-hinterher-16456104.html (abgerufen am 29.02.2020).

Hinweis: Patrick Artus ist Chefvolkswirt der französischen Investmentbank Natixis und hat unter anderem einen Lehrauftrag an der Universität Paris Panthéon-Sorbonne.

1 Airbnb – eine Online-Plattform für Buchung und Vermietung von Unterkünften

2 Agenda 2010 – wirtschafts- und arbeitsmarktpolitisches Reformpaket der rot-grünen Regierung aus dem Jahr 2003

3 Skalenertrag – Ertrag, der sich aus der Erhöhung der Produktionsfaktoren ergibt

4 Netzwerkertrag – Ertrag, der sich aus der Kooperation verschiedener Unternehmensteile ergibt

2

Erläutern Sie ausgehend von dem Interview mögliche Auswirkungen auf Deutschland, die sich aus dem Spannungsverhältnis zwischen Wohlfahrts- und Wettbewerbsstaat in einer globalisierten Welt ergeben. (Material) [25 BE]

Aufgabe Vorschlag B - Konjunktur und wirtschaftspolitisch… · Konjunktur und wirtschaftspolitische Konzeptionen

Material

Interview von Christian Schubert für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) mit Patrick Artus: Deutschland setzt auf die Industrien von gestern (2019)

FAZ: Herr Artus, Sie sind einer der Ökonomen, die Deutschlands wirtschaftliche Lage als

besonders bedrohlich ansehen. Warum ist das so?

Artus: Deutschland befindet sich in einer strukturellen, nicht konjunkturellen Krise. Denn die Spezia-

lisierung seiner Industrie ist sehr ungünstig: Auto, Chemie und Maschinenbau stehen für 7,2 Prozent

5 der Beschäftigung. In Frankreich sind es nur 1,8 Prozent. Diesen Industriebereichen geht es sehr

schlecht, denn sie setzen auf die Produkte von gestern.

FAZ: Kann sich die Lage nicht bald schon wieder drehen?

Artus: Wir erleben einen strukturellen Umbruch weg von einer Welt der Industrie zu einer Welt der

Dienstleistungen. Hinzu kommen die neuen Anforderungen an Umwelt- und Klimaschutz. Dieselau-

10 tos, von denen die deutschen Hersteller noch stark abhängen, will heute niemand mehr kaufen. Für

Plastik, auf das die deutsche Chemieindustrie noch stark setzt, gilt jetzt das Ziel, 90 Prozent zu

recyceln. Dann braucht man praktisch kein neues Plastik mehr. Auch die Landwirtschaft, die künftig

biologischer sein wird, braucht weniger Agrarchemie.

FAZ: Und der Maschinenbau? Man braucht doch weiter Maschinen, um Dinge herzustellen?

15 Artus: Deutlich weniger als bisher. Die Entwicklung in China ist symptomatisch, auch China wird zur

Dienstleistungsgesellschaft. Die Menschen kaufen sich weniger Autos, denn bei der zunehmenden Ur-

banisierung sind sie in den Städten unpraktisch. Was machen die Leute mit ihrem Geld? Sie fahren am

Wochenende weg, und wenn in einem Auto, dann mit einem Leihwagen. Man verreist häufiger, geht

ins Restaurant, und währenddessen passt ein Babysitter auf die Kinder auf. Alle diese Entwicklungen,

20 die wir überall verfolgen, kommen den Dienstleistungen zugute, nicht der Industrie. Daher erhöht die

Industrie weltweit gesehen nicht mehr ihre Kapazitäten.

FAZ: Was ist etwa mit dem Wohnen oder dem Bausektor?

Artus: Auch da greift das „Teilen“ um sich, schauen Sie sich Airbnb 1 an. Und die Alterung der

Bevölkerung verhindert, dass der Bau ein Wachstumssektor ist. Durch das Internet verliert die Logik

25 des Eigentums an Bedeutung. Es ist idiotisch, einen Rasenmäher in der Garage zu haben, den man

höchstens eine Stunde in der Woche benutzt; also teilt man ihn sich. Es gibt auch keinen Stolz mehr,

ein Auto zu besitzen; vom Statussymbol wird es zum reinen Transportmittel. Man leiht sich, was man

vorher gekauft hat. Daher wird in der Welt künftig viel weniger Kapital gebraucht. Und die deutsche

Wirtschaft hat da ein Problem, weil sie noch viele Kapitalgüter produziert.

[...]

30 FAZ: Wenn China kein Wachstumsmotor der Industrie ist, kann es künftig Indien sein?

Artus: Ja, es stimmt, in Indien steigt der Bedarf an Industriegütern noch, in Afrika auch. Doch das

gleicht nicht den Rückgang in China aus. Die Industrie wächst heute noch in Ländern mit niedrigen

Löhnen wie in Südasien, etwa Vietnam, Indonesien und den Philippinen oder in Zentraleuropa. Doch

selbst in Ländern wie Polen greift man jetzt auf billige Arbeiter aus der Ukraine zurück. Südkorea ist

35 in der gleichen Lage wie Deutschland; als Hochkostenland leidet es unter dem strukturellen Umbruch.

FAZ: Sie meinen, Deutschland ist heute nicht mehr wettbewerbsfähig?

Artus: Auf der Kostenseite hat sich die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands stark verschlechtert. Bei

den Lohnstückkosten lagen Deutschland, Frankreich, Spanien und Italien 2007 ungefähr gleichauf.

Heute ist Deutschland 16 Prozent teurer als Frankreich oder Italien und 30 Prozent teurer als Spanien.

40 Seit Jahren steigen die Löhne in Deutschland durchschnittlich ungefähr um 3 Prozent – gegenüber

1 Prozent in Spanien und 2 Prozent in Frankreich. Daher verliert die deutsche Wirtschaft im Export

erstmals seit der Wiedervereinigung Marktanteile. Seit Anfang 2017 sind die deutschen Ausfuhren um

zwei Prozentpunkte weniger gestiegen als der Welthandel. Die Löhne wachsen auch stärker als die

Produktivität. Das führt dazu, dass von den Einkommen der Unternehmen jetzt wieder mehr auf die

45 Beschäftigten abfällt als auf die Anteilseigner; das war das letzte Mal beim Amtsantritt von Bundes-

kanzler Schröder so, also vor der Agenda 2010 2. Immerhin sind die Gewinne der Unternehmen noch

hoch. Das verdanken sie weitgehend den niedrigen Zinsen. Es wird in Deutschland zu wenig hervorge-

hoben, dass die Nullzinsen nicht nur die Sparer bestrafen, sondern auch ein enormer Vorteil für die

Unternehmen sind.

50 FAZ: Was folgt aus den hohen Kosten?

Artus: Die deutsche Industrie wird noch stärker Standorte in die billigen Länder Osteuropas verlegen.

Die Arbeitslosigkeit wird steigen. Bisher behalten die meisten Unternehmen noch ihre Beschäftigten,

das ist wegen der Sicherung des Humankapitals der richtige Weg für einen vorübergehenden Konjunk-

turabschwung, nicht aber für eine Strukturkrise. Die Kurzarbeit steigt wieder an. Daher geht auch die

55 Produktivität zurück. Ich schätze, die Arbeitslosigkeit wäre heute 4 Prozentpunkte höher, wenn die

Unternehmen ihre Belegschaften an die Nachfrage angepasst hätten.

FAZ: Also sollen wir künftig alle unser Heil in Dienstleistungen suchen?

Artus: Auch da hat Deutschland ein Problem. Die Deutschen sind keine großen Konsumenten von

Dienstleistungen. In Frankreich, Spanien oder in den Vereinigten Staaten wachsen sie schneller, etwa

60 im Bereich der Freizeitgestaltung, der Gastronomie, des Einzelhandels, der Haushaltshilfen oder des

Flugverkehrs. Die Schaffung neuer Stellen im Dienstleistungssektor hat sich in Deutschland verlang-

samt, anderswo wächst sie noch deutlich.

FAZ: Was also kann Deutschland tun?

Artus: Aus meiner Sicht sollten die Unternehmen die Produktion umstellen und auf die Produkte von

65 morgen konzentrieren, etwa wasserstoffgetriebene Autos.

FAZ: Deutschland und Frankreich ziehen, staatlich gefördert, aber gerade eine Batterieproduk-

tion für Elektroautos auf.

Artus: Das ist eine Sackgasse. Da steckt man 1,7 Milliarden Euro in eine Technologie, die heute

schon veraltet ist. Die Autohersteller brauchen billige Batterien, die kann man nicht in Deutschland

70 oder Frankreich bauen. Der französische Batteriehersteller Saft, der auch bei dem deutsch-französi-

schen Projekt mitmacht, zieht derzeit eine große Produktion in China auf. Dort werden die Hersteller

die Batterien kaufen. Man sollte den deutsch-französischen Batterieplan sofort einstellen. Wasserstoff

und die Brennstoffzellen haben dagegen Zukunft. Das französische Kommissariat für Atomenergie

(CAE) ist auf diesem Gebiet beispielsweise ein führender Akteur.

75 FAZ: Wie sollen und können Regierungen Technologie fördern?

Artus: Das ist eine schwierige Frage. Auf jeden Fall können Regierungen nicht die Technologien von

morgen vorschreiben, weil sie diese nicht kennen. Der amerikanische Ansatz, über die staatliche

Förderagentur Darpa den Unternehmen ohne Einmischung Geld zur Verfügung zu stellen, scheint mir

sinnvoll. Wir brauchen ein europäisches Darpa. In Europa sollten wir auch das Wettbewerbsrecht

80 überdenken. In Branchen mit zunehmenden Skalen 3 - und Netzwerkerträgen 4 bei wachsender Unter-

nehmensgröße ist die Frage zu stellen, ob wir nicht monopolähnliche Situationen in Europa akzeptie-

ren sollen, damit europäische Unternehmen im weltweiten Wettbewerb mithalten können. Und der eu-

ropäische Markt darf kein Flickenteppich mehr sein, etwa bei öffentlichen Ausschreibungen. Deutsch-

land ist bei öffentlichen Ausschreibungen ein geschlossener Markt. Haben Sie schon mal einen Zug in

85 Deutschland gesehen, der nicht in Deutschland gebaut wurde?

Interview von Christian Schubert mit Patrick Artus: Deutschland setzt auf die Industrien von gestern, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.10.2019, URL: https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/oekonom-patrick-artus-deutschland-laeuft-hinterher-16456104.html (abgerufen am 29.02.2020).

Hinweis: Patrick Artus ist Chefvolkswirt der französischen Investmentbank Natixis und hat unter anderem einen Lehrauftrag an der Universität Paris Panthéon-Sorbonne.

1 Airbnb – eine Online-Plattform für Buchung und Vermietung von Unterkünften

2 Agenda 2010 – wirtschafts- und arbeitsmarktpolitisches Reformpaket der rot-grünen Regierung aus dem Jahr 2003

3 Skalenertrag – Ertrag, der sich aus der Erhöhung der Produktionsfaktoren ergibt

4 Netzwerkertrag – Ertrag, der sich aus der Kooperation verschiedener Unternehmensteile ergibt

3

Im Interview wird erwähnt, dass Deutschland und Frankreich die Batterieproduktion für Elektroautos fördern.

Stellen Sie ausgehend vom Interview mögliche Vor- und Nachteile staatlicher Eingriffe in die Wirtschaft dar. (Material) [20 BE]

Aufgabe Vorschlag C - Internationale Konflikte und Friede… · Internationale Konflikte und Friedenssicherung

Material 1

Hans Kundnani: Deutschlands Dilemma als halber Hegemon 1 (2019)

Noch vor zehn Jahren schien Deutschlands Platz in der Welt klar definiert zu sein. Außenpolitische Debatten betrafen damals vor allem die Beteiligung Deutschlands an den sogenannten Out-of-Area-Einsätzen der Nato. Während der 1990er schien sich Deutschland in der Frage von Militäreinsätzen allmählich in Richtung „Normalität“ zu bewegen, ein Prozess, der in den Einsätzen in Serbien 1999 und Afghanistan ab 2001 kulminierte. Ab den 2000ern jedoch begann auch Deutschland Militäreinsätze im Zuge der den gesamten Westen erfassenden Zweifel gegenüber Militärinterventionen wieder zunehmend skeptischer zu sehen, vor allem nach der fehlgeschlagenen Invasion des Irak 2003 2.

Mit Ausbruch der Eurokrise 2010 jedoch ist Deutschlands Zukunft zunehmend unsicher geworden. Die Krise löste eine abermalige Debatte über die deutsche „Hegemonie“ in Europa aus, die sich in Folge der Flüchtlingskrise 2015 intensivierte. Seit der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der Vereinigten Staaten 2016 ist die Zukunft der transatlantischen Allianz und der „liberalen internationalen Ordnung“ an sich ungewiss geworden. Wie wird Deutschland in einer Zeit agieren, in der scheinbar alles in Bewegung geraten ist – und die Analysten […] als ein Interregnum 3 […] beschreiben?

Regelmäßig haben außenpolitische Analysten die Probleme ignoriert, die im Verlauf der Eurokrise aufgetaucht sind. Was allerdings nicht heißt, dass diese gelöst worden wären. Zwar provozierte das britische Chaos ein erneuertes rhetorisches Bekenntnis zum europäischen Projekt, aber die weitere Integration ist zum Stehen gekommen. Derweil verharrt Deutschland in einer problematischen Position der Halbhegemonie. In der Praxis bedeutet dies, dass das Land zwar die Kraft zur Festlegung der Regeln hat, nicht aber, um sie durchzusetzen. Andere Staaten sind derweil stark genug, um die Regeln zu brechen, nicht aber sie zu ändern.

Die Serie von Krisen, denen sich die EU seit 2010 gegenübersieht, hätten eine Chance sein können. Während der Eurokrise warfen die Länder Südeuropas Deutschland mangelnde „Solidarität“ vor. Aber in der Flüchtlingskrise forderte dann auf einmal Deutschland „Solidarität“ von den anderen Mitgliedsstaaten. Dies hätte durchaus eine Grundlage für einen umfassenden Deal sein können, basierend auf einem gemeinsamen Verständnis von Rechten und Pflichten zwischen EU-Mitgliedsstaaten, die sowohl Teil des Euroraums als auch von Schengen sind, also eines de facto „europäischen Kerns“. Doch statt sie miteinander zu verbinden, suchte Deutschland beide Fragen zu entkoppeln. […]

Die Wahl Donald Trumps könnte sich als der größte strategische Schock für ganz Europa herausstellen. Für Berlin stellt er ein besonderes schwieriges Dilemma dar. Deutschlands Position der Halbhegemonie innerhalb Europas war von einer bestimmten Konfiguration der liberalen internationalen Ordnung abhängig, in der Deutschland einen Freifahrtschein genoss. Gemeint sind hierbei insbesondere die Sicherheitszusagen der Vereinigten Staaten, die Fragen militärischer Macht in den innereuropäischen Beziehungen im Prinzip irrelevant machten, und die Rolle Amerikas als endlos verfügbarer Konsument zu nennen. Heute ist Washington hierzu weniger willens und könnte die eigene Hegemonie­stellung aufgeben.

Die Unwägbarkeiten in Bezug auf die amerikanischen Sicherheitszusagen an Europa führten zu einer Spaltung der strategischen Gemeinde in Deutschland zwischen Atlantikern und Post-Atlantikern. Während Atlantiker dazu neigen, die strukturelle Verschiebung in der amerikanischen Außenpolitik zu unterschätzen, verkennen die Post-Atlantiker das Ausmaß der Schwierigkeiten, vor denen Europa bei der Entwicklung strategischer Autonomie als Alternative zu den amerikanischen Sicherheitsgarantien steht. Problematisch ist dabei, dass selbst vorsichtige Schritte Europas in Richtung Unabhängigkeit das amerikanische Engagement weiter schwächen könnten.

Während aber sowohl Atlantiker als auch Post-Atlantiker über die Notwendigkeit sprechen, auf neue Gefahren in einer zunehmend gefährlichen Welt zu reagieren, scheint die deutsche Bevölkerung mehr über den potentiellen Verlust ihrer Identität als Friedensmacht besorgt zu sein. Trotz der Unsicherheiten in Bezug auf die amerikanischen Sicherheitsgarantien, fühlen sich die Deutschen einfach nicht bedroht. Viele sähen heute die Übernahme größerer „Verantwortung“ und dabei insbesondere eine drastische Steigerung der Verteidigungsausgaben als ein Zugeständnis an Trump und seine Politik.

Die zukünftigen Beziehungen Deutschlands zu China sind auch mit der Rolle Deutschlands in Europa und der Beziehung zu den Vereinigten Staaten verknüpft. Während der vergangenen Dekade ist Deutschland zunehmend abhängig von China als Exportmarkt geworden – insbesondere nachdem im Verlauf der Eurokrise die Nachfrage aus Europa zurückging. Es entwickelte sich in der Folge eine enge politische Beziehung zwischen Berlin und Peking. Die Krise hat den Westen in Überschuss- und Defizitländer gespalten und China und Deutschland zusammengeführt. […]

Ein Überdenken des eigenen Wirtschaftsmodells ist […] die vielleicht größte Herausforderung, vor der Deutschland steht. Das wäre nicht nur für Deutschlands Partner in der Nato und der EU gut, die von einer steigenden Binnennachfrage profitieren würden, sondern auch für Deutschland selbst. Deutschlands Wettbewerbsbesessenheit hat die Ungleichheit und die politische Unsicherheit gefördert. Die bröselnde Infrastruktur des Landes verlangt dringend Investitionen. Allerdings verbietet der politische Konsens in Bezug auf Deutschlands Identität als Exportnation ein solches Umdenken.

Die Frage ist, ob Deutschland zum Umdenken fähig ist, bevor es zu spät ist. Ganz allmählich ziehen sich die Vereinigten Staaten von ihrer Rolle als Hegemon zurück, die sie seit dem Zweiten Weltkrieg innehatten. Zunehmend scheinen sie nicht mehr zur Bereitstellung globaler Gemeinschaftsgüter wie Sicherheit und ökonomischer Nachfrage willens zu sein – insbesondere für Europa, von dem sie zu Recht glauben, dass es in der Lage sein sollte, für sich selbst zu sorgen. Während alles um sie herum in Bewegung gerät, scheinen die Deutschen zu glauben, sie könnten dennoch einfach so weitermachen wie bisher.

1 Hegemonie – Vorherrschaft, Vormachtstellung

2 Gemeint ist der Einmarsch der USA und Verbündeter in den Irak.

3 Interregnum – Bezeichnet eine Übergangsregierung oder den Zeitraum, in dem eine solche herrscht.

Hans Kundnani: Deutschlands Dilemma als halber Hegemon, 25.11.2019, URL: https://www.faz.net/aktuell/politik/deutschlands-dilemma-als-halber-hegemon-16491197.html?premium=0x1c4b706485cdd7d065bead4c7a56d54b&printPagedArticle=true#void (abgerufen am 16.05.2020).

Hinweis: Hans Kundnani ist ein in London tätiger Wissenschaftler und Politikberater.

Material 2

Karikatur von Klaus Stuttmann (2020)

Klaus Stuttmann, 19.02.2020, URL: https://www.tagesspiegel.de/politik/deutschland-in-europa-hegemon-zwischen-wille-und-zwang/25492376.html (abgerufen am 16.05.2020).

1

Fassen Sie den vorliegenden Text zusammen. (Material 1)

[25 BE]

2

Analysieren Sie ausgehend von Material 1 die Herausforderungen für die deutsche Außen- und Sicherheitspolitik.

[25 BE]

4

Interpretieren Sie die Karikatur (Material 2) und diskutieren Sie vor diesem Hintergrund, inwieweit Deutschland eine hegemoniale Rolle in Europa einnimmt.

[30 BE]

Aufgabe Vorschlag C - Konjunktur und wirtschaftspolitisch… · Konjunktur und wirtschaftspolitische Konzeptionen

Material 1

Hans Kundnani: Deutschlands Dilemma als halber Hegemon 1 (2019)

Noch vor zehn Jahren schien Deutschlands Platz in der Welt klar definiert zu sein. Außenpolitische Debatten betrafen damals vor allem die Beteiligung Deutschlands an den sogenannten Out-of-Area-Einsätzen der Nato. Während der 1990er schien sich Deutschland in der Frage von Militäreinsätzen allmählich in Richtung „Normalität“ zu bewegen, ein Prozess, der in den Einsätzen in Serbien 1999 und Afghanistan ab 2001 kulminierte. Ab den 2000ern jedoch begann auch Deutschland Militäreinsätze im Zuge der den gesamten Westen erfassenden Zweifel gegenüber Militärinterventionen wieder zunehmend skeptischer zu sehen, vor allem nach der fehlgeschlagenen Invasion des Irak 2003 2.

Mit Ausbruch der Eurokrise 2010 jedoch ist Deutschlands Zukunft zunehmend unsicher geworden. Die Krise löste eine abermalige Debatte über die deutsche „Hegemonie“ in Europa aus, die sich in Folge der Flüchtlingskrise 2015 intensivierte. Seit der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der Vereinigten Staaten 2016 ist die Zukunft der transatlantischen Allianz und der „liberalen internationalen Ordnung“ an sich ungewiss geworden. Wie wird Deutschland in einer Zeit agieren, in der scheinbar alles in Bewegung geraten ist – und die Analysten […] als ein Interregnum 3 […] beschreiben?

Regelmäßig haben außenpolitische Analysten die Probleme ignoriert, die im Verlauf der Eurokrise aufgetaucht sind. Was allerdings nicht heißt, dass diese gelöst worden wären. Zwar provozierte das britische Chaos ein erneuertes rhetorisches Bekenntnis zum europäischen Projekt, aber die weitere Integration ist zum Stehen gekommen. Derweil verharrt Deutschland in einer problematischen Position der Halbhegemonie. In der Praxis bedeutet dies, dass das Land zwar die Kraft zur Festlegung der Regeln hat, nicht aber, um sie durchzusetzen. Andere Staaten sind derweil stark genug, um die Regeln zu brechen, nicht aber sie zu ändern.

Die Serie von Krisen, denen sich die EU seit 2010 gegenübersieht, hätten eine Chance sein können. Während der Eurokrise warfen die Länder Südeuropas Deutschland mangelnde „Solidarität“ vor. Aber in der Flüchtlingskrise forderte dann auf einmal Deutschland „Solidarität“ von den anderen Mitgliedsstaaten. Dies hätte durchaus eine Grundlage für einen umfassenden Deal sein können, basierend auf einem gemeinsamen Verständnis von Rechten und Pflichten zwischen EU-Mitgliedsstaaten, die sowohl Teil des Euroraums als auch von Schengen sind, also eines de facto „europäischen Kerns“. Doch statt sie miteinander zu verbinden, suchte Deutschland beide Fragen zu entkoppeln. […]

Die Wahl Donald Trumps könnte sich als der größte strategische Schock für ganz Europa herausstellen. Für Berlin stellt er ein besonderes schwieriges Dilemma dar. Deutschlands Position der Halbhegemonie innerhalb Europas war von einer bestimmten Konfiguration der liberalen internationalen Ordnung abhängig, in der Deutschland einen Freifahrtschein genoss. Gemeint sind hierbei insbesondere die Sicherheitszusagen der Vereinigten Staaten, die Fragen militärischer Macht in den innereuropäischen Beziehungen im Prinzip irrelevant machten, und die Rolle Amerikas als endlos verfügbarer Konsument zu nennen. Heute ist Washington hierzu weniger willens und könnte die eigene Hegemonie­stellung aufgeben.

Die Unwägbarkeiten in Bezug auf die amerikanischen Sicherheitszusagen an Europa führten zu einer Spaltung der strategischen Gemeinde in Deutschland zwischen Atlantikern und Post-Atlantikern. Während Atlantiker dazu neigen, die strukturelle Verschiebung in der amerikanischen Außenpolitik zu unterschätzen, verkennen die Post-Atlantiker das Ausmaß der Schwierigkeiten, vor denen Europa bei der Entwicklung strategischer Autonomie als Alternative zu den amerikanischen Sicherheitsgarantien steht. Problematisch ist dabei, dass selbst vorsichtige Schritte Europas in Richtung Unabhängigkeit das amerikanische Engagement weiter schwächen könnten.

Während aber sowohl Atlantiker als auch Post-Atlantiker über die Notwendigkeit sprechen, auf neue Gefahren in einer zunehmend gefährlichen Welt zu reagieren, scheint die deutsche Bevölkerung mehr über den potentiellen Verlust ihrer Identität als Friedensmacht besorgt zu sein. Trotz der Unsicherheiten in Bezug auf die amerikanischen Sicherheitsgarantien, fühlen sich die Deutschen einfach nicht bedroht. Viele sähen heute die Übernahme größerer „Verantwortung“ und dabei insbesondere eine drastische Steigerung der Verteidigungsausgaben als ein Zugeständnis an Trump und seine Politik.

Die zukünftigen Beziehungen Deutschlands zu China sind auch mit der Rolle Deutschlands in Europa und der Beziehung zu den Vereinigten Staaten verknüpft. Während der vergangenen Dekade ist Deutschland zunehmend abhängig von China als Exportmarkt geworden – insbesondere nachdem im Verlauf der Eurokrise die Nachfrage aus Europa zurückging. Es entwickelte sich in der Folge eine enge politische Beziehung zwischen Berlin und Peking. Die Krise hat den Westen in Überschuss- und Defizitländer gespalten und China und Deutschland zusammengeführt. […]

Ein Überdenken des eigenen Wirtschaftsmodells ist […] die vielleicht größte Herausforderung, vor der Deutschland steht. Das wäre nicht nur für Deutschlands Partner in der Nato und der EU gut, die von einer steigenden Binnennachfrage profitieren würden, sondern auch für Deutschland selbst. Deutschlands Wettbewerbsbesessenheit hat die Ungleichheit und die politische Unsicherheit gefördert. Die bröselnde Infrastruktur des Landes verlangt dringend Investitionen. Allerdings verbietet der politische Konsens in Bezug auf Deutschlands Identität als Exportnation ein solches Umdenken.

Die Frage ist, ob Deutschland zum Umdenken fähig ist, bevor es zu spät ist. Ganz allmählich ziehen sich die Vereinigten Staaten von ihrer Rolle als Hegemon zurück, die sie seit dem Zweiten Weltkrieg innehatten. Zunehmend scheinen sie nicht mehr zur Bereitstellung globaler Gemeinschaftsgüter wie Sicherheit und ökonomischer Nachfrage willens zu sein – insbesondere für Europa, von dem sie zu Recht glauben, dass es in der Lage sein sollte, für sich selbst zu sorgen. Während alles um sie herum in Bewegung gerät, scheinen die Deutschen zu glauben, sie könnten dennoch einfach so weitermachen wie bisher.

1 Hegemonie – Vorherrschaft, Vormachtstellung

2 Gemeint ist der Einmarsch der USA und Verbündeter in den Irak.

3 Interregnum – Bezeichnet eine Übergangsregierung oder den Zeitraum, in dem eine solche herrscht.

Hans Kundnani: Deutschlands Dilemma als halber Hegemon, 25.11.2019, URL: https://www.faz.net/aktuell/politik/deutschlands-dilemma-als-halber-hegemon-16491197.html?premium=0x1c4b706485cdd7d065bead4c7a56d54b&printPagedArticle=true#void (abgerufen am 16.05.2020).

Hinweis: Hans Kundnani ist ein in London tätiger Wissenschaftler und Politikberater.

Material 2

Karikatur von Klaus Stuttmann (2020)

Klaus Stuttmann, 19.02.2020, URL: https://www.tagesspiegel.de/politik/deutschland-in-europa-hegemon-zwischen-wille-und-zwang/25492376.html (abgerufen am 16.05.2020).

3

Erläutern Sie, durch welche Maßnahmen der deutsche Staat die Binnennachfrage steigern und die Exportabhängigkeit verringern kann. (20 BE)

Aufgabe Vorschlag D - Globalisierung, Welthandel und Stan… · Globalisierung, Welthandel und Standort Deutschland

Vorschlag D: Soziale Folgen der Globalisierung

Bearbeiten Sie die folgenden Aufgaben zum vorgelegten Textmaterial.

Material

Jörg Lichter: Freihandel kennt auch Verlierer – und Trump gibt ihnen eine Stimme (2018)

In keinem Land ist die Erregung über die protektionistische Außenhandelspolitik von US-Präsident

Donald Trump größer als in Deutschland. Das ist verständlich, basiert doch der Wohlstand dieser

viertgrößten Volkswirtschaft der Welt zu einem sehr großen Teil auf der Ausfuhr namentlich von

industriellen Erzeugnissen in andere Länder. Die Trump-Administration hat höhere Einfuhrzölle

5 eingeführt und droht nun, diese weiter zu erhöhen und auf andere Güter auszuweiten. Diese Einfuhr-

zölle sind zweifellos nachteilig für das in fast einhundertfünfzig Jahren entstandene deutsche

Geschäftsmodell eines exportgetriebenen Wirtschaftswachstums.

Für deutsche Ohren klingt Kritik an Freihandel und offenen Grenzen für Güter und Kapital befremd-

lich. Denn hierzulande herrscht fast mehr als anderswo die Überzeugung, dass nach Maßgabe des

10 Theorems der komparativen Kostenvorteile von einem ungehinderten Güterverkehr alle beteiligten

Volkswirtschaften profitieren. […]

Unstrittig ist, dass durch ungehinderte Güter- und Kapitalströme die weltwirtschaftliche Gesamt-

leistung steigt. Dies bedeutet aber noch nicht, dass dies in jedem der beteiligten Länder der Fall ist,

geschweige denn, dass der „Außenhandelsgewinn“ zu gleichen Teilen oder auch nur proportional zur

15 wirtschaftlichen Größe in den beteiligten Ländern anfällt. Denn es wird gerne verdrängt, dass Frei-

handel stets von den „ökonomisch Starken“ propagiert wurde. Man findet nur wenige Schwellen- und

Entwicklungsländer unter den Verfechtern dieses Prinzips. In diesen Ländern war und ist vielmehr der

Erziehungszollgedanke 1 populär.

Bis Anfang der 1970er-Jahre galt das auch für Japan oder Südkorea, beides Staaten, die hinter Schutz-

20 zöllen ihre heute sehr wettbewerbsfähigen Industrien aufbauten. Heute sind beide Länder Verfechter

offener Grenzen für Güter und Kapital. Und nicht zufällig wurde der ungehinderte Warenfluss zu

Beginn des 19. Jahrhunderts in Großbritannien theoretisch begründet und politisch durchgesetzt. Zu

der Zeit war Großbritannien Vorreiter der Industrialisierung und das ökonomisch am weitesten

entwickelte Land seiner Zeit. Heute zählt auch Deutschland unter den großen Volkswirtschaften zu

25 den Gewinnern, werden hier doch die höchsten Handelsbilanzüberschüsse der Welt erwirtschaftet.

Donald Trump hat mit seiner brachialen Art ein Problem auf die Tagesordnung gesetzt, das in

Deutschland gerne ausgeblendet wird: Die auf dem Freihandelsprinzip basierende Globalisierung der

vergangenen 25 Jahre erzeugt nicht nur Gewinner, sondern auch Verlierer. Nicht erst Nobelpreisträger

Paul Samuelson hat im Jahr 2004 gezeigt, dass auch in Ländern, die im gesamtwirtschaftlichen Saldo

30 vom Freihandel profitieren, Arbeitsplätze in der Summe verloren gehen können. […]

So kann es eigentlich nicht überraschen, dass der US-amerikanische Präsident Donald Trump die USA

als Verlierer der Globalisierung und des Freihandels sieht und nicht länger bereit ist, negative

Handelsbilanzsalden mit Ländern wie China und Deutschland zu akzeptieren. […]

Wichtiger noch als diese Debatte ist, dass Trump den Verlierern der Globalisierung in den USA eine

35 Stimme gegeben und deshalb die Wahl im November 2016 gewonnen hat. Wer sich darüber

informieren möchte, welche ökonomischen und sozialen Verwerfungen das nordamerikanische

Freihandelsabkommen (NAFTA) zwischen den USA, Mexiko und Kanada seit 1994 in den ohnehin

schon ökonomisch schwach strukturierten Südstaaten der USA angerichtet hat, dem seien Paul

Theroux' Reisebericht „Tief im Süden“ oder George Packers „Die Abwicklung“ als Lektüre

40 empfohlen. Darin wird außerdem ersichtlich, wie der sogenannte Rust Belt 2 im Nordosten des Landes

unter der wachsenden Konkurrenz aus China zu leiden hat.

Diese oft verdrängten Folgen der Globalisierung sind nicht auf die USA beschränkt, in abgeschwäch-

ter Form findet man sie selbst beim „Exportvizeweltmeister“ Deutschland. Eine Studie von Ökonomen

der Universität Düsseldorf zeigt, dass in Westdeutschland im Gegensatz zu den USA zwischen 1990

45 und 2010 im Saldo ein Aufbau von fast einer halben Million Industriearbeitsplätzen stattgefunden hat.

Hinter dem positiven Saldo verbergen sich jedoch zwei gegenläufige Entwicklungen: Auf der einen

Seite wurden fast eine Million Arbeitsplätze neu geschaffen. Andererseits verschwanden eine halbe

Million Stellen in den Regionen mit „alten“ Industrien, die der kostengünstigeren, internationalen

Konkurrenz zum Opfer gefallen sind. Davon betroffen waren vor allem das Ruhrgebiet (Schwer-

50 industrie), die Pfalz (Textil) und Oberfranken (Elektro). Das Problem: Die Arbeitsplatzverlierer in

diesen Regionen sind nicht identisch mit Beschäftigten, die auf den neu geschaffenen Stellen […]

arbeiten.

Bei aller Euphorie über das Wachstum der Weltwirtschaft und die Dynamik des Welthandels seit dem

Zusammenbruch des Ostblocks vor 30 Jahren sind die Beschäftigten in den „alten“ Industrien der

55 entwickelten Volkswirtschaften von der Politik aber auch weiten Teilen der ökonomischen Wissen-

schaft vergessen worden. So ist in dem weit verbreiteten Lehrbuch der Nationalökonomie von Gregory

Mankiw und Mark Taylor die lapidare Feststellung zu lesen, dass eine Produktionsverlagerung ins

kostengünstigere Ausland „kurzfristig gewisse Härten für die zum Arbeitsplatzwechsel gezwungenen

Arbeiter mit sich bringt“.

60 Diese Auffassung geht an der Lebensrealität und den beruflichen Möglichkeiten eines von der Arbeits-

losigkeit betroffenen, fünfzigjährigen Stahlarbeiters aus Ohio oder dem Ruhrgebiet weit vorbei.

Die akademische Volkswirtschaftslehre leidet derzeit nicht nur unter einem Methodenproblem, ihr ist

auch ein zentrales Objekt des Erkenntnisinteresses dieser Real- und Sozialwissenschaft verloren

gegangen – der Mensch. Viele angesehene Vertreter der Volkswirtschaftslehre blenden den gesell-

65 schaftlichen Rahmen aus, in den das von ihnen analysierte wirtschaftliche Handeln eingebunden ist.

Im Bestreben weniger als eine Sozialwissenschaft und mehr als eine exakte Formalwissenschaft

ähnlich der Mathematik wahrgenommen zu werden, ist in den ökonomischen Modellen des

akademischen Mainstreams der Mensch zum Produktionsfaktor „Arbeit“, zu „Humankapital“ oder

zum „Konsumenten“ reduziert.

70 Der sogenannte Produktionsfaktor Arbeit ist aber in der Realität nicht so mobil wie das nach rentablen

Investitionen suchende Kapital – weder regional noch sektoral. Es gibt familiäre Bindungen, mentale

Vorbehalte, das (Aus-)Bildungsniveau, und in nicht wenigen Fällen ist es auch das Lebensalter, das

einer Umsiedlung innerhalb Deutschlands oder dem Ergreifen eines neuen Berufes entgegensteht.

Da sich die Wirtschaftswissenschaften selten mit den individuellen Kollateralschäden des ökono-

75 mischen Fortschritts beschäftigen, haben sie bis jetzt auch keine belastbare Antwort auf die Frage

gefunden, wie die Verlierer der Globalisierung von den Gewinnern entschädigt werden können.

Fehlende wirtschafts- und sozialpolitische Konzepte zur Integration der Verlierer sind nicht nur von

akademischem 3, sondern eminent politischem Interesse. Andernfalls wird es kaum gelingen, die

Wähler Donald Trumps und der AfD für Demokratie und Marktwirtschaft zurückzugewinnen.

Jörg Lichter: Freihandel kennt auch Verlierer – und Trump gibt ihnen eine Stimme, 23.07.2018, URL: https://www.handelsblatt.com/politik/konjunktur/research-institute/soziale-folgen-der-globalisierung-freihandel-kennt-auch-verlierer-und-trump-gibt-ihnen-eine-stimme/22832568.html?ticket=ST-13761448-n4YnHiBZX4JjtVcsnBsV-ap2 (abgerufen am 02.10.2019).

1 Erziehungszoll – ein vorübergehender Schutzzoll für im Aufbau befindliche Industrien

2 Rust Belt – die älteste und ehemals größte Industrieregion der USA

3 akademisch – hier: im Sinne von „theoretisch“

1

Fassen Sie den vorliegenden Text zusammen. (Material)

[20 BE]

2

Der Autor geht auf „das Theorem der komparativen Kostenvorteile“ ein. (Material)

Erklären Sie die klassische Theorie der komparativen Kostenvorteile sowie eine moderne Außenwirtschaftstheorie.

[25 BE]

4

Beurteilen Sie ausgehend von den Aussagen des Autors die Folgen des Abbaus von Handelsbeschränkungen für entwickelte und weniger entwickelte Länder. (Material)

[30 BE]

Aufgabe Vorschlag D - Konjunktur und wirtschaftspolitisch… · Konjunktur und wirtschaftspolitische Konzeptionen

Aufgabe 3

Ökonomen warnten in den letzten Jahren immer wieder vor einer Rezession der deutschen Wirtschaft.

Stellen Sie das güterwirtschaftliche und das monetäre Erklärungsmodell für konjunkturelle Schwankungen dar und erläutern Sie Einflussmöglichkeiten des Staates auf den Konjunkturverlauf.

[25 BE]

a)

b)

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