Aufgabe Vorschlag A - Wachstum, Wettbewerb und europäisch… · Abitur Hessen Politik und Wirtschaft LK 2021
Thema: Wachstum, Wettbewerb und europäischer Binnenmarkt · Aus der Prüfung LK (2021)
Aufgabenstellung
Material
Bernhard Pörksen: Arroganz statt Inhalte (2019)
Jetzt, da die hektisch pulsierenden Tweets unter den Hashtags #AKKGate und #NieWiederCDU
weniger werden, die Talkshows schon wieder neue Themen suchen und sich die Öffentlichkeit wie
von einem Fieberschub erholt, ist der Moment gekommen, einmal genauer hinzuschauen. Was hat der
Streit um das inzwischen mehr als 14 Millionen Mal aufgerufene Rezo-Video („Die Zerstörung der
5 CDU“) gezeigt? Wie lassen sich die konfusen Reaktionen erklären, wenn man für einen Moment das
Stakkato der Schlagzeilen ausblendet, das das eigentliche Geschehen eher verdeckt?
Hier offenbaren sich, so die These, Tiefeneffekte der vernetzten Welt und eine tektonische 1
Verschiebung unserer Informationsarchitektur, die nach anderen Formen der Konfliktbeschreibung
und Konfliktlösung verlangen. Man sieht, was passiert, wenn Politiker eine Medienrevolution nicht
10 verstehen, Inszenierung mit Inhalt verwechseln und ihre Protagonisten pauschal diffamieren. Und man
erlebt das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Welten wie eine Drift in Richtung des Neuen.
Es ist eine Art Zwischenreich, das hier erkennbar wird, ein Interregnum 2 der Kommunikation, geprägt
von kollidierenden Normen, konträren Organisationsformen und einer untergründigen Neusortierung
der Kommunikations- und Machtverhältnisse. Welche Lehren könnten Politik und Gesellschaft aus der
15 Aufregung der vergangenen Tage ziehen? Hier seien […] Diagnosen im Verbund mit ein paar Vor-
schlägen angeboten. Es sind Notizen auf schwankendem Grund. Denn die Welt befindet sich im Über-
gang. Sie driftet weg von der Mediendemokratie alten Typs, die sich orientierte an publizistischen
Machtzentren in Gestalt von einzelnen Zeitungen, Radio- und Fernsehsendern. Und sie bewegt sich in
Richtung auf eine Empörungsdemokratie des digitalen Zeitalters. Jeder kann sich jetzt zuschalten,
20 jeder kann mitmachen. Eine Transparenz der Heuchelei scheint erkennbar. Es lohnt sich, Rezos Video
immer wieder anzuschauen, langsam, wie in Zeitlupe, um dann, wenn die Augenblickseffekte ihren
Reiz verlieren, das Muster zu erkennen, das diesen riesenhaften Leitartikel organisiert. Es ist ein
einziger, laut in die Welt gebrüllter Vorwurf der Heuchelei und des Sich-in-die-Tasche-Lügens, der
hier formuliert wird.
25 Wie könnt ihr, so fragt Rezo in Richtung der Regierenden, wissend, dass die Klimaschäden längst
fühlbar und fassbar sind und die Zeit knapp wird, einfach so weitermachen? Man kann diese Frage
ignorieren und so tun, als ginge es hier um jugendliche Naivität, fehlende Sachkompetenz und
postfaktische 3 Meinungsmache. Doch es gibt da ein Problem. Rezo greift in seinem Video auf die
Statements von Wissenschaftlern zurück, er benützt Artikel aus klassischen Medien, Material aus
30 Pressekonferenzen. Er führt vor, was er behauptet, nicht immer fehlerfrei, aber in der Summe korrekt.
Was also macht man nun da? Man kann, wie der Generalsekretär der CDU, Paul Ziemiak, erst Greta
Thunberg als Ideologin attackieren, dann Rezo als Schwätzer abstempeln, ihn dann, wenn die Sache
zu entgleiten droht, als sorgenvoll-empathischer Therapie-Onkel („dein Paul“) zum Gespräch
einladen. Geht alles. Aber wer glaubt, dass sich die eigenen Ausweichmanöver nicht durch ein paar
35 Twitter-Screenshots dokumentieren ließen, der versteht nicht, welche Entlarvungseffekte heute
möglich sind. Allgemeiner formuliert: Unter digitalen Medienbedingungen sind die offensichtliche
Widersprüchlichkeit und programmatische Hilflosigkeit bereits mit Hilfe von ein paar gut gesetzten
Links dokumentierbar. Der Vorwurf der Heuchelei rückt damit ins Zentrum politischer Debatten.
Inhaltliche Konsistenz und das Denken in langen, ausbuchstabierten Linien wird unter solchen
40 Bedingungen zum Erfolgsprinzip.
Man gibt sich einer Illusion der Ignoranz hin. In der Welt der klassischen Leitmedien und der
mächtigen Gatekeeper 4 entschieden Journalistinnen und Journalisten darüber, was als interessant und
relevant gelten konnte. Es war ohne allzu großen Aufwand möglich, die Grenzen des Sagbaren zu
bestimmen und schon durch die Art und Weise der Äußerung eine paternalistische 5 Stilkunde zu
45 praktizieren: „Nur so darf man reden! Und das sind die Themen, die man überhaupt be- und
verhandeln sollte!“ Diese Zeiten sind vorbei.
Die unumschränkte Deutungsautorität der Gatekeeper existiert nicht mehr. Die vierte Gewalt des
klassischen Journalisten wird durch die fünfte Gewalt der vernetzten Vielen ergänzt. Längst kann
jeder, ein Smartphone in der Hand, Aufmerksamkeit für ein Thema organisieren, wenn es ihm gelingt,
50 ein Publikum dafür zu finden. Die Taktiken im Umgang mit Rezo – sie reichen von draufhauen,
Regeln fordern bis zur ungefragten Umarmung – stammen, aus der Vergangenheit des Gatekeeper-
Zeitalters. Es sind die Reaktionsformen einer Macht, die im Interregnum der digitalen Gegenwart so
angreifbar geworden ist wie nie zuvor. Und heute lässt sich eine erlebte Repräsentationskrise, ganz
gleich, ob es um das Klima- oder das Flüchtlingsthema geht, nicht mehr tabuisieren, weil unabweisbar
55 geworden ist, was andere darüber glauben und denken. Und wenn man eine Tabuisierung dennoch
versucht, dann bilden sich sehr schnell über Nacht mediale Gegenöffentlichkeiten. […]
Die Sofort-Skandalisierung scheint übrigens die vorrangige Reaktion zu sein. Die arrogante Abfuhr,
die verklemmte Relativierung, die pauschale Abwertung, der Start einer Gegenkampagne, der Versuch
von Einschüchterung und Zensur – all das kann das Entrüstungsfeuer noch einmal kräftig anheizen.
60 Und genau das ist in den letzten Tagen passiert. Was folgt daraus? Der Umgang mit Fehlern
verwandelt sich irgendwann in den einen großen, entscheidenden Fehler, der neue Autoritäts- und
Reputationskrisen produziert. […] Dann lädt man […] eben Rezo ein. Das Problem: Eine derartige
Form der Konfliktbesänftigung, die letztlich auf einer irreführenden Personalisierung von
Netzwerkeffekten basiert, klappt, wenn überhaupt, nur in der Binnenlogik der eigenen Organisation.
65 Ein Rezo kann nicht – nach erfolgtem Appeasement 6 im Konrad-Adenauer-Haus 7 – eine versammelte
Mannschaft wieder auf Linie bringen.
Denn Digitalisierung heißt Dialogisierung. Wie lässt sich Kommunikation organisieren und befrieden,
wenn zentralistische Strukturen vernetzten Individuen gegenüberstehen, die alle ihre eigenen
Auffassungen haben? Das ist tatsächlich eine noch offene Frage. Wahrscheinlich hilft hier nur ein
70 Maximum an Dialogbereitschaft in der Breite der Gesellschaft. Es gilt, mit wirklicher Empathie (und
nicht mit gespielter Sympathie) zuzuhören und zu verstehen, was diese Fremdlinge, die jetzt mit ihren
blauen Haaren aus dem fremden YouTube-Universum in das Grillfest des Ortsvereins hineingeplatzt
sind, eigentlich zu sagen haben. Man muss kein Prophet sein, um zu erkennen: Die digitale Moderne
wird entweder das Zeitalter des Dialogs sein oder in der Rückschau als eine Epoche des
75 Aufeinandereinbrüllens erscheinen, die ganze Gesellschaften im Inneren zerrissen und die Rückkehr
der Stammesfehden unter modernen Medienbedingungen hervorgebracht hat.
Bernhard Pörksen: Arroganz statt Inhalte, in: Süddeutsche Zeitung, 03.06.2019, URL: https://www.sueddeutsche.de/kultur/rezo-cdu-youtube-video-social-media-1.4471242-0 (abgerufen am 27.04.2020).
Hinweis
Der Autor ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen.
1 tektonisch – hier: grundlegend, fundamental
2 Interregnum – Bezeichnet eine Übergangsregierung oder den Zeitraum, in dem eine solche herrscht.
3 postfaktisch – Denken und Handeln, bei dem Fakten nicht im Mittelpunkt stehen. Die Wahrheit einer Aussage tritt dabei hinter den emotionalen Effekt der Aussage vor allem auf die eigene Interessengruppe zurück.
4 Gatekeeper – Torwächter, Türsteher
5 paternalistisch – bevormundend
6 Appeasement – bezeichnet eine Politik, die auf Aggressionen mit Zugeständnissen, Zurückhaltung, Beschwichtigung und Entgegenkommen reagiert, um einen Krieg zu vermeiden.
7 Konrad-Adenauer-Haus – Dort ist u.a. die CDU-Bundesgeschäftsstelle untergebracht.
3
Analysieren Sie vor dem Hintergrund der ökonomischen Globalisierung die möglichen Risiken von Konzentrationsprozessen transnationaler Unternehmen allgemein sowie speziell im Bereich der Medien.
(20 BE)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
3 Analysieren Sie vor dem Hintergrund der ökonomischen Globalisierung die möglichen Risiken von Konzentrationsprozessen transnationaler Unternehmen allgemein sowie speziell im Bereich der Medien.
Lösung: Darstellung der Merkmale ökonomischer Globalisierung sowie fundierte Analyse der allgemeinen wirtschaftlichen Risiken von TNU-Konzentrationen (Marktmacht, Verdrängung, Abhängigkeiten) und der spezifischen Risiken im Medienbereich (Oligopolbildung, Einschränkung von Meinungsvielfalt und kritischer Kontrollfunktion).
Die ausführliche Erklärung Schritt für Schritt (mit KI) gibt es mit Premium. Premium
Löse sie direkt hier: automatische Korrektur, Hinweise und Lösung Schritt für Schritt.
‹ Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 3: Wachstum, Wettbewerb und… · GK · bilingual Französisch 2021 · Aufgabe Vorschlag B - Wachstum, Wettbewerb und europäisch… · LK 2021 ›
Mehr Aufgaben zu Wachstum, Wettbewerb und europäischer Binnenmarkt
- Aufgabe Vorschlag C - EU-Binnenmarkt · GK 2022
- Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 1 · GK · bilingual Französisch 2022
- Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 2 · GK · bilingual Französisch 2022
- Aufgabe Vorschlag D - Wachstum, Wettbewerb und europäisch… · GK · bilingual Englisch 2021
- Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 3: Wachstum, Wettbewerb und… · GK · bilingual Französisch 2021
- Aufgabe Vorschlag B - Wachstum, Wettbewerb und europäisch… · LK 2021