Aufgabe Vorschlag B - Wachstum, Wettbewerb und europäisch… · Abitur Hessen Politik und Wirtschaft LK 2021

Thema: Wachstum, Wettbewerb und europäischer Binnenmarkt · Aus der Prüfung LK (2021)

Aufgabenstellung

Material

Interview von Christian Schubert für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) mit Patrick Artus: Deutschland setzt auf die Industrien von gestern (2019)

FAZ: Herr Artus, Sie sind einer der Ökonomen, die Deutschlands wirtschaftliche Lage als

besonders bedrohlich ansehen. Warum ist das so?

Artus: Deutschland befindet sich in einer strukturellen, nicht konjunkturellen Krise. Denn die Spezia-

lisierung seiner Industrie ist sehr ungünstig: Auto, Chemie und Maschinenbau stehen für 7,2 Prozent

5 der Beschäftigung. In Frankreich sind es nur 1,8 Prozent. Diesen Industriebereichen geht es sehr

schlecht, denn sie setzen auf die Produkte von gestern.

FAZ: Kann sich die Lage nicht bald schon wieder drehen?

Artus: Wir erleben einen strukturellen Umbruch weg von einer Welt der Industrie zu einer Welt der

Dienstleistungen. Hinzu kommen die neuen Anforderungen an Umwelt- und Klimaschutz. Dieselau-

10 tos, von denen die deutschen Hersteller noch stark abhängen, will heute niemand mehr kaufen. Für

Plastik, auf das die deutsche Chemieindustrie noch stark setzt, gilt jetzt das Ziel, 90 Prozent zu

recyceln. Dann braucht man praktisch kein neues Plastik mehr. Auch die Landwirtschaft, die künftig

biologischer sein wird, braucht weniger Agrarchemie.

FAZ: Und der Maschinenbau? Man braucht doch weiter Maschinen, um Dinge herzustellen?

15 Artus: Deutlich weniger als bisher. Die Entwicklung in China ist symptomatisch, auch China wird zur

Dienstleistungsgesellschaft. Die Menschen kaufen sich weniger Autos, denn bei der zunehmenden Ur-

banisierung sind sie in den Städten unpraktisch. Was machen die Leute mit ihrem Geld? Sie fahren am

Wochenende weg, und wenn in einem Auto, dann mit einem Leihwagen. Man verreist häufiger, geht

ins Restaurant, und währenddessen passt ein Babysitter auf die Kinder auf. Alle diese Entwicklungen,

20 die wir überall verfolgen, kommen den Dienstleistungen zugute, nicht der Industrie. Daher erhöht die

Industrie weltweit gesehen nicht mehr ihre Kapazitäten.

FAZ: Was ist etwa mit dem Wohnen oder dem Bausektor?

Artus: Auch da greift das „Teilen“ um sich, schauen Sie sich Airbnb 1 an. Und die Alterung der

Bevölkerung verhindert, dass der Bau ein Wachstumssektor ist. Durch das Internet verliert die Logik

25 des Eigentums an Bedeutung. Es ist idiotisch, einen Rasenmäher in der Garage zu haben, den man

höchstens eine Stunde in der Woche benutzt; also teilt man ihn sich. Es gibt auch keinen Stolz mehr,

ein Auto zu besitzen; vom Statussymbol wird es zum reinen Transportmittel. Man leiht sich, was man

vorher gekauft hat. Daher wird in der Welt künftig viel weniger Kapital gebraucht. Und die deutsche

Wirtschaft hat da ein Problem, weil sie noch viele Kapitalgüter produziert.

[...]

30 FAZ: Wenn China kein Wachstumsmotor der Industrie ist, kann es künftig Indien sein?

Artus: Ja, es stimmt, in Indien steigt der Bedarf an Industriegütern noch, in Afrika auch. Doch das

gleicht nicht den Rückgang in China aus. Die Industrie wächst heute noch in Ländern mit niedrigen

Löhnen wie in Südasien, etwa Vietnam, Indonesien und den Philippinen oder in Zentraleuropa. Doch

selbst in Ländern wie Polen greift man jetzt auf billige Arbeiter aus der Ukraine zurück. Südkorea ist

35 in der gleichen Lage wie Deutschland; als Hochkostenland leidet es unter dem strukturellen Umbruch.

FAZ: Sie meinen, Deutschland ist heute nicht mehr wettbewerbsfähig?

Artus: Auf der Kostenseite hat sich die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands stark verschlechtert. Bei

den Lohnstückkosten lagen Deutschland, Frankreich, Spanien und Italien 2007 ungefähr gleichauf.

Heute ist Deutschland 16 Prozent teurer als Frankreich oder Italien und 30 Prozent teurer als Spanien.

40 Seit Jahren steigen die Löhne in Deutschland durchschnittlich ungefähr um 3 Prozent – gegenüber

1 Prozent in Spanien und 2 Prozent in Frankreich. Daher verliert die deutsche Wirtschaft im Export

erstmals seit der Wiedervereinigung Marktanteile. Seit Anfang 2017 sind die deutschen Ausfuhren um

zwei Prozentpunkte weniger gestiegen als der Welthandel. Die Löhne wachsen auch stärker als die

Produktivität. Das führt dazu, dass von den Einkommen der Unternehmen jetzt wieder mehr auf die

45 Beschäftigten abfällt als auf die Anteilseigner; das war das letzte Mal beim Amtsantritt von Bundes-

kanzler Schröder so, also vor der Agenda 2010 2. Immerhin sind die Gewinne der Unternehmen noch

hoch. Das verdanken sie weitgehend den niedrigen Zinsen. Es wird in Deutschland zu wenig hervorge-

hoben, dass die Nullzinsen nicht nur die Sparer bestrafen, sondern auch ein enormer Vorteil für die

Unternehmen sind.

50 FAZ: Was folgt aus den hohen Kosten?

Artus: Die deutsche Industrie wird noch stärker Standorte in die billigen Länder Osteuropas verlegen.

Die Arbeitslosigkeit wird steigen. Bisher behalten die meisten Unternehmen noch ihre Beschäftigten,

das ist wegen der Sicherung des Humankapitals der richtige Weg für einen vorübergehenden Konjunk-

turabschwung, nicht aber für eine Strukturkrise. Die Kurzarbeit steigt wieder an. Daher geht auch die

55 Produktivität zurück. Ich schätze, die Arbeitslosigkeit wäre heute 4 Prozentpunkte höher, wenn die

Unternehmen ihre Belegschaften an die Nachfrage angepasst hätten.

FAZ: Also sollen wir künftig alle unser Heil in Dienstleistungen suchen?

Artus: Auch da hat Deutschland ein Problem. Die Deutschen sind keine großen Konsumenten von

Dienstleistungen. In Frankreich, Spanien oder in den Vereinigten Staaten wachsen sie schneller, etwa

60 im Bereich der Freizeitgestaltung, der Gastronomie, des Einzelhandels, der Haushaltshilfen oder des

Flugverkehrs. Die Schaffung neuer Stellen im Dienstleistungssektor hat sich in Deutschland verlang-

samt, anderswo wächst sie noch deutlich.

FAZ: Was also kann Deutschland tun?

Artus: Aus meiner Sicht sollten die Unternehmen die Produktion umstellen und auf die Produkte von

65 morgen konzentrieren, etwa wasserstoffgetriebene Autos.

FAZ: Deutschland und Frankreich ziehen, staatlich gefördert, aber gerade eine Batterieproduk-

tion für Elektroautos auf.

Artus: Das ist eine Sackgasse. Da steckt man 1,7 Milliarden Euro in eine Technologie, die heute

schon veraltet ist. Die Autohersteller brauchen billige Batterien, die kann man nicht in Deutschland

70 oder Frankreich bauen. Der französische Batteriehersteller Saft, der auch bei dem deutsch-französi-

schen Projekt mitmacht, zieht derzeit eine große Produktion in China auf. Dort werden die Hersteller

die Batterien kaufen. Man sollte den deutsch-französischen Batterieplan sofort einstellen. Wasserstoff

und die Brennstoffzellen haben dagegen Zukunft. Das französische Kommissariat für Atomenergie

(CAE) ist auf diesem Gebiet beispielsweise ein führender Akteur.

75 FAZ: Wie sollen und können Regierungen Technologie fördern?

Artus: Das ist eine schwierige Frage. Auf jeden Fall können Regierungen nicht die Technologien von

morgen vorschreiben, weil sie diese nicht kennen. Der amerikanische Ansatz, über die staatliche

Förderagentur Darpa den Unternehmen ohne Einmischung Geld zur Verfügung zu stellen, scheint mir

sinnvoll. Wir brauchen ein europäisches Darpa. In Europa sollten wir auch das Wettbewerbsrecht

80 überdenken. In Branchen mit zunehmenden Skalen 3 - und Netzwerkerträgen 4 bei wachsender Unter-

nehmensgröße ist die Frage zu stellen, ob wir nicht monopolähnliche Situationen in Europa akzeptie-

ren sollen, damit europäische Unternehmen im weltweiten Wettbewerb mithalten können. Und der eu-

ropäische Markt darf kein Flickenteppich mehr sein, etwa bei öffentlichen Ausschreibungen. Deutsch-

land ist bei öffentlichen Ausschreibungen ein geschlossener Markt. Haben Sie schon mal einen Zug in

85 Deutschland gesehen, der nicht in Deutschland gebaut wurde?

Interview von Christian Schubert mit Patrick Artus: Deutschland setzt auf die Industrien von gestern, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.10.2019, URL: https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/oekonom-patrick-artus-deutschland-laeuft-hinterher-16456104.html (abgerufen am 29.02.2020).

Hinweis: Patrick Artus ist Chefvolkswirt der französischen Investmentbank Natixis und hat unter anderem einen Lehrauftrag an der Universität Paris Panthéon-Sorbonne.

1 Airbnb – eine Online-Plattform für Buchung und Vermietung von Unterkünften

2 Agenda 2010 – wirtschafts- und arbeitsmarktpolitisches Reformpaket der rot-grünen Regierung aus dem Jahr 2003

3 Skalenertrag – Ertrag, der sich aus der Erhöhung der Produktionsfaktoren ergibt

4 Netzwerkertrag – Ertrag, der sich aus der Kooperation verschiedener Unternehmensteile ergibt

1

Fassen Sie die Aussagen von Patrick Artus zur strukturellen Krise der deutschen Wirtschaft zusammen. (Material) [25 BE]

4

Nach Meinung von Patrick Artus soll überdacht werden, ob nicht monopolähnliche Situationen in Europa akzeptiert werden sollten, damit europäische Unternehmen im weltweiten Wettbewerb mithalten können.

Erörtern Sie diese Position. [30 BE]

Aufgabenstellung: Aufgabe Vorschlag B - Wachstum, Wettbewerb und europäisch… · Abitur Hessen Politik und Wirtschaft LK 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1 Fassen Sie die Aussagen von Patrick Artus zur strukturellen Krise der deutschen Wirtschaft zusammen. (Material)

Lösung: Einleitung mit Basissatz sowie strukturierte Zusammenfassung der Kernargumente von Patrick Artus zur strukturellen Krise.

4 Erörtern Sie diese Position [ob nicht monopolähnliche Situationen in Europa akzeptiert werden sollten, damit europäische Unternehmen im weltweiten Wettbewerb mithalten können].

Lösung: Differenzierte Erörterung mit Pro- und Contra-Argumenten sowie einem begründeten, schlüssigen Fazit.

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