Aufgabe Vorschlag D - Globalisierung, Welthandel und Stan… · Abitur Hessen Politik und Wirtschaft LK 2021

Thema: Globalisierung, Welthandel und Standort Deutschland · Aus der Prüfung LK (2021)

Aufgabenstellung

Vorschlag D: Soziale Folgen der Globalisierung

Bearbeiten Sie die folgenden Aufgaben zum vorgelegten Textmaterial.

Material

Jörg Lichter: Freihandel kennt auch Verlierer – und Trump gibt ihnen eine Stimme (2018)

In keinem Land ist die Erregung über die protektionistische Außenhandelspolitik von US-Präsident

Donald Trump größer als in Deutschland. Das ist verständlich, basiert doch der Wohlstand dieser

viertgrößten Volkswirtschaft der Welt zu einem sehr großen Teil auf der Ausfuhr namentlich von

industriellen Erzeugnissen in andere Länder. Die Trump-Administration hat höhere Einfuhrzölle

5 eingeführt und droht nun, diese weiter zu erhöhen und auf andere Güter auszuweiten. Diese Einfuhr-

zölle sind zweifellos nachteilig für das in fast einhundertfünfzig Jahren entstandene deutsche

Geschäftsmodell eines exportgetriebenen Wirtschaftswachstums.

Für deutsche Ohren klingt Kritik an Freihandel und offenen Grenzen für Güter und Kapital befremd-

lich. Denn hierzulande herrscht fast mehr als anderswo die Überzeugung, dass nach Maßgabe des

10 Theorems der komparativen Kostenvorteile von einem ungehinderten Güterverkehr alle beteiligten

Volkswirtschaften profitieren. […]

Unstrittig ist, dass durch ungehinderte Güter- und Kapitalströme die weltwirtschaftliche Gesamt-

leistung steigt. Dies bedeutet aber noch nicht, dass dies in jedem der beteiligten Länder der Fall ist,

geschweige denn, dass der „Außenhandelsgewinn“ zu gleichen Teilen oder auch nur proportional zur

15 wirtschaftlichen Größe in den beteiligten Ländern anfällt. Denn es wird gerne verdrängt, dass Frei-

handel stets von den „ökonomisch Starken“ propagiert wurde. Man findet nur wenige Schwellen- und

Entwicklungsländer unter den Verfechtern dieses Prinzips. In diesen Ländern war und ist vielmehr der

Erziehungszollgedanke 1 populär.

Bis Anfang der 1970er-Jahre galt das auch für Japan oder Südkorea, beides Staaten, die hinter Schutz-

20 zöllen ihre heute sehr wettbewerbsfähigen Industrien aufbauten. Heute sind beide Länder Verfechter

offener Grenzen für Güter und Kapital. Und nicht zufällig wurde der ungehinderte Warenfluss zu

Beginn des 19. Jahrhunderts in Großbritannien theoretisch begründet und politisch durchgesetzt. Zu

der Zeit war Großbritannien Vorreiter der Industrialisierung und das ökonomisch am weitesten

entwickelte Land seiner Zeit. Heute zählt auch Deutschland unter den großen Volkswirtschaften zu

25 den Gewinnern, werden hier doch die höchsten Handelsbilanzüberschüsse der Welt erwirtschaftet.

Donald Trump hat mit seiner brachialen Art ein Problem auf die Tagesordnung gesetzt, das in

Deutschland gerne ausgeblendet wird: Die auf dem Freihandelsprinzip basierende Globalisierung der

vergangenen 25 Jahre erzeugt nicht nur Gewinner, sondern auch Verlierer. Nicht erst Nobelpreisträger

Paul Samuelson hat im Jahr 2004 gezeigt, dass auch in Ländern, die im gesamtwirtschaftlichen Saldo

30 vom Freihandel profitieren, Arbeitsplätze in der Summe verloren gehen können. […]

So kann es eigentlich nicht überraschen, dass der US-amerikanische Präsident Donald Trump die USA

als Verlierer der Globalisierung und des Freihandels sieht und nicht länger bereit ist, negative

Handelsbilanzsalden mit Ländern wie China und Deutschland zu akzeptieren. […]

Wichtiger noch als diese Debatte ist, dass Trump den Verlierern der Globalisierung in den USA eine

35 Stimme gegeben und deshalb die Wahl im November 2016 gewonnen hat. Wer sich darüber

informieren möchte, welche ökonomischen und sozialen Verwerfungen das nordamerikanische

Freihandelsabkommen (NAFTA) zwischen den USA, Mexiko und Kanada seit 1994 in den ohnehin

schon ökonomisch schwach strukturierten Südstaaten der USA angerichtet hat, dem seien Paul

Theroux' Reisebericht „Tief im Süden“ oder George Packers „Die Abwicklung“ als Lektüre

40 empfohlen. Darin wird außerdem ersichtlich, wie der sogenannte Rust Belt 2 im Nordosten des Landes

unter der wachsenden Konkurrenz aus China zu leiden hat.

Diese oft verdrängten Folgen der Globalisierung sind nicht auf die USA beschränkt, in abgeschwäch-

ter Form findet man sie selbst beim „Exportvizeweltmeister“ Deutschland. Eine Studie von Ökonomen

der Universität Düsseldorf zeigt, dass in Westdeutschland im Gegensatz zu den USA zwischen 1990

45 und 2010 im Saldo ein Aufbau von fast einer halben Million Industriearbeitsplätzen stattgefunden hat.

Hinter dem positiven Saldo verbergen sich jedoch zwei gegenläufige Entwicklungen: Auf der einen

Seite wurden fast eine Million Arbeitsplätze neu geschaffen. Andererseits verschwanden eine halbe

Million Stellen in den Regionen mit „alten“ Industrien, die der kostengünstigeren, internationalen

Konkurrenz zum Opfer gefallen sind. Davon betroffen waren vor allem das Ruhrgebiet (Schwer-

50 industrie), die Pfalz (Textil) und Oberfranken (Elektro). Das Problem: Die Arbeitsplatzverlierer in

diesen Regionen sind nicht identisch mit Beschäftigten, die auf den neu geschaffenen Stellen […]

arbeiten.

Bei aller Euphorie über das Wachstum der Weltwirtschaft und die Dynamik des Welthandels seit dem

Zusammenbruch des Ostblocks vor 30 Jahren sind die Beschäftigten in den „alten“ Industrien der

55 entwickelten Volkswirtschaften von der Politik aber auch weiten Teilen der ökonomischen Wissen-

schaft vergessen worden. So ist in dem weit verbreiteten Lehrbuch der Nationalökonomie von Gregory

Mankiw und Mark Taylor die lapidare Feststellung zu lesen, dass eine Produktionsverlagerung ins

kostengünstigere Ausland „kurzfristig gewisse Härten für die zum Arbeitsplatzwechsel gezwungenen

Arbeiter mit sich bringt“.

60 Diese Auffassung geht an der Lebensrealität und den beruflichen Möglichkeiten eines von der Arbeits-

losigkeit betroffenen, fünfzigjährigen Stahlarbeiters aus Ohio oder dem Ruhrgebiet weit vorbei.

Die akademische Volkswirtschaftslehre leidet derzeit nicht nur unter einem Methodenproblem, ihr ist

auch ein zentrales Objekt des Erkenntnisinteresses dieser Real- und Sozialwissenschaft verloren

gegangen – der Mensch. Viele angesehene Vertreter der Volkswirtschaftslehre blenden den gesell-

65 schaftlichen Rahmen aus, in den das von ihnen analysierte wirtschaftliche Handeln eingebunden ist.

Im Bestreben weniger als eine Sozialwissenschaft und mehr als eine exakte Formalwissenschaft

ähnlich der Mathematik wahrgenommen zu werden, ist in den ökonomischen Modellen des

akademischen Mainstreams der Mensch zum Produktionsfaktor „Arbeit“, zu „Humankapital“ oder

zum „Konsumenten“ reduziert.

70 Der sogenannte Produktionsfaktor Arbeit ist aber in der Realität nicht so mobil wie das nach rentablen

Investitionen suchende Kapital – weder regional noch sektoral. Es gibt familiäre Bindungen, mentale

Vorbehalte, das (Aus-)Bildungsniveau, und in nicht wenigen Fällen ist es auch das Lebensalter, das

einer Umsiedlung innerhalb Deutschlands oder dem Ergreifen eines neuen Berufes entgegensteht.

Da sich die Wirtschaftswissenschaften selten mit den individuellen Kollateralschäden des ökono-

75 mischen Fortschritts beschäftigen, haben sie bis jetzt auch keine belastbare Antwort auf die Frage

gefunden, wie die Verlierer der Globalisierung von den Gewinnern entschädigt werden können.

Fehlende wirtschafts- und sozialpolitische Konzepte zur Integration der Verlierer sind nicht nur von

akademischem 3, sondern eminent politischem Interesse. Andernfalls wird es kaum gelingen, die

Wähler Donald Trumps und der AfD für Demokratie und Marktwirtschaft zurückzugewinnen.

Jörg Lichter: Freihandel kennt auch Verlierer – und Trump gibt ihnen eine Stimme, 23.07.2018, URL: https://www.handelsblatt.com/politik/konjunktur/research-institute/soziale-folgen-der-globalisierung-freihandel-kennt-auch-verlierer-und-trump-gibt-ihnen-eine-stimme/22832568.html?ticket=ST-13761448-n4YnHiBZX4JjtVcsnBsV-ap2 (abgerufen am 02.10.2019).

1 Erziehungszoll – ein vorübergehender Schutzzoll für im Aufbau befindliche Industrien

2 Rust Belt – die älteste und ehemals größte Industrieregion der USA

3 akademisch – hier: im Sinne von „theoretisch“

1

Fassen Sie den vorliegenden Text zusammen. (Material)

[20 BE]

2

Der Autor geht auf „das Theorem der komparativen Kostenvorteile“ ein. (Material)

Erklären Sie die klassische Theorie der komparativen Kostenvorteile sowie eine moderne Außenwirtschaftstheorie.

[25 BE]

4

Beurteilen Sie ausgehend von den Aussagen des Autors die Folgen des Abbaus von Handelsbeschränkungen für entwickelte und weniger entwickelte Länder. (Material)

[30 BE]

Aufgabenstellung: Aufgabe Vorschlag D - Globalisierung, Welthandel und Stan… · Abitur Hessen Politik und Wirtschaft LK 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Fassen Sie den vorliegenden Text zusammen. (Material)

Lösung: Strukturierte und differenzierte Zusammenfassung des Textes unter Angabe der Basiselemente (Einleitung mit Autor, Titel, Textsorte, Erscheinungsjahr, Thema) sowie der wesentlichen Argumente des Autors.

2. Erklären Sie die klassische Theorie der komparativen Kostenvorteile sowie eine moderne Außenwirtschaftstheorie.

Lösung: Differenzierte Erklärung der Theorie der komparativen Kostenvorteile von David Ricardo sowie einer modernen Außenwirtschaftstheorie (z. B. Faktor-Proportionen-Theorem von Heckscher und Ohlin).

4. Beurteilen Sie ausgehend von den Aussagen des Autors die Folgen des Abbaus von Handelsbeschränkungen für entwickelte und weniger entwickelte Länder. (Material)

Lösung: Differenzierte, kriterienorientierte Beurteilung der Vor- und Nachteile des Abbaus von Handelsbeschränkungen für beide Ländergruppen unter Berücksichtigung ökonomischer, sozialer und politischer Dimensionen.

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