Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 1 · Abitur Hessen Politik und Wirtschaft GK 2021
Thema: Parteiendemokratie, Wahlen und Partizipation · Aus der Prüfung GK (2021)
Aufgabenstellung
Material 1
Ulrich Ladurner: Madame Europa (2019)
Sie hat es geschafft. Ursula von der Leyen wird die erste Frau an der Spitze der EU-Kommission sein,
die erste Deutsche in diesem Amt seit 52 Jahren. Sie hat die Unterstützung des französischen Staats-
präsidenten und der deutschen Bundeskanzlerin. Und nun auch das positive Votum des Parlaments.
Madame Europa darf sich als stark fühlen.
5 Doch von der Leyens Stärke ist paradoxerweise das Resultat einer eklatanten europäischen Schwäche
– der wachsenden Unfähigkeit, Kompromisse zu schließen. Deutlich wurde dies gleich nach der
Europawahl Ende Mai [2019]. Die europäischen Parteienfamilien sind mit Spitzenkandidaten in den
Wahlkampf gezogen. Der Sieger sollte Kommissionspräsident werden. Die Wahlbeteiligung stieg
kräftig, 201 Millionen Europäer gaben ihre Stimme ab. Das war ein gewaltiger Vertrauensvorschuss
10 der Bürger – doch die Parlamentarier gingen fahrlässig damit um. Nach der Wahl waren sie nicht in
der Lage, sich auf einen Kandidaten zu einigen, den sie dem Rat¹ hätten präsentieren können.
Die EU-Abgeordneten nennen ihr Parlament gern stolz „Haus der europäischen Demokratie“ – bloß
haben sie vor lauter Stolz das Kerngeschäft des Parlaments verlernt: sich zu einigen, auch unter
schwierigen Umständen, über tiefe Gräben hinweg. Das ist keine lässliche Sünde, das ist eine
15 beschämende Pflichtvergessenheit. Nach dem Versagen taten die Staats- und Regierungschefs das,
was ihre Aufgabe ist: Sie schlugen ihrerseits einen Kandidaten vor. Sie zauberten Ursula von der
Leyen aus dem Hut.
Als diese im Parlament auftrat, erschien sie den Parlamentariern als Symbol ihrer selbstverschuldeten
Niederlage. Von der Leyen tat nun das, was kluge Menschen mit Unterlegenen tun: Sie schmeichelte
20 ihnen. Ihre in alle Richtungen gestreuten süßen Worte waren allerdings mehr als ein Werben um
Stimmen. Von der Leyen will das Parlament an ihrer Seite.
Sie weiß sehr wohl, dass sie die Unterstützung der Parlamentarier braucht, um die Reformen
durchzusetzen, die sie angekündigt hat. Das Parlament hat bei allen wesentlichen Themen ein
gewichtiges Wort mitzureden. Das reicht vom Kampf gegen die Klimakrise über die Digitalisierung
25 bis hin zur Migration. Um handlungsfähig zu sein, muss von der Leyen allerdings den Verdacht
loswerden, als Kandidatin des Rates werde sie Erfüllungsgehilfin der Staats- und Regierungschef sein.
Schon in ihrer Bewerbungsrede hat von der Leyen einige Dinge gesagt, die verschiedenen Staats- und
Regierungschefs nicht besonders gefallen dürften. Ein gemeinsames europäisches Asylsystem wird
Viktor Orban nicht schmecken und ihr Bekenntnis zum Modell des Spitzenkandidaten dürfte in Paris
30 nicht gut ankommen. Offenbar ist sie um Eigenständigkeit bemüht. Je mehr sie sich aber von ihren
Förderern emanzipieren will, desto mehr braucht sie das Parlament an ihrer Seite.
Die Erwartungen an sie sind gewaltig, doch als Kommissionspräsidentin ist sie eingebunden in das
europäische Institutionengefüge. Ohne den Rat kann sie so gut wie gar nichts erreichen, mit den
Parlamentariern allerdings einiges. Sie hätte dann größere Chancen, zu gestalten. Und gestalten will
35 sie. Damit ist von der Leyen wieder mit der Frage konfrontiert, die sie selbst erst ins Amt gebracht hat.
Wie verlässlich sind die Europaparlamentarier? Kann man mit ihnen ins Geschäft kommen? Haben sie
die Kraft und den Willen, Übereinkommen zu schließen und umzusetzen? Sind sie bereit über den
eigenen Schatten zu springen?
Die vergangenen Wochen haben eines sichtbar gemacht: Die Zeiten der großen, stabilen Mehrheiten
40 sind auf europäischer Ebene vorbei. Die Parteien haben noch nicht gelernt, damit umzugehen. Das gilt
für die Mitgliedstaaten der EU, und das gilt auch für die EU als Ganzes. Der gesellschaftliche und
ökonomische Umbruch hat die Parteien zu unsicheren, orientierungslosen und vor allem ängstlichen
Akteuren gemacht. Je furchtsamer, desto weniger kompromissbereit sind sie. Das ist die Lage, die von
der Leyen in Europa vorfindet. Sie wird damit umgehen müssen, wenn sie sich als Kommissions-
45 präsidentin durchsetzen will. Gefragt ist die Fähigkeit, mit wechselnden Mehrheiten wirksame
Ergebnisse schnell zu erzielen. Ob von der Leyen dies gelingt, entscheidet über Erfolg oder Misserfolg
ihrer Amtszeit.
¹ Rat – hier: Europäischer Rat der Staats- und Regierungschefs
Ulrich Ladurner: Madame Europa, in: Die Zeit, 18.07.2019, S. 1.
1 Geben Sie die zentralen Aussagen des Autors wieder. (Material 1)
(20 BE)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1 Geben Sie die zentralen Aussagen des Autors wieder. (Material 1)
Lösung: In einer Einleitung sollen Autor, Titel, Textsorte, Erscheinungsjahr, das Thema und ggf. der Adressat genannt werden: In seinem Beitrag „Madame Europa“, erschienen in Die Zeit vom 18.07.2019, kritisiert der Autor Ulrich Ladurner das Verhalten der EU-Parlamentarier im Kontext der Wahl des EU-Kommissionspräsidenten und geht auf die Herausforderung für die neue EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ein, mit wechselnden Mehrheiten Ergebnisse zu erzielen. Zentrale Aussagen: - Einleitend verweist Ladurner darauf, dass Ursula von der Leyen nach der Unterstützung durch maßgebliche nationale Spitzenpolitiker nun auch die Zustimmung des EU-Parlamentes erfahren habe. - Die daraus resultierende Stärke von der Leyens sei aber die Folge der Schwäche des EU-Parlaments. Dieses habe sich nach der Europawahl vom Mai 2019 nicht auf einen der Spitzenkandidaten einigen können, obwohl die Parteien vor der Wahl mit dem Anspruch angetreten seien, dass der Sieger der Wahl Kommissionspräsident werden solle. Dadurch sei die Wahlbeteiligung stark gestiegen. - Trotz dieses Vertrauensvorschusses hätten dann die Parteien die Hauptaufgabe des Parlaments nicht umgesetzt, denn sie hätten sich nicht einigen können. - Nachdem das Parlament seine Chance nicht genutzt habe, hätten dann die Staats- und Regierungschefs von der Leyen vorgeschlagen, die in ihrer Bewerbungsrede das Parlament umworben habe, da sie auf dessen Unterstützung bei der Bewältigung anstehender Probleme wie der Klimakrise, der Digitalisierung oder der Migration sowie in ihrer Eigenständigkeit gegenüber den Staats- und Regierungschefs angewiesen sei. - Ladurner vertritt die Ansicht, dass die Erwartungen an von der Leyen gewaltig seien und dass sie diese im Rahmen des Institutionengefüges der EU nur mit Hilfe des EU-Parlaments lösen könne. Da allerdings die Zeiten stabiler Mehrheiten auf europäischer Ebene bzw. im Parlament sowie in den Mitgliedstaaten vorbei seien, müsse sie mit wechselnden Mehrheiten agieren, um zu gestalten und damit ihre Amtszeit erfolgreich werden zu lassen.
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