Aufgabe Vorschlag D - Internationale Konflikte und Friede… · Abitur Hessen Politik und Wirtschaft LK 2022
Thema: Internationale Konflikte und Friedenssicherung · Aus der Prüfung LK (2022)
Aufgabenstellung
Material
Rede des UN-Generalsekretärs António Guterres vor dem Deutschen Bundestag am 18.12.2020
Das Denken, die Führungskraft und der Weitblick der Deutschen haben mein gesamtes politisches
Leben mitgeprägt. Als ich als junger Aktivist in der Nelkenrevolution 1 und ihren Nachwirkungen in
meinem Heimatland Portugal engagiert war, leistete Deutschland entscheidende Unterstützung beim
Übergang zur Demokratie und dem Aufbau beständiger Institutionen. Und auch während meiner Zeit
5 als Abgeordneter und später Premierminister war Deutschland immer gegenwärtig – mit seinem Nein
zu Nationalismus und seinem Ja zur europäischen Integration, mit seinem Nein zu Isolationismus und
seinem Ja zur internationalen Zusammenarbeit und Solidarität.
Als Hoher Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen erfuhr ich, wie durch das Mitgefühl und die
moralische Führung der Deutschen einigen der schutzbedürftigsten Menschen der Erde zu einem
10 besseren Leben verholfen wurde. Als Generalsekretär der Vereinten Nationen bemerke ich, wie
Deutschland tagtäglich, mit tiefem Geschichtsbewusstsein und der damit verbundenen Verantwortung,
eine führende Rolle in der Welt spielt. Deutschland stellt sich den großen Herausforderungen unserer
Zeit. Deutschland als Friedensmacht. Deutschland als eine Säule des Multilateralismus. Deutsche
haben auch an der Entstehung meines Weltbildes mitgewirkt. So ist der Philosoph mit dem größten
15 Einfluss auf mein politisches Denken ein Deutscher: Jürgen Habermas.
Er ist nun über 90 Jahre alt und bringt weiter bedeutende Werke hervor, darunter zuletzt eine
wegweisende Geschichte der Philosophie. Eine seiner grundlegenden Ideen dreht sich um ein
charakteristisches Merkmal der modernen Demokratie – den permanenten Kommunikationsfluss
zwischen Politik und Zivilgesellschaft. Dieser beständige, wechselseitige Austausch trägt sowohl zu
20 einem tieferen Verständnis von Sachverhalten als auch zu besseren Problemlösungen bei. Die
Teilhabe an öffentlichen Angelegenheiten umfasst, mit anderen Worten, weit mehr als den Gang zur
Wahlurne. Sie ist das tägliche Lebenselixier der Demokratie. Sie ist ein grundlegendes Menschen-
recht. Und sie ist ein Werkzeug für eine bessere Politik. Der Bundestag ist das lebendige Zentrum
dieser Idee.
25 Ich danke Ihnen herzlich für diese Einladung im 75. Jahr des Bestehens der Vereinten Nationen, einem
Jahr, in dem wir wie nie zuvor auf die Probe gestellt werden. Verehrte Abgeordnete, die COVID-19-
Pandemie hat unsere Welt auf den Kopf gestellt. Sie hat mehr als 1,5 Millionen Menschenleben
gefordert. Die Wirtschaft taumelt. Unternehmen müssen schließen. Arbeitsplätze gehen verloren. Und
überall leiden die Menschen. Wir sind weiter davon entfernt, die Ziele für nachhaltige Entwicklung zu
30 erreichen. Die Armut nimmt zu. Hungersnöte drohen. Der Fortschritt bei der Gleichstellung der
Geschlechter wurde um Jahre zurückgeworfen. Wir stehen vor der größten Wirtschaftskrise unserer
Zeit. Die Pandemie hat tiefreichende Schwächen und Bruchlinien offengelegt – bestehende Strukturen
und Zustände unserer Gesellschaften, die unsere gemeinsame Zukunft gefährden. Ungleichheiten.
Ungerechtigkeit. Unzureichende soziale Sicherheit. Überall haben die Schwächsten am meisten zu
35 leiden. Es ist offensichtlich, dass globale Herausforderungen auch globaler Lösungen bedürfen.
Und dennoch mangelt es an internationaler Zusammenarbeit. Es ist offensichtlich, dass Weltoffenheit
die Voraussetzung für eine erfolgreiche Zukunft ist. Und dennoch sehen wir an zu vielen Orten die
Tendenz zur Abschottung: Eine Abkehr von den Werten der Aufklärung, Europas größtem Beitrag zur
Zivilisation auf globaler Ebene; ein gefährliches Treiben in Richtung des trügerischen Hafens der
40 Irrationalität; und eine Zunahme von Hetze, Antisemitismus, islamfeindlichem Fanatismus und
anderen Formen von Diskriminierung – die sich in manchen Teilen der Welt auch gegen christliche
Minderheiten und andere richten. Wir wissen aus der Geschichte, dass eine Politik, die auf Wut,
Verzerrungen und Schuldzuweisungen setzt, immer und ausnahmslos in die Katastrophe führt.
Verehrte Abgeordnete, dem Kalender nach wird dieses schwierige Jahr bald zu Ende sein. Doch Chaos
45 richtet sich nicht nach dem Kalender. Die Probe ist noch nicht bestanden. Manche Beschwernisse
könnten sich sogar noch verstärken. Doch bei allem Schmerz sehe ich auch Hoffnung aufkeimen, und
Deutschland die Samen dafür säen. Wir haben die gemeinsame Pflicht, diese Hoffnung zu nähren. Die
Welt braucht Deutschland – so wie Deutschland die Welt braucht. […]
Darüber hinaus war und ist Deutschland ein unverzichtbarer Partner in der Friedenssicherung, der
50 Friedenskonsolidierung und bei der Bereitstellung lebensrettender humanitärer Hilfe. Sie verfechten
gemeinsam mit uns die Auffassung, dass Frieden nur von Dauer ist, wenn Frauen uneingeschränkt an
allen Phasen des Prozesses mitwirken können. Ich bitte Sie dringend, auch künftig in all diesen
Bereichen eine starke Führungsrolle einzunehmen. Auch haben Sie enorme Großzügigkeit bewiesen,
indem Sie Flüchtlinge aus Syrien und vielen anderen Ländern aufgenommen und zugleich
55 lebenswichtige Hilfslieferungen für Millionen Menschen in Syrien und dessen Nachbarländern
ermöglicht haben. Wir müssen insgesamt mehr tun, um die Integrität des internationalen Systems zum
Schutz von Flüchtlingen wiederherzustellen und den Angriff auf die Menschenrechte an allen Fronten
abzuwehren. Wir stehen immer wieder vor der Herausforderung, die Werte und Bestrebungen der
Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte so umzusetzen, dass sie reale Veränderungen vor Ort
60 bewirken. Dabei geht es nicht um dieses oder jenes Recht, sondern um alle Rechte: die bürgerlichen,
kulturellen, wirtschaftlichen, politischen und sozialen. Und wir müssen diese Rechte auch im
Angesicht neuer Herausforderungen geltend machen, wie denen des Klimawandels oder der
Digitalisierung. Aus diesem Grund lancierte ich zu Beginn dieses Jahres meinen Aktionsaufruf für die
Menschenrechte. […]
65 Verehrte Abgeordnete, es gibt noch viele weitere Herausforderungen, die uns zum gemeinsamen
Handeln auffordern: die Aushöhlung des nuklearen Abrüstungsregimes, die Rechtlosigkeit im
Cyberraum. Die Liste ließe sich fortführen.
Es gibt einen gemeinsamen Nenner für die Bewältigung all dieser Herausforderungen: globale
Zusammenarbeit. Deutschland ist sich dessen bewusst. Anlässlich des 75-jährigen Bestehens der
70 Vereinten Nationen haben wir die Menschen zusammen mit den Parlamenten, so auch dem Deutschen
Bundestag, in einer groß angelegten Kampagne zu ihren Zukunftshoffnungen und -ängsten befragt und
ihnen dabei gut zugehört. Besonders ein Ergebnis stach dabei hervor: 99 Prozent der in Deutschland
Befragten betrachten die globale Zusammenarbeit als entscheidend für die Förderung unserer gemein-
samen Ziele. 99 Prozent! Wenn wir in die Zukunft blicken, brauchen wir einen Multilateralismus, der
75 Ergebnisse liefert und eine Reform der globalen Ordnung, die auf den gegenwärtigen Realitäten
basiert und zukunftsorientiert ist, und nicht in der Welt von vor 75 Jahren stecken bleibt. Sowohl der
Sicherheitsrat der Vereinten Nationen als auch die Gremien der Bretton-Woods-Institutionen 2 sind
beste Beispiele für diese Notwendigkeit. Der Multilateralismus des 21. Jahrhunderts muss vernetzt
sein und das System der Vereinten Nationen mit anderen Organisationen verknüpfen, von
80 internationalen Finanzinstitutionen bis zu regionalen Organisationen und Handelsbündnissen. Zudem
muss dieser Multilateralismus inklusiv sein. Er muss über Regierungen hinausgehen und die Rolle der
Zivilgesellschaft, der Regionen und Städte, der Wirtschaft und der akademischen Institutionen
anerkennen. Darin liegt seine Zukunft. Ich bin überzeugt, dass wir mit der Unterstützung Deutschlands
auf dem richtigen Weg sind. […]
85 Lassen Sie uns auf diesem Weg gemeinsam die Saat der Hoffnung nähren und eine nachhaltigere,
gerechtere und freudigere Welt ins Leben rufen. Ich danke Ihnen!
1 Nelkenrevolution – Ein linksgerichteter Militärputsch in Portugal am 25.04.1974 gegen die autoritäre Diktatur, der von großen Teilen der Bevölkerung unterstützt wurde und weitgehend widerstandslos verlief. Die Revolution verdankt ihren Namen den roten Nelken, die sich aufständische Soldaten in die Gewehrläufe gesteckt hatten, und ermöglichte freie und demokratische Wahlen und 1976 schließlich die friedliche Übergabe der Staatsgewalt an den neu gewählten Präsidenten und damit zur Dritten Portugiesischen Republik.
2 Bretton-Woods-Institutionen – Am 22.07.1944 unterzeichneten die Finanzminister und Notenbankpräsidenten von 44 Staaten zum Abschluss der Konferenz von Bretton Woods ein Abkommen zur Schaffung einer neuen internationalen Währungsordnung. Zur Kontrolle und Durchsetzung des Abkommens wurden die sogenannten Bretton-Woods-Institutionen Weltbank und Internationaler Währungsfonds (IWF) geschaffen.
Rede des UN-Generalsekretärs António Guterres vor dem Deutschen Bundestag am 18.12.2020, in: URL: https://www.un.org/Depts/german/gs/PDF.GERMAN.Bundestag.Final.official.pdf (abgerufen am 11.03.2022).
Hinweis
António Guterres ist ein 1949 geborener portugiesischer Politiker und seit dem 01.01.2017 Generalsekretär der Vereinten Nationen. Von 1995 bis 2002 war er Premierminister Portugals und von 2005 bis 2015 Hoher Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen. Am 18.12.2020 hielt er anlässlich des 75-jährigen Bestehens der Vereinten Nationen eine in deutscher Sprache vorgetragene Rede im Deutschen Bundestag.
Vorschlag D: Deutschlands Rolle in der Welt
1
Fassen Sie den vorliegenden Redeauszug zusammen. (Material)
[25 BE]
3
Untersuchen Sie auch vor dem Hintergrund des Grundgesetzes, inwiefern Deutschland der Rolle als Friedensmacht und Partner in der weltweiten Friedenssicherung gerecht werden kann.
[25 BE]
4
Überprüfen Sie die These von Guterres „Die Welt braucht Deutschland – so wie Deutschland die Welt braucht.“ (Material)
[30 BE]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Fassen Sie den vorliegenden Redeauszug zusammen. (Material)
Lösung: Strukturierte Zusammenfassung des Redeauszugs unter Nennung von Autor, Titel/Thema, Textsorte, Erscheinungsjahr/Datum und Adressat sowie Wiedergabe der zentralen Thesen und Gedankengänge.
3. Untersuchen Sie auch vor dem Hintergrund des Grundgesetzes, inwiefern Deutschland der Rolle als Friedensmacht und Partner in der weltweiten Friedenssicherung gerecht werden kann.
Lösung: Untersuchung der Rolle Deutschlands als Friedensmacht und Partner in internationalen Organisationen (NATO, UN) unter Heranziehung verfassungsrechtlicher Grundlagen (Grundgesetz) und realpolitischer Möglichkeiten sowie Grenzen.
4. Überprüfen Sie die These von Guterres „Die Welt braucht Deutschland – so wie Deutschland die Welt braucht.“ (Material)
Lösung: Differenzierte und thesenbezogene Überprüfung der beiden Aussagen („Die Welt braucht Deutschland“ / „Deutschland braucht die Welt“) mit anschließender eigener begründeter Urteilsbildung.
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