Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 4 · Abitur Hessen Politik und Wirtschaft GK 2021
Thema: Internationale Konflikte und Friedenssicherung · Aus der Prüfung GK (2021)
Aufgabenstellung
Deutsche Sicherheitspolitik
Material 1
Interview von Eckart Lohse und Konrad Schuller für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) mit der CDU-Vorsitzenden 1 und Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (AKK): Wir brauchen 2020 große Mehrheiten für große Projekte (2019)
FAS: Der amerikanische Verteidigungsminister Mark Esper hat unlängst die europäischen Nato-
Partner „Trittbrettfahrer“ genannt. Muss Deutschland sich das bieten lassen, während deutsche
Soldatinnen und Soldaten in Afghanistan für den Verbündeten Amerika kämpfen und sterben?
AKK: Diese Äußerung war an Nato-Mitglieder ganz allgemein gerichtet. Es war eine Wortwahl, die
5 nicht zu dem passt, was ich von dem amerikanischen Kollegen in persönlichen Gesprächen gehört
habe. Möglicherweise haben innenpolitische Gründe und der amerikanische Vorwahlkampf eine Rolle
gespielt. Der Vorwurf entspricht im Übrigen nicht den Tatsachen. Deutschland ist in der Nato einer
der größten Truppensteller. Darauf sind wir stolz. Unsere Leistungen sind von allen Partnern hoch
anerkannt. Wir arbeiten eng und gut mit unseren Verbündeten zusammen. Es ist aber auch wahr, dass
10 Deutschland sich verpflichtet hat, zukünftig zehn Prozent aller Nato-Fähigkeiten zu stellen. Das
entspricht rund zwei Prozent unseres Bruttoinlandsproduktes, und da müssen wir erst noch hin. Wir
sind ein großes, starkes Land und unsere Verbündeten erwarten zu Recht, dass wir uns stärker
engagieren. Aber wir sehen eben auch in besonders gefährlichen Krisenregionen, wie jetzt in der
Sahelzone, dass dort die Franzosen mit einem viel robusteren Auftrag unterwegs sind. Sie leisten ihn,
15 damit die Bundeswehr und unsere zivilen Organisationen dort in Sicherheit etwas aufbauen können.
Nicht nur die Amerikaner, sondern auch europäische Partner fragen uns immer eindringlicher, ob es
bei dieser Arbeitsteilung bleiben kann.
FAS: Wird unser Blutzoll 2 höher, wenn wir mehr Verantwortung übernehmen?
AKK: Jeder Einsatz ist gefährlich. Frankreich zum Beispiel bekämpft in Mali den islamistischen
20 Terrorismus. Die Sicherheitssituation dort hat sich massiv verschlechtert. Die staatlichen Strukturen
werden schwächer statt stärker. Das stellt uns alle in Europa vor die Frage, wie wir mit dieser Region
umgehen, in unserem eigenen Interesse: In der Sahelzone entsteht zur Zeit eine große Drehscheibe für
Terrorismus, für organisierte Kriminalität, für Migration und Menschenhandel. Wir werden überlegen
und entscheiden müssen, ob wir in unserem eigenen Interesse an Ort und Stelle für Stabilität sorgen
25 wollen und ob die Bundeswehr hier nicht an der Seite unserer Verbündeten ein robusteres
Ausbildungsmandat braucht.
FAS: Was soll dadurch anders werden?
AKK: Wenn wir als Europäer gemeinsam gegen den erstarkenden islamistischen Terrorismus
vorgehen wollen, brauchen wir dafür eine klare völkerrechtliche Grundlage. Eine EU-Mission zur
30 Ausbildung afrikanischer Kräfte mit einem robusten Mandat der Vereinten Nationen wäre ein
möglicher Weg. Wenn wir das nicht tun, müssen wir uns ehrlich machen, was das möglicherweise an
Migrationswellen für Europa bedeuten würde, und ob wir das wollen.
FAS: Was wäre, wenn nichts geschähe?
AKK: Dann müsste man letztlich um ganz Europa Mauern und Stacheldraht legen. Ich möchte mir
35 das nicht vorstellen. Deshalb bin ich überzeugt, dass wir als Europäer in unserem Interesse helfen
müssen, die Regionen in unserer Nachbarschaft zu stabilisieren. Nordafrika und die Sahelzone
erscheinen manchen vielleicht sehr weit weg. Aber wenn man sich die Migrationsbewegungen
anschaut, dann ist das eine Region, die uns im Positiven oder im Negativen sehr beschäftigen kann.
Wir müssen uns als Europäer gemeinsam entscheiden, wie wir mit dieser Region umgehen wollen.
40 Und Deutschland darf sich dabei nicht wegducken.
Interview von Eckart Lohse und Konrad Schuller mit Annegret Kramp-Karrenbauer: Wir brauchen 2020 große Mehrheiten für große Projekte, in: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 29.12.2019.
1 Im Januar 2021 wurde Armin Laschet vom Bundesparteitag der CDU zum neuen Parteivorsitzenden gewählt.
2 Blutzoll – hier: Anzahl von Menschen, die in Zusammenhang mit Bundeswehreinsätzen ihr Leben verlieren
4
Kramp-Karrenbauer fordert, dass sich Deutschland in Konflikten wie in Mali nicht wegducken dürfe. (Material 1)
Diskutieren Sie diese Forderung Kramp-Karrenbauers anhand des Konflikts in Mali oder eines anderen selbstgewählten Beispiels. [30 BE]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
Diskutieren Sie diese Forderung Kramp-Karrenbauers anhand des Konflikts in Mali oder eines anderen selbstgewählten Beispiels.
Lösung: Mögliche Argumente in der Diskussion: Pro (Forderung nach robusterem Engagement): - Bündnistreue und Verlässlichkeit: Als wirtschaftsstarkes Land muss Deutschland seinen Beitrag im Verbund mit NATO, EU und UN leisten und Partner wie Frankreich fair unterstützen. - Sicherheitsinteressen Europas: Instabilität in der Sahelzone begünstigt transnationalen Terrorismus, organisierte Kriminalität und ungesteuerte Migrationsbewegungen, die Europa unmittelbar betreffen. - Völkerrechtliche Verantwortung: Schutzkonzepte wie die 'Responsibility to Protect' (R2P) können ein Einschreiten gegen Menschenrechtsverletzungen und Terrorismus fordern. Contra (Kritik an robusterem Engagement): - Zweifel an der Wirksamkeit militärischer Mittel: Militärische Interventionen können Terrorismus oft nicht nachhaltig besiegen, sondern destabilisieren Regionen weiter und schüren Feindbilder. - Vorrang ziviler Krisenprävention: Diplomatie, Entwicklungshilfe und Staatsaufbau sind oft nachhaltigere und ethisch vertretbarere Mittel der Friedenssicherung. - Risiken für Soldatinnen und Soldaten: Erhöhte Gefahr von Verlusten ('Blutzoll') bei unklaren Erfolgsaussichten und mangelnden Exit-Strategien. - Mangelnder gesellschaftlicher Rückhalt: Skepsis der deutschen Bevölkerung gegenüber Kampfeinsätzen im Ausland sowie historische Zurückhaltung bei militärischer Führung. Fazit: Ein differenziertes Urteil, das beispielsweise ein vernetztes Vorgehen (Kombination aus robuster Absicherung und ziviler Entwicklung) befürwortet oder eine klare Beschränkung auf nicht-militärische Maßnahmen fordert.
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