Aufgabe Vorschlag C - Internationale Konflikte und Friede… · Abitur Hessen Politik und Wirtschaft LK 2022
Thema: Internationale Konflikte und Friedenssicherung · Aus der Prüfung LK (2022)
Aufgabenstellung
Vorschlag C: China und die UNO
Material
Patrick Zoll: Wie China versucht, die UNO nach seinen Vorstellungen umzuformen (2020)
Donald Trump hätte Heimvorteil gehabt. Zum ersten Mal in der 75-jährigen Geschichte findet die
jährliche Generalversammlung der UNO vorwiegend virtuell statt. Normalerweise pilgern Staats- und
Regierungschefs, Diplomaten und Beamte im September zur Eröffnung der Session an den Hauptsitz
nach New York. Wegen der Coronavirus-Pandemie bleiben die Delegationen zu Hause – Trump hätte
5 als Staatschef der Gastgebernation USA die Weltbühne praktisch für sich allein haben können.
Doch Trump schickte nur eine aufgezeichnete Videobotschaft zur Eröffnung der 75. Generalver-
sammlung […]. Sein Auftritt war mehr eine Wahlkampfveranstaltung als eine Rede an die Vertreter
der 193 Mitgliedländer 1 der UNO. Trump lobte sich selber, griff frontal China und die Welt-
gesundheitsorganisation (WHO) an und schlug konsequent unilaterale Töne an: Das amerikanische
10 Militär sei unter seiner Ägide substanziell ausgebaut worden und sei das stärkste der Welt. Wer so
redet, macht klar, dass er von Multilateralismus nichts hält. Eine Reise zu der in seinen Augen
irrelevanten UNO hält Trump für eine Zeitverschwendung.
Der Unterschied zu Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping, dessen Videoerklärung ein paar Minuten
später abgespielt wurde, hätte kaum frappanter sein können. Xi gab sich staatsmännisch und setzte
15 sich für eine gemeinsame, lies multilaterale, Lösung der großen globalen Probleme wie der Pandemie
ein. Er sprach sich für freien Handel und gegen Protektionismus aus und versprach, chinesische
Impfstoffe gegen das Coronavirus der ganzen Welt zur Verfügung zu stellen. Besonders profitieren
sollten davon ärmere Länder.
„Der Stab der Geschichte ist an unsere Generation übergeben worden“, sagte Xi, und es klang so, als
20 wollte er sagen, dass China diesen Stab übernommen habe. Seine Rede spiegelte die zunehmend
aktivere – Kritiker würden sagen: aggressivere – Rolle, die China in der UNO und in anderen
multilateralen Foren spielt.
Dies zeigt sich nicht bloß am Hauptsitz in New York, sondern ganz deutlich auch in Genf, wo zahl-
reiche Unterorganisationen der UNO ihren Sitz haben. Dazu gehören unter anderen das Flüchtlings-
25 hilfswerk, die WHO oder das Hochkommissariat für Menschenrechte […]. Insgesamt hat die UNO
fünfzehn solche technische Organisationen – vier von ihnen haben gegenwärtig einen chinesischen
Chef. Peking verfolgt sehr erfolgreich die Strategie, eigene Staatsbürger in Toppositionen zu bringen.
Kein anderes Land stellt gegenwärtig mehr als einen Chef.
Wenn man in Genf mit Vertretern der UNO, Diplomaten und Beobachtern spricht, kommt schnell der
30 18. Januar 2017 zur Sprache. Damals, zwei Tage vor dem Amtsantritt von Donald Trump in
Washington, hielt Xi Jinping vor der UNO in Genf eine Rede. Xi erwähnte Trump zwar nicht,
präsentierte aber China als neuen Verfechter des Multilateralismus. „Ein faires und ausgeglichenes
internationales System war schon immer das Ziel der Menschheit“, sagte Xi. […]
Die zunehmende Einflussnahme Chinas im internationalen System ist ein sensibles Thema. So
35 sensibel, dass bei mehr als einem halben Dutzend Gesprächen in Genf niemand bereit war, sich offen
in der Zeitung mit seinen Aussagen zitieren zu lassen. NGO-Vertreter, Diplomaten oder UNO-Beamte
treibt das Thema um. Im Vertrauen äußern sie ihre Bedenken. Doch alle fürchten den Bannstrahl
Chinas. […]
Grundsätzlich mache China, was alle anderen Staaten auch machten, sagt ein früherer Missionschef
40 einer westlichen Delegation in Genf: „China vertritt seine eigenen Interessen“. Das Problem aus
liberaler, demokratischer Sicht sei jedoch, dass China ganz andere Interessen habe und fundamental
andere Werte vertrete als die westlichen Mitgliedländer. Historisch sei das UNO-System eng
verbunden mit einer liberalen Agenda. „Wir denken immer, das multilaterale System sei zur
Umsetzung liberaler Werte wie Freiheit oder Demokratie da. Das ändert sich jetzt“, summiert der
45 Diplomat. […]
Die wegweisende Rede von Xi 2017 habe in diplomatischen Kreisen in Genf eine zu geringe
Resonanz gefunden, kritisiert ein ehemaliger hoher UNO-Beamter. Es habe kaum eine Diskussion
darüber gegeben, wie das verstärkte internationale Engagement Chinas aussehen könnte und was das
für die internationalen Organisationen bedeuten werde. „Die Leute haben hier ein wenig geschlafen“,
50 sagt er. Wer damals genau hinhörte, konnte nämlich die Ansage verstehen: „Die wichtigste Norm in
zwischenstaatlichen Beziehungen und ein Grundprinzip der UNO und anderer internationaler
Organisationen ist die Souveränität“, sagte Xi. Er kann sich dabei auf die Charta der UNO berufen, wo
es heißt, dass die Organisation auf dem Prinzip der souveränen Gleichwertigkeit all seiner Mitglieder
beruhe.
55 Doch China stellt die eigene Souveränität über alles und verbittet sich Einmischung in das, was es als
„interne Angelegenheiten“ ansieht. Vor allem bei autoritären Regierungen auf der ganzen Welt stößt
dieser Ansatz auf offene Ohren. Was dies bedeutet, zeigt sich besonders bei den Menschenrechten.
Das Menschenrechtssystem der UNO basiert darauf, dass die einzelnen Länder vor dem Menschen-
rechtsrat regelmäßig Rechenschaft ablegen müssen. Experten untersuchen Menschenrechtsverletz-
60 ungen und die Einhaltung verschiedener Konventionen – und kritisieren dabei unverhohlen
Regierungen, die ihren Verpflichtungen nicht oder nur ungenügend nachkommen.
Peking steht dabei immer wieder am Pranger. So erhielten die chinesischen Umerziehungslager für
die muslimische Minderheit der Uiguren im Sommer 2018 weltweite Aufmerksamkeit, als sich eine
Kommission des Menschenrechtsrats der Frage annahm. Peking startete eine massive Gegen-
65 kampagne, aber das Thema hält sich hartnäckig in der internationalen Öffentlichkeit. In Sachen
Hongkong weist Peking jegliche Kritik zurück, da dies eine „interne Angelegenheit“ sei. […]
Dass China im UNO-System eine wichtige Rolle einnimmt, ist eigentlich naheliegend. Als ständiges
Sicherheitsratsmitglied hat das Land ein Vetorecht. Mittlerweile bezahlt Peking den zweithöchsten
obligatorischen Betrag an die UNO; auch bei Friedensmissionen ist Peking der zweitwichtigste
70 Beitragszahler. China stellt mehr Soldaten und Polizisten für UNO-Blauhelmmissionen zur Verfügung
als alle anderen ständigen Sicherheitsratsmitglieder zusammen. Rund 2.500 sind es im Moment.
Doch auch den Blauhelmoperationen versucht Peking seine eigene Weltsicht aufzudrücken. Im
bisherigen Verständnis der UNO gehören zu einer Friedensmission nicht nur Soldaten mit Waffen.
Ebenso wichtig für einen anhaltenden Frieden ist der Aufbau einer Zivilgesellschaft. So unterstützen
75 UNO-Missionen den Aufbau eines funktionierenden Rechtssystems und die Respektierung der
Menschenrechte. Aus chinesischer Warte 2 garantieren hingegen nicht Individuen den Frieden, sondern
der Staat. Dieser unterschiedliche Denkansatz zeigt sich bei den Budgetverhandlungen für die
Friedensmissionen. Wiederholt haben chinesische Diplomaten versucht, Posten für Menschenrechte
aus den Budgets der Mission zu streichen – zum Teil mit Erfolg. Auf diese Weise, um es mit den
80 Worten des ehemaligen US-Diplomaten Feltman zu sagen, schreibt China langsam, aber stetig das
Betriebssystem der UNO um.
Patrick Zoll: Wie China versucht, die UNO nach seinen Vorstellungen umzuformen, 23.09.2020, in: URL: https://www.nzz.ch/international/UNO-generalversammlung-china-schreibt-die-werte-der-UNO-um-ld.1577845?utm_source=pocket-newtab-global-de-DE-23.09.2020- (abgerufen am 25.09.2020).
1 Mitgliedländer – Rechtschreibung entspricht dem Originaltext
2 chinesische Warte – hier: aus chinesischer Sichtweise
1
Fassen Sie den vorliegenden Text zusammen. (Material)
(25 BE)
2
Analysieren Sie vor dem Hintergrund der wesentlichen Zielsetzungen und Grundsätze in der UN-Charta, inwieweit die Handlungsmöglichkeiten der UNO dem Prinzip des Multilateralismus entsprechen.
(25 BE)
4
Die UN, so der ehemalige Generalsekretär Dag Hammarskjöld im Jahr 1954, „wurden nicht geschaffen, um die Menschheit in den Himmel zu bringen, sondern sie vor der Hölle zu bewahren“.
Bewerten Sie anknüpfend an das Zitat, inwieweit die UNO ihre Rolle als globale Ordnungsmacht zur Sicherung des Weltfriedens im 21. Jahrhundert erfüllen kann.
(30 BE)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1 Fassen Sie den vorliegenden Text zusammen. (Material)
Lösung: Strukturierte Zusammenfassung des Textes nach Basissatz (Autor: Patrick Zoll, Titel: „Wie China versucht, die UNO nach seinen Vorstellungen umzuformen“, Textsorte: Kommentar, Erscheinen: nzz.ch am 23.09.2020, Thema: zunehmende Einflussnahme Chinas im internationalen System / UNO am Anlass der 75. Generalversammlung).
2 Analysieren Sie vor dem Hintergrund der wesentlichen Zielsetzungen und Grundsätze in der UN-Charta, inwieweit die Handlungsmöglichkeiten der UNO dem Prinzip des Multilateralismus entsprechen.
Lösung: Differenzierte Analyse der Zielsetzungen/Grundsätze der UN-Charta im Abgleich mit den realen Handlungs- und Machtstrukturen der UNO (u. a. Sicherheitsrat, Vetomacht vs. Generalversammlung).
4 Bewerten Sie anknüpfend an das Zitat, inwieweit die UNO ihre Rolle als globale Ordnungsmacht zur Sicherung des Weltfriedens im 21. Jahrhundert erfüllen kann.
Lösung: Kriteriengeleitete und differenzierte Bewertung der Rolle der UNO als globale Ordnungsmacht zur Sicherung des Weltfriedens im 21. Jahrhundert unter Bezug auf das Zitat von Hammarskjöld.
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