Abitur Hessen Musik 2022 · LK

Abiturprüfung Musik in Hessen 2022, LK: 5 Aufgaben mit Lösungen. Themen: Formprinzipien der Wiener Klassik: Sonatenhauptsatz und Rondo. Kostenlos.

Themen der Prüfung: Formprinzipien der Wiener Klassik: Sonatenhauptsatz und Rondo · Lied und Gedichtvertonung: Wort-Ton-Verhältnis · Der Weg in die Moderne: Impressionismus und Expressionismus · Musik und Malerei: Bild und Musik vergleichen · Gestaltungsaufgabe: Komposition mit Erläuterung

Aufgabe Vorschlag A · Formprinzipien der Wiener Klassik: Sonatenhauptsatz und Rondo

Das Rondo als Finale am Beispiel des 3. Satzes der Klaviersonate in B-Dur KV 281 (1774) von W. A. Mozart (1756–1791)

Material 1: Thomas Schmidt-Beste: Die Sonate – Finalsätze (2006)

Das Finale ist für den mehrsätzigen Zyklus das, was die Reprise für den einzelnen Satz ist: Abschluss und Bestätigung. Unabhängig von der Form, die es im Einzelnen annimmt, verfügt es daher über die folgenden Charakteristika:

– Rasches bis sehr rasches Tempo (in der Regel das schnellste der gesamten Komposition),

– starke Betonung der Ausgangstonart/Tonika in den Themen wie auch in deren Verarbeitung,

– wie in der Reprise der Sonatensatzform tendenziell stärkere Betonung des Subdominantbereichs (gegenüber der Betonung des Dominantbereichs im ersten Satz),

– leichterer Tonfall, damit einhergehend auch leichtere Konstruktion, d.h. vorwiegend reihende anstatt verarbeitender Thematik, weniger dichte und komplexe Durchführung, [...].

Diejenige Form, die für die Umsetzung all dieser Eigenschaften prädestiniert scheint, ist die des Rondo. Das Rondo (deutsch: Rundtanz) ist [...] aus einem barocken Vorbild abgeleitet; es vereint Elemente einer Reihungsform mit denen einer geschlossenen Rahmen- oder Bogenform. Auf einen Refrain folgt ein Couplet (auch Episode genannt), darauf der Refrain, ein zweites Couplet, wieder der Refrain etc.; die Anzahl der Couplets ist in der Theorie beliebig, ebenso deren tonaler Bezug zum Refrain (der selbst hingegen immer in der Tonika erscheint).

Refrains und Couplets unterscheiden sich nicht nur in ihrer Abfolge, sondern auch in ihrem Themencharakter von den Abschnitten der Sonatensatzform: Da es sich beim Rondo nicht primär um eine entwickelnde Form handelt, sondern um eine, die feste Blöcke einander gegenüberstellt, werden meist nicht einzelne Themen vorgestellt, die dann verarbeitet oder fortgesponnen werden. Stattdessen werden größere, harmonisch stabile und geschlossene Komplexe gebildet, die aus einer ganzen Reihe von einzelnen Themen oder Motiven bestehen können; ein Rondo-Refrain bildet nicht selten eine eigenständige Zweiphrasenform oder eine dreiteilige ABA-Form aus, komplett mit Wiederholungszeichen [...].

In der Sonate des späten 18. Jahrhunderts kristallisiert sich allerdings ein Typus des Rondos mit fester Anzahl und Abfolge von Refrains und Couplets heraus, der die Tendenzen zur thematisch formalen Abrundung gegenüber der Reihung stark betont: In einer Form mit vier Refrains und drei Couplets ist das dritte Couplet eine Reprise des ersten, das mittlere Couplet wird zum längsten, thematisch und vor allem tonal am deutlichsten kontrastierenden Teil.

Thomas Schmidt-Beste: Die Sonate, Geschichte – Formen – Ästhetik, Kassel 2006, S. 106–107.

Material 2: Wolfgang Amadeus Mozart: Sonate in B-Dur KV 281 (1774), 3. Satz: Rondeau (Hörbeispiel: 4'22'')

1.

Nennen Sie die in dem Text aufgeführten Merkmale eines Finalsatzes und eines Rondos. (Material 1) [20 BE]

2.

Analysieren Sie vor dem Hintergrund der in Aufgabe 1 genannten Merkmale das vorliegende Musikbeispiel im Hinblick auf die Form und arbeiten Sie charakteristische Merkmale der musikalischen Gestaltung, insbesondere des thematischen Materials, heraus. (Material 2, Hörbeispiel: 4'22'') [50 BE]

3.

Günter Altmann schreibt in seiner musikalischen Formenlehre:

„[Die] Hinwendung zur Sonatenhauptsatzform im Rondo wird bei den Meistern der Wiener Klassik fast zur Gewohnheit und führt letztendlich zur Verschmelzung beider Formen im so genannten Sonatenrondo [...].“ (Altmann, 2001)

Beurteilen Sie auf der Grundlage Ihrer Ergebnisse aus den Aufgaben 1 und 2, inwieweit die im Text (Material 1) aufgeführten Merkmale auf das vorliegende Musikbeispiel zutreffen, und diskutieren Sie vor diesem Hintergrund das Zitat. [30 BE]

Aufgabe Vorschlag B · Lied und Gedichtvertonung: Wort-Ton-Verhältnis

Thema und Aufgabenstellung: Vorschlag B

Vergangene Liebe im Lied „Wer rief dich denn?“ (1890/91) von Hugo Wolf (1860–1903) und im Song „I will survive“ (1978) von Gloria Gaynor (geb. 1943)

Material 1: Wer rief dich denn? (anonymer Verfasser, übertragen von Paul Heyse, 1860)

Wer rief dich denn? Wer hat dich herbestellt?

Wer hieß dich kommen, wenn es dir zur Last?

Geh zu dem Liebchen, das dir mehr gefällt,

Geh dahin, wo du die Gedanken hast.

5 Geh nur, wohin dein Sinnen steht und Denken!

Daß du zu mir kommst, will ich gern dir schenken.

Geh zu dem Liebchen, das dir mehr gefällt!

Wer rief dich denn? Wer hat dich herbestellt?

Material 2: Gloria Gaynor: I Will Survive (1978) (englischer Originaltext)

At first I was afraid, I was petrified.

Kept thinkin’ I could never live without you by my side.

But then I spent so many nights thinkin’ how you did me wrong,

and I grew strong, and I learned how to get along.

5 And so you’re back from outer space.

I just walked in to find you here with that sad look upon your face.

I should’ve changed that stupid lock, I should’ve made you leave your key

If I’d’ve known for just one second you’d be back to bother me.

Go on, now, go, walk out the door.

10 Just turn around now, ’cause you’re not welcome anymore.

Weren’t you the one who tried to hurt me with goodbye?

Did you think I’d crumble? Did you think I’d lay down and die?

Oh no, not I. I will survive.

Oh, as long as I know how to love I know I’ll stay alive.

15 I’ve got all my life to live, I’ve got all my love to give

and I’ll survive, I will survive. Hey, hey.

It took all the strength I had not to fall apart.

Kept tryin’ hard to mend the pieces of my broken heart.

And I spent, oh, so many nights just feelin’ sorry for myself.

20 I used to cry, but now I hold my head up high.

And you see me, somebody new,

I’m not that chained up little person still in love with you.

And so you felt like droppin’ in and just expect me to be free.

But now I’m savin’ all my lovin’ for someone who’s lovin’ me.

25 Go on, now, go, walk out the door. [...]

Material 3: Hugo Wolf: „Wer rief dich denn?“ (Notentext)

Material 4: Gloria Gaynor: I Will Survive (Notentext)

1.

Beschreiben Sie den Inhalt des Gedichts „Wer rief dich denn?“ und der Textvorlage von „I will survive“ unter besonderer Berücksichtigung der emotionalen Situation des jeweiligen lyrischen Ichs. Nennen Sie dabei Gemeinsamkeiten und Unterschiede. (Material 1 und 2) [20 BE]

2.1.

Analysieren Sie das Lied „Wer rief dich denn?“ von Hugo Wolf hinsichtlich der formalen Gliederung und des Wort-Ton-Verhältnisses. (Material 3, Hörbeispiel 1: 1'06") [35 BE]

2.2.

Vergleichen Sie den Song „I will survive“ mit Hugo Wolfs Lied hinsichtlich der formalen Gliederung und der musikalischen Umsetzung des Textes unter besonderer Berücksichtigung des Höreindrucks des Songs. (Material 4, Hörbeispiel 2: 3'14") [25 BE]

3.

Bewerten Sie auf der Grundlage Ihrer Ergebnisse aus den Aufgaben 1 und 2 die musikalische Umsetzung der Texte in beiden Kompositionen, insbesondere im Hinblick auf die jeweilige emotionale Situation des lyrischen Ichs. [20 BE]

Aufgabe Vorschlag C · Gestaltungsaufgabe: Komposition mit Erläuterung

Thema und Aufgabenstellung – Vorschlag C

Vertonung eines expressionistischen Bildes

1.1

Nennen Sie einige Merkmale des musikalischen Expressionismus, ausgehend von musikalischen Parametern.

(10 BE)

1.2

Beschreiben Sie das Bild detailliert und nennen Sie unter Berücksichtigung Ihrer Ergebnisse aus Aufgabe 1.1 Möglichkeiten, wie Elemente des Bildes musikalisch umgesetzt werden könnten. (Material 1)

(20 BE)

Material 1: August Macke: Russisches Ballett (1912)

2

Komponieren Sie auf der Grundlage des vorliegenden Bildes ein Musikstück im Stile des Expressionismus von etwa 20 Takten in traditioneller Notation für 2–3 Instrumente, das von der dargestellten Szenerie ausgeht. (Material 2)

(45 BE)

Material 2: Notenpapier zur Ausarbeitung der Komposition:

3

Erläutern Sie Ihre musikalischen Gestaltungsabsichten in Aufgabe 2, insbesondere hinsichtlich der Beziehungen zwischen Musik und Bild.

(25 BE)

Aufgabe Vorschlag D - Aufgaben 1 und 3: Musik und Malerei · Musik und Malerei: Bild und Musik vergleichen

Material 1

Text und Bild zu Monets Gemälde „Vétheuil im Nebel“ (1879) aus einem Ausstellungskatalog

Wo ist Vétheuil?

Nebelschwaden umhüllen das auf einem Hügel gelegene Dorf Vétheuil 1. Oben und unten scheint es im Bild nicht zu geben. Zeit und Raum lösen sich auf. Ebenen, die Vorder- und Hintergrund erkennen lassen könnten, existieren nicht. Motiv und Spiegelung sind nicht mehr voneinander zu trennen. In den 1870er Jahren begann Monet, seine Leinwände mit einem gleichmäßigen, groben Farbauftrag so zu komponieren, dass sich die Rangordnung der dargestellten Elemente auflöste und die Gesamtstruktur in den Vordergrund rückte. Der Künstler lässt in „Vétheuil im Nebel“ das Motiv zugunsten der Stimmung nahezu verschwinden. Die Betonung des Atmosphärischen ist eine entscheidende Voraussetzung für seine späteren Serienbilder.

Monet und die Geburt des Impressionismus (Ausstellung im Städel Museum Frankfurt), URL: https://monet.staedelmuseum.de (abgerufen am 05.06.2021); Bild entnommen aus: Claude Monet: Vétheuil im Nebel (1879), Robert Gordon und Andrew Forge: Monet, Köln 1985, S. 145.

1 Vétheuil ist eine kleine Gemeinde am Fluss Seine und liegt nordwestlich von Paris.

Material 2: Claude Debussy: „Brouillards“ (1911)

Claude Debussy: Prélude Nr. 1, in: Claude Debussy – Préludes (Book 1 and 2) for piano, Milwaukee o.J., S. 55–59.

Vortragsbezeichnungen in der Reihenfolge des Auftretens

Modéré · gemäßigt

extrêmement égal et léger · äußerst gleichmäßig und leicht

la m.g. un peu en valeur sur la m.d. · die linke Hand etwas deutlicher als die rechte Hand

m.d. · rechte Hand

più · mehr

Ped. · mit Pedal (die Dämpfer werden angehoben, die Töne klingen nach)

* · Klavierpedal lösen

Cédez · zögernd, langsamer werdend

Mouvement · Bewegung (im Tempo)

un peu en dehors · ein wenig hervorgehoben

un peu retenu · ein wenig langsamer

un peu marqué · ein wenig betont

en retenant et en s'effaçant · langsamer und erlöschend

Presque plus rien · fast nichts mehr

(...Brouillards) · Nebel

1.

Beschreiben Sie unter Verwendung des Textes das Bild „Vétheuil im Nebel“ von Claude Monet und nennen Sie davon ausgehend einige stilistische Parallelen zwischen Malerei und Musik sowie weitere musikalische Stilmittel des Impressionismus. (Material 1) [25 BE]

3.

Diskutieren Sie auf der Grundlage Ihrer Ergebnisse aus den Aufgaben 1 und 2, inwiefern Monets Bild als Inspiration für Debussys Komposition gedient haben könnte. [25 BE]

Aufgabe Vorschlag D - Aufgabe 2: Musikalische Analyse · Der Weg in die Moderne: Impressionismus und Expressionismus

Material 1

Text und Bild zu Monets Gemälde „Vétheuil im Nebel“ (1879) aus einem Ausstellungskatalog

Wo ist Vétheuil?

Nebelschwaden umhüllen das auf einem Hügel gelegene Dorf Vétheuil 1. Oben und unten scheint es im Bild nicht zu geben. Zeit und Raum lösen sich auf. Ebenen, die Vorder- und Hintergrund erkennen lassen könnten, existieren nicht. Motiv und Spiegelung sind nicht mehr voneinander zu trennen. In den 1870er Jahren begann Monet, seine Leinwände mit einem gleichmäßigen, groben Farbauftrag so zu komponieren, dass sich die Rangordnung der dargestellten Elemente auflöste und die Gesamtstruktur in den Vordergrund rückte. Der Künstler lässt in „Vétheuil im Nebel“ das Motiv zugunsten der Stimmung nahezu verschwinden. Die Betonung des Atmosphärischen ist eine entscheidende Voraussetzung für seine späteren Serienbilder.

Monet und die Geburt des Impressionismus (Ausstellung im Städel Museum Frankfurt), URL: https://monet.staedelmuseum.de (abgerufen am 05.06.2021); Bild entnommen aus: Claude Monet: Vétheuil im Nebel (1879), Robert Gordon und Andrew Forge: Monet, Köln 1985, S. 145.

1 Vétheuil ist eine kleine Gemeinde am Fluss Seine und liegt nordwestlich von Paris.

Material 2: Claude Debussy: „Brouillards“ (1911)

Claude Debussy: Prélude Nr. 1, in: Claude Debussy – Préludes (Book 1 and 2) for piano, Milwaukee o.J., S. 55–59.

Vortragsbezeichnungen in der Reihenfolge des Auftretens

Modéré · gemäßigt

extrêmement égal et léger · äußerst gleichmäßig und leicht

la m.g. un peu en valeur sur la m.d. · die linke Hand etwas deutlicher als die rechte Hand

m.d. · rechte Hand

più · mehr

Ped. · mit Pedal (die Dämpfer werden angehoben, die Töne klingen nach)

* · Klavierpedal lösen

Cédez · zögernd, langsamer werdend

Mouvement · Bewegung (im Tempo)

un peu en dehors · ein wenig hervorgehoben

un peu retenu · ein wenig langsamer

un peu marqué · ein wenig betont

en retenant et en s'effaçant · langsamer und erlöschend

Presque plus rien · fast nichts mehr

(...Brouillards) · Nebel

Analysieren Sie abschnittsweise die musikalischen Gestaltungsmerkmale der vorliegenden Komposition unter besonderer Berücksichtigung Ihrer Ergebnisse aus Aufgabe 1. (Material 2, Hörbeispiel: 2'37'') [50 BE]

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