Aufgabe Vorschlag C - II.3.2 · Abitur Hessen Latein GK 2022

Thema: Stoische Philosophie (Seneca): Güterlehre, Affekte, Zeit und Tod · Aus der Prüfung GK (2022)

Aufgabenstellung

Material – Vorschlag C

Vorbemerkung

Seneca schreibt aus seiner Verbannung eine Trostschrift an seine Mutter. Der folgende Textausschnitt beginnt mit der Klage eines fiktiven Gesprächspartners über den Ort von Senecas Verbannung.

Lateinischer Text (Seneca, Ad Helviam matrem de consolatione 9, 1–3)

1 „At non est haec terra frugiferarum aut laetarum arborum ferax. Non magnis nec

2 navigabilibus fluminum alveis irrigatur; nihil gignit, quod aliae gentes petant; vix ad tutelam

3 incolentium fertilis. Non pretiosus hic lapis caeditur, non auri argentique venae eruuntur.“

4 Angustus animus est, quem terrena delectant; ad illa abducendus est, quae ubique aeque

5 apparent, ubique aeque splendent.

6 Et hoc cogitandum est ista veris bonis per falsa et prave credita obstare. Quo longiores

7 porticus expedierint, quo altius turres sustulerint, [...] hoc plus erit, quod illis caelum

8 abscondat. [...]

9 Dic illud potius: „Istud humile tugurium nempe virtutes recipit? Iam omnibus templis

10 formosius erit, cum illic iustitia conspecta fuerit, cum continentia, cum prudentia, pietas,

11 omnium officiorum recte dispensandorum ratio, humanorum divinorumque scientia. Nullus

12 angustus est locus, qui hanc tam magnarum virtutum turbam capit; nullum exilium grave est,

13 in quod licet cum hoc ire comitatu.“

Übersetzungshilfen

Z. 1 · frugifer, -era, -erum: fruchttragend

laetus, -a, -um: hier fruchtbar

ferax, feracis (+ Gen.): reich ( an etw.)

Z. 2 · navigabilis fluminis alveus: ein schiffbarer Fluss

irrigare: bewässern

tutela, -ae, f.: hier Lebensunterhalt

Z. 3 · incolens, incolentis, m.: Einwohner

fertilis: Ergänzen Sie est.

hic ( Adv.): hier

caedere, caedo: abbauen

eruere, eruo: ausgraben, ausbeuten

Z. 4 · terrena (bona) ( Pl.): materielle Güter

ad illa abducendus est, quae [...]: Konstruieren Sie (animus) abducendus est ad illa, quae [...].

Z. 4 + 5 · aeque ( Adv.): auf die gleiche Weise, gleichermaßen

Z. 6 · ista: Gemeint sind die materiellen Güter.

per falsa et prave credita: aufgrund von Irrtümern und Fehleinschätzungen

Z. 6 f. · quo [...] hoc: je [...] desto, umso

Z. 7 · expedire, expedio, expedii: zustande bringen, bauen

tollere, tollo, sustuli: hier erbauen

expedierint, sustulerint: Ergänzen Sie homines als Subjekt.

Z. 8 · abscondere, -condo: verstecken, verbergen

Z. 9 · dic: Imperativ Sg. zu dicere

tugurium, -i, n.: Hütte

nempe ( Adv.): doch wohl, doch sicherlich

iam: augenblicklich

Z. 9 f. · iam omnibus templis formosius erit: Konstruieren Sie iam [tugurium] formosius quam omnia templa erit.

Z. 10 · illic [...] conspecta fuerit: dort ist anzutreffen ( zu allen Gliedern der Aufzählung zu ergänzen)

continentia, -ae, f.: Selbstbeherrschung

Z. 11 · officia dispensare, dispenso: Pflichten erfüllen

ratio, -onis, f.: hier Einsicht

humanorum divinorumque = humanarum divinarumque rerum

Z. 13 · in quod licet cum hoc ire comitatu: Ordnen Sie in quod cum hoc comitatu ire licet.

Arbeitsübersetzung

„Aber dieses Land ist nicht reich an fruchtbaren oder üppigen Bäumen. Es wird nicht durch große und schiffbare Flussbetten bewässert; es bringt nichts hervor, was andere Völker begehren; es ist kaum fruchtbar genug zum Lebensunterhalt der Bewohner. Hier wird kein kostbarer Stein abgebaut, keine Gold- und Silberadern werden ausgegraben.“ Kleinlich ist der Geist, den materielle Güter erfreuen; er muss zu dem gelenkt werden, was sich überall auf gleiche Weise zeigt, was überall auf die gleiche Weise glänzt.

Auch muss man bedenken, dass diese (materiellen Güter) den wahren Gütern durch Irrtümer und Fehleinschätzungen im Wege stehen. Je längere Säulenhallen sie bauen, je höher sie Türme errichten, [...] desto mehr wird es geben, das ihnen den Himmel verdeckt. [...]

Sag lieber Folgendes: „Diese ärmliche Hütte nimmt doch sicherlich Tugenden auf? Augenblicklich wird sie schöner als alle Tempel sein, wenn dort Gerechtigkeit, wenn Selbstbeherrschung, Klugheit, Pflichtgefühl, Einsicht, alle Pflichten richtig zu erfüllen, die Kenntnis der menschlichen und göttlichen Dinge anzutreffen ist. Kein Ort ist eng, der eine Menge an so großen Tugenden fasst; kein Verbannungsort ist schwer zu ertragen, in den man mit dieser Begleitung gehen kann.“

II Interpretation

3.2

Beurteilen Sie die Haltung Ovids im Exil vor dem Hintergrund von stoischen Lehrmeinungen und Senecas Aussagen im Text.

(30 BE)

Aufgabenstellung: Aufgabe Vorschlag C - II.3.2 · Abitur Hessen Latein GK 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

3.2 Beurteilen Sie die Haltung Ovids im Exil vor dem Hintergrund von stoischen Lehrmeinungen und Senecas Aussagen im Text.

Lösung: Mit Bezug auf Aufgabe 3.1 kann festgestellt werden, dass die Haltung Ovids im völligen Kontrast zu stoischen Lehrmeinungen und den Äußerungen Senecas im vorliegenden Text steht. Während Seneca sich nicht von äußeren Bedingungen und Lebensumständen beeinflussen lässt bzw. lassen will, hebt Ovid gerade diese Unwirtlichkeit des Ortes seines Exils, wie auch Senecas fiktiver Gesprächspartner zu Beginn des vorliegenden Textes, deutlich hervor. Im Gegensatz zu Seneca betont er diese sogar, um sein Ziel, die Rückkehr nach Rom zu erlangen. Nach stoischer Lehrmeinung sollte Ovid sein Exil als sein *fatum*, sein vorherbestimmtes Schicksal, verstehen, das er nicht ändern kann, sondern das er als unabänderlich akzeptieren sollte, anstatt sich vergeblich dagegen zu wehren (z.B. durch seine Exildichtungen). Darüber hinaus sieht sich ein Stoiker als Weltbürger, da er gemeinsam mit allen anderen Menschen Anteil an der göttlichen Vernunft hat, so dass er auch an jedem Ort der Welt ein naturgemäßes und glückliches Leben führen und mit allen anderen Menschen (auch mit „Barbaren“) soziale Kontakte pflegen kann und auch soll. Aus Senecas Sicht ist also Ovids Verhalten, das zu seinen eigenen Äußerungen aber auch den stoischen Lehrmeinungen völlig konträr ist, abzulehnen. Die Prüflinge könnten sich bei der Beurteilung von Ovids Verhalten aber auch auf dessen Seite stellen, indem sie argumentieren, dass ein Leben, weit entfernt von der Heimat und den Menschen, die einem sehr viel bedeuten, nicht lebenswert sei und dass es durchaus nachzuvollziehen ist, dass Ovid sich beklagt. Wichtig für die abschließende Beurteilung ist vor allem, dass eine eindeutige Stellungnahme zu erkennen ist und diese argumentativ, nachvollziehbar und sinnvoll begründet wird.

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