Aufgabe Vorschlag D - Teil II Aufgabe 4 · Abitur Hessen Latein LK 2021
Thema: Stoische Philosophie (Seneca): Güterlehre, Affekte, Zeit und Tod · Aus der Prüfung LK (2021)
Aufgabenstellung
Material 1
Vorbemerkung
In einem seiner Briefe an Lucilius beschäftigt sich Seneca damit, wodurch man das Gute vom Schlechten unterscheiden kann:
1 Quaeritur, utrum sensu comprehendatur an intellectu bonum. [...] Quicumque voluptatem in
summo ponunt, sensibile iudicant bonum; nos contra intellegibile, qui illud animo damus.
Si de bono sensus iudicarent, nullam voluptatem reiceremus – nulla enim non invitat, nulla
non delectat – et e contrario nullum dolorem volentes subiremus. Nullus enim non offendit
5 sensum. Praeterea non essent digni reprehensione, quibus nimium voluptas placet quibusque
summus est doloris timor. Atqui improbamus gulae ac libidini addictos et contemnimus illos,
qui nihil viriliter ausuri sunt doloris metu. Quid autem peccant, si sensibus, id est iudicibus
boni ac mali, parent? His enim tradidistis appetitionis et fugae arbitrium.
Sed videlicet ratio isti rei praeposita est: illa quemadmodum de beata vita, quemadmodum de
10 virtute, de honesto, sic et de bono maloque constituit. Nam apud istos vilissimae parti datur de
meliore sententia, ut de bono pronuntiet sensus, obtunsa res et hebes et in homine quam in
aliis animalibus tardior. [...] Vides, in quanta ignorantia veritatis versetur et quam humi
sublimia ac divina proiecerit, apud quem de summo bono malo iudicat tactus.
Übersetzungshilfen
Z. 1 · utrum [...] an [...]: ob [...] oder [...]
comprehendere, -o: erfassen
quicumque: diejenigen, die [...]
Z. 1 f. · in summo ponere: zum Wichtigsten machen
Z. 2 · sensibilis, -e: durch Empfindung erfassbar
iudicare (+ doppelter Akk.): halten für
contra (Adverb): dagegen; ergänzen Sie iudicamus bonum.
intellegibilis, -e: durch den Verstand erfassbar
illud: Gemeint ist summum.
animo dare: hier dem Verstand zuweisen
Z. 3 · iudicare (de + Abl.): urteilen (über)
nulla: Ergänzen Sie voluptas.
Z. 4 · e contrario: auf der anderen Seite
volentes = voluntarii
nullus: Ergänzen Sie dolor.
offendere, offendo (+ Akk.): hier übermäßig reizen
Z. 5 · dignus reprehensione: tadelnswert; ergänzen Sie homines.
nimium: zu sehr
Z. 6 · summus: Ergänzen Sie timor.
gulae ac libidini addictos: Menschen, die der Schlemmerei und sinnlicher Lust zugeneigt sind
Z. 7 · viriliter (Adverb): mutig
ausuri sunt: Futur zu audere
peccare: hier falsch machen; ergänzen Sie ii als Subjekt.
id est: d.h. (das heißt)
Z. 8 · his: Gemeint sind die sensus.
Z. 9 · praeponere (+ Dat.): hier die Richtlinie sein (für)
illa: Beziehen Sie auf ratio.
Z. 9 f. · quemadmodum [...] sic et [...]: wie [...] so auch [...]
Z. 10 · constituere, constituo (de + Abl.): hier entscheiden (über)
Z. 10 f. · vilissimae parti datur de meliore sententia: dem schwächsten Teil wird das Urteil über den besseren zugestanden
Z. 11 · pronuntiare: hier urteilen
obtunsus, -a, -um: stumpf, dumm
hebes, -etis: schwach, träge
Z. 11 f. · et in homine [...] tardior: Ordnen Sie: et in homine tardior quam in aliis animalibus.
Z. 12 · versari: hier verharren; ergänzen Sie is.
quam: hier wie sehr
Z. 12 f. · humi proicere: zu Boden werfen, erniedrigen; ergänzen Sie is zu proiecerit.
Z. 13 · sublimia (n. Pl.): hier das Erhabene
bono malo = bono et malo
tactus = sensus
Arbeitsübersetzung
Es wird gefragt, ob das Gute mit der Empfindung oder mit dem Verstand erfasst wird. [...] Diejenigen, die die Lust zum Wichtigsten machen, halten das Gute für durch Empfindung erfassbar, wir (Stoiker) dagegen für durch den Verstand erfassbar, die wir jenes (Wichtigste) dem Verstand zuweisen. Wenn die Empfindungen über das Gute zu entscheiden hätten, würden wir keine Lustempfindung zurückweisen – jede lädt nämlich ein, jede erfreut – und auf der anderen Seite würden wir keinen Schmerz freiwillig auf uns nehmen. Jeder [Schmerz] reizt einen Sinn übermäßig stark. Außerdem wären die Menschen nicht tadelnswert, denen die Lust zu sehr gefällt und für die die höchste Angst die Angst vor Schmerz ist. Aber wir missbilligen Menschen, die der Schlemmerei und sinnlicher Lust zugeneigt sind, und verachten jene, die nichts mutig wagen werden aus Furcht vor Schmerz. Was aber machen sie falsch, wenn sie den Empfindungen, das heißt den Richtern über Gut und Schlecht, gehorchen? Diesen Empfindungen nämlich habt ihr das Urteil über Verlangen und Vermeiden übertragen.
Aber selbstverständlich ist die Vernunft die Richtlinie für diese Angelegenheit: Wie jene (Vernunft) über das glückliche Leben, wie sie über die Tüchtigkeit, über das Ehrenhafte entscheidet, so entscheidet sie auch über Gut und Schlecht. Denn bei diesen da wird dem schwächsten Teil das Urteil über den besseren zugestanden, sodass über das Gute die Empfindung urteilt, ein stumpfes und träges Ding und beim Menschen schwerfälliger als bei anderen Lebewesen. [...] Du siehst, in wie großer Unkenntnis der Wahrheit derjenige verharrt und wie sehr er das Erhabene und Göttliche erniedrigt, bei dem über das Höchste in Bezug auf Gut und Schlecht das Gefühl entscheidet.
II Interpretation
4
Erörtern Sie, wie Seneca das Dilemma des Aeneas, in Karthago zu bleiben oder Dido zu verlassen, beurteilen würde. (30 BE)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
Erörtern Sie, wie Seneca das Dilemma des Aeneas, in Karthago zu bleiben oder Dido zu verlassen, beurteilen würde.
Lösung: Erörterung aus stoischer Perspektive (Aeneas' anfängliche Affektbeherrschung durch Liebe vs. Einsicht in das fatum und Vorrang der ratio).
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