Abitur Hessen Katholische Religion 2022 · LK

Abiturprüfung Katholische Religion in Hessen 2022, LK: 13 Aufgaben mit Lösungen. Themen: Texterschließung: Text zusammenfassen und Position erfassen.

Themen der Prüfung: Texterschließung: Text zusammenfassen und Position erfassen · Jesus Christus: Reich-Gottes-Botschaft, Kreuz, Auferstehung und Nachfolge · Gottesrede: angemessen von Gott sprechen · Religionskritik: Feuerbach, Nietzsche und aktueller Atheismus · Moralisch argumentieren: philosophische Modelle der Ethik · Biblische Ethik und Engagement für das Leben

Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 1 · Texterschließung: Text zusammenfassen und Position erfassen

Material

Johannes Röser: Gott im Haus der Evolution (2009)

Tatsächlich richten sich viele Menschen ratlos in einer religiös-wissenschaftlichen Bewusstseinsspaltung ein, in einer unverbundenen Zwei-Reiche-Lehre 1: Tu du mir nichts, so tue ich dir auch nichts! Die Naturwissenschaft soll sich aus der Gottesfrage heraushalten, „die“ Grenze nicht überschreiten, dann werde man sich auch umgekehrt religiös nicht in Wissenschaft einmischen. Nur zeigt die schleichende Unruhe und Ungläubigkeit gerade der Gutwilligen, dass diese Art von wohlfeilem Waffenstillstand unter Nachdenklichen nicht dauerhaft funktioniert. Manchmal pendeln die Menschen aus purer Not hin und her. Einerseits sagen sie, dass Gott natürlich nicht in den Weltenlauf eingreift, andererseits aber soll er sie doch irgendwie persönlich kennen, schätzen, schützen. Am Ende begnügen sich nicht wenige mit einer Minimalreligion: hier Wissen, dort Glaube. Das aber geht auf Dauer selten gut.

Der Religionspsychologe und Jesuit Bernhard Grom beschreibt die Bewusstseinsspaltung, die auf gefährlicher Verdrängung beruht, […] so: „In unseren Gottesdiensten preisen wir Gottes Zuwendung in Leben, Gebet und Sakramenten in der Sprache und Denkweise der biblischen Wunderberichte und Psalmen – und werden so mit ihrem undifferenzierten Allwirksamkeitsglauben konfrontiert.“ Doch viele Menschen „empfinden diese Art, von Gott zu reden, einfach als ungedeckt von ihrer Alltagserfahrung“. […]

Wenn man an Gott glaubt, an welchen Gott glaubt man dann? An einen personalen, an einen a-personalen? Grom verlangt, dass man sich die Grenzen überlieferter Sichtweisen eingesteht: „Gott begegnet uns und wirkt mit uns auf ganz andere Weise als eine menschliche Person. Selbst durch die Menschwerdung in Jesus wird er nie in sich sichtbar oder hörbar; auch Visionen können ihn nur symbolisieren und Auditionen 2 nur menschliche Worte vermitteln. Gott ist nicht das erste Glied einer Ursachenkette, sondern deren ermöglichende Ur-Ursache: nicht von außen wirkend, wie geschaffene Wesen miteinander interagieren, sondern – so Rahner –, ‚der lebendige dauernde transzendentale 3 Grund der Eigenbewegung der Welt selbst‘… Entgegen dem bei vielen Christen verbreiteten, latent deistischen 4 Missverständnis, Gottes Schöpfung betreffe nur den Anfang, ist stets mitzubedenken, dass das Universum mit seinen Wirkzusammenhängen beständig von ihm im Dasein erhalten wird. Schöpfung geschieht – als ‚creatio continua‘ 5 – jeden Augenblick…“ So sieht Grom das Wirken Gottes nicht als ein personales unmittelbares Handeln, sondern als ein „Halten“.

Ist Gott also viel mehr eine Art „Hintergrundrauschen“ in Kosmos und Leben, ein „Fluidum“, ein „Äther“, in dem, mit dem und auf dem alles „schwimmt“, sich bewegt, ist und wird? Muss man sich Gottes Handeln gar unabhängig von jedweder Kausalität vorstellen? Ist Gott als Grund der Welt gar nicht ihre „Ursache“? Ist die Welt als „Anfang“ selbst ursachenfrei?

Unsere Anschauungen hängen an unserer irdischen Logik, die alles kausalursächlich „fassen“ möchte, jedoch nicht unbedingt jedes physische oder psychische Phänomen so greifbar machen kann. So leiden auch unsere Gottes-Analogien, unsere Versuche, in Entsprechungen sich ein uneigentliches Bild von Gott zu machen, an den Schwachstellen unserer gewöhnlichen Logik. Am Ende hilft uns nur der Sprung auf eine mystisch-intuitive 6 Ebene. Grom jedenfalls plädiert für eine Spiritualität, die mit dem Wunder nicht ein Durchbrechen naturgesetzlicher Abläufe verbindet, sondern die im Gewöhnlichen das Wunderbare entdeckt. Für Groms Glaubensverständnis entscheidend ist das Wunder des Sichtbaren, nicht das Wunder des Unsichtbaren.

Johannes Röser: Gott im Haus der Evolution, Christ in der Gegenwart (CiG) Nr. 7/2009, S. 75f.

Hinweis

Johannes Röser (geb. 1956): deutscher Journalist, studierte Katholische Theologie in Freiburg und Tübingen, von 1995 bis 2020 Chefredakteur und seit 2021 Herausgeber der katholischen Wochenzeitschrift Christ in der Gegenwart

Worterklärungen

1 Zwei-Reiche-Lehre: auf Luther zurückgehende Lehre, wonach Gott die Welt auf zweierlei Weise – im geistlichen Reich durch sein geistliches Regiment, im weltlichen Reich durch sein weltliches Regiment – regiert; hier geht es nicht um das Verhältnis von Reich Gottes und Welt oder Kirche und Staat, sondern um das von Religion und Naturwissenschaft

2 Audition: das innere Hören von Worten und das damit verbundene Vernehmen von Botschaften einer höheren Macht (z.B. bei den Propheten)

3 transzendental: vor jeder subjektiven Erfahrung liegend und die Erkenntnis der Gegenstände an sich erst ermöglichend

4 Deismus: Lehre von einem Gott, der die Welt geschaffen hat, diese danach aber sich selbst überlässt und ein von der Welt getrenntes Dasein führt

5 creatio continua: fortdauernde Erhaltung der Schöpfung; dahinter steht die Vorstellung, dass Gott nicht nur den Anfang der Welt gesetzt hat, sondern die Schöpfung fortwährend erhält.

6 mystisch: Mystik ist eine Form der Religiosität, bei der eine persönlich erfahrbare Verbindung mit dem Göttlichen gesucht wird.

intuitiv: die dem Unterbewusstsein entspringende Fähigkeit, Einsichten in Sachverhalte ohne den Gebrauch des Verstandes zu erhalten

Aufgaben

1

Fassen Sie den Text von Johannes Röser zusammen. (Material) [25 BE]

Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 2 · Gottesrede: angemessen von Gott sprechen

Material

Johannes Röser: Gott im Haus der Evolution (2009)

Tatsächlich richten sich viele Menschen ratlos in einer religiös-wissenschaftlichen Bewusstseinsspaltung ein, in einer unverbundenen Zwei-Reiche-Lehre 1: Tu du mir nichts, so tue ich dir auch nichts! Die Naturwissenschaft soll sich aus der Gottesfrage heraushalten, „die“ Grenze nicht überschreiten, dann werde man sich auch umgekehrt religiös nicht in Wissenschaft einmischen. Nur zeigt die schleichende Unruhe und Ungläubigkeit gerade der Gutwilligen, dass diese Art von wohlfeilem Waffenstillstand unter Nachdenklichen nicht dauerhaft funktioniert. Manchmal pendeln die Menschen aus purer Not hin und her. Einerseits sagen sie, dass Gott natürlich nicht in den Weltenlauf eingreift, andererseits aber soll er sie doch irgendwie persönlich kennen, schätzen, schützen. Am Ende begnügen sich nicht wenige mit einer Minimalreligion: hier Wissen, dort Glaube. Das aber geht auf Dauer selten gut.

Der Religionspsychologe und Jesuit Bernhard Grom beschreibt die Bewusstseinsspaltung, die auf gefährlicher Verdrängung beruht, […] so: „In unseren Gottesdiensten preisen wir Gottes Zuwendung in Leben, Gebet und Sakramenten in der Sprache und Denkweise der biblischen Wunderberichte und Psalmen – und werden so mit ihrem undifferenzierten Allwirksamkeitsglauben konfrontiert.“ Doch viele Menschen „empfinden diese Art, von Gott zu reden, einfach als ungedeckt von ihrer Alltagserfahrung“. […]

Wenn man an Gott glaubt, an welchen Gott glaubt man dann? An einen personalen, an einen a-personalen? Grom verlangt, dass man sich die Grenzen überlieferter Sichtweisen eingesteht: „Gott begegnet uns und wirkt mit uns auf ganz andere Weise als eine menschliche Person. Selbst durch die Menschwerdung in Jesus wird er nie in sich sichtbar oder hörbar; auch Visionen können ihn nur symbolisieren und Auditionen 2 nur menschliche Worte vermitteln. Gott ist nicht das erste Glied einer Ursachenkette, sondern deren ermöglichende Ur-Ursache: nicht von außen wirkend, wie geschaffene Wesen miteinander interagieren, sondern – so Rahner –, ‚der lebendige dauernde transzendentale 3 Grund der Eigenbewegung der Welt selbst‘… Entgegen dem bei vielen Christen verbreiteten, latent deistischen 4 Missverständnis, Gottes Schöpfung betreffe nur den Anfang, ist stets mitzubedenken, dass das Universum mit seinen Wirkzusammenhängen beständig von ihm im Dasein erhalten wird. Schöpfung geschieht – als ‚creatio continua‘ 5 – jeden Augenblick…“ So sieht Grom das Wirken Gottes nicht als ein personales unmittelbares Handeln, sondern als ein „Halten“.

Ist Gott also viel mehr eine Art „Hintergrundrauschen“ in Kosmos und Leben, ein „Fluidum“, ein „Äther“, in dem, mit dem und auf dem alles „schwimmt“, sich bewegt, ist und wird? Muss man sich Gottes Handeln gar unabhängig von jedweder Kausalität vorstellen? Ist Gott als Grund der Welt gar nicht ihre „Ursache“? Ist die Welt als „Anfang“ selbst ursachenfrei?

Unsere Anschauungen hängen an unserer irdischen Logik, die alles kausalursächlich „fassen“ möchte, jedoch nicht unbedingt jedes physische oder psychische Phänomen so greifbar machen kann. So leiden auch unsere Gottes-Analogien, unsere Versuche, in Entsprechungen sich ein uneigentliches Bild von Gott zu machen, an den Schwachstellen unserer gewöhnlichen Logik. Am Ende hilft uns nur der Sprung auf eine mystisch-intuitive 6 Ebene. Grom jedenfalls plädiert für eine Spiritualität, die mit dem Wunder nicht ein Durchbrechen naturgesetzlicher Abläufe verbindet, sondern die im Gewöhnlichen das Wunderbare entdeckt. Für Groms Glaubensverständnis entscheidend ist das Wunder des Sichtbaren, nicht das Wunder des Unsichtbaren.

Johannes Röser: Gott im Haus der Evolution, Christ in der Gegenwart (CiG) Nr. 7/2009, S. 75f.

Hinweis

Johannes Röser (geb. 1956): deutscher Journalist, studierte Katholische Theologie in Freiburg und Tübingen, von 1995 bis 2020 Chefredakteur und seit 2021 Herausgeber der katholischen Wochenzeitschrift Christ in der Gegenwart

Worterklärungen

1 Zwei-Reiche-Lehre: auf Luther zurückgehende Lehre, wonach Gott die Welt auf zweierlei Weise – im geistlichen Reich durch sein geistliches Regiment, im weltlichen Reich durch sein weltliches Regiment – regiert; hier geht es nicht um das Verhältnis von Reich Gottes und Welt oder Kirche und Staat, sondern um das von Religion und Naturwissenschaft

2 Audition: das innere Hören von Worten und das damit verbundene Vernehmen von Botschaften einer höheren Macht (z.B. bei den Propheten)

3 transzendental: vor jeder subjektiven Erfahrung liegend und die Erkenntnis der Gegenstände an sich erst ermöglichend

4 Deismus: Lehre von einem Gott, der die Welt geschaffen hat, diese danach aber sich selbst überlässt und ein von der Welt getrenntes Dasein führt

5 creatio continua: fortdauernde Erhaltung der Schöpfung; dahinter steht die Vorstellung, dass Gott nicht nur den Anfang der Welt gesetzt hat, sondern die Schöpfung fortwährend erhält.

6 mystisch: Mystik ist eine Form der Religiosität, bei der eine persönlich erfahrbare Verbindung mit dem Göttlichen gesucht wird.

intuitiv: die dem Unterbewusstsein entspringende Fähigkeit, Einsichten in Sachverhalte ohne den Gebrauch des Verstandes zu erhalten

2

Erläutern Sie auch unter Berücksichtigung des Materials Möglichkeiten und Gefahren von Gottesvorstellungen sowie der Rede von Gott. [45 BE]

Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 3 · Jesus Christus: Reich-Gottes-Botschaft, Kreuz, Auferstehung und Nachfolge

Material

Johannes Röser: Gott im Haus der Evolution (2009)

Tatsächlich richten sich viele Menschen ratlos in einer religiös-wissenschaftlichen Bewusstseinsspaltung ein, in einer unverbundenen Zwei-Reiche-Lehre 1: Tu du mir nichts, so tue ich dir auch nichts! Die Naturwissenschaft soll sich aus der Gottesfrage heraushalten, „die“ Grenze nicht überschreiten, dann werde man sich auch umgekehrt religiös nicht in Wissenschaft einmischen. Nur zeigt die schleichende Unruhe und Ungläubigkeit gerade der Gutwilligen, dass diese Art von wohlfeilem Waffenstillstand unter Nachdenklichen nicht dauerhaft funktioniert. Manchmal pendeln die Menschen aus purer Not hin und her. Einerseits sagen sie, dass Gott natürlich nicht in den Weltenlauf eingreift, andererseits aber soll er sie doch irgendwie persönlich kennen, schätzen, schützen. Am Ende begnügen sich nicht wenige mit einer Minimalreligion: hier Wissen, dort Glaube. Das aber geht auf Dauer selten gut.

Der Religionspsychologe und Jesuit Bernhard Grom beschreibt die Bewusstseinsspaltung, die auf gefährlicher Verdrängung beruht, […] so: „In unseren Gottesdiensten preisen wir Gottes Zuwendung in Leben, Gebet und Sakramenten in der Sprache und Denkweise der biblischen Wunderberichte und Psalmen – und werden so mit ihrem undifferenzierten Allwirksamkeitsglauben konfrontiert.“ Doch viele Menschen „empfinden diese Art, von Gott zu reden, einfach als ungedeckt von ihrer Alltagserfahrung“. […]

Wenn man an Gott glaubt, an welchen Gott glaubt man dann? An einen personalen, an einen a-personalen? Grom verlangt, dass man sich die Grenzen überlieferter Sichtweisen eingesteht: „Gott begegnet uns und wirkt mit uns auf ganz andere Weise als eine menschliche Person. Selbst durch die Menschwerdung in Jesus wird er nie in sich sichtbar oder hörbar; auch Visionen können ihn nur symbolisieren und Auditionen 2 nur menschliche Worte vermitteln. Gott ist nicht das erste Glied einer Ursachenkette, sondern deren ermöglichende Ur-Ursache: nicht von außen wirkend, wie geschaffene Wesen miteinander interagieren, sondern – so Rahner –, ‚der lebendige dauernde transzendentale 3 Grund der Eigenbewegung der Welt selbst‘… Entgegen dem bei vielen Christen verbreiteten, latent deistischen 4 Missverständnis, Gottes Schöpfung betreffe nur den Anfang, ist stets mitzubedenken, dass das Universum mit seinen Wirkzusammenhängen beständig von ihm im Dasein erhalten wird. Schöpfung geschieht – als ‚creatio continua‘ 5 – jeden Augenblick…“ So sieht Grom das Wirken Gottes nicht als ein personales unmittelbares Handeln, sondern als ein „Halten“.

Ist Gott also viel mehr eine Art „Hintergrundrauschen“ in Kosmos und Leben, ein „Fluidum“, ein „Äther“, in dem, mit dem und auf dem alles „schwimmt“, sich bewegt, ist und wird? Muss man sich Gottes Handeln gar unabhängig von jedweder Kausalität vorstellen? Ist Gott als Grund der Welt gar nicht ihre „Ursache“? Ist die Welt als „Anfang“ selbst ursachenfrei?

Unsere Anschauungen hängen an unserer irdischen Logik, die alles kausalursächlich „fassen“ möchte, jedoch nicht unbedingt jedes physische oder psychische Phänomen so greifbar machen kann. So leiden auch unsere Gottes-Analogien, unsere Versuche, in Entsprechungen sich ein uneigentliches Bild von Gott zu machen, an den Schwachstellen unserer gewöhnlichen Logik. Am Ende hilft uns nur der Sprung auf eine mystisch-intuitive 6 Ebene. Grom jedenfalls plädiert für eine Spiritualität, die mit dem Wunder nicht ein Durchbrechen naturgesetzlicher Abläufe verbindet, sondern die im Gewöhnlichen das Wunderbare entdeckt. Für Groms Glaubensverständnis entscheidend ist das Wunder des Sichtbaren, nicht das Wunder des Unsichtbaren.

Johannes Röser: Gott im Haus der Evolution, Christ in der Gegenwart (CiG) Nr. 7/2009, S. 75f.

Hinweis

Johannes Röser (geb. 1956): deutscher Journalist, studierte Katholische Theologie in Freiburg und Tübingen, von 1995 bis 2020 Chefredakteur und seit 2021 Herausgeber der katholischen Wochenzeitschrift Christ in der Gegenwart

Worterklärungen

1 Zwei-Reiche-Lehre: auf Luther zurückgehende Lehre, wonach Gott die Welt auf zweierlei Weise – im geistlichen Reich durch sein geistliches Regiment, im weltlichen Reich durch sein weltliches Regiment – regiert; hier geht es nicht um das Verhältnis von Reich Gottes und Welt oder Kirche und Staat, sondern um das von Religion und Naturwissenschaft

2 Audition: das innere Hören von Worten und das damit verbundene Vernehmen von Botschaften einer höheren Macht (z.B. bei den Propheten)

3 transzendental: vor jeder subjektiven Erfahrung liegend und die Erkenntnis der Gegenstände an sich erst ermöglichend

4 Deismus: Lehre von einem Gott, der die Welt geschaffen hat, diese danach aber sich selbst überlässt und ein von der Welt getrenntes Dasein führt

5 creatio continua: fortdauernde Erhaltung der Schöpfung; dahinter steht die Vorstellung, dass Gott nicht nur den Anfang der Welt gesetzt hat, sondern die Schöpfung fortwährend erhält.

6 mystisch: Mystik ist eine Form der Religiosität, bei der eine persönlich erfahrbare Verbindung mit dem Göttlichen gesucht wird.

intuitiv: die dem Unterbewusstsein entspringende Fähigkeit, Einsichten in Sachverhalte ohne den Gebrauch des Verstandes zu erhalten

3

„Selbst durch die Menschwerdung in Jesus wird er nie in sich sichtbar oder hörbar [...].“

(Material)

Überprüfen Sie anhand von Leben, Reden und Handeln Jesu, ob bzw. inwiefern diese Aussage des Jesuiten Bernhard Grom berechtigt ist. [30 BE]

Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 1 · Texterschließung: Text zusammenfassen und Position erfassen

Material

Hans Küng: Das Gottesverständnis Jesu (2013)

Der aus Israels Geschichte wohlbekannte eine und einzige Gott, sprechend in den Erfahrungen der

Menschen und angesprochen in ihrem Antworten und Fragen, Beten und Fluchen: daß dieser Gott ein

naher und lebendiger Gott mit menschlichem Antlitz ist, darüber war (und ist heute zwischen Christen

und Juden) kein Streit notwendig. Es läßt sich sogar sagen, daß Jesus nur das Gottesverständnis

5 Israels mit besonderer Reinheit und Konsequenz erfaßt hat. Nur? […]

Jesu Originalität darf in der Tat nicht übertrieben werden […]. Oft tat und tut man so, als ob Jesus als

erster Gott den Vater sowie die Menschen seine Kinder genannt habe. Als ob Gott nicht in

verschiedensten Religionen Vater genannt würde […].

Doch hierbei künden sich bei Jesus bedeutsame Unterschiede an. Manche überlieferten Worte Jesu

10 könnten für sich allein genommen auch aus der Weisheitsliteratur stammen, wo sich Parallelen finden.

Daß sie von Jesus selber stammen, ist wie so oft schwer aufweisbar. Aber sie erhalten ihre besondere

Färbung vom gesamten Kontext, mögen sie nun immer direkt von ihm selbst stammen oder nicht. Es

fällt zunächst auf, daß Jesus die Vaterschaft Gottes nie auf das Volk als solches bezieht. Wie für den

Täufer Johannes, so stellt auch für ihn die Zugehörigkeit zum auserwählten Volk keine Heilsgarantie

15 dar. Noch auffälliger ist, daß Jesus ganz anders als selbst Johannes die Vaterschaft auch auf die Bösen

und Ungerechten bezieht und daß er von dieser vollkommenen Vaterschaft Gottes her die für ihn so

spezifische Feindesliebe begründet. […]

Hier überall wird mit dem Hinweis auf den „Vater“ gewiß zunächst auf Gottes tätige Vorsehung und

Fürsorge in allen Dingen hingewiesen: […] die um unsere Bedürfnisse weiß, bevor wir ihn bitten […].

20 Der Vater, der um alles in dieser so gar nicht heilen Welt weiß und ohne den nichts geschieht […]. Ein

Gott, dem man unbedingt vertrauen und auf den man sich auch in Leid, Ungerechtigkeit, Schuld und

Tod ganz verlassen kann. Ein Gott nicht mehr in unheimlicher, transzendenter Ferne, sondern nahe in

unbegreiflicher Güte. Ein Gott, der nicht auf ein Jenseits vertröstet und die gegenwärtige Dunkelheit,

Vergeblichkeit und Sinnlosigkeit verharmlost, sondern der selbst in Dunkelheit, Vergeblichkeit und

25 Sinnlosigkeit zum Wagnis der Hoffnung einlädt.

Aber es geht noch um mehr. Hier kommt das zum Durchbruch, was so unvergleichlich nachdrücklich

vor Augen gemalt wird in jener Parabel, die eigentlich nicht den Sohn oder die Söhne, sondern den

Vater zur Hauptfigur hat: jener Vater, der den Sohn in Freiheit ziehen läßt, der ihm weder nachjagt

noch nachläuft, der aber den aus dem Elend Zurückkehrenden sieht, bevor dieser ihn sieht, ihm

30 entgegenläuft, sein Schuldbekenntnis unterbricht, ihn ohne alle Abrechnung, Probezeit,

Vorbedingungen aufnimmt und ein großes Fest feiern läßt – zum Ärgernis des korrekt

Daheimgebliebenen.

Was also wird hier mit „Vater“ zum Ausdruck gebracht? Offensichtlich nicht nur, daß es ein

Mißverständnis Gottes ist, wenn der Mensch meint, ihm gegenüber seine Freiheit wahren zu müssen.

35 Nicht nur, daß Gottes Walten und des Menschen Aktivität, Theonomie¹ und Autonomie sich nicht

ausschließen […]. Sondern genau das, was dieser „Freund von Zöllnern und Sündern“, der das

Verlorene und Verkommene meint suchen und retten zu müssen, auch in anderen Parabeln zum

Ausdruck brachte: wenn er sprach von Gott […] als der Frau (!) oder dem Hirten, die sich über das

wiedergefundene Verlorene freuen, als dem großmütigen König, dem großzügigen Geldverleiher, dem

40 gnädigen Richter, und wenn er sich daraufhin auch selber mit moralischen Versagern, Unfrommen

und Unmoralischen einließ, sie bevorzugt behandelte und ihnen sogar auf der Stelle Vergebung ihrer

Schuld zusprach. Was bedeutet dies alles, wenn nicht: Jesus stellt Gott ganz ausdrücklich als Vater des

„verlorenen Sohnes“, als den Vater der Verlorenen hin?

Hans Küng: Was bleibt. Kerngedanken, München 2013, S. 87–91.

¹ Theonomie: beschreibt in der christlichen Ethik die Anerkennung von Gottes Gesetz als höchsten Maßstab für das Handeln

Hinweis

Hans Küng (1928–2021): Schweizer Theologe, römisch-katholischer Priester und Autor, bis zu seiner Emeritierung 1996 Professor für Theologie in Tübingen

1

Fassen Sie den vorliegenden Text von Hans Küng zusammen. (Material) (25 BE)

Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 2 · Gottesrede: angemessen von Gott sprechen

Material

Hans Küng: Das Gottesverständnis Jesu (2013)

Der aus Israels Geschichte wohlbekannte eine und einzige Gott, sprechend in den Erfahrungen der

Menschen und angesprochen in ihrem Antworten und Fragen, Beten und Fluchen: daß dieser Gott ein

naher und lebendiger Gott mit menschlichem Antlitz ist, darüber war (und ist heute zwischen Christen

und Juden) kein Streit notwendig. Es läßt sich sogar sagen, daß Jesus nur das Gottesverständnis

5 Israels mit besonderer Reinheit und Konsequenz erfaßt hat. Nur? […]

Jesu Originalität darf in der Tat nicht übertrieben werden […]. Oft tat und tut man so, als ob Jesus als

erster Gott den Vater sowie die Menschen seine Kinder genannt habe. Als ob Gott nicht in

verschiedensten Religionen Vater genannt würde […].

Doch hierbei künden sich bei Jesus bedeutsame Unterschiede an. Manche überlieferten Worte Jesu

10 könnten für sich allein genommen auch aus der Weisheitsliteratur stammen, wo sich Parallelen finden.

Daß sie von Jesus selber stammen, ist wie so oft schwer aufweisbar. Aber sie erhalten ihre besondere

Färbung vom gesamten Kontext, mögen sie nun immer direkt von ihm selbst stammen oder nicht. Es

fällt zunächst auf, daß Jesus die Vaterschaft Gottes nie auf das Volk als solches bezieht. Wie für den

Täufer Johannes, so stellt auch für ihn die Zugehörigkeit zum auserwählten Volk keine Heilsgarantie

15 dar. Noch auffälliger ist, daß Jesus ganz anders als selbst Johannes die Vaterschaft auch auf die Bösen

und Ungerechten bezieht und daß er von dieser vollkommenen Vaterschaft Gottes her die für ihn so

spezifische Feindesliebe begründet. […]

Hier überall wird mit dem Hinweis auf den „Vater“ gewiß zunächst auf Gottes tätige Vorsehung und

Fürsorge in allen Dingen hingewiesen: […] die um unsere Bedürfnisse weiß, bevor wir ihn bitten […].

20 Der Vater, der um alles in dieser so gar nicht heilen Welt weiß und ohne den nichts geschieht […]. Ein

Gott, dem man unbedingt vertrauen und auf den man sich auch in Leid, Ungerechtigkeit, Schuld und

Tod ganz verlassen kann. Ein Gott nicht mehr in unheimlicher, transzendenter Ferne, sondern nahe in

unbegreiflicher Güte. Ein Gott, der nicht auf ein Jenseits vertröstet und die gegenwärtige Dunkelheit,

Vergeblichkeit und Sinnlosigkeit verharmlost, sondern der selbst in Dunkelheit, Vergeblichkeit und

25 Sinnlosigkeit zum Wagnis der Hoffnung einlädt.

Aber es geht noch um mehr. Hier kommt das zum Durchbruch, was so unvergleichlich nachdrücklich

vor Augen gemalt wird in jener Parabel, die eigentlich nicht den Sohn oder die Söhne, sondern den

Vater zur Hauptfigur hat: jener Vater, der den Sohn in Freiheit ziehen läßt, der ihm weder nachjagt

noch nachläuft, der aber den aus dem Elend Zurückkehrenden sieht, bevor dieser ihn sieht, ihm

30 entgegenläuft, sein Schuldbekenntnis unterbricht, ihn ohne alle Abrechnung, Probezeit,

Vorbedingungen aufnimmt und ein großes Fest feiern läßt – zum Ärgernis des korrekt

Daheimgebliebenen.

Was also wird hier mit „Vater“ zum Ausdruck gebracht? Offensichtlich nicht nur, daß es ein

Mißverständnis Gottes ist, wenn der Mensch meint, ihm gegenüber seine Freiheit wahren zu müssen.

35 Nicht nur, daß Gottes Walten und des Menschen Aktivität, Theonomie¹ und Autonomie sich nicht

ausschließen […]. Sondern genau das, was dieser „Freund von Zöllnern und Sündern“, der das

Verlorene und Verkommene meint suchen und retten zu müssen, auch in anderen Parabeln zum

Ausdruck brachte: wenn er sprach von Gott […] als der Frau (!) oder dem Hirten, die sich über das

wiedergefundene Verlorene freuen, als dem großmütigen König, dem großzügigen Geldverleiher, dem

40 gnädigen Richter, und wenn er sich daraufhin auch selber mit moralischen Versagern, Unfrommen

und Unmoralischen einließ, sie bevorzugt behandelte und ihnen sogar auf der Stelle Vergebung ihrer

Schuld zusprach. Was bedeutet dies alles, wenn nicht: Jesus stellt Gott ganz ausdrücklich als Vater des

„verlorenen Sohnes“, als den Vater der Verlorenen hin?

Hans Küng: Was bleibt. Kerngedanken, München 2013, S. 87–91.

¹ Theonomie: beschreibt in der christlichen Ethik die Anerkennung von Gottes Gesetz als höchsten Maßstab für das Handeln

Hinweis

Hans Küng (1928–2021): Schweizer Theologe, römisch-katholischer Priester und Autor, bis zu seiner Emeritierung 1996 Professor für Theologie in Tübingen

2

Untersuchen Sie, inwiefern das von Küng dargestellte Gottesbild Jesu auf zentralen Aspekten des alttestamentlichen Gottesbildes aufbaut. (25 BE)

Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 3 · Jesus Christus: Reich-Gottes-Botschaft, Kreuz, Auferstehung und Nachfolge

Material

Hans Küng: Das Gottesverständnis Jesu (2013)

Der aus Israels Geschichte wohlbekannte eine und einzige Gott, sprechend in den Erfahrungen der

Menschen und angesprochen in ihrem Antworten und Fragen, Beten und Fluchen: daß dieser Gott ein

naher und lebendiger Gott mit menschlichem Antlitz ist, darüber war (und ist heute zwischen Christen

und Juden) kein Streit notwendig. Es läßt sich sogar sagen, daß Jesus nur das Gottesverständnis

5 Israels mit besonderer Reinheit und Konsequenz erfaßt hat. Nur? […]

Jesu Originalität darf in der Tat nicht übertrieben werden […]. Oft tat und tut man so, als ob Jesus als

erster Gott den Vater sowie die Menschen seine Kinder genannt habe. Als ob Gott nicht in

verschiedensten Religionen Vater genannt würde […].

Doch hierbei künden sich bei Jesus bedeutsame Unterschiede an. Manche überlieferten Worte Jesu

10 könnten für sich allein genommen auch aus der Weisheitsliteratur stammen, wo sich Parallelen finden.

Daß sie von Jesus selber stammen, ist wie so oft schwer aufweisbar. Aber sie erhalten ihre besondere

Färbung vom gesamten Kontext, mögen sie nun immer direkt von ihm selbst stammen oder nicht. Es

fällt zunächst auf, daß Jesus die Vaterschaft Gottes nie auf das Volk als solches bezieht. Wie für den

Täufer Johannes, so stellt auch für ihn die Zugehörigkeit zum auserwählten Volk keine Heilsgarantie

15 dar. Noch auffälliger ist, daß Jesus ganz anders als selbst Johannes die Vaterschaft auch auf die Bösen

und Ungerechten bezieht und daß er von dieser vollkommenen Vaterschaft Gottes her die für ihn so

spezifische Feindesliebe begründet. […]

Hier überall wird mit dem Hinweis auf den „Vater“ gewiß zunächst auf Gottes tätige Vorsehung und

Fürsorge in allen Dingen hingewiesen: […] die um unsere Bedürfnisse weiß, bevor wir ihn bitten […].

20 Der Vater, der um alles in dieser so gar nicht heilen Welt weiß und ohne den nichts geschieht […]. Ein

Gott, dem man unbedingt vertrauen und auf den man sich auch in Leid, Ungerechtigkeit, Schuld und

Tod ganz verlassen kann. Ein Gott nicht mehr in unheimlicher, transzendenter Ferne, sondern nahe in

unbegreiflicher Güte. Ein Gott, der nicht auf ein Jenseits vertröstet und die gegenwärtige Dunkelheit,

Vergeblichkeit und Sinnlosigkeit verharmlost, sondern der selbst in Dunkelheit, Vergeblichkeit und

25 Sinnlosigkeit zum Wagnis der Hoffnung einlädt.

Aber es geht noch um mehr. Hier kommt das zum Durchbruch, was so unvergleichlich nachdrücklich

vor Augen gemalt wird in jener Parabel, die eigentlich nicht den Sohn oder die Söhne, sondern den

Vater zur Hauptfigur hat: jener Vater, der den Sohn in Freiheit ziehen läßt, der ihm weder nachjagt

noch nachläuft, der aber den aus dem Elend Zurückkehrenden sieht, bevor dieser ihn sieht, ihm

30 entgegenläuft, sein Schuldbekenntnis unterbricht, ihn ohne alle Abrechnung, Probezeit,

Vorbedingungen aufnimmt und ein großes Fest feiern läßt – zum Ärgernis des korrekt

Daheimgebliebenen.

Was also wird hier mit „Vater“ zum Ausdruck gebracht? Offensichtlich nicht nur, daß es ein

Mißverständnis Gottes ist, wenn der Mensch meint, ihm gegenüber seine Freiheit wahren zu müssen.

35 Nicht nur, daß Gottes Walten und des Menschen Aktivität, Theonomie¹ und Autonomie sich nicht

ausschließen […]. Sondern genau das, was dieser „Freund von Zöllnern und Sündern“, der das

Verlorene und Verkommene meint suchen und retten zu müssen, auch in anderen Parabeln zum

Ausdruck brachte: wenn er sprach von Gott […] als der Frau (!) oder dem Hirten, die sich über das

wiedergefundene Verlorene freuen, als dem großmütigen König, dem großzügigen Geldverleiher, dem

40 gnädigen Richter, und wenn er sich daraufhin auch selber mit moralischen Versagern, Unfrommen

und Unmoralischen einließ, sie bevorzugt behandelte und ihnen sogar auf der Stelle Vergebung ihrer

Schuld zusprach. Was bedeutet dies alles, wenn nicht: Jesus stellt Gott ganz ausdrücklich als Vater des

„verlorenen Sohnes“, als den Vater der Verlorenen hin?

Hans Küng: Was bleibt. Kerngedanken, München 2013, S. 87–91.

¹ Theonomie: beschreibt in der christlichen Ethik die Anerkennung von Gottes Gesetz als höchsten Maßstab für das Handeln

Hinweis

Hans Küng (1928–2021): Schweizer Theologe, römisch-katholischer Priester und Autor, bis zu seiner Emeritierung 1996 Professor für Theologie in Tübingen

3

Küng beschreibt Gott als einen „Gott, der nicht auf ein Jenseits vertröstet und die gegenwärtige Dunkelheit, Vergeblichkeit und Sinnlosigkeit [nicht] verharmlost“. (Material)

Setzen Sie diese Einschätzung Küngs in Beziehung zu Reden und Handeln Jesu sowie zu seinem Sterben. (25 BE)

Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 4 · Gottesrede: angemessen von Gott sprechen

Material

Hans Küng: Das Gottesverständnis Jesu (2013)

Der aus Israels Geschichte wohlbekannte eine und einzige Gott, sprechend in den Erfahrungen der

Menschen und angesprochen in ihrem Antworten und Fragen, Beten und Fluchen: daß dieser Gott ein

naher und lebendiger Gott mit menschlichem Antlitz ist, darüber war (und ist heute zwischen Christen

und Juden) kein Streit notwendig. Es läßt sich sogar sagen, daß Jesus nur das Gottesverständnis

5 Israels mit besonderer Reinheit und Konsequenz erfaßt hat. Nur? […]

Jesu Originalität darf in der Tat nicht übertrieben werden […]. Oft tat und tut man so, als ob Jesus als

erster Gott den Vater sowie die Menschen seine Kinder genannt habe. Als ob Gott nicht in

verschiedensten Religionen Vater genannt würde […].

Doch hierbei künden sich bei Jesus bedeutsame Unterschiede an. Manche überlieferten Worte Jesu

10 könnten für sich allein genommen auch aus der Weisheitsliteratur stammen, wo sich Parallelen finden.

Daß sie von Jesus selber stammen, ist wie so oft schwer aufweisbar. Aber sie erhalten ihre besondere

Färbung vom gesamten Kontext, mögen sie nun immer direkt von ihm selbst stammen oder nicht. Es

fällt zunächst auf, daß Jesus die Vaterschaft Gottes nie auf das Volk als solches bezieht. Wie für den

Täufer Johannes, so stellt auch für ihn die Zugehörigkeit zum auserwählten Volk keine Heilsgarantie

15 dar. Noch auffälliger ist, daß Jesus ganz anders als selbst Johannes die Vaterschaft auch auf die Bösen

und Ungerechten bezieht und daß er von dieser vollkommenen Vaterschaft Gottes her die für ihn so

spezifische Feindesliebe begründet. […]

Hier überall wird mit dem Hinweis auf den „Vater“ gewiß zunächst auf Gottes tätige Vorsehung und

Fürsorge in allen Dingen hingewiesen: […] die um unsere Bedürfnisse weiß, bevor wir ihn bitten […].

20 Der Vater, der um alles in dieser so gar nicht heilen Welt weiß und ohne den nichts geschieht […]. Ein

Gott, dem man unbedingt vertrauen und auf den man sich auch in Leid, Ungerechtigkeit, Schuld und

Tod ganz verlassen kann. Ein Gott nicht mehr in unheimlicher, transzendenter Ferne, sondern nahe in

unbegreiflicher Güte. Ein Gott, der nicht auf ein Jenseits vertröstet und die gegenwärtige Dunkelheit,

Vergeblichkeit und Sinnlosigkeit verharmlost, sondern der selbst in Dunkelheit, Vergeblichkeit und

25 Sinnlosigkeit zum Wagnis der Hoffnung einlädt.

Aber es geht noch um mehr. Hier kommt das zum Durchbruch, was so unvergleichlich nachdrücklich

vor Augen gemalt wird in jener Parabel, die eigentlich nicht den Sohn oder die Söhne, sondern den

Vater zur Hauptfigur hat: jener Vater, der den Sohn in Freiheit ziehen läßt, der ihm weder nachjagt

noch nachläuft, der aber den aus dem Elend Zurückkehrenden sieht, bevor dieser ihn sieht, ihm

30 entgegenläuft, sein Schuldbekenntnis unterbricht, ihn ohne alle Abrechnung, Probezeit,

Vorbedingungen aufnimmt und ein großes Fest feiern läßt – zum Ärgernis des korrekt

Daheimgebliebenen.

Was also wird hier mit „Vater“ zum Ausdruck gebracht? Offensichtlich nicht nur, daß es ein

Mißverständnis Gottes ist, wenn der Mensch meint, ihm gegenüber seine Freiheit wahren zu müssen.

35 Nicht nur, daß Gottes Walten und des Menschen Aktivität, Theonomie¹ und Autonomie sich nicht

ausschließen […]. Sondern genau das, was dieser „Freund von Zöllnern und Sündern“, der das

Verlorene und Verkommene meint suchen und retten zu müssen, auch in anderen Parabeln zum

Ausdruck brachte: wenn er sprach von Gott […] als der Frau (!) oder dem Hirten, die sich über das

wiedergefundene Verlorene freuen, als dem großmütigen König, dem großzügigen Geldverleiher, dem

40 gnädigen Richter, und wenn er sich daraufhin auch selber mit moralischen Versagern, Unfrommen

und Unmoralischen einließ, sie bevorzugt behandelte und ihnen sogar auf der Stelle Vergebung ihrer

Schuld zusprach. Was bedeutet dies alles, wenn nicht: Jesus stellt Gott ganz ausdrücklich als Vater des

„verlorenen Sohnes“, als den Vater der Verlorenen hin?

Hans Küng: Was bleibt. Kerngedanken, München 2013, S. 87–91.

¹ Theonomie: beschreibt in der christlichen Ethik die Anerkennung von Gottes Gesetz als höchsten Maßstab für das Handeln

Hinweis

Hans Küng (1928–2021): Schweizer Theologe, römisch-katholischer Priester und Autor, bis zu seiner Emeritierung 1996 Professor für Theologie in Tübingen

4

Küng behauptet, dass „dieser Gott ein naher und lebendiger Gott mit menschlichem Antlitz ist.“ (Material)

Entwickeln Sie Überlegungen zu der Frage, welche Aspekte des Gottesbildes betont werden sollen, um Gottes Nähe und Lebendigkeit angesichts der gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit zum Ausdruck zu bringen. (25 BE)

Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 1 · Texterschließung: Text zusammenfassen und Position erfassen

Material

Ludger Schwienhorst-Schönberger: Der Nahe, der Nähere und der Nächste. Die Bibel und die Flüchtlingspolitik (2018)

In den Diskussionen im Rahmen der Flüchtlingskrise wurde nicht selten in kirchlichen und theologischen Stellungnahmen der Eindruck erweckt, […] der Christ dürfe nicht zwischen dem Nahen, dem Näheren und dem Nächsten unterscheiden. Jeder Mensch sei für einen Christen der Nächste. Wer das nicht wahrhaben wolle, würde das biblische Gebot der Nächstenliebe verwässern […]. Jesus habe keine Zäune errichtet, sondern Brücken gebaut, war zu hören. Grenzen zu errichten und deren Beachtung einzufordern, wurde als dem christlichen Glauben widersprechend zurückgewiesen. […]

Christliche „Realpolitiker“ hingegen sahen sich unverstanden, angegriffen oder vor ein scheinbar unlösbares Dilemma gestellt. Vielen praktizierenden Christen sagte der gesunde Menschenverstand, dass eine Politik der offenen Grenzen letztlich zum Zusammenbruch der gesellschaftlichen und staatlichen Ordnung führt. Sie sahen sich jedoch kaum in der Lage, ihre Einstellung im Rahmen einer konsistenten ethischen Argumentation zu begründen. Die Radikalität der Botschaft Jesu schien dem entgegenzustehen. […] Bei anderen […] entstand der Eindruck, der Glaube der Christen sei zwar eine hehre, aber im Grunde doch naive und nicht alltagstaugliche Angelegenheit. […]

Vor diesem Hintergrund erscheint es angebracht, daran zu erinnern, dass die Vorzugsregeln 1 zum Kern der katholischen Moraltheologie gehören und der biblischen Ethik nicht widersprechen. Die Vorzugsregeln stehen dem Liebesgebot nicht entgegen […]. Ohne die Anwendung der Vorzugsregeln könnte niemand leben und würde das gesellschaftliche Leben zusammenbrechen.

Anhand von Beispielen werden sie unmittelbar einsichtig: Um die Kinder meines Nachbarn muss ich mich in der Regel nicht kümmern. Dafür sind deren Eltern zuständig. Die Kinder meines Nachbarn sind mir nahe, sie sind aber nicht meine Nächsten. Meine Kinder sind mir näher als die Kinder meines Nachbarn. Vorzüglich muss ich mich um meine Kinder kümmern, nicht um die Kinder meines Nachbarn. Erst wenn die Eltern der benachbarten Kinder ausfallen, ist es unter bestimmten Umständen meine Aufgabe, mich um deren Kinder zu kümmern. So gesehen ist nicht jeder Mensch mein Nächster, sondern jeder Mensch kann (unter ganz bestimmten Umständen) mein Nächster werden. […]

Die Liebe als Gesinnung gilt allen Menschen in gleicher Weise (ethischer Universalismus) 2. Die Liebe als Tat bedarf einer Unterscheidung „zwischen dem Nahen, dem Näheren und dem Nächsten“ 3 […]. Bei der Unterscheidung geht es um die Abwägung konkurrierender Güter und um die Bewertung der Folgen einer Handlung.

Genau nach diesem Prinzip verfährt auch die Bibel. Es ist also irreführend zu behaupten, die Bibel würde verlangen, allen Menschen unterschiedslos zu helfen. […] Für die Hilfsbereitschaft darf es keine Obergrenzen geben, für die tatsächliche Hilfe jedoch sehr wohl. […]

Die katholische Lehre weiß um die „Ordnung der Liebe“ (ordo amoris). Der bedeutende Theologe Origenes warnt vor den Gefahren einer maßlosen Liebe: „Selbst Liebe ist nicht ohne Gefahr: sie kann maßlos werden. […] Man muss auch der Liebe Zügel anlegen und darf ihr nicht erlauben, so frei auszuschweifen, dass sie schließlich in einen jähen Abgrund stürzt“ 4. Die Lehre von der geordneten Liebe gehört zu den zentralen Einsichten einer christlichen Lebensführung und hat nichts von ihrer Aktualität verloren. […] Die Liebe zum Nächsten […] hat ein Maß: „Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst“. […] Gott verlangt vom Menschen also nichts Unmögliches. Er gibt der menschlichen Liebe ein Maß, dem der Mensch zu entsprechen hat und das er durchaus erfüllen kann. […]

Eines der am häufigsten im Rahmen der Flüchtlingsdiskussion zitierten Worte der Bibel stammt aus dem Gleichnis vom Endgericht im Matthäusevangelium (25,40): „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Die Aussage wird gewöhnlich in einem universalistischen Sinn verstanden. Unter den geringsten Brüdern, so wird gesagt, sei jeder Mensch zu verstehen. Das universalistische Verständnis der Perikope ist jedoch mit ziemlicher Sicherheit falsch. Mit den „geringsten Brüdern“ sind die Angehörigen der christlichen Gemeinde gemeint. So haben die Kirchenväter den Text verstanden. […]

Die […] gegen den Textsinn gerichtete Lesart erübrigt sich, wenn man zwischen der Liebe als Gesinnung und der Liebe als Tat unterscheidet. In Mt 25 geht es um die Liebe als Tat. Und da gelten die klassischen Vorzugsregeln, und zwar gelten sie für alle Völker (Mt 25,32). Unter sonst gleichen Umständen ist es sinnvoll und geboten, sich zunächst einmal um die „notleidenden Jünger“, also die Mitglieder der eigenen Gemeinde, zu kümmern. Damit wird der ethische Universalismus nicht aufgehoben, im Gegenteil: Er findet eine konkrete Anwendung, bei der miteinander konkurrierende Güter gegeneinander abgewogen werden müssen.

Ludger Schwienhorst-Schönberger: Der Nahe, der Nähere und der Nächste. Die Bibel und die Flüchtlingspolitik, in: Herder Korrespondenz Spezial 2/2018, S. 41–44.

Hinweis

Ludger Schwienhorst-Schönberger (geb. 1957): römisch-katholischer Theologe, Professor für Alttestamentliche Bibelwissenschaft an der Universität Wien

1 Vorzugsregeln (auch: Präferenzregeln): Regeln, die bei ethischen Abwägungen herangezogen werden, um zu entscheiden, welchem Gut oder Wert im jeweiligen Fall der Vorzug/die Priorität zu geben ist

2 ethischer Universalismus: Auffassung, dass ethische Prinzipien universell, für alle Menschen weltweit, gleichermaßen gelten

3 Bruno Schüller: Die Begründung sittlicher Urteile. Typen ethischer Argumentation in der Moraltheologie, Düsseldorf 1980, S. 109.

4 Homilien zum Lukasevangelium, 25,1 und 6; FC 4/1, S. 269 und S. 273

1 Fassen Sie die Position von Ludger Schwienhorst-Schönberger zum Verständnis des biblischen Gebots der Nächstenliebe zusammen. (Material) (30 BE)

Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 2 · Moralisch argumentieren: philosophische Modelle der Ethik

Material

Ludger Schwienhorst-Schönberger: Der Nahe, der Nähere und der Nächste. Die Bibel und die Flüchtlingspolitik (2018)

In den Diskussionen im Rahmen der Flüchtlingskrise wurde nicht selten in kirchlichen und theologischen Stellungnahmen der Eindruck erweckt, […] der Christ dürfe nicht zwischen dem Nahen, dem Näheren und dem Nächsten unterscheiden. Jeder Mensch sei für einen Christen der Nächste. Wer das nicht wahrhaben wolle, würde das biblische Gebot der Nächstenliebe verwässern […]. Jesus habe keine Zäune errichtet, sondern Brücken gebaut, war zu hören. Grenzen zu errichten und deren Beachtung einzufordern, wurde als dem christlichen Glauben widersprechend zurückgewiesen. […]

Christliche „Realpolitiker“ hingegen sahen sich unverstanden, angegriffen oder vor ein scheinbar unlösbares Dilemma gestellt. Vielen praktizierenden Christen sagte der gesunde Menschenverstand, dass eine Politik der offenen Grenzen letztlich zum Zusammenbruch der gesellschaftlichen und staatlichen Ordnung führt. Sie sahen sich jedoch kaum in der Lage, ihre Einstellung im Rahmen einer konsistenten ethischen Argumentation zu begründen. Die Radikalität der Botschaft Jesu schien dem entgegenzustehen. […] Bei anderen […] entstand der Eindruck, der Glaube der Christen sei zwar eine hehre, aber im Grunde doch naive und nicht alltagstaugliche Angelegenheit. […]

Vor diesem Hintergrund erscheint es angebracht, daran zu erinnern, dass die Vorzugsregeln 1 zum Kern der katholischen Moraltheologie gehören und der biblischen Ethik nicht widersprechen. Die Vorzugsregeln stehen dem Liebesgebot nicht entgegen […]. Ohne die Anwendung der Vorzugsregeln könnte niemand leben und würde das gesellschaftliche Leben zusammenbrechen.

Anhand von Beispielen werden sie unmittelbar einsichtig: Um die Kinder meines Nachbarn muss ich mich in der Regel nicht kümmern. Dafür sind deren Eltern zuständig. Die Kinder meines Nachbarn sind mir nahe, sie sind aber nicht meine Nächsten. Meine Kinder sind mir näher als die Kinder meines Nachbarn. Vorzüglich muss ich mich um meine Kinder kümmern, nicht um die Kinder meines Nachbarn. Erst wenn die Eltern der benachbarten Kinder ausfallen, ist es unter bestimmten Umständen meine Aufgabe, mich um deren Kinder zu kümmern. So gesehen ist nicht jeder Mensch mein Nächster, sondern jeder Mensch kann (unter ganz bestimmten Umständen) mein Nächster werden. […]

Die Liebe als Gesinnung gilt allen Menschen in gleicher Weise (ethischer Universalismus) 2. Die Liebe als Tat bedarf einer Unterscheidung „zwischen dem Nahen, dem Näheren und dem Nächsten“ 3 […]. Bei der Unterscheidung geht es um die Abwägung konkurrierender Güter und um die Bewertung der Folgen einer Handlung.

Genau nach diesem Prinzip verfährt auch die Bibel. Es ist also irreführend zu behaupten, die Bibel würde verlangen, allen Menschen unterschiedslos zu helfen. […] Für die Hilfsbereitschaft darf es keine Obergrenzen geben, für die tatsächliche Hilfe jedoch sehr wohl. […]

Die katholische Lehre weiß um die „Ordnung der Liebe“ (ordo amoris). Der bedeutende Theologe Origenes warnt vor den Gefahren einer maßlosen Liebe: „Selbst Liebe ist nicht ohne Gefahr: sie kann maßlos werden. […] Man muss auch der Liebe Zügel anlegen und darf ihr nicht erlauben, so frei auszuschweifen, dass sie schließlich in einen jähen Abgrund stürzt“ 4. Die Lehre von der geordneten Liebe gehört zu den zentralen Einsichten einer christlichen Lebensführung und hat nichts von ihrer Aktualität verloren. […] Die Liebe zum Nächsten […] hat ein Maß: „Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst“. […] Gott verlangt vom Menschen also nichts Unmögliches. Er gibt der menschlichen Liebe ein Maß, dem der Mensch zu entsprechen hat und das er durchaus erfüllen kann. […]

Eines der am häufigsten im Rahmen der Flüchtlingsdiskussion zitierten Worte der Bibel stammt aus dem Gleichnis vom Endgericht im Matthäusevangelium (25,40): „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Die Aussage wird gewöhnlich in einem universalistischen Sinn verstanden. Unter den geringsten Brüdern, so wird gesagt, sei jeder Mensch zu verstehen. Das universalistische Verständnis der Perikope ist jedoch mit ziemlicher Sicherheit falsch. Mit den „geringsten Brüdern“ sind die Angehörigen der christlichen Gemeinde gemeint. So haben die Kirchenväter den Text verstanden. […]

Die […] gegen den Textsinn gerichtete Lesart erübrigt sich, wenn man zwischen der Liebe als Gesinnung und der Liebe als Tat unterscheidet. In Mt 25 geht es um die Liebe als Tat. Und da gelten die klassischen Vorzugsregeln, und zwar gelten sie für alle Völker (Mt 25,32). Unter sonst gleichen Umständen ist es sinnvoll und geboten, sich zunächst einmal um die „notleidenden Jünger“, also die Mitglieder der eigenen Gemeinde, zu kümmern. Damit wird der ethische Universalismus nicht aufgehoben, im Gegenteil: Er findet eine konkrete Anwendung, bei der miteinander konkurrierende Güter gegeneinander abgewogen werden müssen.

Ludger Schwienhorst-Schönberger: Der Nahe, der Nähere und der Nächste. Die Bibel und die Flüchtlingspolitik, in: Herder Korrespondenz Spezial 2/2018, S. 41–44.

Hinweis

Ludger Schwienhorst-Schönberger (geb. 1957): römisch-katholischer Theologe, Professor für Alttestamentliche Bibelwissenschaft an der Universität Wien

1 Vorzugsregeln (auch: Präferenzregeln): Regeln, die bei ethischen Abwägungen herangezogen werden, um zu entscheiden, welchem Gut oder Wert im jeweiligen Fall der Vorzug/die Priorität zu geben ist

2 ethischer Universalismus: Auffassung, dass ethische Prinzipien universell, für alle Menschen weltweit, gleichermaßen gelten

3 Bruno Schüller: Die Begründung sittlicher Urteile. Typen ethischer Argumentation in der Moraltheologie, Düsseldorf 1980, S. 109.

4 Homilien zum Lukasevangelium, 25,1 und 6; FC 4/1, S. 269 und S. 273

2 Untersuchen Sie, ob bzw. inwiefern sich die von Ludger Schwienhorst-Schönberger vertretene Position mit Ihnen bekannten philosophischen Modellen der Ethik vereinbaren lässt. (35 BE)

Aufgabe Vorschlag C - Aufgabe 3 · Biblische Ethik und Engagement für das Leben

Material

Ludger Schwienhorst-Schönberger: Der Nahe, der Nähere und der Nächste. Die Bibel und die Flüchtlingspolitik (2018)

In den Diskussionen im Rahmen der Flüchtlingskrise wurde nicht selten in kirchlichen und theologischen Stellungnahmen der Eindruck erweckt, […] der Christ dürfe nicht zwischen dem Nahen, dem Näheren und dem Nächsten unterscheiden. Jeder Mensch sei für einen Christen der Nächste. Wer das nicht wahrhaben wolle, würde das biblische Gebot der Nächstenliebe verwässern […]. Jesus habe keine Zäune errichtet, sondern Brücken gebaut, war zu hören. Grenzen zu errichten und deren Beachtung einzufordern, wurde als dem christlichen Glauben widersprechend zurückgewiesen. […]

Christliche „Realpolitiker“ hingegen sahen sich unverstanden, angegriffen oder vor ein scheinbar unlösbares Dilemma gestellt. Vielen praktizierenden Christen sagte der gesunde Menschenverstand, dass eine Politik der offenen Grenzen letztlich zum Zusammenbruch der gesellschaftlichen und staatlichen Ordnung führt. Sie sahen sich jedoch kaum in der Lage, ihre Einstellung im Rahmen einer konsistenten ethischen Argumentation zu begründen. Die Radikalität der Botschaft Jesu schien dem entgegenzustehen. […] Bei anderen […] entstand der Eindruck, der Glaube der Christen sei zwar eine hehre, aber im Grunde doch naive und nicht alltagstaugliche Angelegenheit. […]

Vor diesem Hintergrund erscheint es angebracht, daran zu erinnern, dass die Vorzugsregeln 1 zum Kern der katholischen Moraltheologie gehören und der biblischen Ethik nicht widersprechen. Die Vorzugsregeln stehen dem Liebesgebot nicht entgegen […]. Ohne die Anwendung der Vorzugsregeln könnte niemand leben und würde das gesellschaftliche Leben zusammenbrechen.

Anhand von Beispielen werden sie unmittelbar einsichtig: Um die Kinder meines Nachbarn muss ich mich in der Regel nicht kümmern. Dafür sind deren Eltern zuständig. Die Kinder meines Nachbarn sind mir nahe, sie sind aber nicht meine Nächsten. Meine Kinder sind mir näher als die Kinder meines Nachbarn. Vorzüglich muss ich mich um meine Kinder kümmern, nicht um die Kinder meines Nachbarn. Erst wenn die Eltern der benachbarten Kinder ausfallen, ist es unter bestimmten Umständen meine Aufgabe, mich um deren Kinder zu kümmern. So gesehen ist nicht jeder Mensch mein Nächster, sondern jeder Mensch kann (unter ganz bestimmten Umständen) mein Nächster werden. […]

Die Liebe als Gesinnung gilt allen Menschen in gleicher Weise (ethischer Universalismus) 2. Die Liebe als Tat bedarf einer Unterscheidung „zwischen dem Nahen, dem Näheren und dem Nächsten“ 3 […]. Bei der Unterscheidung geht es um die Abwägung konkurrierender Güter und um die Bewertung der Folgen einer Handlung.

Genau nach diesem Prinzip verfährt auch die Bibel. Es ist also irreführend zu behaupten, die Bibel würde verlangen, allen Menschen unterschiedslos zu helfen. […] Für die Hilfsbereitschaft darf es keine Obergrenzen geben, für die tatsächliche Hilfe jedoch sehr wohl. […]

Die katholische Lehre weiß um die „Ordnung der Liebe“ (ordo amoris). Der bedeutende Theologe Origenes warnt vor den Gefahren einer maßlosen Liebe: „Selbst Liebe ist nicht ohne Gefahr: sie kann maßlos werden. […] Man muss auch der Liebe Zügel anlegen und darf ihr nicht erlauben, so frei auszuschweifen, dass sie schließlich in einen jähen Abgrund stürzt“ 4. Die Lehre von der geordneten Liebe gehört zu den zentralen Einsichten einer christlichen Lebensführung und hat nichts von ihrer Aktualität verloren. […] Die Liebe zum Nächsten […] hat ein Maß: „Deinen Nächsten sollst du lieben wie dich selbst“. […] Gott verlangt vom Menschen also nichts Unmögliches. Er gibt der menschlichen Liebe ein Maß, dem der Mensch zu entsprechen hat und das er durchaus erfüllen kann. […]

Eines der am häufigsten im Rahmen der Flüchtlingsdiskussion zitierten Worte der Bibel stammt aus dem Gleichnis vom Endgericht im Matthäusevangelium (25,40): „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Die Aussage wird gewöhnlich in einem universalistischen Sinn verstanden. Unter den geringsten Brüdern, so wird gesagt, sei jeder Mensch zu verstehen. Das universalistische Verständnis der Perikope ist jedoch mit ziemlicher Sicherheit falsch. Mit den „geringsten Brüdern“ sind die Angehörigen der christlichen Gemeinde gemeint. So haben die Kirchenväter den Text verstanden. […]

Die […] gegen den Textsinn gerichtete Lesart erübrigt sich, wenn man zwischen der Liebe als Gesinnung und der Liebe als Tat unterscheidet. In Mt 25 geht es um die Liebe als Tat. Und da gelten die klassischen Vorzugsregeln, und zwar gelten sie für alle Völker (Mt 25,32). Unter sonst gleichen Umständen ist es sinnvoll und geboten, sich zunächst einmal um die „notleidenden Jünger“, also die Mitglieder der eigenen Gemeinde, zu kümmern. Damit wird der ethische Universalismus nicht aufgehoben, im Gegenteil: Er findet eine konkrete Anwendung, bei der miteinander konkurrierende Güter gegeneinander abgewogen werden müssen.

Ludger Schwienhorst-Schönberger: Der Nahe, der Nähere und der Nächste. Die Bibel und die Flüchtlingspolitik, in: Herder Korrespondenz Spezial 2/2018, S. 41–44.

Hinweis

Ludger Schwienhorst-Schönberger (geb. 1957): römisch-katholischer Theologe, Professor für Alttestamentliche Bibelwissenschaft an der Universität Wien

1 Vorzugsregeln (auch: Präferenzregeln): Regeln, die bei ethischen Abwägungen herangezogen werden, um zu entscheiden, welchem Gut oder Wert im jeweiligen Fall der Vorzug/die Priorität zu geben ist

2 ethischer Universalismus: Auffassung, dass ethische Prinzipien universell, für alle Menschen weltweit, gleichermaßen gelten

3 Bruno Schüller: Die Begründung sittlicher Urteile. Typen ethischer Argumentation in der Moraltheologie, Düsseldorf 1980, S. 109.

4 Homilien zum Lukasevangelium, 25,1 und 6; FC 4/1, S. 269 und S. 273

„So gesehen ist nicht jeder Mensch mein Nächster, sondern jeder Mensch kann (unter ganz bestimmten Umständen) mein Nächster werden.“ (Material)

3 Nehmen Sie vor dem Hintergrund der Botschaft und des Handelns Jesu Stellung zu dieser Aussage des Autors. Berücksichtigen Sie neutestamentliche Beispiele. (35 BE)

Aufgabe Vorschlag D - Aufgabe 1 · Texterschließung: Text zusammenfassen und Position erfassen

Material

Reinhard Marx: Christsein und Freisein (2020)

Und doch gibt es bei vielen Zeitgenossen eher den Eindruck, der christliche Glaube führe nicht in die

Freiheit, sondern bedeute Entfremdung und Unterwerfung, fordere Gehorsam, um dem Gesetz Gottes

zu genügen. Dieses Modell ist leider noch immer in vielen Köpfen stark – und das gilt auch für viele

innerhalb der Kirche. Und Vertreter der Kirche haben selbst viel dazu beigetragen, ein Bild von Gott

5 zu zeichnen, das der Freiheit keinen Raum lässt: Gott fordert etwas, wir gehorchen und dann werden

wir belohnt. Von hier aus ist der Schritt zu einem blinden Gehorsam nicht weit; und auch der Schritt

hin zu einer Verwaltung der Religion durch einige wenige, die den Willen Gottes interpretieren und

dadurch Herrschaft ausüben über andere, ist relativ leichtgetan.

Dann wird der Weg zur Freiheit aber zu einem Weg in eine neue Abhängigkeit und Unfreiheit. […]

10 Damit ist aber eigentlich das kostbare Geschenk der Freiheit des Menschen eingeschränkt, und Angst

regiert das Verhalten der Menschen: die Angst vor Gott und die Angst vor seinen Vertretern auf

Erden. Eine solche Idee ist für mich völlig unvereinbar mit dem Bild eines Gottes, der frei ist und frei

macht. Und es ist auch nicht vereinbar mit dem Blick auf die Person Jesu Christi, auf sein Leben,

Sterben und Auferstehen und auf sein Evangelium, das eine frohe und gute Botschaft ist. […]

15 Es gibt eine revolutionäre, befreiende Kraft des Monotheismus, die auch Eckhard Nordhofen 1 in

seinem Buch „Corpora. Die anarchische Kraft des Monotheismus“ gut herausgearbeitet hat. Er zeigt

auf, dass ein wirklich konsequent gedachter Monotheismus letztlich das Ende jedes ökonomischen

Verständnisses von Religion im Sinne eines „Austauschs“ zwischen Gott und Mensch sein muss. Die

Beziehung zwischen Gott und Mensch ist keine Geschäftsbeziehung! Die Geschichte der Religionen –

20 und auch die Geschichte des Christentums – war und ist doch immer noch geprägt von der

Vorstellung, dass wir den Göttern oder Gott etwas geben, damit sie uns etwas geben. Damit ist die

Beziehung zwischen Gott und Mensch ein Vertrag, ein „do ut des“ – „ich gebe, damit du gibst“, und

damit letztendlich auch mit Furcht verbunden. Es ist im Grunde die Verlängerung einer menschlichen

Vertragslogik in die Welt des Göttlichen. Doch damit wird der Gedanke, dass es einen Gott gibt,

25 verkleinert und auf menschliches Maß gedrückt, und die befreiende Kraft des Monotheismus nicht

aufgegriffen. Denn Gott ist ja gerade kein Bestandteil der Welt, kein Teil der Schöpfung, kein in

unserer Lebenswelt vorzufindendes Etwas.

Machen wir ein Experiment: Schließen Sie bitte einmal die Augen und sagen dann langsam für sich

das Wort „Gott“. Was tut sich in Ihrer Vorstellung? Hören Sie Melodien? Sehen Sie Farben?

30 Strukturen? Bilder? Gar nichts? Was immer es auch sei, als Theologe muss ich Ihnen sagen: Es hat

nichts mit Gott zu tun! Diese Übung hilft mir manchmal, mir wieder klar zu machen, dass all die

Bilder und Worte, die wir in der Tradition des Glaubens haben und benutzen, immer unter dem

größten Vorbehalt stehen müssen: Wir machen uns von Gott ja Vorstellungen im Rahmen unserer

menschlichen Möglichkeiten. Gott aber ist, wie die Theologie sagt „totaliter aliter“ – „gänzlich

35 anders“. Er ist kein Teil der Welt, der Schöpfung. Er ist ja der Schöpfer der Welt. Und so ist das Wort

„Gott“ ein menschliches Wort, das aber Menschen grundsätzlich nicht begreifen können.

Gleichzeitig haben wir (fast) alle – ob gläubig oder nicht – Gottesvorstellungen, die tief in der

Religions- und Kulturgeschichte verwurzelt sind.

Besonders ausgeprägt ist die Vorstellung, Gott sei doch so etwas wie ein Mensch – nur stärker,

40 allmächtiger, größer … Aber ganz zu Recht erscheint eine solche Gottesvorstellung vielen Menschen

immer weniger plausibel. Dazu hat auch beigetragen, dass mit diesen Bildern ja nicht nur positive

Assoziationen verbunden wurden, sondern auch negative Bilder vom Menschen transportiert und zur

Machtausübung im weltlichen und im kirchlichen Bereich genutzt wurden. Ein solches Bild entspricht

letztlich nicht der biblischen Gottesoffenbarung.

45 Christliche Theologen denken seit Jahrhunderten darüber nach, wie man so von Gott sprechen kann,

dass sein Anderssein gewahrt wird und wir trotzdem Worte und Bilder finden, um uns dem Göttlichen

zu nähern. Karl Rahner hat diese theologische Spurensuche auf den Punkt gebracht und sagt, dass Gott

„das absolute Geheimnis“ schlechthin ist.

1 Eckhard Nordhofen (geb. 1945): deutscher Philosoph und Theologe

Reinhard Marx: Freiheit, München 2020, S. 36–38.

Hinweis

Reinhard Marx (geb. 1953): Kardinal der römisch-katholischen Kirche; seit 2008 Erzbischof von München und Freising; von 2014 bis 2020 Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz

Aufgaben

1

Fassen Sie den vorliegenden Text von Reinhard Marx zusammen. (Material)

(25 BE)

Aufgabe Vorschlag D - Aufgabe 2 · Gottesrede: angemessen von Gott sprechen

Material

Reinhard Marx: Christsein und Freisein (2020)

Und doch gibt es bei vielen Zeitgenossen eher den Eindruck, der christliche Glaube führe nicht in die

Freiheit, sondern bedeute Entfremdung und Unterwerfung, fordere Gehorsam, um dem Gesetz Gottes

zu genügen. Dieses Modell ist leider noch immer in vielen Köpfen stark – und das gilt auch für viele

innerhalb der Kirche. Und Vertreter der Kirche haben selbst viel dazu beigetragen, ein Bild von Gott

5 zu zeichnen, das der Freiheit keinen Raum lässt: Gott fordert etwas, wir gehorchen und dann werden

wir belohnt. Von hier aus ist der Schritt zu einem blinden Gehorsam nicht weit; und auch der Schritt

hin zu einer Verwaltung der Religion durch einige wenige, die den Willen Gottes interpretieren und

dadurch Herrschaft ausüben über andere, ist relativ leichtgetan.

Dann wird der Weg zur Freiheit aber zu einem Weg in eine neue Abhängigkeit und Unfreiheit. […]

10 Damit ist aber eigentlich das kostbare Geschenk der Freiheit des Menschen eingeschränkt, und Angst

regiert das Verhalten der Menschen: die Angst vor Gott und die Angst vor seinen Vertretern auf

Erden. Eine solche Idee ist für mich völlig unvereinbar mit dem Bild eines Gottes, der frei ist und frei

macht. Und es ist auch nicht vereinbar mit dem Blick auf die Person Jesu Christi, auf sein Leben,

Sterben und Auferstehen und auf sein Evangelium, das eine frohe und gute Botschaft ist. […]

15 Es gibt eine revolutionäre, befreiende Kraft des Monotheismus, die auch Eckhard Nordhofen 1 in

seinem Buch „Corpora. Die anarchische Kraft des Monotheismus“ gut herausgearbeitet hat. Er zeigt

auf, dass ein wirklich konsequent gedachter Monotheismus letztlich das Ende jedes ökonomischen

Verständnisses von Religion im Sinne eines „Austauschs“ zwischen Gott und Mensch sein muss. Die

Beziehung zwischen Gott und Mensch ist keine Geschäftsbeziehung! Die Geschichte der Religionen –

20 und auch die Geschichte des Christentums – war und ist doch immer noch geprägt von der

Vorstellung, dass wir den Göttern oder Gott etwas geben, damit sie uns etwas geben. Damit ist die

Beziehung zwischen Gott und Mensch ein Vertrag, ein „do ut des“ – „ich gebe, damit du gibst“, und

damit letztendlich auch mit Furcht verbunden. Es ist im Grunde die Verlängerung einer menschlichen

Vertragslogik in die Welt des Göttlichen. Doch damit wird der Gedanke, dass es einen Gott gibt,

25 verkleinert und auf menschliches Maß gedrückt, und die befreiende Kraft des Monotheismus nicht

aufgegriffen. Denn Gott ist ja gerade kein Bestandteil der Welt, kein Teil der Schöpfung, kein in

unserer Lebenswelt vorzufindendes Etwas.

Machen wir ein Experiment: Schließen Sie bitte einmal die Augen und sagen dann langsam für sich

das Wort „Gott“. Was tut sich in Ihrer Vorstellung? Hören Sie Melodien? Sehen Sie Farben?

30 Strukturen? Bilder? Gar nichts? Was immer es auch sei, als Theologe muss ich Ihnen sagen: Es hat

nichts mit Gott zu tun! Diese Übung hilft mir manchmal, mir wieder klar zu machen, dass all die

Bilder und Worte, die wir in der Tradition des Glaubens haben und benutzen, immer unter dem

größten Vorbehalt stehen müssen: Wir machen uns von Gott ja Vorstellungen im Rahmen unserer

menschlichen Möglichkeiten. Gott aber ist, wie die Theologie sagt „totaliter aliter“ – „gänzlich

35 anders“. Er ist kein Teil der Welt, der Schöpfung. Er ist ja der Schöpfer der Welt. Und so ist das Wort

„Gott“ ein menschliches Wort, das aber Menschen grundsätzlich nicht begreifen können.

Gleichzeitig haben wir (fast) alle – ob gläubig oder nicht – Gottesvorstellungen, die tief in der

Religions- und Kulturgeschichte verwurzelt sind.

Besonders ausgeprägt ist die Vorstellung, Gott sei doch so etwas wie ein Mensch – nur stärker,

40 allmächtiger, größer … Aber ganz zu Recht erscheint eine solche Gottesvorstellung vielen Menschen

immer weniger plausibel. Dazu hat auch beigetragen, dass mit diesen Bildern ja nicht nur positive

Assoziationen verbunden wurden, sondern auch negative Bilder vom Menschen transportiert und zur

Machtausübung im weltlichen und im kirchlichen Bereich genutzt wurden. Ein solches Bild entspricht

letztlich nicht der biblischen Gottesoffenbarung.

45 Christliche Theologen denken seit Jahrhunderten darüber nach, wie man so von Gott sprechen kann,

dass sein Anderssein gewahrt wird und wir trotzdem Worte und Bilder finden, um uns dem Göttlichen

zu nähern. Karl Rahner hat diese theologische Spurensuche auf den Punkt gebracht und sagt, dass Gott

„das absolute Geheimnis“ schlechthin ist.

1 Eckhard Nordhofen (geb. 1945): deutscher Philosoph und Theologe

Reinhard Marx: Freiheit, München 2020, S. 36–38.

Hinweis

Reinhard Marx (geb. 1953): Kardinal der römisch-katholischen Kirche; seit 2008 Erzbischof von München und Freising; von 2014 bis 2020 Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz

Aufgaben

2

„Christliche Theologen denken seit Jahrhunderten darüber nach, wie man so von Gott sprechen kann, dass sein Anderssein gewahrt wird und wir trotzdem Worte und Bilder finden, um uns dem Göttlichen zu nähern.“ (Material)

Erläutern Sie die Problematik, die mit dem im Zitat von Reinhard Marx benannten Sachverhalt verbunden ist.

(25 BE)

Aufgabe Vorschlag D - Aufgabe 3 · Religionskritik: Feuerbach, Nietzsche und aktueller Atheismus

Material

Reinhard Marx: Christsein und Freisein (2020)

Und doch gibt es bei vielen Zeitgenossen eher den Eindruck, der christliche Glaube führe nicht in die

Freiheit, sondern bedeute Entfremdung und Unterwerfung, fordere Gehorsam, um dem Gesetz Gottes

zu genügen. Dieses Modell ist leider noch immer in vielen Köpfen stark – und das gilt auch für viele

innerhalb der Kirche. Und Vertreter der Kirche haben selbst viel dazu beigetragen, ein Bild von Gott

5 zu zeichnen, das der Freiheit keinen Raum lässt: Gott fordert etwas, wir gehorchen und dann werden

wir belohnt. Von hier aus ist der Schritt zu einem blinden Gehorsam nicht weit; und auch der Schritt

hin zu einer Verwaltung der Religion durch einige wenige, die den Willen Gottes interpretieren und

dadurch Herrschaft ausüben über andere, ist relativ leichtgetan.

Dann wird der Weg zur Freiheit aber zu einem Weg in eine neue Abhängigkeit und Unfreiheit. […]

10 Damit ist aber eigentlich das kostbare Geschenk der Freiheit des Menschen eingeschränkt, und Angst

regiert das Verhalten der Menschen: die Angst vor Gott und die Angst vor seinen Vertretern auf

Erden. Eine solche Idee ist für mich völlig unvereinbar mit dem Bild eines Gottes, der frei ist und frei

macht. Und es ist auch nicht vereinbar mit dem Blick auf die Person Jesu Christi, auf sein Leben,

Sterben und Auferstehen und auf sein Evangelium, das eine frohe und gute Botschaft ist. […]

15 Es gibt eine revolutionäre, befreiende Kraft des Monotheismus, die auch Eckhard Nordhofen 1 in

seinem Buch „Corpora. Die anarchische Kraft des Monotheismus“ gut herausgearbeitet hat. Er zeigt

auf, dass ein wirklich konsequent gedachter Monotheismus letztlich das Ende jedes ökonomischen

Verständnisses von Religion im Sinne eines „Austauschs“ zwischen Gott und Mensch sein muss. Die

Beziehung zwischen Gott und Mensch ist keine Geschäftsbeziehung! Die Geschichte der Religionen –

20 und auch die Geschichte des Christentums – war und ist doch immer noch geprägt von der

Vorstellung, dass wir den Göttern oder Gott etwas geben, damit sie uns etwas geben. Damit ist die

Beziehung zwischen Gott und Mensch ein Vertrag, ein „do ut des“ – „ich gebe, damit du gibst“, und

damit letztendlich auch mit Furcht verbunden. Es ist im Grunde die Verlängerung einer menschlichen

Vertragslogik in die Welt des Göttlichen. Doch damit wird der Gedanke, dass es einen Gott gibt,

25 verkleinert und auf menschliches Maß gedrückt, und die befreiende Kraft des Monotheismus nicht

aufgegriffen. Denn Gott ist ja gerade kein Bestandteil der Welt, kein Teil der Schöpfung, kein in

unserer Lebenswelt vorzufindendes Etwas.

Machen wir ein Experiment: Schließen Sie bitte einmal die Augen und sagen dann langsam für sich

das Wort „Gott“. Was tut sich in Ihrer Vorstellung? Hören Sie Melodien? Sehen Sie Farben?

30 Strukturen? Bilder? Gar nichts? Was immer es auch sei, als Theologe muss ich Ihnen sagen: Es hat

nichts mit Gott zu tun! Diese Übung hilft mir manchmal, mir wieder klar zu machen, dass all die

Bilder und Worte, die wir in der Tradition des Glaubens haben und benutzen, immer unter dem

größten Vorbehalt stehen müssen: Wir machen uns von Gott ja Vorstellungen im Rahmen unserer

menschlichen Möglichkeiten. Gott aber ist, wie die Theologie sagt „totaliter aliter“ – „gänzlich

35 anders“. Er ist kein Teil der Welt, der Schöpfung. Er ist ja der Schöpfer der Welt. Und so ist das Wort

„Gott“ ein menschliches Wort, das aber Menschen grundsätzlich nicht begreifen können.

Gleichzeitig haben wir (fast) alle – ob gläubig oder nicht – Gottesvorstellungen, die tief in der

Religions- und Kulturgeschichte verwurzelt sind.

Besonders ausgeprägt ist die Vorstellung, Gott sei doch so etwas wie ein Mensch – nur stärker,

40 allmächtiger, größer … Aber ganz zu Recht erscheint eine solche Gottesvorstellung vielen Menschen

immer weniger plausibel. Dazu hat auch beigetragen, dass mit diesen Bildern ja nicht nur positive

Assoziationen verbunden wurden, sondern auch negative Bilder vom Menschen transportiert und zur

Machtausübung im weltlichen und im kirchlichen Bereich genutzt wurden. Ein solches Bild entspricht

letztlich nicht der biblischen Gottesoffenbarung.

45 Christliche Theologen denken seit Jahrhunderten darüber nach, wie man so von Gott sprechen kann,

dass sein Anderssein gewahrt wird und wir trotzdem Worte und Bilder finden, um uns dem Göttlichen

zu nähern. Karl Rahner hat diese theologische Spurensuche auf den Punkt gebracht und sagt, dass Gott

„das absolute Geheimnis“ schlechthin ist.

1 Eckhard Nordhofen (geb. 1945): deutscher Philosoph und Theologe

Reinhard Marx: Freiheit, München 2020, S. 36–38.

Hinweis

Reinhard Marx (geb. 1953): Kardinal der römisch-katholischen Kirche; seit 2008 Erzbischof von München und Freising; von 2014 bis 2020 Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz

Aufgaben

3.1

Stellen Sie die Religionskritik Friedrich Nietzsches dar.

(20 BE)

3.2

Der „Eindruck, der christliche Glaube führe nicht in die Freiheit, sondern bedeute Entfremdung und Unterwerfung [...]. Eine solche Idee ist für mich völlig unvereinbar mit dem Bild eines Gottes, der frei ist und frei macht. Und ist auch nicht vereinbar mit dem Blick auf die Person Jesu Christi, auf sein Leben, Sterben und Auferstehen und auf sein Evangelium, das eine frohe und gute Botschaft ist.“ (Material)

Setzen Sie sich mit Nietzsches Religionskritik auseinander, indem Sie die obige Aussage von Reinhard Marx sowie alttestamentliche und neutestamentliche Aussagen berücksichtigen.

(30 BE)

Du kannst auch nach Themen lernen

Übe ein Thema mit gemischten Aufgaben aus den Prüfungen aller Jahre.

Alle 6 Themen ansehen

Andere Prüfungen 2022

GK (2022)