Aufgabe Vorschlag A - Aufgabe 1 · Abitur Hessen Katholische Religion LK 2022

Thema: Texterschließung: Text zusammenfassen und Position erfassen · Aus der Prüfung LK (2022)

Aufgabenstellung

Material

Johannes Röser: Gott im Haus der Evolution (2009)

Tatsächlich richten sich viele Menschen ratlos in einer religiös-wissenschaftlichen Bewusstseinsspaltung ein, in einer unverbundenen Zwei-Reiche-Lehre 1: Tu du mir nichts, so tue ich dir auch nichts! Die Naturwissenschaft soll sich aus der Gottesfrage heraushalten, „die“ Grenze nicht überschreiten, dann werde man sich auch umgekehrt religiös nicht in Wissenschaft einmischen. Nur zeigt die schleichende Unruhe und Ungläubigkeit gerade der Gutwilligen, dass diese Art von wohlfeilem Waffenstillstand unter Nachdenklichen nicht dauerhaft funktioniert. Manchmal pendeln die Menschen aus purer Not hin und her. Einerseits sagen sie, dass Gott natürlich nicht in den Weltenlauf eingreift, andererseits aber soll er sie doch irgendwie persönlich kennen, schätzen, schützen. Am Ende begnügen sich nicht wenige mit einer Minimalreligion: hier Wissen, dort Glaube. Das aber geht auf Dauer selten gut.

Der Religionspsychologe und Jesuit Bernhard Grom beschreibt die Bewusstseinsspaltung, die auf gefährlicher Verdrängung beruht, […] so: „In unseren Gottesdiensten preisen wir Gottes Zuwendung in Leben, Gebet und Sakramenten in der Sprache und Denkweise der biblischen Wunderberichte und Psalmen – und werden so mit ihrem undifferenzierten Allwirksamkeitsglauben konfrontiert.“ Doch viele Menschen „empfinden diese Art, von Gott zu reden, einfach als ungedeckt von ihrer Alltagserfahrung“. […]

Wenn man an Gott glaubt, an welchen Gott glaubt man dann? An einen personalen, an einen a-personalen? Grom verlangt, dass man sich die Grenzen überlieferter Sichtweisen eingesteht: „Gott begegnet uns und wirkt mit uns auf ganz andere Weise als eine menschliche Person. Selbst durch die Menschwerdung in Jesus wird er nie in sich sichtbar oder hörbar; auch Visionen können ihn nur symbolisieren und Auditionen 2 nur menschliche Worte vermitteln. Gott ist nicht das erste Glied einer Ursachenkette, sondern deren ermöglichende Ur-Ursache: nicht von außen wirkend, wie geschaffene Wesen miteinander interagieren, sondern – so Rahner –, ‚der lebendige dauernde transzendentale 3 Grund der Eigenbewegung der Welt selbst‘… Entgegen dem bei vielen Christen verbreiteten, latent deistischen 4 Missverständnis, Gottes Schöpfung betreffe nur den Anfang, ist stets mitzubedenken, dass das Universum mit seinen Wirkzusammenhängen beständig von ihm im Dasein erhalten wird. Schöpfung geschieht – als ‚creatio continua‘ 5 – jeden Augenblick…“ So sieht Grom das Wirken Gottes nicht als ein personales unmittelbares Handeln, sondern als ein „Halten“.

Ist Gott also viel mehr eine Art „Hintergrundrauschen“ in Kosmos und Leben, ein „Fluidum“, ein „Äther“, in dem, mit dem und auf dem alles „schwimmt“, sich bewegt, ist und wird? Muss man sich Gottes Handeln gar unabhängig von jedweder Kausalität vorstellen? Ist Gott als Grund der Welt gar nicht ihre „Ursache“? Ist die Welt als „Anfang“ selbst ursachenfrei?

Unsere Anschauungen hängen an unserer irdischen Logik, die alles kausalursächlich „fassen“ möchte, jedoch nicht unbedingt jedes physische oder psychische Phänomen so greifbar machen kann. So leiden auch unsere Gottes-Analogien, unsere Versuche, in Entsprechungen sich ein uneigentliches Bild von Gott zu machen, an den Schwachstellen unserer gewöhnlichen Logik. Am Ende hilft uns nur der Sprung auf eine mystisch-intuitive 6 Ebene. Grom jedenfalls plädiert für eine Spiritualität, die mit dem Wunder nicht ein Durchbrechen naturgesetzlicher Abläufe verbindet, sondern die im Gewöhnlichen das Wunderbare entdeckt. Für Groms Glaubensverständnis entscheidend ist das Wunder des Sichtbaren, nicht das Wunder des Unsichtbaren.

Johannes Röser: Gott im Haus der Evolution, Christ in der Gegenwart (CiG) Nr. 7/2009, S. 75f.

Hinweis

Johannes Röser (geb. 1956): deutscher Journalist, studierte Katholische Theologie in Freiburg und Tübingen, von 1995 bis 2020 Chefredakteur und seit 2021 Herausgeber der katholischen Wochenzeitschrift Christ in der Gegenwart

Worterklärungen

1 Zwei-Reiche-Lehre: auf Luther zurückgehende Lehre, wonach Gott die Welt auf zweierlei Weise – im geistlichen Reich durch sein geistliches Regiment, im weltlichen Reich durch sein weltliches Regiment – regiert; hier geht es nicht um das Verhältnis von Reich Gottes und Welt oder Kirche und Staat, sondern um das von Religion und Naturwissenschaft

2 Audition: das innere Hören von Worten und das damit verbundene Vernehmen von Botschaften einer höheren Macht (z.B. bei den Propheten)

3 transzendental: vor jeder subjektiven Erfahrung liegend und die Erkenntnis der Gegenstände an sich erst ermöglichend

4 Deismus: Lehre von einem Gott, der die Welt geschaffen hat, diese danach aber sich selbst überlässt und ein von der Welt getrenntes Dasein führt

5 creatio continua: fortdauernde Erhaltung der Schöpfung; dahinter steht die Vorstellung, dass Gott nicht nur den Anfang der Welt gesetzt hat, sondern die Schöpfung fortwährend erhält.

6 mystisch: Mystik ist eine Form der Religiosität, bei der eine persönlich erfahrbare Verbindung mit dem Göttlichen gesucht wird.

intuitiv: die dem Unterbewusstsein entspringende Fähigkeit, Einsichten in Sachverhalte ohne den Gebrauch des Verstandes zu erhalten

Aufgaben

1

Fassen Sie den Text von Johannes Röser zusammen. (Material) [25 BE]

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Lösung

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1 Fassen Sie den Text von Johannes Röser zusammen. (Material)

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