Aufgabe Vorschlag B - Aufgabe 1 · Abitur Hessen Katholische Religion LK 2022
Thema: Texterschließung: Text zusammenfassen und Position erfassen · Aus der Prüfung LK (2022)
Aufgabenstellung
Material
Hans Küng: Das Gottesverständnis Jesu (2013)
Der aus Israels Geschichte wohlbekannte eine und einzige Gott, sprechend in den Erfahrungen der
Menschen und angesprochen in ihrem Antworten und Fragen, Beten und Fluchen: daß dieser Gott ein
naher und lebendiger Gott mit menschlichem Antlitz ist, darüber war (und ist heute zwischen Christen
und Juden) kein Streit notwendig. Es läßt sich sogar sagen, daß Jesus nur das Gottesverständnis
5 Israels mit besonderer Reinheit und Konsequenz erfaßt hat. Nur? […]
Jesu Originalität darf in der Tat nicht übertrieben werden […]. Oft tat und tut man so, als ob Jesus als
erster Gott den Vater sowie die Menschen seine Kinder genannt habe. Als ob Gott nicht in
verschiedensten Religionen Vater genannt würde […].
Doch hierbei künden sich bei Jesus bedeutsame Unterschiede an. Manche überlieferten Worte Jesu
10 könnten für sich allein genommen auch aus der Weisheitsliteratur stammen, wo sich Parallelen finden.
Daß sie von Jesus selber stammen, ist wie so oft schwer aufweisbar. Aber sie erhalten ihre besondere
Färbung vom gesamten Kontext, mögen sie nun immer direkt von ihm selbst stammen oder nicht. Es
fällt zunächst auf, daß Jesus die Vaterschaft Gottes nie auf das Volk als solches bezieht. Wie für den
Täufer Johannes, so stellt auch für ihn die Zugehörigkeit zum auserwählten Volk keine Heilsgarantie
15 dar. Noch auffälliger ist, daß Jesus ganz anders als selbst Johannes die Vaterschaft auch auf die Bösen
und Ungerechten bezieht und daß er von dieser vollkommenen Vaterschaft Gottes her die für ihn so
spezifische Feindesliebe begründet. […]
Hier überall wird mit dem Hinweis auf den „Vater“ gewiß zunächst auf Gottes tätige Vorsehung und
Fürsorge in allen Dingen hingewiesen: […] die um unsere Bedürfnisse weiß, bevor wir ihn bitten […].
20 Der Vater, der um alles in dieser so gar nicht heilen Welt weiß und ohne den nichts geschieht […]. Ein
Gott, dem man unbedingt vertrauen und auf den man sich auch in Leid, Ungerechtigkeit, Schuld und
Tod ganz verlassen kann. Ein Gott nicht mehr in unheimlicher, transzendenter Ferne, sondern nahe in
unbegreiflicher Güte. Ein Gott, der nicht auf ein Jenseits vertröstet und die gegenwärtige Dunkelheit,
Vergeblichkeit und Sinnlosigkeit verharmlost, sondern der selbst in Dunkelheit, Vergeblichkeit und
25 Sinnlosigkeit zum Wagnis der Hoffnung einlädt.
Aber es geht noch um mehr. Hier kommt das zum Durchbruch, was so unvergleichlich nachdrücklich
vor Augen gemalt wird in jener Parabel, die eigentlich nicht den Sohn oder die Söhne, sondern den
Vater zur Hauptfigur hat: jener Vater, der den Sohn in Freiheit ziehen läßt, der ihm weder nachjagt
noch nachläuft, der aber den aus dem Elend Zurückkehrenden sieht, bevor dieser ihn sieht, ihm
30 entgegenläuft, sein Schuldbekenntnis unterbricht, ihn ohne alle Abrechnung, Probezeit,
Vorbedingungen aufnimmt und ein großes Fest feiern läßt – zum Ärgernis des korrekt
Daheimgebliebenen.
Was also wird hier mit „Vater“ zum Ausdruck gebracht? Offensichtlich nicht nur, daß es ein
Mißverständnis Gottes ist, wenn der Mensch meint, ihm gegenüber seine Freiheit wahren zu müssen.
35 Nicht nur, daß Gottes Walten und des Menschen Aktivität, Theonomie¹ und Autonomie sich nicht
ausschließen […]. Sondern genau das, was dieser „Freund von Zöllnern und Sündern“, der das
Verlorene und Verkommene meint suchen und retten zu müssen, auch in anderen Parabeln zum
Ausdruck brachte: wenn er sprach von Gott […] als der Frau (!) oder dem Hirten, die sich über das
wiedergefundene Verlorene freuen, als dem großmütigen König, dem großzügigen Geldverleiher, dem
40 gnädigen Richter, und wenn er sich daraufhin auch selber mit moralischen Versagern, Unfrommen
und Unmoralischen einließ, sie bevorzugt behandelte und ihnen sogar auf der Stelle Vergebung ihrer
Schuld zusprach. Was bedeutet dies alles, wenn nicht: Jesus stellt Gott ganz ausdrücklich als Vater des
„verlorenen Sohnes“, als den Vater der Verlorenen hin?
Hans Küng: Was bleibt. Kerngedanken, München 2013, S. 87–91.
¹ Theonomie: beschreibt in der christlichen Ethik die Anerkennung von Gottes Gesetz als höchsten Maßstab für das Handeln
Hinweis
Hans Küng (1928–2021): Schweizer Theologe, römisch-katholischer Priester und Autor, bis zu seiner Emeritierung 1996 Professor für Theologie in Tübingen
1
Fassen Sie den vorliegenden Text von Hans Küng zusammen. (Material) (25 BE)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1 Fassen Sie den vorliegenden Text von Hans Küng zusammen. (Material)
Lösung: In einer Einleitung sollen Autor, Titel, Textsorte, Erscheinungsjahr, das Thema und ggf. der Adressat genannt werden: In dem theologischen Text „Das Gottesbild Jesu“, entnommen aus Hans Küngs Buch „Was bleibt. Kerngedanken.“, das 2013 in München erschienen ist, stellt der katholische Theologe heraus, dass Jesus Gott in erster Linie als „Vater der Verlorenen“ sieht. Küng konstatiert zunächst, dass es beim Blick auf Gott große Übereinstimmungen zwischen Juden und Christen gebe, und stellt die These auf, dass Jesus das Gottesverständnis Israels besonders deutlich erfasst habe. Obwohl das Gottesbild eines Vaters in vielen Religionen existiere und sich aus dem Alten Testament herleiten lasse, erhalte es bei Jesus eine spezifische Färbung, da es sich nicht nur auf das gläubige Volk beziehe, sondern ausdrücklich auch auf die Bösen und Ungerechten. Von dieser Vorstellung her begründe sich letztlich die von Jesus verkündete Feindesliebe. Jesus stelle Gott nicht als einen Transzendenten, sondern als einen Gott dar, der sich nicht nur um die Menschen sorge, sondern sich als zuverlässig erweise und ihnen auch in Leid, Not und Tod nahe sei und nicht auf ein Jenseits vertröste. Daraus resultiere das Vertrauen-Können des Menschen in Gott – auch im Hier und Jetzt. Seine Aussagen veranschaulicht Küng anhand des Gleichnisses des verlorenen Sohnes – er verwendet den anderen Titel „Gleichnis vom liebenden Vater“ – und betont, dass der zentrale Aspekt im Gottesbild Jesu sich auf das Bild vom Vater der Verlorenen richte. Das bedeute ein Nebeneinander von Theonomie und Autonomie, von göttlichem Handeln und menschlicher Freiheit, wobei sich die Größe göttlichen Handelns in der Wiederaufnahme der Verlorenen und der Vergebung ihrer Schuld zeige. Diese Botschaft Jesu werde sowohl in vielen Gleichnissen Jesu als auch in seinem Handeln immer wieder deutlich.
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